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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (93t Freitag, den 3. Juli Nummer 5|
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Borst stand auf. Pflichtvergessen trollte er sich von seinem Posten davon. •
Der Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.
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Die Tertianer hatten sich noch eben gewaltig gestritten. Sie waren einige Kilometer vom Schulhaus entfernt, in ihrem Feldlager. Das Feldlager war sehr geschickt ausgewählt, es befand sich auf einem mit Bäumen bestandenen Abhang des Hochwaldes. Man konnte von dort einen Teil der Eebene mit vielen Dörfern, Aeckern, Teichen und Bächen übersehen; ja, an klaren Tagen ging der Blick ungehindert bis zu den ersten Häusern der feindlichen Stadt.
Es war gut für die Tertianer, diese Stadt ein wenig im Auge zu haben.
Allerdings herrschte schon seit einigen Wochen Friede. Und dies war auch der Grund, weshalb man sich eben gestritten hatte. Man stritt sich nämlich aus Müßiggang, aus nichts und wieder nichts, sozusagen um einen Dreck. So hatten die Truppen des Hannibal in Capua und die , Ostgoten in der Romagna gehadert, wenn es nichts zu erschlagen, zu
g stürmen und zu plündern gab ... Hier, im Feldlager der Tertia, kehrte man einander ^verächtlich die Rücken zu und „richtete M empör^ wieder
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Josua, ein struppiger Bastard, dessen Mutter eine echte Pudelin, dessen Vater aber ein unechter Schnauzer gewesen war, gesellte sich ihm zu. Er oanasZx Tertiahund dieser faulen Zeiten auf der Seite pictäsy t von sich gestreckt und ein wenig in die Sonne h war er wie ein Mensch, der nicht weiß, was hatten, bald in die Sonne gelahmt. Im übrigen bei den meisten Tertianern, nur ein Halbschlaf auf bessere Zeiten wartet. Kaum hatte er Borsts i der Sonnenstrahlung ausgedörrte Rase betont- Hund riecht die Bewegung! — als Josua aufstand, wie ein alter Mann, der Rheumatismus hat. Er .'bogenen Vorderpfoten aus, verschluckte gleichsam
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! lob gähnte. Dann war er in zwei freundlichen htslos scheinbar, so herum. Die Hände auf den »en Ameisenbau. Wo ging die Straße hin? Er sich dann. Jenseits des kleinen Waldweges, der war ein großer Ameisenhügel. Also dorthin! Er #fll\ vor. Er interessierte sich gar nicht für Ameisen. . aus den Bergwerken armes Arbeitsvolk genug.
Er brauchte die Tierwelt nicht, um zu wissen, wie prächtig Grubenarbeit tut.
Rach einiger Zeit blieb er furchtsam stehen. Borst, der Kleine, fürchtete sich so ziemlich vor allen Dingen dieser Erde, aber jetzt hatte er ausnahmsweise einmal gute Gründe. Er war an einer Eiche angelangt. An ihrem untersten Aste war ein Pappdeckel angeheftet, aus dem mit Blutschrift zu lesen stand :
„Halt! Wer weiter geht, wird erschossen! Ich, Daniela!"
Borst erinnerte sich. Vor einiger Zeit war Fritz Lüders weiter gegangen. Er hatte einen Pfeilschuß von unsichtbarer Hand bekommen. Es "war eine richtige Wunde im Oberschenkel daraus geworden, denn Daniela schoß nicht etwa ihren sorgfältig zugespitzten Pfeil von einem Bogen aus Weidenholz und mit Bindfaden ab, sondern von einer echten Jndianec- waffe.
„Das muß ja ein merkwürdig spitzer Stein gewesen sein, auf den dn da gefallen bist", sagte der Anstaltsarzt, und er sah zur Seite, als sei er es, der gelogen hatte, nicht Lüders. Und der Junge hatte geantwortet, indem er ebenfalls zur Seite sah: „Gehen Sie einmal an den Freinachmittagen auf die Hexenkuppe, Herr Doktor! Da finden Sie viele solche Steine!"
Borst sah Josua und Josua sah Borst an. Dann sahen sie beide nach
Guter Rat.
Von Theodor Fontane.
An einem Sommermorgen, MWEMWWW
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gehabt, so verschlafen waren sie und auch so unwillig, herrisch wollte sein Eäsarenkinn sich anspannen, — dann war der Fürst der ~ertia zuruck- gesunken. Er war viel zu müde, den Cäsar zu spielen.
Sie schliefen, die Tertianer und ihre Hunde. Rur der Posten wachte, obwohl es hier gar nichts zu bewachen gab. Und über ihm klopfte ein Specht an einer Esche. Der Stamm erklang wie eine Violine.
Borst blinzelte zur Hexenkuppe hin. Er hatte einen mißmutig-besorgten Ausdruck, wie er sein kleines Afsengesicht nach oben wandte. Denn dort stieg «in vereinzelter, höchst abgesonderter Rauch auf.
Es war der Rauch aus Danielas Zelt.
Weil Daniela, das Mädchen der Tertta, feit Wochen mit der Klaffe grollte und sich an den freien Nachmittagen, zürnend wie Achill, in ihrem Zelte verborgen hielt, deshalb lag man untüchtig, untätig unmännlich in seinem Lager auf den Bäuchen. Ohne Daniela einen Streich au f hr . Man hatte es versucht. Es war daraus etwas geworden das gut genug für die Quarta war, ein kleinmütiger Ulk ohne Saft und Kraft er hatte ihnen geschmeckt wie die Schellfische, die sie on einem Tage dec Woche anstatt des Fleisches zu essen bekamen.
Das waren noch große Zeiten gewesen, als Daniela an den - Nachmittagen bei der Bande gewesen war! Man konnte nicht sagen, daß sie die Anführerin war. Man hatte den Großen Kurfürsten, wie man Agamemnon hatte. Aber was den Griechen die präzise Wildheit d ) bedeutet hatte, das bedeutete den Tertianern di« pfeilgrade Raserei der bogen-bewaffneten Daniela.
richts- und Arbeitsstunden, bei den Mahlzeiten, abends in der Kapelle, — was aber hatte das mit Daniela im Zelt zu tun? Wir haben eine Schwester, mit der wir das Zimmer von den ersten Tagen der Kindheit teilten, — werden wir es wagen, mit ihr zu scherzen oder zu streiten, wenn sie geschmückt zu ihrer Hochzeit schreitet?
Borst horchte sehnsüchtig und ganz heiß vor Angst auf einen Laut. Hatten die Doggen Danielas angeschlagen, diese gelben Hunde mit den leopardähnlichen Fellen? — Nichts! Diese verschmähten es, auch nur einen Laut zu geben. Die Doggen Danielas bellten nicht, weil Borst der Klein« und der jammervolle Bastard zu seinen Füßen vor der Bannmeile des Zeltes standen. Doch wußte es der Spähende, daß vier Tieraugen, vielleicht sogar zwei Menschenaugen ihn beobachteten.
Aufgeregt seinen Speichel hinunterschluckend und seufzend wandte Borst sich ab. Eilig trabte er zurück, mit seinem einwärtsgekehrten Jungensgang.
Da hörte er Schritte. Crwachsenenschritte! Obwohl sie ganz deutlich zu vernehmen waren, dennoch hielt es Borst für angebracht, — denn so hatte er es bei den andern gesehen! — sich platt auf die Erde zu werfen und mit dem Ohr am Boden zu lauschen. Er zuckte vor Entsetzen zusammen, denn ein Käfer kroch ihm am Rande der Ohrmuschel entlang. Borst konnte ihn nicht erwischen. Insekten sind die eigensinnigsten Tiere der Erde- was sie sich vorgenommen haben, führen sie aus. Dieser Käfer hatte es darauf abgesehen. Borst verrückt zu machen. Der Junge krümmte sich, als werde er am Bauche gekitzelt, und er schlug die Arme über seinen


