Ausgabe 
31.8.1931
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1951 Montag, -en 3t. August Nummer 68

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lleberlaß es der Zeit!

Van Theodor Fontane.

Erscheint dir etwas unerhört. Bist du tiefsten Herzens empört, Bäume nicht auf, versuch's nicht mit Streit, Berühr es nicht, überlaß es der Zeit. Am ersten Tag wirst du feige dich schelten, Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten, Am dritten hast du's überwunden. Alles ist wichtig nur auf Stunden, Aerger ist Zehrer und Lebensvergifter, Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Spiel -es Schicksals.

Erzählung von Ralph Urban.

An der Ecke der Rue du Mauborget, einer der Billenstraßcn von Paris, stand täglich ein kleines Mädel und bot den Borubergehenden Rosen an. Nur selten erbarmte sich jemand und erstand für weniges Geld «in paar Blumen. Die Kleine kam stets nach der Schule und blieb dann bis in die Nacht hinein auf ihrem Poften. Eines Abends als die Lichter schon brannten, hielt an der Ecke ein vornehmer maftroagen, und eine Dame rief das Kind heran. Sie wollte nur eine Rose haben, die sie mit einer Banknote bezahlte. Die Kleine sah verzweifelt auf das Geld, sie hatte nur ein paar Sous in der Tasche, die lange nicht reichten, um herauszugeben. Mit einem Entschluß ringend, zögerte sie ein -usetl* chen, dann nahm sie einige Rosen und gab diese samt der Note der eleganten Dame in den Wagen. ,

Bezahlen Sie ein andermal, Madame , sagte das Blumenmadel Sßzügig. Die Frau aber reichte dem Kind nochmals den Schein und

r, ohne Weiteres abzuwarten, gutgelaunt davon. An diesem Slbend halte die sizilianische Sängerin Lidia Santini einen noch nie da gewesenen Erfolg und, abergläubisch wie alle Bühnenkünstler, dachte sie, daß die Rosen ihr Glück gebracht hätten. Nun hielt stets das Auto der Sangerm, wenn sie auf dem Weg von ihrer Villa nach der Oper bet ber Vlunwn- Verkäuferin vorbeikam, und so entstand eine kleine Freundschaft zwischen der gefeierten Schönheit und dem armen Madelchen. Die Künstlerin fand Gefallen an dem aufgeweckten, hübschen Kinb, das schon so früh den Kamps ums Dasein aufnehmen mußte; es erinnerte sie °n ihre eigene freunblofe Jugend. Einmal lud sie Mania nachmittags zu sich. Es gab für den Gast viel Herrlichkeiten an Kaffee und Kuchen, und Lidia Santin erfuhr bei dieser Gelegenheit Näheres über ihre kleine Freund,n. Obwohl in Paris zur Welt gekommen, war sie Russin; ihre Eltern hatten infolge der Revolution aus der Heimat fluchten muffen. Ihr Vater, Dstlzlerber russischen Kriegsmarine, lieh sich nach dem Umsturz in ^«.s meber um mit bem Wenigen, das er von seinem Vermögen retten konnte , eine bescheibene Existenz zu grünben. Dann kam Mama zur Welt, und die kleine Familie lebte eine kurze Weile glücklich, b'^ dw Mutter krank würbe und starb. Von ba ab kam das Unglück bas Geschäft des Vaters Sing zugrunde, so baß er mit seiner Hande Arbeit für bas Kinb sorgen mußte. Seit einigen Wochen liege er nun krank, urch wenn h ch schon besser ainae so würbe es boch noch eine Weile bauern, bis er wieder arbeiten könne. Schweren Herzens hatte ber Vater em rangen der Kleinen nachgegeben; seitbern verkaufte sie auf ber '

Die Sängerin, bie auch bie anbere Seite des Lebens kannte, war Berührt burch die e Erzählung, und beschloß zu helfen. Mts Ma j g 9, empfahl sie ihr, nun täglich zu ihr zu kommen und übergab ihr m einem geschlossenen Brief einen Geldbetrag °n die Adresse V^ers. Am nächsten Tag erhielt Lidia Santini «n Mtreiben von Tanjas_ Jat , dem Kapitän Wladimir Sokoloff. Er bedanke sich für die grop3l,9^ Hilfe, gestatte sich aber, den Betrag als Darlehen anzunehmen um fein Kind nicht mehr auf bie Straße schicken zu müssen; es werde seine vor mehmste Aufgabe fein, bie Summe ba b zuruckzuers atten NachnMtag kam Manja wieber zu Besuch und bat bie Künstlerin e n Hernes schenk anzunehmen; es sei nicht wertvoll, werde ihr aber sicher Muck tringen. Dabei nahm sie ein silbernes Medaillon von 'hrem Halsend überreichte es der Dame. Sie sagte noch, baß sie es 9 bekommen habe, ber viel darauf hielt, aber bie Sanger n horte nicht m^hr Zu, sie starrte auf bas eingravierte Datum, das Datum ihres eigenen Geburtstages, unb auf ben Namen ßibia, dann ~

Erinnerung. Das Wunder kam über sie mienne »agunns-

los fah die kleine Manja auf bie Tränen, die der schonen Frau über o.e Wangen liefen.

Zwanzig Jahre vorher lebte in der blühenden Handelsstadt Messina der Oelhändler Santini in bescheidener Häuslichkeit. Aus kleinen An­fängen arbeitete sich der junge Mann empor, er liebte feine Frau und fein Töchterlein Lidia, und fein Glück war vollkommen, als das Ver­derben wie ein Blitz herniederfuhr. An einem frühen Morgen, da dl« kleine Familie noch in tiefem Schlaf lag, riß sie ein Dröhnen aus ihren Träumen. Im nächsten Moment schwankte alles wie eine riesige Schaukel, bann folgte ein Donnern und Krachen, als wollte die Erde bersten. Den Händler Santini trieb ein fürchterlicher Schmerz aus seiner Betäubung, die kleine Lidia schrie in Todesangst, laut betete die Mutter. Finsternis lag über allem und dichter Staub machte bas Atmen schwer. Die drei waren eng nebeneinander in den Betten, und Santini bemühte sich, den Schmerz zu verbeißen und die Seinen zu beruhigen. Irgendetwas tag zentnerschwer auf feinem Fuß, so daß er sich nicht regen konnte. Als nichts weiter geschah und bie Frau sich wieder gefaßt hatte, begann sie umherzutasten, aber der Raum, der noch blieb, war nur bis zu greif­barer Höhe oberhalb der Betten frei, alles andere war mit Mauerwerk ausgefüllt. Nun bestand kein Zweifel mehr, das Haus war eingestürzt. Hierbei war ein Wunder geschehen, denn die Treppe, die nach den oberen Stockwerken führte und natürlich auch abgestürzt war, hatte sich gerade über jene Ecke des Zimmers, in welcher die Betten standen, gelegt, und so die Familie vor dem Tode bewahrt. Als Santini dies begriffen hatte, dankte er Gott und sprach den Seinen Mut zu, weil man sie sicher bald aus ihrer schrecklichen Lage befreien würde. Er konnte nicht ahnen, daß achtzigtausend Tote unter ben Trümmern von Messina begraben lagen.

An biefem Tag, bem 28. Dezember 1908, nähert« sich ein Geschwaber ber russischen Kriegsflotte ber Straße von Messina. Um fünf Uhr zwanzig Minuten früh bemerkte ber biensthabenbe Offizier auf der Kommando­brücke des Admiralschiffes, daß bie Magnetnabel bes Kompaßes verrückt zu werben begann. Gleich barauf ging ein Zittern burch bas Schiff, unb bald schlugen hohe Wellen über bas Deck. Das war bas Seebeben. Als es hell würbe unb man sich ber Meerenge näherte, sahen bie Russen mit ihren Fernrohren an ben Stellen, wo früher bie Stäbte Messina unb das gegenüberliegende Reggio Calabria standen, nur noch rauchende Schutt­haufen. Dem Admiral war es sofort klar, daß eine der größten Kata­strophen bie Menschheit betroffen habe, unb er eilte mit seiner ganzen Macht zu Hilfe. In Rom erfuhr bie Regierung erst zwölf Stunden später von bem schrecklichen Unglück, ba mit Messina auch alle Behörben und technischen Hilfsmittel zugrunbegegangen waren. Mittlerweile leisteten bie Russen Unvergeßliches. Es galt, vor allem nur Verwundete und Ver­schüttete zu bergen, und die blauen Jungens schafften, bis sie vor Er­schöpfung nicht mehr weiter konnten. Wo man aus ben Trümmern Rufe vernahm, wurde die oft unendlich schwere Arbeit bes Bergens in Angriff genommen. Es kam bie Nacht unb bann würbe es wieber Tag, unb noch immer arbeiteten Matrosen wie Offiziere rastlos an dem Rettungswerk. Am Morgen kletterte ber Schiffsleutnant Sokoloff auf ben höchsten erreich­baren Punkt und hielt mit feinem Fernglas Umschau im Trümmerfeld. Irgendwo sah er etwas Weißes flattern und begab sich mit einigen Matrosen nach dieser Stelle Aus einer kleinen Oeffnung zwischen Bergen von Mauern und Steinen, sah ein Stück Stange heraus, an deren Ende ein Kinderhemd befestigt war. Dem Anruf der Russen antworteten schwache Stimmen, daher wußte man, daß Lebende hier begraben seien, unb ging an bie Arbeit. Weil es nicht genug Werkzeug gab, mußte man sich mit den Hänben behelfen.

Bald nach ber Katastrophe hatte bie Familie Santini einen Spalt in ihrem Gefängnis entbeckt, burch ben man den Himmel sah. Die Frau zerbrach ben Rahmen eines Bilbes, bas oberhalb ber Betten hing, riß das Bettuch in Streifen und band damit die verschiedenen Holzteile zusammen, so baß eine lange Stange entftanb, an deren Ende sie das Hemdchen des Kindes befestigte. Als die mühevoll erzeugte Fahne fertig war, steckte sie diese durch bie Oeffnung ins Freie. Stunbe auf Stunde verrann, bie Schmerzen bes Mannes würben unerträglich, bie Hoffnung auf Hilfe sank. Enblich würbe bas Signal ihre Rettung. Sie hörten Stim­men unb faßten Mut. Sie hatten keine Ahnung gehabt, was vorgefallen war, unb staunten, als sie in ihren Rettern riesengroße Männer vor sich sahen, bie in einer unbekannten Sprache rebeten. Einer davon, der Leut­nant Sokoloff, hatte sich blutige Hände geholt, unb ben hatte die kleine Lidia in ihrem Leben nimmermehr vergessen. Er war es auch, der seinen Rock auszog, das zitternde Mädchen darin einhüllte und zum Hilfsplatz beim Hafen trug. Er drückte noch bem Vater, dem ein Fuß zertrümmert war, ein Paket Banknoten in die Hand. Als et dann ging, um anderen Unglücklichen zu helfen, lief ihm Lidia nach, nestelte ein Medaillon von ihrem Hälschen und gab es in kindlicher Dankbarkeit dem großen, frem­den Mann. Und ber hob bas Kinb auf unb küßte es lachenb auf den Mund. Auch als Lidia fchon ein großes Mädchen war, schloß sie chr Abendgebet mit den Worten:Lieber Gott, gib, daß ich noch einmal bem Manne mit bluknben Hänben begegne.

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