Ausgabe 
4.1.1932
 
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Was

sein:

Tisch

Anfängen!" , .

Die erste Szene begann. Gertie wußte: sie wird gleich vorüber sein, dann mußt du heraus, da vorne hin, in diese Fülle von Licht, vor das schwarze Loch, in dem das Publikum sitzt, all die fremden Menschen. on" hatte sie doch zu sagen? sie wußte es nicht mehr.

Was sollte nur werden?

Ihr Stichwort fiel. Sie biß die Zähne zusammen, es mußte >a sie öffnete die Kulissentür, trat hinaus.

Sie sah Konradius und die Walling, die ihre Mutter gab, am sitzen, wie auf allen Proben. Und plötzlich waren die Worte da: sie sprach. Sie war selbst erstaunt, daß sie sprechen konnte. Der erste Satz war heraus, Konradius gab den Gegensatz, sie lief auf ihn zu, küßte ihn, wie vorgeschrieben, jung, kindlich, antwortete keck, frech.

Raunen, das aus dem Zuschauerraum durch den Vorhang drang, dieses unbestimmte Murmeln und Knistern, das Klappen der Sitze.

Fleischmann sah nach der Uhr. Er rief:Bühne frei!"

Irgend jemand schob Gertie hinter die Kulissen. Mechanisch ging sie zu der Stelle, von der sie nachher ihren Auftritt hatte: sie hörte wieder Fleischmanns Stimme:Haus dunkel!" Das Gemurmel im Zuschauer­raum wurde leiser, ein paar Sitze klappten noch.

.Leichen!" Der Gong ertönte, einmal und noch einmal.

Vorhang!"

Gertie hörte, wie die Gardine hinaufrauschte, sah, wie die Buhne vom Rampenlicht plötzlich doppelt hell wurde.

Da hörte sie ein Geräusch, das ihr bisher ganz fremd war, von vorn auf sich zukommen: ein Raunen, ein Lachen. Sie fühlte, es galt ihr, dem Satz, den sie eben gesprochen. Er hatte gewirkt. Sie konnte gar nicht erwarten, bis sie wieder zu Wort kam, sie wußte, ihr Nächstes gab eine Pointe: die mußte sie anbringen, richtig hinsetzen, damit sie das Lachen da unten sesthielt.

Die Mutter hatte ihr etwas zu sagen, sie stand da, lauschte, wartete, ließ eine Pause und warf ihren Witz wie einen Ball ins Publikum.

Er schlug ein. Wieder lachte man. Stärker als zuvor.

Sie begriff plötzlich: das war ja etwas ganz anderes wie die Proben, wo da vorn die Reihen leer, seelenlos gewesen. Sie fühlte, wie Wellen, Schwingungen auf sie zukamen, sie spiirte Atem, Lauschen, sie empfand Augen, die auf sie gerichtet waren.

Sie hatte Kontakt mit ihren Zuschauern gewonnen.

Sie merkte Wohlwollen, Sympathie, Berständnis.

Alle Unruhe war fort.

Konradius sagteBebe" zu ihr. Sie antwortete strahlend, glücklich: Ja". Sie war Bebe, nur Bebe, sie lachte, tollte als Bebe, umarmte die Walling, als sei sie wirklich ihre Mutter, begrüßte Siewers, als sei er ihr bester, einziger Freund. Sie war besessen von jedem Wort, was sie sprach, sie fühlte sich frei, ungebunden.

Restlos glücklich war sie: sie liebte die Menschen, die da unten saßen und ihr zuhörten. Sie wünschte, sie könnte immer hier auf den Brettern stehen und sprechen, sprechen.

Und dabei empfand sie noch etwas als herrlich: Konradius, Siewers und die Walling waren völlig anders als auf den Proben. Ihr schien, sie taten alles so, wie sie es sich immer vorher gewünscht hat«.

Sie hatte ihre ersten Szenen hinter sich, Vater und Mutter gingen ab, ein Duo mit Siewers tarn; sie freute sich, denn es brachte ihr neue

Wirkungsmöglichkeiten.

Fleischmann stand hinter der Szene. Er staunte, er begriff zuerst nicht: was war in die Rose gefahren? Er horchte auf das Publikum: jede Pointe saß, wurde angenommen. Er kannte doch die Nuancen dieser Geräusche.

Aber wie spielte die Kleine? Das war ja ganz eigene Note, eigener Ton, nicht gemacht, nicht gelernt, das war empfunden, kam aus ihr selbst. Er sah, wie sie die anderen mitriß. Donnerwetter, da ging ja sogar der alte Routinier Konradius aus sich heraus.

Wenn sie nur durchhält. Wenn sie dies Tempo nur durchhalten kann.

Jetzt kamen die Eltern hinter die Bühne.

Ko'nradius trat zu Fleischmann.Also was sagen Sie zur Rose? Ist sie nicht fabelhaft?"

Fleischmann hielt ihm den Mund zu:Seien Sie doch still. Unken Sie doch nicht rein. Das Stück hat drei Akte, das könnten Sie alter Bühnen­hase eigentlich wissen." Er wandte sich auch zu den anderen.Kinder, sagt ihr's nicht, ich flehe euch an, sagt ihr's nicht."

Gerties erster Austritt war vorüber. Sie ging ab, hinein in das Dunkel hinter der Szene, in das Gewirr aus Latten, Balken, rohen Papp­wänden, aus der Rampenstimmung in die Stimmungslosigkeit. Sie war etwas außer Atem, ein wenig taumelig, sie stützte sich, schloß die Augen. Der Inspizient, die Bühnenarbeiter, sie alle, die doch etwas von der Sache verstanden, die Erfahrung von Jahren hatten, auf den Proben hatten sie die Achseln gezuckt und gelächelt, jetzt war Respekt in ihren Blicken.

Fleischmann ging zu ihr.Nett so, kleine Rose, recht nett so. Ist die erste Angst weg? Sehen Sie, es ist gar nicht so schlimm."

Sie wandte ihren Kopf zu ihm.Sind Sie zufrieden, Herr Direktor?"

Er nickte.Aber gewiß. Wollen abwarten." Bloß jetzt noch nichts sagen.

Er blieb neben ihr. Sie wollte noch etwas fragen. Ab«r er winkte ab. Pst ... nicht sprechen." Er ließ niemand an sie heran, bis sie ihren nächsten Austritt hatte.

Der erste Akt ergab schon einen netten Erfolg.

Das Publikum lachte hell auf, als Gertie den Aktschluß brachte. Dann fiel der Vorhang und das Klatschen setzte ein. Gertie wollte von der Szene, aber da ging der Vorhang schon wieder hoch. Nun sah sie in den erhellten Zuschauerraum: eine Fülle von Gesichtern, säst wie weiße Kreise, Bewegung, klatschende Hände. Sie mußte sich verbeugen. Der Vorhang siel, hob sich wieder. Die Kollegen kamen, verbeugten sich auch. Die Walling sagte leise zu ihr:Famos, Kleines!" Es klang ehrlich.

Nach dem fünften Steigen des Vorhangs rief Fleischmann:Genug! Genug für den ersten Akt. Nicht mehr. Das verdirbt nur die Stimmung.

Und nun los: umziehen." Wieder nahm er Gertie neben sich, schob die anderen beiseite, brachte sie bis an ihre Garderobentür.Mehr Rot auf­legen, Kindchen, Sie sind ein bissel blaß", sagte er noch.

Gertie huschte hinein. Sie mußte sich beeilen, die große Pause war erst nach dein zweiten Akt. Frau Schneider, die Garderobiere, stand zur Hilfe bereit. Das hatte Fleischmann nicht bedacht. Sie schwatzte darauf los, während sie Gertie das Nachmittagskleidchen zureichte. Gottedoch, Fräulein Rose, es muß ja fabelhaft gewesen [ein. Das ganze Haus red't ja' nur noch von Ihnen. Und im Publikum ist eine Stimmung! Querholz hat doch im Parkett gesessen und erzählte es. Die Leutchen sind rein aus dem Häuschen über die Neue, und das sind doch Sie. Ich würde ja jetzt schon gratulieren, aber ich werd' mir den Schnabel verbrennen, Nee, lieber mach' ich toi toi toi."

Also sie sagen, ich wäre gut? Wer denn? Der Direktor auch?"

Der Direktor? Na, der doch besonders. Er soll ganz überrascht gewesen sein."

Wäsche, Strümpfe und Schuhe hatte Gertie gewechselt, jetzt hob Frau Schneider das Kleid, um ihr es überzustreifen.Nee, Sie sehen auch zu niedlich aus, Fräulein Rose. Und dann noch Talent. Das mutz jane große Karriere geben."

Gertie zog sich das leichte seidene Fetzchen über.den wuscheligen Kopf. Dann setzte sie sich noch einmal vor den hohen Spiegel und nahm Kamm und Bürste in die Hand, zog den Schminkkasten heran. Nein, Rot brauchte sie nicht mehr. Die Blässe war verflogen. Ähr wurde jetzt bestätigt, was sie schon gefühlt: sie wirkte, sie gefiel. Und Fleischmann war überrascht gewesen. Nun war sie voll Sicherheit. Gut so und weiter.

Die Klingel über der Tür schrillte. Man rief sie. Es war Zeit.

Hinter der Szene traf sie Siewers. Sie hielt ihn fest.Also ich krabbele nachher doch auf den Flügel. Nur damit Sie nicht erstaunt sind, wenn Sie auftreten."

Er lachte sie an:Man immer los! Ich bin jetzt auf alles gefaßt." Gongschläge Vorhang.

Noch einen Blick warf Gertie auf die Kollegen: überall sah sie in helle, freundliche Gesichter.

Da ging sie leichten Herzens hinaus ins Rampenlicht.

Peter saß in der dritten Reihe im Parkett. Er hatte, als der Vorhang das erstemal fiel, geklatscht, bis ihm die Handflächen wehtaten, und dann noch weiter. Aber nicht aus dem Gefühl, helfen zu müssen, sondern aus innerster Ueberzeugung. Und aus Stolz: Gertie war ja wundervoll. Er war von Berlin her an gutes Theater gewöhnt. Was Gertie hier leistete, brauchte sich vor Berlin nicht zu verstecken.

Er konnte während der Pause kaum erwarten, daß der Vorhang sich wieder höbe. Er blickte sich um, suchte: oben im Rang sand er Leo Queis. Sie winkten sich zu. Aber wichtiger war, was er um sich hörte: alles sprach von Gertie Rose, von der Neuen. Alles lobte. Die Menschen fragten sich: woher kommt sie? So aus Berlin. Ist sie schon aufgetreten? nein? zum erstenmal? ist ja kaum zu glauben. Großartige Ent­deckung von Fleischmann. Ja, der versteht seine Sache. Na, die wird nicht lange in Weimar bleiben. Warum denn nicht? Sie kann hier bei uns noch viel lernen.

Neben Peter saßen zwei ältere Damen, die sich besonders lebhaft an der allgemeinen Unterhaltung beteiligten. Sie schienen hier Theater­stammgaste, man hörte auf sie. Und sie waren restlos begeistert.

Gertie", dachte Peter,meine Gertie."

Aber einen kleinen Stachel hatte das Denken: daß sie dort oben stand, so vor allen Menschen. Es war ihm in der letzten Woche so allerlei durch den Kops gegangen, roas, er damit nicht ins rechte Gleichgewicht bringen konnte. Gewiß, Isa, die Schwester ging auch zur Bühne. Aber dennoch ...

Sowie er Gertie auf der Bühne sah, schwanden diese Schatten, und es blieb das Freuen.

Der zweite Akt setzte ernst ein. Im ersten war Lachen und Tollen gewesen. Jetzt gab es einen Konflikt zwischen Mutter und Tochter, und nun hatte Gertie ein anderes Gesicht: starr. Auch das kam von innen heraus; Peter empfand es.

Im Haus, das eben noch so herzlich gelacht hatte, wurde es still. Nie­mand rührte sich.

Der Streit der beiden Frauen spitzte sich zu. Da ging plötzlich eine Veränderung mit Gertie vor; ihr Ausdruck wurde wieder weich, kindlich. Dis Mutter sprach auf sie ein, sie entgegnete nichts, aber, ohne daß sie eine Bewegung machte, sah man ihr an, daß die Worte der Mutter wirkten. Dann brach sie unvorhergesehen in sich zusammen, weinte, klagte sich an:Ich bin ja so schlecht. Ich bin ja so gemein." Und die Mutter hob sie auf, zog sie zu sich heran.

Es war ein« ganz große Szene. Peter fühlte, es würgte ihm im Hals, und er hörte, es ging nicht nur ihm so: die Damen neben ihm hatten ihre Taschentücher gezogen, rings im Parkett hoben sich Hände, um verstohlen di« Augenwinkel zu^vischen. Und dies Ergreifen ging ganz allein von Gerties epiel aus. Sie konnte also auch ernst sein.

Ja, das begriff Peter; er wußte es, er: fi« hatte Herz; sie war nicht nur der liebe, leichte, frohe Kerl.

Aber ebenso schnell, wie sie die Menschen gerührt hatte, riß sie sie wieder herum. Ihre Schlußszene kam: wie ein frecher Junge lag sie auf dem Flügel und schlenkerte mit den Beinen. Das Parkett raste vor Freude.

Es gab einen spontanen Beifall auf offener Szene, in dem die letzten Worte des zweiten Aktes fast untergingen. Aber dieser und jener mutzte sie doch verstanden haben, denn es gab noch einmal herzhaftes Lachen an einzelnen Plätzen, das sich durch das ganze Haus fortpflanzte, alle ansteckte. Während der Vorhang fiel, stieg und wieder fiel, brauste erneut das Klatschen auf und hielt an.

(Fortsetzung folgt.)

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