Ausgabe 
1.4.1932
 
Einzelbild herunterladen

xL.#.t<-fi«trfvlhunn hps iunwn Vogel rollte die Postchaise das -rot der Eger LWLBK "L-° »ich- *** d-b-, d-n '<W'« maaen den er in Eger für seinen verunglückten hatte eintauschen tonnen, ni<tt abgewartet habe und mit ordinärer Post weitergereist sei. Es sie! ihm bitter^M menn sich das äußere Unbehagen in diesen letz en Keif = stunden noch einmal toum erträglich gesammelt hatte: dann follien die Hänge und Felsen des Tepettales den Abschcidenden doppelt liebreich um- f^naen ihn ber seines Wesens Tore nicht mit einem »üden Schlage Zertrümmerte sondern eine letzte, freundliche Auflösung aller Bedräng­nisse xu finden wußte. Sie, die er liebte, sollte noch einmal, fern von dem Weimarer Alltage und der Last ihrer Familie ahnungslos und von ganzer Seele bie' Seine werben. Und auch die andern mochten sich einmal noch unbewußt, daß es zu einem Scheidenden fei, zu .hm Hellen: Her- der^'und Karoline, bie nachkamen, bie Ziegefars, bte Lengefelds, die Wald­ner, bie schon mit Lotte waren ... manche anbre, manche neue.

Um sie alle werde der abenteuerliche Hauch des Ungewissen schweben, von leiser Ahnung durchschimmert ober noch ganz m bie Nacht bes traumlosen Werbens gehüllt. Nicht einmal er konnte wißen ob es bie Trennung für immer gelte. Göttliches Vielleicht, Allmoglichkeit, Urstanb des Chaos wie es sich unter dem Toffgewölbe der heißen Sprudel- guelle sammelte und bann inbrünstig, heilkräftig zum b^<b' ®n^ das nicht auch Geburt nad) lang und bang verzögerten Wehen? Ze chem haft wurde das Leben rings. Es baute weifende Motive und erhellende Symbole um ihn: fein Stirb, fein Werde lag darin bedeutet. Aber es war die Zeit vorbei, in der er von den otatten feines Herzens und feiner Hand mit Werthergefühlen fortgebraust wäre. Schon sollte der Abschied sein heiter und beruhigt. Er wollte keinem Schickiale durchbrennen. Cr burfte bei all ber inneren Unrast ein gcrunbetes, bereinigtes Leben hinter sich lassen und auch ein neues finden, unbebrangt von einer nie erlösten Liebe, ungehemmt von ben engenden Aemtern eines H erzogtums: femen Freunden aber ein wohlbewahrtes, sammelndes Erholen für die Zeit einer möglichen Wiederkehr. Wiederkehr vielleicht.

Goethe lauschte auf, überfann feine Gedanken, lächelte. Er hatte sich also gegen das reichliche Unbehagen dieses letzten Wegstuckes zur Wehr gefeht und ordnende Gefühle gefunden, die ihm, hatte er mit Vögeln allein bleiben können, wie man in Eger verhieß, nicht beigestanden waren. Cr wußte wie kein anderer, daß Genien gebeten sein wollen, und sei es durch Mißgeschick und Ungelegenheit.

Bälder, als er gehofft hatte, rollte die Chaise über die Domtzer «rücke, und nun war ihm alles vertraut. Das geha tene cherz schlug ihm ungeduldiger. Der Postillion blies, als wolle cr (eine Gaste dafür entschädigen, daß Karlsbad sich hinter ben Bergen versteckt halte. Aber über bem Egerslusse, jenseits des Zetlitzer Steges bis zur.Hohe hman rauchten bie Schornsteine bes Dörfchens Fischern, längs des Flußes führte der angenehme Spazierweg, und sie fuhren schon über die sackchsche Wiese an deren Ende ein Wächter an ber Eingangspforte des Ther- mentales bas turmhohe Granitprisma bes Johannisfelsens mit seinem Kreuze in ben Abenbhimmel griff. Am Fuße dieses seltsamen Stem- gcbilbes lag die Kapelle. Die Chaise holperte über bie Balken ber Tepel- btU^e Mitreifenben regten sich. Der Kaufmann wollte reden aber die Weimarer Erzellenz wandte sich ab und hütete ihre Kenntnisse. Da grüßte aus den Lindenwipfeln das Dach der Papiermühle vor dem egertore. Er gedachte des wohlgepflegten Gartens, bes freundlich-bereiten Muylen- wirtes. Dann fuhr man mit Hall und Schall unter bas Tor. Sie hielten, bezahlten Einlaß: im Stadtturm ober war der Postillion erlauscht worden. Und von ber Höhe bes Stadtturmes herüber schmetterte ben Ankömm­lingen bas Willkommen bes Heilbades zu.

Wir werben eingebtofen", meinte ber Schweigsame heiter unb befreit, das Kompliment soll uns morgen von der Madame Türmerin in Erin­nerung gebracht werden."

Gleich hinter dem Tore beim Wirtshaufe zum Ochsen hatten die Ab- päcker gewartet, um ausgewählt zu werden und dann die Herrschaft vor die kaiserliche -Blaut auf den Ring zu Zoll und Akzise zu begleiten. Die Leipziger waren voreilig ausgeftiegen, Herr Richter verhandelte um eine Wohnung. Der Geheimrat hielt feinen Begleiter zurück, Vogel solle mit den andern zur Maut fahren. Er selbst verließ bas Reisegesängnis.

Ich will bie liebe Stadt fchrittweis unb unbekümmert in Empfang nehmen. Es ist an sieben Uhr, bie Gesellschaft wird in ben Sälen ober im Walbe fein. Laß Er die Bagage bann auf bie ,Wiese' bringen zu ben .Drei Rosen'. Das Quartier ist von ber Frau Oberstallmeisterin besorgt. Beim Bürger Hein. Wenbe Er sich nur gleich an bie Hausfrau, sie heißt Helena und ist eine sorgliche Wirtin. Man wird uns auf diese Zeit erwartet haben."

Er streckte die fteifgefeffenen Beine und dehnte lächelnd die Schultern. Den Mantel nahm er über ben Arm und den Runbhut in die Hand. Der Himmel hatte sich umzogen. Schon im Gehen wandte er sich noch einmal.

Und grüße Er mir bie Hausleute wohl, es sind Menschen von herz­licher Fidelität."

So blieb er zunächst noch ganz für sich, niemand kannte ihn, und er brauchte niemand zu kennen. Die gedrängte Doppelzeile des Kreuzgäßchens war bald durchschritten, sein erhellendes 2Uigc konnte über den Fluß hin den gefälligbreiten Bau des Mühlbades mit dem zierlichen Balkon über bem Tore und die langgestreckte Laube des Neubrunnens, die ersten merk­lichen Kurgelegenheiten, grüßen. Ucber bas sommerseichte Tepelbett führte eine Holzbrücke, bie nur im jenseitigen Teile von einem Steinbogen unter­wölbt war, wo bas Wasser von ben Räbern der Stadtmühlen in den Fluß zurückfand. Er überschritt bie Brücke, ließ die stampfenden, sägenden Mühlen es wurden auch Bretter geschnitten links liegen, kam durch bie Mühlbadgasse, worin ihn die Postkuische überholte, an ben geschlossenen Fleischbänken vorbei auf ben Ring. Unb dieser schien ihm unter einem bedeckten Himmel, durch ben auf hoher Felskante erbauten Stadtturm überlastet und von breiten, mehrstöckigen Kurhäusern, dem Rathaufe, der Apotheke, der Maut unb Post überdies bestanden und eingeengt, uner­

freulicher, düsterer als Im vergangenen Jahre: er wollte kaum mehr an der Dreisaltigkeitsstatue fein Gefallen finden. Zudem war der Ring fast menfchenteer, einziges Leben um die angelangte Post. An der Ecke des Rathauses hing die Figur des kaiserlichen Gründers wie ein Erhenk- ter, im Erdgeschosse wiesen die Fenster bes Etadtkotters ihre Eisengitter. Eine Obsthökerin loh schläfrig und verlassen vor ihren Körben. Er beschleu­nigte feine Schritte, fühlte das unangenehme Pflaster. Vogel hatte ben Koffer, Mantelfack und Ranzen abstellen lasten unb verhandelte mit den Visitatoren: ber Geheimrat winkte ihm die weitere Richtung zu und bog auf den Sprudelsteg ein.

Die beiden Fronttürme unb ein Teil der Kirchenfassade er hatte deren edles Barocco schätzen gelernt überragten von ihrem hohen Standorte aus etliche Hausbücher, als übten sie in ihrer stattlichen Ruhe über bas Profane hinweg eine mütterliche Hut, denn zu Füßen des Kirch berges sprang pulscnb bie Lebensader bes Tales, der Sprudel, und ließ weiße Dampfwolken bis an die Kirchen schwelle wehen.

(Fortsetzung folgt.)

Zosef Haydn.

Zu seinem 200. ®ebutlsfoge.

non Privatdozent Dr. Rudolf Gerber, Gießen.

Von all ben unzutreffenden und irreführenden Anschauungen, die über unsere klafsifche Tonkunst im Umlauf sind, ist keine jo fest eingewurzelt unb grunbfalsch, wie die von demklassifchen Dreigestirn" Haydn, Mozart, Beethoven, bas auf der einen Seite eine untrennbare Einheit darstellen soll, anderseits aber doch einen sichtbarenFortschritt" verkörpert: Haydn vertritt habet bie noch primitiv befangene Vorstufe, Mozart ist schon etwasvollkommener", und Beethoven gar übertrifft seine beiben Vor­dermänner um ein Vielfaches. Er, derTitan", sei der Vollender, Mozart, berewig heitere Lichtgenius", ber Förderer und Haydn, bergute Papa" Haydn, der Begründer des klastischen Stils in der Musik. In dieser landläufigen Auffassung feiert der Fortjchrittsgedanke des 19. Jahrhunderts feinen größten Triumph, er hat damit aber auch wie nicht anders, zu erwarten ist seine verheerendsten Wirkungen angerichtet. Nicht nur, daß diese oberflächliche Rangordnung der drei Meister ein vollkommen falsches Geschichtsbild erzeugte, das lange Zeit auch die wiffenschaftliche Erforschung der klassischen Tonkunst aus Irr­wege geführt hat. Auch in das künstlerische AUgemeinbewußtsein des deut­schen Volkes hat sich diese Ausfassung in einer Weise eingeschlichen, daß heutzutage jeder Fortschrittsphilister über Haydn zumal die Nase rümpfen zu können glaubt, während er in Beethoven, in völliger Verkennung seiner geschichtlichen Stellung, den Höhepunkt der abendländischen Musik­entwicklung erblickt. Auch bie neuzeitlichen Bemühungen um eine gesunbe musikalische Volksbildung haben in diesem Punkt noch keinen nennens­werten Wandel geschaffen. Und doch ist es endlich an der Zeit, dieser Frage näher zu treten und vor allem mit dem Märchen von demPapa" Haydn aufzuräumen. Die 200. Wiederkehr von Haydns Geburtstag dürste ein schicklicher Anlaß jein, fein künstlerisches Schaffen einmal mehr, als dies bisher üblich war, in den Vordergrund zu rücken und die Frage auf­zuwerfen: worin besteht das eigentümlich Klassische ber Musik Haybns, wie ist seine Kunst gegenüber berjenigen Mozarts und Beethovens zu bewerten?

Leben und Schaffen, Mensch und Werk sind, wie bei jedem großen Künstler, so auch bei Josef Haydn ein unteilbares Ganzes. Derselbe Leit­gedanke, dieselbe Zielsetzung hier wie dort: aus kleinsten Anfängen her­aus, unter Ausbietung einer genialischen Arbeitskraft, mit vollstem Be­wußtsein eine Meisterung des Lebens, der Verhältnisse, des künstlerischen Stoffs zu erzwingen, als Mensch und als Künstler die klastische Rundung zu erlangen. In bescheidenen Verhältnissen wurde Haydn als Sohn eines Wagners am 31. März 1732 in Rohrau an ber Leitha (Niederöfterreich) geboren ein Kind des Volkes, in das ber göttliche Funke gefallen war. Er konnte auf keine musikalische Ahnenreihe zurückblicken, in ihm schlum­merte keimmusikalisches Vermächtnis seiner Vorfahren. Was er zu werben bestimmt war, muhte er burch eigene Tatkraft, burch bewußte und zähe Entfaltung feiner künstlerischen Fähigkeiten selbst herbeiführen. Haybn ist ein self-made man. Ganz im Gegensatz zu Mozart, ber in seinem eigenen Vater einen hervorragenben menschlick)en unb künstlerischen Erzieher sand, war Haydn von seinem fünften Lebensjahr an sich selbst überlassen. Er lernte schon in früher Jugend die Nöte eines entbehrungsreichen Lebens kennen, genoß kaum irgendwelchen geordneten Musikunterricht, weder bei dem Schulrektor in Hainburg, wo ermehr Schlüge als Essen" bekam, noch als Chorknabe am Wiener Stesansdom, wo der Kapellmeister Georg Rentier sich nicht um ihn kümmerte und ihn, als er feine Stimme ver­lor, ohne Gnade und Barmherzigkeit (im November 1749) auf die Straße jagte. Die wenigen Anregungen von feiten feiner gleichgültigen Lehrer griff ber junge Haydn jedoch begierig auf und arbeitete sich aus eigener Kraft weiter. Heber feine Zeit im Stefanschor jagte er später:Wenn meine Kameraden spielten, nahm ich mein Klavierl untern Arm und ging damit auf den Boden, um ungestörter mich auf selbem üben zu können." Das Jahrzehnt von 1749 bis 1759 war für Haydn eine Zeit bedrückender Entbehrungen, aber auch eine Zeit des langsamen und sicheren Aufftiegs. Dank seiner ungewöhnlichen Energie trat cr mehr und mehr aus den Niederungen eines armseligen Daseins hervor, und als cr im Atter von 29 Jahren (1761) Kapellmeister des Fürsten Esterhaz in Eijenstadt gewor­den war, hatte er die widrigen Verhältnisse, die ber (Entfaltung seines Genies entgegenstanden, für immer besiegt. Sein Lebensschifs war in einen sicheren Hasen eingelaufen, in bem es geborgen war vor allen weiteren Stürmen.

Nahezu 30 Jahre brachte Haydn in Eifenstadt zu. Es war dies eine Zeit, die ihn in unentwegtem Kampf um fein künstlerisches Ziel sah, eine Zeit, in der er zu klassischer Meisterschaft heranreiste. Nicht in raschem Ansturm, sondern Schritt für Schritt kam er diesem Ziel näher, und er zeigte dabei eine ähnliche Zähigkeit und Ausdauer, wie er sie zuvor im Kampf um feine materielle Existenz schon an den Tag gelegt hatte. Ein