und die Gräser der Wiese gewähren. Auch für sie Ist die Vermehrung durch Ausläufer kennzeichnend, und daß die Grasnarbe und der Moos- iepp.ch so geschlossen und dicht ist, verdanken sie nur dieser vegatativen Vermehrung. Reizende Idyllen Hausen unter dem dichten Schirm des Froschbißrasens, dessen Ueppigkeit auch sein griechischer Gattungsname Hydrocharis andeuten soll, da er in seiner ersten Anwendung, nämlich in dem sog. homerischen „Froschmäusekrieg" scherzhaft für einen Frosch gebraucht wird als einen, der sich am Wasser freut.
Wo durch die Lücken des Blätterdaches die Sonnenstrahlen das braungrüne Wasser goldig ausleuchten lassen, spielt im dichten Gewirr der Wurzeln und Ausläufer eine Menge der seltsamsten Tierchen, die da Unterschlupf und Nahrung finden. Hüpferlinge durcheilen in großen Sprüngen die freien Zwischenräume, die bedächtigen Strudelwürmer ziehen ihre Bahn, rastlos und zitternd schlagen die rosenroten Daphnien mit ihren winzigen Aermchen, um sich vor dem Untersinken zu bewahren. Miickenlaroen und Würmer schlängeln sich drollig, die lange Kette einer Moostierchenkolonie schiebt sich an einem Blatt langsam hin, und kleine Tellerschnecken weiden heimlich an der Unterseite und raspeln die halbkreisförmigen Kerben mit ihrer rauhen Zunge aus, die das Volk wohl als Froßbifse deutete. Und wenn dann noch im Sommer sich über diesen belebten „Urwald" die schönen weihen Blüten schaukeln, ist sein Bild von vollendeter Anmut — freilich nur für den, der es mit einem rechten Naturfreundherzen in sich aufzunehmen weiß.
Wenn aber kühle Nächte den kleinen Freunden des Froschbisses das Vadewasser merklich frischer beeilen, der Nebel hartnäckig jeden Morgen über den Wassern liegt, dann geht auch unter unserer Pflanze eine eigentümliche Wandlung vor sich, derentwillen wir sie hier aus der Schar ihrer Genossen hervorgehoben Haban.
Die Ausläuferbildung erlahmt — an den letzten bildet sich eine Brut- knospe, und mit ihr sucht der Ausläufer den Boden auf. Die Brutknospe löst sich ab und sinkt zu Boden. Dort kann sie den Winter verbringen; denn nur selten friert der Weiher bis zum Grund: gewöhnlich sinkt die Temperatur des tieferen Wassers nicht unter 4 Grad C, auch wenn eine dicke Eisschicht oben alles Leben und damit das Dickicht der Froschbihblätter tötet. Im schlammigen Grund« eines solchen Weihers ruht winters über viel Leben wohl verborgen; denn nicht nur der Froschbiß, sondern auch manch andere Wasserplanze erzeugt derartige Hiber- nakeln, und die Tiere, die zu solchem nicht befähigt sind, haben gewöhnlich besondere hartschalige Wintereier hervorgebracht oder sich als Ganzes gleich den Infusorien eingekapselt, um des Winters Unbill ertragen zu können. .. .
Erst wenn der März mit dröhnendem Südwind das Eis bncht und milde, erwartungsfrohe Tage in der „Oberwelt" die Knospen wecken, werden auch die Hibernakeln wach. Sie beginnen zu assimilieren, scheiden dadurch Sauerstoff aus, der sich in kleinen Gasblasen zwischen ihren häutigen Hüllen festsetzt, aber auch als Auftriebskraft wirkt, um das Knöspchen an die Wasseroberfläche zu tragen. Dort angelangt, lockern sich alsbald die Knospenschuppen; das Wachstum fetzt ein, und ein zierliches Blättchen nach dem andern entkriecht seiner Hülle. Binnen zwei Wochen ist ein neues Pflänzchen herangewachsen, das alsbald auch seine richtige Lage im Wasser findet, seine Würzelchen hinabstreckt, die Blätter ausbreitet, neue Ausläufer treibt und sich so rasch vermehrt, daß bis zum Vollfrühling schon von neuem der Weiher mit frischem Grün jugendkräftiger Blättchen überzogen ist. Die Kinder der wenosien des vorigen Sommers find inzwischen auch erwacht, und das alte Bild des reichsten Lebens ersteht aufs neue. Mit Hilfe der Hibernokel lebt so der Froschbiß auch ohne Frucht und Samen in die Jahrhunderte, eigentlich immer als die gleiche Generation, die sich bald aus wenige Knospen reduziert, bald aufs neue zu einem teichumspannenden, vielköpfigen Individiuum durch ihre Ausläufer sich ausbreitet, gleichsam ein Symbol dessen, daß die Natur nie und nirgends altert, sondern alt und iung zugleich, in einer, dem kurzlebigen Menschengeschlecht unausdenkbaren ewigen Gleichmäßigkeit Leben weckt und Leben tötet zu ihrem unerforjch- lichen Endzweck.
Go lebten die Körner am Rhein ...
Von Dr. Friedrich v. O p p e l n - B r o n i k o w s k i.
Nach einer abenteuerlichen Vorgeschichte konnten jetzt di« sog. „Neumagener Denkmäler", die zu den wichtigsten kulturhistorischen Funden auf deutscher Erde gehören geordnet und zusammengesetzt werden. Aus Trümmern erstand s wunderbar lebendiges Bild aus deutscher Vergangenheit am Im vorigen" Jahrhundert wurden in den Mauern eines Kchtells Konstantins des Großen in Neumagen bte Irummer romi[d)er .
mäler entdeckt. Sie waren dort als Werkstücke verbaut worden als d,e römische Nheinfront unter dem Ansturm der Germanen krachte und man in der Not jener Zeit zu jedem Baumaterial griff, das zurHand war. Sie fanden im Trierer Museum eine allzu summarische Ausstellung und wurden im Weltkrieg von den Franzosen durch ^n« Fliegerbombe in ein Chaos von Steintrümmern verwandelt, das dann Hals über Kops nach Kassel in Sicherheit gebracht und nach dem Kriege nach Tier zu- ruckgeschafst wurde, wo damals das französische Befatzungselend herrschte. Ihr Wiederaufbau war also in jeder Hinsicht sehr erschwert.
Trotzdem ist er, wie sich jetzt nach seiner Vollendung beurteilen laßt glänzend gelungen. Er hat die Bedeutung einer Neuentdeckung und wirkt fast wie ein« Neuausgrabung. Er «eht nicht nur die Fachwisse ^ schäft an, sondern überhaupt jeden Deutschen, der S>nn für die heimliche Vergangenheit hat. Als zusammengehörig erkannte Bruchstucke uglen sich 3um Aufbau ganzer Denkmäler zusammen; aus ander n konMe deren Rekonstruktion gewonnen werden. Ein »anzer Typen chatz von ©rabmätern, Altären, Architekturstucken und plastischen Kunstwerken knm zusammen. Um ein Beispiel zu nennen, fugten ^^tn unb Nachbildungen von Moselschiffen mit hohen "°rd,schen Schnäbeln und höchst charaktervollen Schifferfiguren zu der Nochbildung au g turmter strohumflochtener Weinkrüge als Bekrönung eines Den.mals zusammen,
das einem Weingroßhändler gefetzt worden ist. Kunstgefchichtlich befon» ders wichtig waren die starken Reste von Bemalung auf verschiedenen Denkmälern, die auch in den Bildtafeln zur Anschauung kommen, so daß man sich darauf einen Begriff von der Buntfarbigkeit antiker Denkmäler machen kann. Bekanntlich ist di« Bemalung der meisten Denkmäler längst verwittert und verschwunden, so daß die Museen wie Sammlungen von Gespenstern aussehen. Man fand das sogar schön, schwärmte von der „weißen Marmorpracht" der antiken Tempel und Kunstwerke, folgte auch in der modernen Skulptur diesem vermeintlichen antiken Vorbild. Die Neumagener Grabmäler tragen nun dazu bei, «ine falsche kunstgeschichtliche Auffassung zu berichtigen und uns antike Kunstwerke richtig sehen zu lernen. Doch sie bieten noch weit mehr. Sie sind ein richtiger kulturgeschichtlicher Bilderatlas für das Leben am Rhein und an der Mosel zur Römerzeit. Alle Lebensgebiete kommen auf ihnen zur Darstellung. Wir sehen da's Treiben auf den Landstraßen, an deren Rändern sie standen, die Reiter, die auf ihnen dahingaloppieren, di« Lastwagen mit Weinfässern, die auf ihnen rumpeln, mit zwei Maultieren und einem Pfert nach Art einer russischen Troika bespannt, sehen auf den Flüssen die mit Weinfässern befrachteten Schisse mit den Reihen ihrer Ruderknechte und ihrem Steuermann, der um gute Fahrt betet oder sein Ohr weinselig und ahnungsvoll an den glucksenden Bauch eines Fasses drückt. Wir sehen «inen römischen Gutsherrn zu Pferde, von der Jagd heimkehren, in der Rechten seine Jagdbeute, einen Hasen, triumphierend hochhaltend, gegenüber die Gattin am Putztisch, auf einem einheimischen Korbstuhl sitzend, von ihren Mägden umringt, die ihr einen Silberspiegel vorhalten, ihr das modeblond gefärbte Haar frisieren oder eine Parfümflasche reichen, oder einen Stutzer, dem zwei Mädchen den gleichen Dienst erweisen, sehen die römische Herrschaft beim Mahl, di Herren auf antiken Speisebetten ruhend, di« Damen auf einheimischen Stühlen sitzend, davor das reichbesetzte Büfett, den Kredenztcsch und ein Blick in die herrschaftliche Küche. Wir sehen eine schon berühmt gewordene humorvolle Schulszene in einem vornehmen Hause, sehen beckenschlagende Tänzerinnen und Zirkusszenen, und neben diesem vornehmen Müßiggang das harte Leben des Alltags, eine Tuchprobe im Laden, die Tributzahlungen der einheimischen Bauern in ihren Kapuzenmänteln, aus denen später die nordische Mönchskutte geworden ist, den Geld einscheffelnden Kassier, den Buchhalter, der über sein Hauptbuch gebückt sitzt, die traurige Miene eines Fronbauern, dem ein falsches Geldstück zurückgewiesen wird, eine Mahlzeit in der Werkstatt des armen Handwerkers, tausend Züge des täglichen Lebens, oft humorvoll und mit feiner Charakteristik erfaßt. Und dazu Ornamente, die diese Szenen umrahmen und die Seiten- und Rückenflächen der Grabmäler überspinnen, Rankenwerk und Weinreben, Greifen und Meerwesen und pinienartig geschuppte Bekrönungen.
Damit kommen wir zur Stilfrage, die vielleicht das wichtigste ist, denn hier zeigt sich eine römische Provinzialkunst in Deutschland, die sich von der Kunstübung anderer Provinzen stark unterscheidet und das Eindringen nordischen Kunstgefühls in zunehmendem Maße verrät. Anfangs leben die Grabmäler wie die einzelnen Figuren noch vom antiken Typenschatz, aber die ersteren werden immer höher, turmartiger, nehmen schließlich säst gotische Formen an, und manche Figuren würde man, aus ihrer Umgebung herausgelöst, für Vorwegnahmen mittelalterlicher Kunst, ja des niederdeutschen Barocks halten. So kommt hier das nordische Kunstwollen in antiker Formensprache zum Durchbruch, und die Neumagener Denkmäler weisen über die Antike hinaus in eine kommende Welt. m r±
Daß das wichtige Werk der Neuordnung der Neumagener Kunst- bentmäter so gut gelang, ist vor allem das Verdienst Dr. Wilhelms v Masfow, der zu diesem Zweck von den Berliner Museen dem Direktor der Trierer Provinzialmuseums, Professor Dr.Emil Krüger, zur Ber- fügung gestellt wurde.
Paradies.
Novelle von Ina Seidel.
(Fortsetzung.)
Geranien und Hängenelken quollen leuchtend aus kleinen Fenstern und über die Geländer brauner, hölzerner Altane. In den Gärten blühte der Sommer flammend, die Johannisbeeren kochten im Sonnenglast. Bunte gläserne Kugeln funkelten daneben, und hier stand eine kleine Madonna aus Majolika, weiß und blau, unter einem Strauch großer, hellroter Rosen auf einem Tuffsteinhügel. Die Kinder sahen das alles kaum die Luft war so betäubend, es roch durchdringend nach den Ställen und schwer nach heißem Staub und Holunder, der sich mit seinen bleichen Blütentellern überall aus dem dunklen Grün hob.
Lusche seufzte ein wenig, als sie unter so einem Strauch hingingen, — ach, dieser Geruch machte müde, und es lief ihr sonderbar prickelnd über die Haut. , _ . _ ,
„Alois Bodemann!" sagte sie flehend bei einer Wegbiegung, und Paul sah sie gönnerhaft an.
Meinetwegen!" sagte er. „Was willst du denn da?"
Lusche preßte das Geldstück in ihrer Tasche, daß es ganz heiß und feucht wurde.
„Wenn ich noch fünf Pfennig hätte", sagte sie tief aufatmend, „konnte ich mir eine Angel kaufen."
, So, so." Paul war geschmeichelt von dem Vertrauen auf seine Großmut' Er zog sein Geldtäschchen und blickte angelegentlich hinein.
„Na, was würdest du sagen", meinte er leichthin, „wenn ich dir alles Kupfer'schenkte, was ich im Portemonnaie habe?"
Lusche hopfte ein wenig und sah ihn strahlend an.
Sie empfing elf einzelne Pfennige und blieb beseligt vor Alois Bode- manns Fenster stehen. Da waren sie, die entzückenden Angelschnüre, fertig ausgerüstet mit Bleikügelchen und dem Haken an seinem feinen, straffen Pferdehaar, das im Wasser unsichtbar wurde, und vor allem mit dem 0Da(en wundervoll bunt lackierten Kork um die Federpose herum, durch die die' Schnur lief. Das Ganze war sauber und verlockend um ein Stück


