Funkelnde Eisenbahnschienen wurden
und
ihm herab.
(Fortsetzung folgt.)
SchriMei King: t. V. Dr. <^r. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindmckeret, R. Lange in Gießen.
als die um
wolle sie nichts mehr von Vorgänge ihrer Klasse an? ihren Gefangenen durch
nur ihm
Daniela tat. Was gingen sie Höflichkeit, —
mit dieser Frage etwas vergeben zu haben. „Nein. Angeklagt."
der ganzen Sache hören. So fragte sie aus reiner Gleichgültigkeit nicht ZU
gleises stand ein einsames Haus, dort hing zwischen noch frühlingsgrünen Sonnenblumen eine Schürze, die im Winde wehte, und aus dem Haufe hörte man ein fernes, fernes Klopfen, das zart verstummte, bald wieder dann mit neuem Schall begann. Von einem der sieben Dörfer, die sie überschauen konnten, war auch zuweilen, wenn der Wind von dorther wehte, Musik aus einer Schenke zu vernehmen, sie klang so unirdisch und sein wie die Musik der Gnomen auf den schmalen Instrumenten ihres Volkes. Dann aber waren gegen Mittag die zwei Berge aus dem Urgesteine sichtbar, die wie Erinnerung erstarrter Zeit aus ihrer Landschaft ragten. Slawische Heiden hatten die Dörfer zu ihren Füßen erbaut. Noch heute trugen dort die Bauern an den Sonntagen die Trachten der Vorzeit. Die 'Weiber blieben, wenn sie geheiratet hatten, bei ihren Eltern, und ihre Männer kamen am Abend zu ihnen, sie zu besuchen. Die Kinder wuchsen fern von den Vätern im Hause ihres Weibes aus.
So war unendlich viel Landes zu sehen, Berge, Wälder, Dörfer, Straßen, Rauch, Schienen, eine Stadt uni) eiy Strom, und über ihnen der Himmel mit schnell ziehenden Wolken.
Die Ferne erweckte unstillbare Sehnsucht. Die Nähe wurde mißachtet, denn sie war ihnen aus ihren tausend Streifzügen wohlbekannt. Sie sahen die Wolken nicht über ihren Scheiteln, sondern verlangend blickten sie zu jenen Wolken am Horizonte hin, die weiterzogen und immer neue Fernen suchten und den Abend und die Nacht und den neuen Tag. Und zu dem Dreigestirn von Bussarden sahen sie hin, die über dem letzten Friedhof der Ebene wie beständige Träume des Lebens schwebten.
Doch das Allernächste war für Borst das Allerfernste. Unstillbarer als die Sehnsucht nach Wolken, Raubvögeln und weithin laufenden Bahngeleisen war die Sehnsucht, ein einziges Mal nur die Schläfe an Danielas Knie schmiegen zu dürfen oder auch nur aus so großer Nähe sie anschauen
Das Schülergericht! Gab es eine verächtlichere Feigheit, als sich vor zu drücken?
„Ich muß gehen..." stammelte der Gefangene mit einem schiefen
Daniela im flimmernden Schatten der Rotbuchenblätter dem frechen Feinde entgegen, der es gewagt hatte, den Burgfrieden ihres Bezirkes zu verletzen.
Dieser Feind aber trat auf Daniela zu, wie der höchst demutsvolle Hirt aus sanften Fluren, der dem räuberisch schweifenden Krieger einen Laib Weizenbrotes und eine Schale voll Milch zu Überreichen und seine Gnade zu erflehen wünscht.
„Kannst du nicht lesen, du Schwein?" fuhr Daniela ihn an, und sie spie die Vogelseder aus dem Munde, während sie sich schräg rückwärts stemmte, um Meleager und Atalante zu bannen.
Sanftmütig zog Borst alles hoch, was er nur immer in seiner Stupps- nase an Feuchtigkeit aufgesammelt hatte. Obwohl ihm die Sonne gar nicht in den Augen stand, so tat er doch, als blende ihn das Licht. Er machte wiederum genau das gleiche Gesicht wie zuvor im Schlafsaal, das Gesicht einer Maur, die man bei den Ohren aus dem Bau gezogen hat.
„Kann ich dich nicht mal sprechen, Daniela? ..." stotterte er, und er zog noch einmal hoch, während er besorgt zu den mächtig sich bäumenden und gewaltig bellenden Doggen hinschielte. Man konnte Überhaupt nicht verstehen, was man sich zurief, so taut bellten diese Raubtiere.
„Was?" schrie Daniela zornig, und ihr Gesicht rötete sich. Wütend griff sie in ihren Köcher über der Schulter. Borst bekam einen entsetzlichen Schreck, aber Daniela gebrauchte den Pfeil als Peitsche für die Tiere. Sie schlug auf Meleager ein, sie stach ihm mit der Holzspitze in die Weichen. Die Dogge brüllte vor Schmerz, sie griff Daniela an. Aber Daniela überbrüüte den Zorn des verwundeten Tieres, und fester griff ihre Faust in das Würgehalsband der Dogge. Da kehrte sie Meleager in feinem Schmerz gegen Atalante. Mit einem neuen Hieb ihres Pfeiles gab Daniela die Hunde frei, und die Doggen stürzten aufeinander los. Sie schüttelten mit dunklen Uerrrrr-Tönen die ineinander verbissenen Mäuler. . ...
Daniela gab ihnen keinen Blick mehr. Sie griff mit der Faust in Borsts Haar.
„Du bist gefangen!"
„Ja", erwiderte Borst ganz leise. Er war es allmählich gewohnt, gefangen oder verhaftet oder gebunden oder angeklagt zu werden. „Jawohl, Daniela!" wiederholte er noch leiser. „Wir sind deine Gefangenen!"
Er gab Josua unt> sich selber gefangen.
Daniela zog Bindfaden aus ihrer Hosentasche. Sie fesselte Borsts Handgelenke mit heftigen Schnitten. Auch daran hatte sich Borst in der letzten Zeit gewöhnt. Aber diesmal streckte er feine Pfoten dem Bändiger mit einem fast strahlenden Lächeln hin.
„Warte!" Daniela zerrte ihr Opfer mit höchst willkürlichen Stößen hin und her. Sie wußte augenscheinlich nicht, wie sie ihm am schnellsten und einprägsamsten wehe tun könne. „Dir werde ich die Sohlen rösten, du Sohn einer Hündin! Ich habe noch Feuer!" Sie zeigte auf den glimmenden Haufen, über dem an einer Stange ein Äluminiumkesfel hing. „Du trittst jetzt hier vor dieses Feuer hin! Glaube nur ja nicht, daß dir Winseln und Hilfeschreien etwas nützt! Hier wagt sich meilenweit kein Mensch her! So frech wie du ist niemand hier! Und ihr Schweine müßt ja am Tage in den Betten liegen!"
„Ja", erwiderte Borst höflich, und er dachte durchaus nicht an Winseln und Hilfeschreien, sondern mit zärtlich beglücktem Lächeln sah er zu seiner Siegerin auf.
Dies bemerkte Daniela. Ihre grauen Augen flammten wie eine Staubwolke auf i>er Straße, in der das Abendrot leuchtend sich bricht.
„Du lachst mich aus?" /
Sie schrie. Ihre Hand griff in Borsts Nacken.
Borst fiel in die Knie, die gefesselten Hände auf dem Rücken. Daniela drückte [ein Gesicht gegen die Glut des Feuers hin.
Aber wie sie nun nicht den geringsten Widerstand in den Muskeln dieses Nackens spürte, sondern ein hingebungsvolles Einverständnis mit allem, was immer sie sich Grausames für ihren Feind ersann, wie sie sogar bemerkte, daß Borst tapfer das Gesicht der Glut des Feuers genähert hatte und schon der Brandgeruch seines versenkten Haares, seines Haupthaares sowohl wie seiner Wimpern und Augenbrauen, zu ihr emporstieg, wie Brandgeruch versengter Opfertiere zu einer Gottheit steigt, — da erstaunte sie im“ Innersten ihrer Seele, und ein Gefühl ergriff sie, das sie nie zuvor gekannt hatte.
Mit einer fast heiligen* Bewunderung und Ruhe drehte sie sich das Gesicht des geknechteten Feindes schräg ^nach oben zu. Sie sah seine von Asche bestaubten Augen, seine versengte Stirn und die noch immer lächelnden Augen.
„Ist es dir gut so, Daniela?" fragte Borst.
Daniela hob Borst auf. Zwar jerrten’ ihre Fäuste noch an seinen Fesseln, doch schweiften ihre Augen schräg zur Seite.
Sie standen plötzlich beide wie Kinder da, die einander soeben erst kennengelernt haben und nicht recht wissen, was für eine Art von Spiel sie spielen sollen.
Dann aber drehte Daniela sich um.
„Wir wollen auf meinen Baum klettern", sagte sie, und sogleich schwang sie sich am Stamm ihrer Buche empor.
„Ich kann nicht, Daniela!" rief Borst schüchtern, und erinnernd bewegte er die gefesselten Hände auf dem Rücken.
Daniela überlegte einen Augenblick. Dann sprang sie von ihrem ersten Ast auf den Waldesboden zurück. Mit den langen schlenkernden Schritten ihrer hohen Beine ging sie in ihr Zelt.
Sie kehrten zurück, einen verrosteten^Dolch in der Hand. Ohne Borst anzusthen, das Gesicht schamvoll zur Seite gekehrt, als verrichte eine Charitin am Leibe eines verletzten Kriegers ihren Dienst, so durchschnitt sie die Fesseln des Eindringlings.
Dann fuhr sie, wie eine Gottheit schwebend, in die Krone ihres Baumes empor.
Vorst folgte ihr.
Er brauchte lange Zeit. In der Mitte des Stammes blickte er keuchend- auf den Erdboden zurück.
Da lag Josua einträchtig zwischen Meleager und Atalante, und alle drei Hunde hatten die Köpfe erhoben.
IX.
Lange Zeit saßen die Kinder schweigend auf dem Wipfel der Buche. Sie blickten über das weite Land hinweg.
Borst hatte nicht gewagt, neben Daniela auf dem Brett Platz zu nehmen, und Daniela hätte es ihm auch nicht gestattet. Ein Gefangener muß sich zu den Füßen seines Siegers niederkauern.
Borst hockte auf einem tiefer gelegenen Buchenaste, fein Gesicht war von der Asche geschwärzt, und seine SugenbYaue von der Glut versengt Die Schläfe war ihm nahe an Danielas Knie. Er wagte nicht, Daniela anzusehen, und er wagte es auch nicht, zu ihr zu sprechen. Daniela aber verschmähte es, ihm auch nur ein einziges Wort zu geben. Borst sollte nicht etwa glauben, daß sie neugierig sei, das Geheimnis der Tertia
hilflosen Blick.
Daniela verschmähte es, auf solch einen blödsinnigen Ausruf auch eine Antwort zu geben. Ging ein Gefangener nach Haus, wenn es beliebte? War es nötig, ihn noch einmal da unten am Feuer zu rösten?
„Daniela", flüsterte Borst, „weißt du vielleicht, wieviel Uhr es ist?
von ihm zu erfahren.
So richteten sie beide ihre Augen auf die Landschaft. Am Horizont der Ebene blitzten in der Nachmittagssonne Teiche und Bäche. Fern leuchteten Grabsteine eines Dorffriedhofes auf, und der Hahn auf der Stange des Kirchturmes zeigte fein schimmerndes Gefieder. Es war auch ein Frühlingsregen in der vergangenen Woche herniedergegangen, und in den Radspuren vieler Landstraßen und Feldwege der Runde spiegelten sich die schnell dahinziehenden, klar umrandeten Wolken des Himmels.
‘ sichtbar, an einer Stelle des Bahn-
verletzen:
„Weshalb?"
Sie hatte schon wieder eine andere Vogelfeder im Munde, an der sie kaute, — eine Feder, die so grau war wie ihre Augen.
„Ungehorsam. Auskneifen vor dem Feind."
Daniela taute verächtlich. Ein Seitenblick aus ihren Augen.
„Bist du feige?"
Borst wurde blutrot.
„Nein!" entgegnete er heftig.
Jetzt sah Daniela ihn aufmerksam an.
„Du hast dich sehr gut vor dem Feuer gehalten." ....
Borst erglühte vor Freude. Wenn er die Schläfe wie von ungefähr an Danielas Knie schmiegte? Er hätte es nie gewagt, aber in feiner großen Freude tat er es dennoch.
Daniela ließ es ruhig geschehen. Etwas verwundert schielte fie zu
oder ein Wort des Vertrauens sprechen zu dürfen.
Plötzlich ergriff ihn ein Schreck. Er sah nach dem Stand der Sonne. ~ ' ------- ~ - ihm
Daniela sah hochmütig zur Sonne hin.
„Das sieht man dochst' erwiderte sie geringschätzig. „Viertel sechs."' Sie zog zum Ueberfluß eine Uhr aus -der Hosentasche.
„Zwölf Minuten nach fünf", stellte fie triumphierend fest.
„Ich muß nämlich zum Schülergericht um sechs." Daniela spitzte die Ohren. Das war interessant.
„Bist du Richter?" fragte fie, doch schon bereute sie es, ihrem Stolz


