GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <952 Freitag, den Juli Nummer 50
Alte Liebe.
Von Frank Wedekind.
Ich hab' dich lieb, kannst du es denn ermessen. Verstehn das Wort, so traut und süß?
Es schließet in sich eine Welt von Wonne, Es birgt in sich ein ganzes Paradies.
Ich hab' dich lieb, so tönt es mir entgegen. Wenn morgens ich zu neuem Sein erwacht; Und wenn am Abend tausend Sterne funkeln. Ich hab' dich lieb, so klingt die Nacht.
Du bist mir fern, ich will darob nicht klagen, Dich hegen in des Herzens heil'gern Schrein.
Kling fort, mein Lied! Jauchz auf, beglückte Seele! Ich hab' dich lieb, und nie wird's anders fein.
Mainberger Erinnerungen.
Von K o r f i z Holm.
Korfiz Holm, der Dichter der meisterhaften Münchener Künstlerromane „Herz ist Trumpf", „Die Tochter", „Thomas Kerkhoven", veröffentlicht soeben im Verlag Albert Langen an dorn er seit über 30 Jahren leitend tätig ist, ein neues Buch, „i ch — kleingeschrieben, Heitere Erlebnisse eines Verlegers". (Preis gebd. 4 Mark.) Wir veröffentlichen eine Probe aus diesem amüsanten Werk, das gewiß viele Freunde finden wird.
Wer hätte nicht von Schloß Elmau gehört, dem gastlichen Haus»am muß des Wettersteins, das Dr. Johannes Müller denen offen hält, die sich bei ihm in seelischen oder praktischen Lebenszweifeln Rats erholen wollen, und allen, die es freut, den Dunst verstaubter Konven- für ein paar Wochen unter sich im Tal zu lassen und einmal den Nächsten unbefangen zu genießen, ohne sich darum zu scheren, was er itn Leben draußen vorstellen und bedeuten mag! Den vielen, die sich dort Erfrischung holten, mag es nicht willkommen sein, von einem, oer dabei war, zu erfahren, wie es vor einem Merteljahrbundert un- Mlhr auf dem Schloß Main berg ausgesehen hat, der Keimzelle von schloß Elmau. Hier war es ja, wo Dr. Müller damit begann, seine Gedanken über eine neue, persönlichere Lebensformung, für die er früher “)on durch Vorträge und feine Vierteljahrsschrift „(Brüne Blätter" ein- Zetreten war, am lebenden Subjekte zu erproben. Nun ist es nicht verwunderlich, wenn sich gerade in den Anfängen eines solchen Unterneh- 'Tiens der Hang zeigt, das erstrebte „Neue" auch nach außen sichtbar iarzutun. Während man jetzt auf Schloß Elmau nicht anders angezogen kcht als überall, war bei den richtig zielbewußten „Mainbergern" jener :>eit einejürt Wandervogeltracht im Schwung. Wer etwas auf sich hielt, img in Sandalen ohne Strümpfe, die Männerwelt war auf den Schil- erkragen eingefchworen, die Damen, und zumal die jungen Helferinnen, »gen zeitweise „Gewänder" richtigen Kleidern nach der Mode vor. Im rahen Schweinfurt schüttelte die Bürgerschaft den Kopf ob dieser höchst ausfälligen Gestalten („mit nix an die Füß und ä Kränze! im Hoor") L_nb sah Schloß Mainberg allen Ernstes als so etwas wie ein Irrenhaus y nicht direkt gemeingefährliche Patienten an. Dies war gewiß eine Erkennung der Wirklichkeit, doch läßt stch's nicht bestreiten, daß es -nter den Gästen dort auch sonderbare Käuze gab, und mehr davon, als 'an gemeinhin sonst in Sommerfrischen kennenlernt. Dafür bekam ich 70n sehr bald nach meiner Ankunft auf Schloß Mainberg einen bün- • J9en Beweis. Ich hatte mich im Sommer 1896 von einer mir verwandten Johannes-Müller-Enthusiastin überreden lassen, für ein „paar ^erienwochen hinzugehen, obgleich ich vor den „neuen Menschen", die *rt Hausen sollten, eine leise Scheu empfand. Ich traf gerade recht zum ibcnbeffen ein, verhielt mich während dieser ersten Mahlzeit, bei der H Zwischen zwei gleichfalls nicht redseligen Damen faß, recht still und sch! nur meine Augen prüfend über die Tafelrunde gleiten, ohne daß sch die mitgebrachte Scheu merkbar vermindert hätte. Nach Tisch stan- ’a b'e ®bf(e gruppenweise lebhaft plaudernd auf dem Schloßhof herum, ich armer Neuling setzte mich mit dem Gefühl vollkommener Verlassen- -ü in einen Gartenstuhl zu Füßen eines riesigen Platanenbaums, zün- , *f1*r Zum Tröste eine Zigarette an und musterte den Hauptbau des
,3r Zeiten fürstbischöflichen Schlosses, dessen drei Giebel in der Abend- nne glühten. Das war Architektur nach meinem Sinn, doch trotzdem ''We ich mich fehl am Ort. Da knarrte neben mir ein anderer Stuhl,
ich wendete den Kopf: zu meiner Rechten faß ein vierzigjähriger Herr und starrte mir so deutlich staunend ins Gesicht, als wäre ich ein Wundertier. Ich aber sand, daß eigentlich wohl ich mehr Grund zum Staunen hätte. Denn die Erscheinung und vor allem die Gewandung dieses Fremden war nicht alltäglich. Er hatte nichts am Leib als vorne offene Sandalen, eine wie ausgewachsen wirkende Hose aus gelblichem Zwilch, eine Netzjacke und darüber ein hellgraues, kurzes Schoßröckchen, das weit offen stand. Man war dem mächtigen Vollbart, den er trug, dankbar dafür, daß er ihn doch ein bißchen weniger unbekleidet wirken ließ. Dieser Mitmensch also wippte lebhaft mit den gewaltigen großen Zehen auf und nieder, drehte die Daumen und begann:
„Sie sind zum erstenmal in Mainberg; nicht, Herr Holm?" „Ja," gab ich kurz zurück.
„Da werden Sie sich an so manches erst gewöhnen müssen."
„Kommt mir auch fast so vor." Ich gönnte ihm nur einen flüchtigen Seitenblick. „Sie sind, wie ich vernehme, Schriftsteller, Herr Holm?"
„I—ja." „Was pflegen Sie denn so zu schreiben?"
„Je nachdem, wie es sich trifft."
„Was haben Sie denn beispielsweise jetzt zuletzt verfaßt?"
„Einen Roman," warf ich gelangweilt hin.
„Mit Müllerschen Ideen?" forschte er.
„Weiß nicht. Ich kenne die Ideen Doktor Müllers nicht."
„So? Also ohne Weltanschauung!" Und er schüttelte mitleidig seine braungebrannte Glatze.
Nun muß ich diesen sonderbaren Herrn wohl zu belustigt angesehen haben, denn er verlor auf einmal feine schöne Unbefangenheit. Dies zu verbergen, stand er nun von [einem Stuhle auf, sah eine Weile zögernd in die Luft und sagte dann:
„Ich will noch ins Licht-Luftbad. Gehn Sie mit, Herr Holm?" „Danke. Ich seh' so schon genug", lehnte ich höflich ab.
2er Mann entfernte sich und hat mich hinfort nur aus der Feme stumm gegrüßt. Das zweite Original, diesmal ein weibliches, erlebte ich am nächsten Mittag schon bei Tisch. Zu meiner Linken saß da eine ältere Dame von auffälliger Häßlichkeit, die dicke Gichtknoten an allen Fingern hatte, obgleich sie sich „vernunftgemäß" ernährte und, wie ich bald erfuhr, einem erbitterten Vegetarismus huldigte. Sie wies die Fleischbrühe, die es an diesem Tage gab, weit von sich und erteilte mir, als ich sie mit Behagen ah, den freundlich zarten Wink: „Nein, ich begreif' es nicht, wie einer diesen ekeln Leichensast genießen mag!" „Ich find' es immer schön," antwortete ich, „wenn einer sich so ausdrückt, daß man ganz genau weiß, was er meint." Sie musterte mich mißtrauisch und würdigte-mich einer Weile keines Blickes mehr. Erst als ich dann beim Braten war und sie ihre Kartoffeln zerdrückte und mit dem Spinat vermischte, fragte sie mich plötzlich, daß ich fast erschrak:
„Sind Sie schon — wiedergeboren?" „Weiß nicht. Ich glaub' kaum. Ich habe nichts davon gemerkt. — Und Sie?" „Ich — ja!" „Dann würde ich mich noch einmal wenden lassen," riet ich ihr. Sie funkelte mich mit empörten Augen an, sorgte dafür, daß sie beim Abendessen nicht mehr meine Nachbarin war, und hat sich außerdem bei Doktor Müller über mich beschwert. Er aber gab ihr den Bescheid, wenn sie so wenig Spaß verstehe, sei sie für das persönliche Leben noch nicht reif. Was ich bisher von den Mainberger „Gästen" sagte, könnte aber leicht die falsche Ansicht wecken, es wären dort vor allem Leute hingekommen, deren einziger Metz in unfreiwilliger Komik lag. Auch dafür, daß dies ganz und gar nicht zutrifft, bekam ich noch am ersten Abend den Beweis. Der luftdurchlässige angezogene Herr, der mich so gründlich ins Gebet nahm, war offenbar schon andern Neulingen mit seiner Wißbegier störend auf den Leib gerückt. Aus einer Gruppe, die in unserer Nähe stand, streifte mich, während ich seine Ansprache über mich ergehen ließ, manchmal ein Blick, in dem sich Anteilnahme mit Belustigung zu paaren schien. Kaum hatte sich der Sonderling daoongemacht, da löste sich aus diesem Kreise eine junge Frau und schlenderte zu mir herüber. Ich erhob mich, wie es sich gehört, war aber etwas bang, was diese Fremde wieder über meine privaten Angelegenheiten würde wissen wollen. In der Tat: sie fragte mich sogleich: „Sie sind wohl fein Antialkoholist?" „Nein," konnte ich erwidern, „mir genügt’s wenn meine Zigarette alkoholfrei und was ich trinke, nikotinfrei ist." „So?" nickte sie befriedigt. „Hätten Sie dann Lust, sich zu uns zu einer kleinen Bowle auf der Mainterrafse anzuschließen? Ein Herr, der morgen abreist, stiftet sie. Es werden lauter nette Leute sein. Vielleicht kommt Doktor Müller auch. Dann sind Sie hier gleich eingewöhnt. Denn das fällt vielen anfangs etwas schwer." Nun, das war eine liebenswürdige Art, einem die Mainberger Honneurs zu machen. So sagte ich denn zu und habe es auch nicht bereut. Es wurde ein vergnügter Abend ohne jede Seelenbohrerei; und als wir auseinandergingen, hatte ich ein Dutzend neue, sehr sympathische Bekannte, von denen mir so mancher später noch in Freundschaft näher trat.


