Ausgabe 
4.3.1932
 
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GichenerZamilienblimer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang <932

Freitag, den 4. März

Nummer 18

jRifornelte.

Bon Theodor Storm.

Blühende Myrte

Ich hoffte führ Frucht oon dir zu pflücken;

Die Blüte siel; nun seh ich, daß ich irrte.

Schnell welkende Winden

Di« Spur von meinen Kinderfühen sucht ich An eurem Zaun, doch könnt ich sie nicht finden.

Muskathyazinthen

Ihr blutet einst in Urgroßmutters Garten;

Das war ein Platz, weltfern, weit, weit dahinten.

Dunkle Zypressen

Die Welt ist gar zu lustig;

Es wird doch alles vergessen.

Oer Abt aus Frankreich.

Eine Geschichtslegende von Alfons von C z i b u l k a.

Im Klostergarten der Zisterzienserabtei Kamenz in Schlesien wandelt einsam der Abt Tobias Stusche. Er füttert Amseln, die ihn auf den ver­schneiten Wegen umhüpfen, wirft ihnen Körner und Brotkrumen zu, die er aus der Tiefe seiner weißen Kutte holt. Aber heute sieht er die schwar­zen Bügel kaum, die er sonst so liebt. Er ist in Gedanken versunken, sinnt wohl den Weltläuften nach, die in den letzten Wochen die Unruhe auch in das reiche stille Schlesien trugen, in dem man seit des Friedländers Taaen keinen rechten Krieg mehr gesehen.

Der Abt wandelt und sinnt. Wie er wohl aussehen mag, dieser neue Kriegsgott aus Potsdam, Den alten Tobias Stusche plagt sonst nicht der Teufel der Neugier. Abkr dieser junge König scheint schon einer kleinen Sünde wert zu sein. , ...

Auch liebt der Abt, alter Händel wegen, dies« Oesterreicher mcht son­derlich; wiewohl er doch ihrer landesfürstlichen Hoheit untersteht. Er möchte den König gern sehen. Könnte ja geschehen, daß man ihn einmal ins Kirchengebet" werde «inschließen müssen. Wenn dieses Schlesien am Ende nicht österreichisch bliebe. Was wohl sein mochte. Wie sollte sich die arme Königin von Ungarn, der niemand das Erbe ihrer Väter gönnt, des halben Europas erwehren? , , m t ,

Tobias Stusche ist nachdenklich. Wie doch «in so kleiner Namenstausch im Kirchengebet, einFridericus", statt einesMaria Theresia den Welt­lauf Ändern könnte!

Doch den Abt von Kamenz bewegen noch ander«, naherliegende Dinge. Er chat Sorge um sein Kloster. Wohl stehen zwischen der Abt«, und der mährischen Grenze schon preußische Posten, aber dennoch sind seit Kestern Panduren in der Gegend. Wilde, verwegene Gestalten in blutroten Män­teln, mit Geiernasen und schwarzem, hängenden Haar; mit Teufels­gesichtern, wie die Türken sie haben. Wie der Pater Ambrosius berichtete, der ihnen gestern begegnete und noch unter dem Eugenius Feldpater im letzten Türkenkriege war. , , ..

Man härt nichts Gutes über diese kaiserlichen Rotmantel die man seit beni Morgen, Gott weiß zu welchem Zweck, durchs Neißetal streichen sieht.

*

Ob sie wohl auch der junge König sieht, der zur gleichen Bormittags­stunde, in der Tobias Stusche Amseln fütternd und trübe Gedanken nährend, durch den Klostergarten geht, mit zwei Adjutanten, ein chularen- piketr hinter sich, eine Stunde von Kamenz entfernt gegen Reichenau reitet? Durch das Tal der Neiße, deren eilendes Wasser, vom Glotzer Schneegebirge herkommend, unter glitzernden Eisbrücken und von den Ufern niederhängenden kleinen Schnee wachten neben der Poststrciße gur­gelt und schäumt. . ,

Die Sonn«, die schon zwei Spannen hoch über den noch fernen L.aa)ern »on Reichenau steht, scheint aus klarem Winterhimmel den preußischen Reitern in das vom Frost gerötete Gesicht. Dem jungen ?tönig auch, über dessen Antlitz noch etwas von dem Glanze von Rheinsberg liegt und m dem noch nicht das Jagen und Gejagtwerden der sieben Jahre Graben und Falten riß. .

Es ist wohl di« schmerzende Sonne schuld, daß der König aus Der weißen Schneefläche der Poststraße, auf den kaum zweimannshohen Hängen der flachen Schlucht nur schwarze tanzende Flecken und Punkte sieht in dem blendenden Licht. Nicht aber die roten, die auf Buchsen,chuß- tueite vor ihm durch die verhängten Büsche krauchen.

Der König reitet. Er steht nicht den Pandiirenhauptmann der, eine Rotte seiner roten Teufel neben sich, unter verschneitem Gesträuch ^egt uno die schmale, zu einem Haken geknickte Nase Über den ^vchluchtrand schiebt.

Behutsam. Denn, wenn er auch nicht weiß, daß er in diesem Augenblicke am Scheidewege der Weltgeschichte liegt, so weiß er doch, daß es einen König zu fangen gilt. Zu fangen, wohlgemerkt, und unbeschädigt über di« mährische Grenze zu bringen.

Das will dem Panduren nicht in den Schädel. Er versteht es nicht, daß man seine Feinde fängt und nicht erschlägt. Aber Denken ist lästig. Mit seinen Raubvogelaugen späht er die Straße hinunter.

Er sieht einen Reiter in Mauern Mantel herankommen. Hundert Schritt hinter ihm zwei Offiziere und ein Dutzend Husaren. Da stößt er den einen seiner Satansbrüder mit dem Ellbogen in die Rippen:Das ist er!"

Wie kann ein Pandur, für den ein Herrscher, seine Königin zumindest, noch ein Herrgott ist, auch anders denken als daß dieser Reiter, der in so erhabener Einsamkeit reitet, der preußische König sei? Wie kann er wissen, daß es nur der Adjutant ist, der auf der teils verwehten, teils spiegelglatten Poststraße nach dem besten Wege sucht für den jungen Kriegsgott, der hinter ihm, rechts neben dem andern Offizier vor den Husaren trabt.

Der einzelne Reiter kommt an die Stelle, auf die vom Schluchtrande her, wie von einem niedrigen Hausdach aus, die Pandurenaugen zielen.

Der Kroatenhauptmann weiß, warum er diesen Punkt, an dem die Straße in einer engen Schlinge hart nach Norden biegt, zum Ueberfall wählte. Er weih, das Könige immer als erste reiten. Wenigstens stellt er sich das so vor. An dieser Stelle muß er seinem Gefolge fiir eine Weile aus den Augen kommen. Auch ist hier die von steileren Schluchthängen und dichterem Buschwerk gesäumte Straße so zugeweht, daß «in Reiter dis an die Bügel im Schnee versinken muß.

Was auch geschieht. Schnaubend verschwindet das Pferd des Adjutanten bis über die Sattelgurt in der Schneeflut. Fluchend treibt es der Reiter an.

Da pfeift der Pandur, schnellt hoch und gleitet, gefolgt von sechs baumlangen Kerlen, den Hang hinunter. Hat Säbelhand und Zügel des Offiziers gepackt, noch «he der an feinen Degen zu greifen vermag. Ringsum wimmeln die Ufer der schmalen Neiße plötzlich von Rotmänteln. Wie der Teufel aus der Schachtel fahren sie aus Büschen und Schnee­löchern hoch.

Wo die preußischen Husaren reiten, stäuben Kugeln in dem sich rötenden Schnee. Die Husaren braucht man nicht heil zu fangen wie den jungen König dort vorn. *

Mit zwei Sätzen ihrer Pferde waren Friedrich und fein zweiter Ad­jutant zwischen splitterndem Eis und hochaufspritzendem Wasser am andern Schluchtrand. Für «inen Augenblick verschwanden sie in einer Wolke von stäubendem Schnee. Dann sah man sie wieder. Kugeln pfiffen ihnen nach. Sie trafen nicht.

Die Panduren kümmerten sich nicht darum. Mochten die Offiziere den Ihren melden, daß man den König gefangen! Dann würde einen halben Tag früher das große Retirieren der Preußen aus Schlesien beginnen.

Ein Husarenwachtmeister hieb noch mit tollem Kreisen seines Säbels auf Pandurenköpfe ein. Dann sank auch er. Johlend sammelten sich die Rotmäntel um den blauen Reiter, dessen Pferd der Kroatenhauptmann selbst, dis an di« Brust durch die Schneewehe watend, ausidie freiere Straße zu zerren versuchte. .

Als sie ihren Irrtum gewahr wurden, well der Offizier aus vollem Halse lachte über diesen Spaß, daß die Panduren ihn für Friedrich hiel­ten und weil seine Schabracke nicht die des Königs war, die man ihnen umständlich beschrieben, sahen si« die beiden Reiter als kleine Punkte gegen das ferne Kloster von Kamenz verschwinden.

Da hofften sie wieder. Wiewohl sie nicht beritten waren. Worüber sie in allen kroatischen Flüchen tobten. *

Immer noch wandelte, von schweren Gedanken geplagt und frechen Amseln begleitet, der Abt Tobias über die Klosterwege.

Als er wieder an die rückwärtige Gartenpforte kam, pochte es. Er meinte ein Wanderer begehre Einlaß, um sich vor dem eben anhebenden Schneetreiben zu retten. Er schob den Riegel zurück. Zwei preußische Offiziere zu Pferd hielten vor der Mauer. Grüßten höflich, baten zum Abt geführt zu werden. , . . ... .

Als Tobias Stusche antwortete, das wäre er selber, neigte sich öer eine der beiden aus dem Sattel, flüsterte dem Mönch einige hastige Worte ^Ab^Tobias senkte betroffen das Haupt, blickte unschlüssig zu Boden, überlegte Dann warf er einen Blick auf den andern Offizier, verneigte sich vor ihm und ließ die beiden, die aus dem Sattel glitten, mit ihren Pferden durch die Gartenpforte treten.

An den Ställen gab er dem dienenden Bruder, der die Gaule abnahm, mit leiser Stimme eine Weisung. Worauf er seine Gäste durch eine kleine Seitentüre ins Kloster führte. Niemand sah sie. Der pfeifende Schnee­sturm flatterte wie wirbelnde Schleier zwischen den Zellensenftern und den Gartenwegen.