Ausgabe 
31.8.1931
 
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Zwanzig Jahre waren dahingegangen mit ihrem Wandel und Schick­sal. Aus der kleinen Lidia war die große geworden, der die Welt zu Füßen lag, aus dem russischen Offizier ein Mann, der hart mit dem Leben rang.Wohltun trägt Zinsen", so heißt es in einem alten Sprich­wort; diesmal hatte es recht.

Am nächsten Tag saß die Sängerin Lidia Santini neben ihrer jungen Freundin Manja dem Retter von damals gegenüber, und die drei Men­schen waren glücklich. Sie gaben sich gegenseitig neuen Lebensmut, Heimat­gefühl und Daseinsfreude. Und wenn jemand glaubt, daß die Drei auch weiterhin beisammen bleiben, wird er recht behalten.

Cholera über Europa.

Vor hundert Jahren.

Von Carl Zimmermann.

Das Jahr 1831 brachte Europa nicht allein politische Wirrnisse: die Nachwehen des Revolutionsjahres 1830, den polnisch-russischen Waffen­gang, Aufruhr in Italien, der Graf P lat en am Heile der schönen Halbinsel verzagen ließ, die Kämpfe um Englands Parlamentsreform, sondern noch die Heimsuchung durch eine der fürchterlichsten Seuchen.

Ueber frühere Besuche der besonders in der Ganges-Niederung heimi­schen Cholera asiatica liegen keine verbürgten Nachrichten vor. Epidemien der sogenannten Cholera nostras, die schon von den altgriechischen Aerzten beschrieben wird, entstehen, wie der Name sagt, auf europäischem Boden selbst, ohne Einschleppung von außerhalb und pflegen lange nicht so mörderisch aufzutreten wie ihre asiatische Schwester, die über fünfzig Prozent ihrer Opfer getötet hat. Es hängt wohl mit den schwierigeren Berkehrsverhältnissen früherer Jahrhunderte zusammen, daß diese damals noch nicht in das zivilisierte Westeuropa ihren Weg gefunden hat. Aber seit dem Jahre 1817 wußten Zeitungsmeldungen von einem langsamen Vordringen der Geißel Indiens nach dem Westen zu berichten. Sie wählte damals den Landweg für ihre Wanderung. Ueber Persien und das Kaspische Meer gelangte sie nach Rußland. Vielleicht ist sie in dessen weitem Raum schon früher gelegentlich erschienen, aber zum Stillstand gekommen, wie Wüstenflüsse im Sand versickern: waren doch die Verbindungen mit jenen entlegenen Gebieten noch im 18. Jahrhundert so mangelhaft, daß über den furchtbaren Aufstand des Kosakenhaupt­manns P u g a t s ch e w gegen Katharina, der sich für ihren ermordeten Gatten ausgab, kaum gleichzeitige Gerüchte zu unseren Vätern gelangt sind beiläufig hat noch vor einem Dutzend Jahren der dortzulande überhaupt niemals geschwätzige und wahrheitliebende Draht das Ge­metzel, das die siegreichen Bolschewisten in der Koltschak-Armee angerichtet haben, schamhaft verschwiegen.

Möglicherweise hätte die Seuche, obwohl sie im Jahre 1830 schon weite Gebiete des Zarenreiches ergriffen hatte, auch diesmal noch den Westen verschont, wenn nicht die Erhebung der Polen den Selbstherrscher veranlaßt hätte, Truppenmassen aus dem Innern gegen das Nachbar­volk heranzuziehen, das ihm den Personalunions-Vertrag aufgekllndigt hatte. Das schnelle Fortschreiten der Gefahr wird am besten durch den plötzlichen Tod des russischen Oberbefehlshabers beleuchtet, des Generals Diebitfch, bekannt durch feine Tauroggen-Convention mit dem Preu­ßen Porck am Silvestertage von 1812 und durch seinen Balkanübergang im Türkenkriege von 1829, der kurz nach seinem Siege über die Polen bei Ostrolenka im Mai 1831 der Krankheit erlag. Die Auswirkungen der Heeresbewegungen, zumal die Flucht der besiegten Polen, haben dann den Einzug des seit langem drohenden Gespenstes in die preußische Monarchie beschleunigt.

Vor allem erlebte Berlin im Herbste des Jahres eine schwere Epidemie. Es ist beachtlich, daß sie im Unterschiede von manchen anderen Infektions­krankheiten, die Stände ziemlich gleichartig befiel, daß die Totenliste so zahlreiche Namen von kulturgeschichtlichen Berühmtheiten ersten Ranges aufweist: Gneisen au, von Clausewitz und den Philosophen Hegel!

Noch schwerer wurde im nächsten Frühjahre die Schwesterstadt Paris von dem jetzt unaufhaltsamen Siegesläufe des furchtbaren Hebels betrof­fen. Dort soll die Zahl der täglichen Todesfälle auf dem Höhepunkt des Wütens das zweite Tausend überschritten haben! Das namhafteste Opfer war der Ministerpräsident Casimir Peri er, der noch nach dem Heber­stehen der eigentlichen Krankheit durch ihrer Nachwirkungen aus seine von Heberarbeitung geschwächte Konstitution hingerafft wurde. Geschichts­schreiber wollen das schnelle Ende der wesentlich durch die politischen Instinkte dieses Staatsmanns mitbegründeten Juli-Monarchie auf feinen allzufrühen Tod zurückführen. Sein Enkel ist im Jahre 1874 auf sieben Monate Präsident der franzöfifchen Republik geworden. In Heinrich Heines französischen Briefen findet sich eine lebhafte Schilderung von den moralischen Einflüssen der Krankheits-Angst auf die Pariser Psyche, die freilich bei weitem nicht an die klassischen Vorbilder des T h u k y d i - des und des Grafen Manzoni heranreicht.

Daß von Frankreich aus die Epidemie alsbald den Kanal überschritt und die englische Hauptstadt heimsuchte, war so aut wie selbstverständlich. Interessant ist, daß der alte Goethe, der Zeit feines Lebens von Krankheit nicht viel Aufhebens gemacht hat nur in feinerCampagne in Frankreich" kommt die Rede auf jene Ruhr-Epidemie, die vielleicht mehr als der Mißerfolg von Vcllmy an dem Rückzug von den Argonnen schuld gewesen ist und trotz seiner naturwissenschaftlichen Neigungen ein Hineinpfuschen in das medizinische Gebiet nicht liebte, die Cholera einmal erwähnt. Er schreibt nämlich, daß die Schrecken ihrer Annäherung weit übertroffen seien durch die Aufdeckung einer Mörder-Organisation im britischen Königreiche, die gewerbsmäßig Menschen zu dem einzigen Zwecke getötet haben, um ihre Leichen an die Anatomie verkaufen zu können: Untaten, die natürlich zum Teile auch der AnatomieVerwaltung zur Last fallen. Von England aus hat dann der Würger natürlich auch durch den lebhaften Seeverkehr den Weg nach dem Columbus-Erdteil gefunden und so seine Weltumwanderung vollendet.

Auch die späteren europäischen Cholera-Perioden standen meist in zeitlichem und auch ursächlichem Zusammenhänge mit kriegerischen Vor­

gängen. So die in den unruhigen Jahren 1848/50, die während des Krim- Krieges, die von 1866 und 1867, die wiedrum die Stadt Berlin in beson­ders schwere Mitleidenschaft zog und wegen ihrer gefährlichen Ausbreitung im preußischen Heere sogar die Früchte des Sieges von Königgrätz zunichte zu madjen drohte. Einzig eine Epidemie von 1872/74, die wiederum der sanitären Mißwirtschaft im Zarenreich ihren Ursprung verdankt und die in Hamburg und München mit ihren trostlosen Trink- wassereinrichtungen Verheerungen anrichtete, fällt in eine allgemeine Friedenspause; während eine unmittelbar voraufgegangene heftige Pocken-Seuche, die letzte ihrer Art auf deutschem Boden, durch die französischen Kriegsgefangenen von 1870 eingeschleppt war.

Im Gedächtnis der Gegenwart ist noch das Hamburger Schreckensjahr 1892 lebendig. Seine Vorgeschichte führt wahrscheinlich auf eine ver­heerende Epidemie zurück, die während des für die französischen Waffen nicht gerade rühmlich verlaufenen französisch-chinesischen Krieges im Jahre 1884 durch Krankheits-Urlauber aus dem fernen Osten zunächst nach dem Kriegshafen Toulon eingefchleppk wurde. Von dort und Mar­seille setzte sie sprunghaft nach Neapel über, dessen Hekatombenopfer noch den Pariser Rekord von 1832 Überschritt. Aber auch nach Paris gelangte sie wieder im Spätherbst desselben Jahres und scheint daselbst auch in den folgenden Jahren niemals völlig erloschen zu sein: die sanitären Verhältnisse der Seinestadt sind zu keiner Zeit glänzend gewesen und die Vertuschungsjünste ihrer Gesundheitspolizei waren stets berüchtigt. So gewann in dem schon recht warmen April des Jahres 1892 die Krankheit wieder einen größeren Umfang und gelangte in der Folge nach Le Havre und Antwerpen, wo die Sorge vor Verkehrsstörungen gleichfalls das Gewissen der Behörden und die'Rücksicht auf die Nachbarländer abstumpfte und erstickte. In Hamburg aber hatte der bürokratische Schlendrian die eindringlich« Warnung vor neunzehn Jahren so arg in den Wind geschla­gen, daß ein damals eingesetzter Ausschuß zur Besserung der Trinkwasser­einrichtungen noch (einen Entschluß getätigt hatte. Ein paar Wochen wurden dann noch die ersten Krankheitsfälle totgeschwiegen, bis in der zweiten Augusthälfte, als das Thermometer in ganz Deutschland tropische Grade zeigte, ein explosionsartiger Ausbruch die furchtbare Wahrheit an den Tag brachte. An einem Septembertage mußten fünfzehnhundert Leichen auf die Friedhöfe gebracht werden.

Die Aetioloaie der Seuche ist lange in der Wissenschaft umstritten gewesen. Der Münchener Professor Pettenkofer wollte ihre unver­kennbare Periodizität auf zeitliche, erbliche und individuelle Dispositionen zurückführen. Aber der Berliner Bakteriologe Koch, der sich schon durch die Entdeckung des Tuberkulose-Bazillus einen Namen erworben hatte, fand, im Jahre 1883 von der Reichsregierung zur Bekämpfung einer Epidemie nach Aegypten entsandt, dort in den Leichen die sogenannten Komma-Vibrionen auf, welche er als die Erreger des Hebels bezeichnete. Pettenkofer aber hat, um Koch zu widerlegen, den Forfchermut betätigt, eine ganze Schüssel von bazillengesättigter Gelatine zu verzehren, nach­dem er seine Magensäure, den zuverlässigsten Schutz eines gesunden Kör­pers gegen Choleraansteckung, mit einer Dosis kohlensauren Natrons abgetötet hatte. Die Koch-Schule aber hat dieses Experiment nicht als beweiskräftig anerkannt. Wiewohl aber gegenwärtig die medizinischen Fakultäten geschlossen auf dem Standpunkt Kochs zu stehen scheinen und unsere entwickelte Hygiene sich vorbeugend in solchem Grade bewährt hat, daß eine leichte Cholera-Welle in den gefährlichen Weltkriegsjahren ohne Aufsehen in Breslau zum Stehen gebracht werden konnte, so sind doch Hinsichtlid) der Heilung ausgebrochener Krankheitsanfälle ernstliche Fortschritte seither nicht erzielt worden. Therapeutiscl-e Erkenntnisse sind eben von ätiologischen unabhängig! Eine vorsichtige Diät wird einstweilen das beste Abwehrmittel gegen den Feind darstellen.

Hoffen wir, daß die argen Notzeiten des europäischen Gesundheits­zustandes im verflossenen Jahrhundert in unserem eine historische Erin­nerung bleiben!

Waifjsch-Odyssee.

Von Fred Hagenmeyer.

Es gab eine Zeit, da zogen Walfischjäger mit Segelschiffen auf drei und mehr Jahre hinaus, um mit dem größten aller lebenden Tiere zu kämpfen. Ihr Schiff war nicht viel großer als der Walfisch selbst und die Boote, mit denen der eigentliche Kamps geführt wurde, waren wie Nuß­schalen neben dem riesigen Leib des Hngeheuers. Das war die heroische Zeit des Walfischfangs. Sie ist längst vorbei und lebt nur noch in der Erinnerung, freilich hat sie auch eine grandiose literarische Verherrlichung gefunden.

Wenn in den letzten Monaten häufig vom Walfisch die Rede war, so hing das mit einem bedauerlichen Hmstand zusammen: der Walfisch, der König der Meere, benötigt heute den Tierschutz, da er in Gefahr ist, aus­gerottet zu werden. Man hat ihn zuletzt mit so grausam vollkommenen Instrumenten gemordet, daß er keine Chance mehr hatte, zu entkommen oder gar Sieger zu bleiben. Man harpunierte ihn vom Schiff aus mit Kanonen und, um die Wirkung zu erhöhen, brachte man an der Harpune selbst eine Explosionsvorrichtung an, die das getroffene Tier vollends zer­fleischte. Vielleicht hat man dadurch die Leiden des Tieres abgekürzt, zur Tötung waren immerhin oft noch drei bis vier Schuß nötig. Jedenfalls ist es keine Freude mehr, über den modernen Walfischfang anders als unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berichten. Oder richtiger: auch vom Standpunkt des nackten Nutzens aus ist über den Walfang augen­blicklich nicht viel Gutes zu sagen. Von dreieinhalb Millionen Faß Tran, die in der letzten Saison gewonnen wurden, scheinen nur zwei Millionen absetzbar zu sein. Als die gute alte Zeit des Walfischfanges kann man noch die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts bezeichnen. Sie war zwar schon damals nicht gut für die Wale. Gut war sie zu Hiobs Zeiten, aus denen uns die Bibel berichtet:Leviathan machte feinen Weg, der hinter ihm leuchtete, fo daß man hätte meinen können, die liefe fei mit Jtet, bedeckt". Gut für den Walfisch war sie zu Zeiten des Propheten Ionas. Schlecht zu werden fing sie an, als die alten Norweger auf SMfonfl fuhren und als später auch die Basken, die Holländer und die Engländer