Oie Ehrfurchi vor dem Leben.
3d)9freue mich über die neuen Schlafkrankheitsmittel, die mir ertauben, Letzen zu erhalten, wo ich früher qualvollem Siechtum Zusehen machte. Jedesmal aber, wenn ich unter dem Mikroskop die Errege, der 'schlas krankheit vor mir habe, kann ich doch nicht anders, als mir Gedanken darüber machen, daß ich dieses Leben vernichten muh, um anderes zu
Sä)”taufe Eingeborenen einen jungen Fischadler ab, den sie auf der Sandbank gefangen haben, um ihn aus ihren grausamen chanden zu erretten. Nun aber habe ich zu entscheiden, ob ich ihn verhungern lasse oder ob ich täglich soundso viele Fischlein töte, um ihn am Leben zu erhalten.
3d) entschließe mich für das letztere. Aber leben Jag «mpii'1"^ als etwas Schweres, daß auf meine Verantwortung hm dieses Leben dem Qnt>mit 9der ^gesamten Kreatur unter dem Gesetz der Selbstentzweiung des Willens zum Letzen stehend, kommt der Mensch fort und iort in die . Lage, sein eigenes Leben wie auch Letzen überhaupt nur auf Kosten von anderem Letzen erhalten zu können. 3ft er von der Ethik der Ehr,urch vor dem Leben berührt, so schädigt und vernichtet er Leben nur aus Notwendigkeit, der er nicht entrinnen kann, niemals aus Gedankenlosigkeit Wo er ein Freier ist, sucht er nach Gelegenheit, die Seligkeit zu kosten, Leben beistehen zu können und Leid und Vernichtung von ihm abzuwenden universale Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben das so vielfach als Sentimentalität hingestellte Mitleid mit dem Tiere als etwas dem sich kein denkender Mensch entziehen könne, erweist, bereitet mir, 6er id) von 3ugenb auf der Tierschutzbewegung zugetan war eine besondere Freude. Die bisherige Ethik stand dem Problem Mensch und Tier en - weder verständnislos ober ratlos gegenüber. Auch wenn sie das Mitleid mit der Kreatur als richtig empfand, konnte sie es nicht unterbringen, weil sie ja eigentlich nur auf das Verhalten des Menschen zum Mensd)en eingestellt war.
tUn^mra®efotge dieser Unterscheidung kommt dann die Ansicht auf, daß cs wertloses Leben gäbe, dessen Schädigung und Vernichtung nichts auf sich habe. Unter wertlosem Leben werden bann, >e nach den Umstanden, Arten von 3nsekten ober primitive Völker verstanden.
Dem wahrhaft ethischen Menschen 'st«Ue- Leben heilig auch bas, das uns vom Menschenstanbpunkt aus als tieferstehend vorkommt. Unterschiede macht er nur von Fall zu Fall und unter dem Zwange der Notwendigkeit, wenn er nämlich in die Lage kommt, entscheiden zu müssen, welches Leben er zur Erhaltung des anderen zu op ern hat Bei diesem Entscheiden von Fall zu Fall ist er sich bewußt, fubietttö unb willkürlich zu verfahren unb die Verantwortung für bas geopferte Le e
SBann wird es dahin kommen, daß die öffentliche Meinung keine Volksbelustigungen mehr duldet, die in Mißhandlung von X’e^Jl fae^|efenJ n 6cm Denken entstehende Ethik ist also nicht „verstandesgemäß , sonLn tarattana und enthuftastrsch. Sie steckt keinen tlufj abgegebenen Kreis von Pflichten ab sondern legt dem Mensthen die Verantwortung Falles 2ebÄo in seinem Bereich ist, auf und zwingt ihn, sich ihm helfend hinzugeben. *
3n meinem eigenen Dasein sind mir Sorge, Not und Traurigkeit zuzeiten ta reichlich beschieden gekfen, daß ich mit weniger starken Nerven darunter zusammengebrochen wäre. Schwerer trage ich an der Last von Müdigkeit und Verantwortung, bie. seit Fahren staubig auf mir liegt. Von meinem Leben habe ich nicht viel für mich selbst, nicht einma die Stunden, die ich Frau und Kind widmen mochte. „ r
2t(s Gutes ist mir zuteil geworden, daß ich im Dienste der Barmher- zigkeii stehen darf, daß mein Wirken Erfolg hat, daß ich viel Liebe und Güte von Menschen erfahre, daß ich treue Helfer habe, die mein Tun ku dei^ Ihren machen daß ich über eine Gesundheit verfuge, die nur angestrengtestes Arbeiten erlaubt, daß ich eine sich stets E Gleichgewicht hallende Gemütsart und eine mit Ruhe unb Ueberlegung st^ söbr '9auck Energie besitze und daß ich alles, was mir an Gluck widerfahrt auch als solches erkenne unb als etwas hinnehrne, für das ich Dankbarkeits
Ich... M W ** M >« W drückende Unfreiheit bas Los so vieler ist, wirken darf, wie auch, daß ich, I in materieller Arbeit stehend zugleich die Möglichkeit habe, mich auf dem Gebiete des Geistigen zu betätigen. . ......
Daß die Verhältnisse meines Letzens in so mannigfacher lWeilegunstige Vorbedingungen für mein Schaffen abgeben, nehme ich als etro h , ich -v —. Nk I nOlmrirn’8fiaar9b/ginnl su ergrauen. Mein Körper längt an, die Sira. I nmen hie ich ihm äu mutete, uni) die 3af)te <yu Iputcn. .
^^Dänkbar blicke ich auf Ne Zeit zurück, in ber ich, obne niit meinen Kräften haushalten zu brauchen, ratlos körperliche und geistige Arbeit leisten durfte9 Gefaßt unb demütig schaue ich aus die aus, die kommt, damit mich Verzichten, wenn es mir beschieden sein soll, ")cht unvorbereitet treffe. Als Wirkende und als Leidende haben nur la die Kräfte von Menschen zu bewähren, die zum Frieden hmdurchgedrungen h , ber höher ist als alle Vernunft.
Ein Stiefkind der deutschen Naturliebe.
I Von Dr. R. Francs.
Die beuksche Naturliebe, so sprichwörtlich sie i , ftat doch auch ihre Stiefkinder. Die alten, schönen Baume unseres Landes schützt Je mit rührender Anhänglichkeit, 'ber Heide gewahrt sie Jreiptaste, und sogar dem „Urwald" hat sie Reservate gegönnt, oblchongerabedasangesichis ber Borkenkäfer unb Baumpilzgefahr für bie umliegenden Forste mch unbedenklich ist. Nur ein Lanbschaftsbilb wird von ihr bisher noch nirgends geschützt unb ist doch gerabe m ben letzten Fahren bei der zunehmenden Industrialisierung unseres Landes durch die Jbwjser Fabriken auf bas schwerste bebroht. Das ist bie Sumpstanbschast an ben Altwässern unb stillen Armen kleiner Flüsse. Eigentliche Sumpse gib es ja mit Ausnahme bes beutfchen Ostens bei uns ohnedies Nicht mehr. I da im nördlichen Flachland, wo durch ben außerordentlichen Seem reichtum noch am ehesten zu ihrer Bildung Gelegenheit wäre, das Klima - 1 sie nicht buUet. Alle vorhandenen Gewässer gehen dort nicht in Rohnchl unb vielblumigen Sumpfboden, sondern in einförmige Torfmoore ube .
Nur an wenigen Stellen noch erfreut sich b-r Naturschwarmer bes bunten, mit tausendfacher Gestaltung entzückenden Bildes eines richtigen Sumpfes, in dessen offenen Weihern Wasserrosen schwimmen de en Wasserarme von wogenden Schllswalbern eingesaumt sind, an de, en Rändern das schönste Blatt des Pfeilkrautes starrt wie ein Trupp Re> (iger die Schnmnenblume rosenrot blüht, ber Froschlöffel J'ne reizenbe Blumenrispe erhebt, ber noch belebt ist vom bunten Wassergeflügel, 'N dem die Rohrdommel ihren dumpfen Ruf erschallen laßt, der muntere Chor der heiser lachenden Frösche nicht verstummen will, und oon dem bas eintönige unb boch süß melodische Liebchen ber Unten wie ein z ternbes Gesinge über bas Land läuft.
An solchem Ort lassen sich hunberterlei Naturbeobachtungen anstelle , in dem überreichen Sieben, bas von bem geheimnisvollen Schoß « warmen Wässer ernährt wird, eröffnen sich dem Kundigen zahllos Wunder der Natur", und noch ist bei weitem nicht alles erforscht vo diesen vielverschlungenen und merkwürdigen Zusammenhängen, bei“, zwischen ben einzelnen Lebewesen des Sumpfes bin unb wieder fpmnen
Ein Lebensbild möge hier für viele sprechen unb jene, die es anrti auch dazu aneifern, baß sie in ihrem Wirkungskreis beitragen M bauernden Schonung und Erhaltung biefes ober jenes Fleckchens b [d)en Sumpfbodens, auf dem noch ber Froschbiß blüht.
Hvdrocharis morsus ranae, die vom Frosch angebissene nannten schon bie alten Botaniker bas reizende Gewächs das W » verkleinerte Ausgabe der Wasserrose aus den ftillen 2&et)ern s ) unb seine herzförmigen, snschgrunen Blatter oft so üppig un ) nebeneinanberbrängt, baß ber ganze Wasierspiegel ungedeckt. wirb. J selten kommt der Froschbiß zur Fruchtbildung und me allei berat g Gewächse beugt er ber dadurch brohenben Gefahr bes Ausstertzens umso üppigere vegetative Vermehrung vor. Er senbet nach'allen .n r tungen lange Ausläufer in bas Wasser, bie an knotigen DeMckungen neue Blätter unb eine ganz neue Pflanze aus sich st^vorgek^n last Niemals wurzeln biefe Kolonien aber un Schlanimboben, w°yl strca sie zahlreiche dicht behaarte Wurzeln in das Wasser aber b.ese b I r ken sich barauf, die Nährstoffe «us dem Wasser aufzunehmen. o ^h wir im Wasser dasselbe Bilb verwirklicht, das uns bie Moose im
Von Albert Schweitzer.
Albert Schweitzer, ber große Mensch.uudHelfer, ber als Urwaldarzt im buntlen Erbteil so vorbilblich wirkt, 'ber berühmte Gelehrte unb Bach-Kenner, Künstler unb Drgelipieler, gibt seine „Selbstbarstellung" bei Felix Meiner m Leipzig in erweiterter Form unter dem Titel „21 us m et n e m Sieben u n b S e n t e n" heraus. In bem „Epilog dieses Werkes I legt er ein Bekenntnis seiner Weltanschauung ab, aus dem wir bie Grundgedanken miebergeben.
Die Ehrfurcht vor dem Leben enthält sich in Resignät'ion, Welt- und Lebensbejahung unb Ethik, bie brei ©runbeletnente einer Weltanschau ung als untereinanber zusammenhängende Ergebnisse des Denlens
^Bisher gab es Weltanschauungen ber Resignation, Weltanschauungen 6er Welt- unb Lebensbejahung unb Weltanschauungen, die dem Ethischen xu genügen suchten. Keine aber vermochte bie brei Elemente miteinander I äu vereinigen. Möglich wird bies erst baraushin, baß alle drei ihrem I Wesen nach aus der Allgemeinüberzeugung der Ehrfurcht vor dem Leben begriffen" und als miteinander in ihr enthalten erkannt merben. JW gnation und Welt- unb Lebenstzejahung fuhren kein Eigenbasem neben ber Ethik, sondern sind ihre unteren Oktaven. I
Aus sachlichem Denken entstanden, ist die Ethik der Ehrfurcht. vor dem Leben sachlich und bringt ben Menschen m sachliche unb stetige
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etwas zu Allgemeines unb zu Unlebenbiges sei, um Jen Inhalt einer lebenbigen Ethik ausmachen zu können. Das Denken hat stch aber nicht darum zu kümmern, ob seine Ausbrücke lebenbig genug tauten, sondern nu7darum Ä sie zutreffen und Leben in sich Haden. Wer unter ben Einfluß ber Ethik ber Ehrfurcht vor bem Leben gerat, wirb durch das was sie von ihm verlangt, alsbald zu spüren bekommen welches Feuer in dem unlebendigen Ausdruck glüht. Die EhÄk der Ehrfurcht. vor dem Leben ist die ins Universelle erweiterte Ethik der Liebe. Sie ist bie als hentnotmenbiq erkannte Ethik Öcju. o ,
Beanstanbet wird an ihr auch, baß sie dem natürlichen Leben einen zu großen Wert beilege. Darauf kann sie erwidern, daß es der Feyter aller bisherigen Ethik war, nicht das Leben als solches Jen geheimnisvollen Wert erkannt zu haben, mit dem sie es zu tun hat. Alles ge'st'ge Leben tritt uns in natürlichem entgegen. Die Ehrfurcht vor dem Leben gilt also dem natürlichen und geistigen Leben miteinander. Der Mann im Gleichnis Jesu rettet nicht bie Seele des verlorenen Schafes, sondern das ganze Schaf. Mit der Stärke ber Ehrfurcht vor dem natürlichen Leben wächst die vor dem geistigen. rck-n.rrM nnr
Besonders befremdlich findet man an der Ethik der Ehrsurcht vor dem Leben, baß sie ben Unterschieb zwischen höherem und "Öderem, wertvollerem unb weniger wertvollerem Letzen nicht geltend mache. Sie hat ihre Grünbe, bies zu unterlassen.
Das Unternehmen, allgemeingültige Wertunterschiebe zwischen den Lebewesen zu statuieren, läuft darauf hinaus, sie danach zu beurteilen, ob sie uns Menschen nach unferm Empfinden naher oder ferner zu stehen scheinen was ein ganz subjektiver Maßstab ist Wer von uns weist was das andere Lebewesen an sich und in dem Weltganzen für eine Bedeu-


