breites geteiltes Rohr gewickelt, das oben und unten eingekerbt war, und dies Stückchen Rohr würde Lusche am Ende der Ferien mit nach Berlin Nehmen zum Andenken, — das war es dann, was vom Sommer übrigblieb! Äber jetzt war ja noch alles Gegenwart, und — einunddreihig Pfennig! überschlug Lusche schnell, da kauf ich noch einen Reseroehaken und für fünf Pfennig Pralines für Paul und mich.
Beim Eintreten schnüffelte sie unbewußt voller Befriedigung, — himmlisch unveränderlich roch es bei Alois Bodemann durch alle Ewigkeiten der Kindheit nach Speisekammer und Badeanstalt! Alois Bodemann war eine dicke Frau und handelte mit „Spezereien und Schnittwaren , aber auch mit Badehosen und Schwimmgürteln, mit Babak und Lakritzen, mit Ansichtskarten, Blumenvasen und Hosenträgern, kurz, mit allem, worauf die wählerische Phantasie der Sommergäste nur verfallen konnte. Und während Lufche auf die zierliche Verpackung ihrer Einkäufe wartete, vernahm sie mit Ehrfurcht, wie Paul nachlässig sagte: „Ach, geben Sre mir mal fünf Zigaretten, Marke ,Carmen', — ja, eine steck' ich mir gleich an."
„Danke, — ich rauche!" lehnte Paul ab, als Lufche ihm vor der Tür das Tütchen hinhielt.
„Na, aber!" sagte sie verwundert.
„Nein, Lusche!" Paul sah das Tütchen an, aber er schüttelte den Kopf.
„Es verträgt sich nicht, Lusche."
„Komisch!" Lusche bediente sich selbst, biß ein Praline durch und betrachtete zärtlich die rosa Füllung. „Du, Paul, war das vorhin eigentlich Rudi?"
„Ja," war die einsilbig« Antwort.
Die Mittagsglocke schlug an und läutete eine Well« mit dünnem, zitterndem Getön über die Dächer hin. Eintöniges Gemurmel drang aus den Häusern, hob und senkte sich rhythmisch und verhallte. Lusche lauschte mit einer Art frommer Neugier: Die Leut« beteten ihren Rosenkranz. —
„Seid ihr denn nicht mehr befreundet?" fragte sie nach einer Weile beiläufig.
Paul schlug mit dem Spazierstock durch die Lust.
„Man verändert sich dock," sagte er, „mit der Zeit, und — na, der Lechner ist das reine Kind.
„So, — ach! Komisch!"
„Warum sagst du immer .komisch'?" Paul warf unwillig seine Zigarette weg, die erst halb ausgeraucht war. „Gib mir lieber noch ein Praline!"
Sie bogen endlich in den Seeweg ein und kamen aus dem Bereich des Dorfes, denn das großelterliche Besitztum lag aus einer Landzunge, eine Viertelstunde weit draußen. Man sah neben den hohen Pappeln das Türmchen des Hauses di« Bäum« des Parkes überragen, und dort hob sich das lange, braune Schindeldach des Stalles über die grüne Lebens- baumhecke. Aus der Heckenpforte aber kam ihnen Regina entgegen, die Cousine Regina, einen kirschroten Sonnenschirm geschultert, gegen den ihr dunkler Kopf mit den braunen, lachenden Augen sich lebendig abhob.
„Wohin bei der Hitze?" fragte Paul.
Sie schwenkte einen Brief in der Hand.
„Kann ich dir doch besorgen!" rief er, aber sie lachte nur und lief weiter.
„Paul, Paul, zuckersüßer Paul, frisch geschabt ums Maul!" sang sie zurück. „Armes Paulchen, wer hat dich so blutig gekratzt?"
Paul wandte sich empört ab.
„Wie die sich vorkommt," sagt« er entrüstet, „und ist nur zwei Jahre älter als ich!"
„Laß sie!" stimmte Luiche eifrig bei, „ich mag sie auch nicht. Weißt du noch, voriges Jahr..."
Aber Paul war nicht geneigt, einer Meinung mit Lusche zu fein.
„Na, Samstag kommt Tante Katharina," sagte er abschließend, „von der könnt ihr beide lernen!" *
„Dvücken S' Jhna naus mit Öie Kinder, Herr Paul!" sagte Roller der Gärtner, nachdrücklich und gab Paul, der neben dem Wagen hergehen sollte, di« Zügel des Ziegenbockgespanns in die Hand. „Die Hühner kommen ja nie herein vom Obernlandstrich bei dem Geschrei da herinnen!"
Die Ziegenböcke zogen an, — das heißt, Bello zog an und Blanko blieb mit einem leidenschaftlich gemeckerten Einspruch stehen, so daß es einen Ruck gab und Ulli und Lies im Wagen mit den Köpfen zusammen- stießen. Doch dann setzte sich auch Blanko in Bewegung, und das Gefährt schnurrte mit Getrappel über den schwarzweihen Kies und durch das Gittertor zwischen den beiden jungen Lindenbäumen auf den Seeweg hinaus. Die Kleinen schrien noch einmal begeistert drinnen im Stall brüllte melancholisch Hathor, die Kuh, und Horus, das Kalb, blökte ohne Sinn und Beistand. Der Gärtnerbursche Emil folgte mit dem grünen Leiterwagen für das Gepäck, vor den der böse schwarze Bock Moritz gespannt war, und drüben im Obernlandstrich stand verkrümmt und gebückt Baulin«, Rollers Frau, mit einer Hand die blaue Schürze raffend und immer bereit, sich die armen roten Augen zu wischen. Jetzt nickt« sie den Kindern freundlich und sorgenvoll zu, und dann fing sie an, mit hoher Stimme die Hühner zu locken: „Gomm, gomm, gomm!" — Bauline war aus Sachsen. —
Lusche hatte den Ausbruch auf der Bank unter dem alten Kastanienbaum abgewartet und mit einigermaßen mürrischer Teilnahme die Tauben beobachtet, die hier unter dem Oftgiebel des Stalles ihren Schlag hatten und aufgeregt gurrend auf dem schmalen Brettchen davor auf und ab liefen oder auf dem ausgewachsenen, steinigen Boden unter der Regenrinne nach versprengten Haferkörnern suchten. Jetzt setzte sie sich auch in Bewegung und trottete hinterdrein, indem sie mit leisem Neid feststellte, daß eben ihr neunjähriger Bruder Fritz die Zügel in die Hand bekam. Er saß auf dem Bock des Korbwagens, die dicke Jte neben sich, und natürlich, nun zog er den Böcken gleich eins über, und sie setzten sich in Trab, daß die gute Anna, die ihre Hand schützend über die Kleinsten hielt, kaum Schritt halten konnte. „Gott, wie süß!" klang es aus einer
Grupp« von Spaziergängern, die ausweichen mußten, — ach ja, Lusche erinnerte sich, daß sie auch einmal, und zwar ganz allein, rosig und weißgekleidet in dem Wagen gethront hatte, während Paul auf dem Bock saß. Nun war sie ja auch weißgekleidet und sehr schön gekämmt, aber wann sagte doch jemand „Gott, wie süß!" bei ihrem Anblick oder tätschelte sie mit dem Ausruf: „Kleiner Speckhals!"? Das hatte ja schließlich auch viele Vorzüge, aber Lusche kam sich doch sehr abgetan und beiseitegeschoben vor, besonders, da (ie nun wußte, daß sie Paul nicht mehr genügte, — Paul, der noch im vorigen Jahr ihr Häuptling beim Jndianer- spielen gewesen war, — (sie aber war der Stamm!) Es ist eben alles anders geworden, dacht« Lusche schwermütig, die Wiese hier neben dem Seeweg war vor einem Jahr auch noch nicht so langwellig eingezäunt, und es hieß nicht immerzu: ,Das schickt sich nicht, das paßt sich nicht!' Sie betrachtete schwermütig ihre Fingernägel, die noch immer nicht die von Tante Hanna gewünschte makellose Grundfarbe erlangt hatten, und zupfte an ihrem Kleid, um einen Fleck, der vorhin in den Johannisbeeren „zufällig" hineingekommen war, zu verdecken. Es war das,,Knötchenkleid" — Mama liebte es. Warum nur? Dazu hatte Lufche ihren Flo- rentiner Hut mit dem schwarzen Samtband auf, in dem sie sich „albern" vorkam, — und das alles, um noch eine Tante abzuholen! Und zwar diese Tante Katharina, die aus den Ostseeprovinzen angereift kam, die nicht einmal verheiratet war und durchaus keine Tochter in Lüsches Alter mitbrachte, wie Lusche zuerst gehofft hatte. Dazu war sie weit über dreißig Jahre alt, — eine alte Jungfer also! Katharina war übrigens so ein rechter Sauerkohlname und paßte gewiß gut zu ihr. —
Lusche beeilte sich, Anschluß an Paul zu gewinnen. Sie hatten die Billenkolonie des Dorfes erreicht und gingen nun zwischen dem Gärten der Landseite und den Schiffshütten und Badeanstalten des Users. Dann kam die Wiese, wo di« Fischer ihr« braunen, steinbeschwerten Netze zum Trocknen ausspannten, und wo ihre grauen, baufälligen Bootshäuser standen. Hier holte man di« Tanten und Mama ein und bildete nun mit ihnen die würdige Familie, die jeder im Dorfe grüßte.
Am Schiffssteg verteilten die Damen sich auf den Bänken unter den Kaftanienbäumen, Mama zupfte gewohnheitsmäßig und zerstreut noch ein wenig an Lusche herum, und Regina stand mit Paul abseits und hörte feine Schilderung einer Bergwanderung an. Drüben, jenseits des Sees lagen die Berge zart umblaut und mit ihren schroffen Wanden in der Abendsonne silberlich erglänzend. Früher, ging es Lusche schon wieder durch den Sinn, früher dachte ich, di« Berge fingen gleich an, wo das Wasser aufhört, und die Kleinen denken das immer noch. Aber man muß noch viele Stunden gehen, ich weiß es jetzt. — Inzwischen hörte man das Brausen des Dampfschiffes immer näherkommen, und jetzt taucht« es prächtig rot und golden hinter der grünen Landspitze, Großpapas „Landseck", auf. Kleine Ruderboote schossen eilfertig herbei, um sich im Wellenschlag seines Kielwassers zu schaukeln, eine schlanke, schneeweiße Jacht mit geblähten Segeln aber rannte geduckt und rasend verächtlich an dem plumpen Riesen vorbei. Auf einmal sah Lusche, wie bunt und festlich das alles war, die grünen Ufer mit den weißen Schlössern und Landhäusern, der Himmel über dem spiegelnden Wasser, blau, von weißen Wölkchen heiter durchzogen, und das gleiche Weiß und Blau in den vielen Fahnen und Wimpeln am Steg, am Dampfschiff, an den Booten. Dazu die hellen Sommerkleider, die Sonnenschirme, vielfarbig wie Ostereier, und, — vom Geläut der Ankunftsglocke durchgellt, — in einem plötzlichen Aufbrausen Musik, Musik vom Deck des Schifses, das Tante Katharina herbeitrug. Lüsches Herz zog sich in einem seltsam schmerzlich- süßen Glück zusammen: wie war nur auf einmal alles so wunderschön, selbst das fürchterliche Quietschen, als das Schiff sich beim Anlegen an einem Balken der Brücke rieb, weil Sepp den geteerten Wergball wieder einmal nicht rechtzeitig dazwischengeschoben hatte. Sepp war ein kurzer Mensch mit rotem Nacken und einem runden Kops voll geringelter Haare, der damit betraut war, den Laufsteg von der Brücke aufs Schiff zu schieben, nachdem er von drüben «in Tau in Empfang genommen und um den großen eisernen Haken geschlungen hatte. Ein wichtiger Wensch, oha! Wie sollte der Verkehr ohne ihn vonstatten gehn?
Lusche war in dem schlafwandelnden Zustand, in den sie zuweilen bei hellem Tage verfiel. („Mach den Mund zu, Lusche!" hieß es dann.) Sie starrte in halber Betäubung auf die Ankommenden, — da war ein ganzer Verein, viele Männer in Bratenröcken und Zylindern, mit Eichenlaub und Schärpen geschmückt, eine Musikkapelle an der Spitz«, beseligt von dem Rausch ihres Auftretens in geschlossener Masse, — da waren Ausflügler, Kinder, Hunde. Und unter den letzten Aussteigenden eine schlanke Dame im grauen Seidenmantel, einen weißen Schleier um dem kleinen Strohhut. Mama und die Tante winkten, gingen ihr entgegen, — Lusche aber blieb stehen und wandte wie magnetisch angezogen ihre Slugen dem Wasser zu. Und siehe, — in einem kleinen Boot, das er ziellos treiben ließ, die Hände auf den ruhenden Rudern, saß dort ihr neuer Freund, der Herr im grauen Anzug, und starrte«inbrünstig zur Brücke empor. —
„Wer hat dir das gegeben?" fragte Fräulein Claaßen, vor Empörung die Worte fo livländisch betont wie nur möglich herausschnellend, obgleich sie die Handschrift auf dem festen, weißen Umschlag des Vlieses, den Lusche ihr mit dem Gesicht einer Glück-botin überreichte, sofort erkannt hatte. .
„Ein Mann," erwiderte Lufche unbefangen,.— „ein Herr im grauen Anzug," fügte sie beruhigend hinzu. „Er geht immer auf dem Seeweg spazieren, ich kenne ihn längst." Aber Tante Katharina hörte ihr nicht zu. Sie hatte den Brief hastig aufgerissen und las, während ihre schmale längliche Hand leicht zitterte, wie Luiche mit Verwunderung wahrnahm. Als Katharina jetzt aufsah, wandte Lusche sich ab und blickte aus den See hinaus.
„Eine unerhörte Zudringlichkeit!" Fräulein Claaßen nahm ihre Stickerei wieder auf, machte ein paar hastige Stiche, ließ wieder sinken und sah ratlos ins Weite.
(Fortsetzung folgt.)
Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Vriihl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange in Gießen.


