Der Abend.
Von Josef Freiherrn von Eichendorfs.
Schweigt der Menschen laute Lust: Rauscht die Erde wie in Träumen Wunderbar mit allen Bäumen, Was dem Herzen kaum bewußt, Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen leise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust.
Der Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer.
Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.
(Fortsetzung.)
VIII.
Einige Schritte vor dem höchsten Punkt der Hexenkuppe stand eine alte hohe Rotbuche. Wer auf ihrem Wipfel sah, übersah das welle Lanb. Dort hatte sich Daniela aus zwei Brettern einen Anstand gebaut. Wie eine Gebirgsbrücke über dem unten schäumenden Strome, so wagehalsig gingen zwei schief angenagelte Bretter auf dem Wipfel de che ®on einem Ast zum andern. . <_ . .
Mit lang hernbhängenden Beinen, auf den Knien «n Buch, den rechten Arm schräg nach oben gestreckt, wo die Hand den etzten Ast vor dem Wipsel umklammert hielt, während die l-nke ausgebrellet neben ihrem Schenkel auf dem rauhen Brette ruhte; das Gesicht in der Sonne dann ®on Wolkenschatten dunkel vergoldet, dann wieder von den lockere Schattenbildern der Rotbuchen-Blätter flammend gesprenkelt - o hoch hibcr alles irdische Wesen hatte sich die zürnende Daniela cmpor-
Sch Halle eine Lederhose an und ein Hemd, das über der Brust offen Island. Die Sehne des Bogens hing schräg über shr« Brust hinten auf dem Schulterblatt hing der Kocher mit deni sechsgeflederten Pfeilen. Sie war mit Sandalen an den Fußen heraufg k eitert aber sie hatte die Sandalen verächtlich herabgeworfen. Run schaukelen die nackten Süße im Winde, und die Zehen an den Fußen spielten e.n Klettersp.e!
Sie hatte kurzgeschnittenes Haar, dunkelbraun und samten wie Bienen- «-elz. Doch in der Sonne leuchtete es sowohl an d " Spitzen, w« an -den Rändern der hohen, kriegerisch und kühn gewowten Stirn, endlich -auch im Nacken, an den Brauen und Wimpern nut ^blonden Lichtern hart und herrisch auf. Ihre Augen waren so grau, wie der,Le,b lene Woqels der jetzt mit einem pfeifenden Warnungsschrei über ihrem Haupte' daherzog. Sie hielt auch eine Boaelfedcr schräg wie em^Zigar tt mn Munde, sie kaute an der Wurzel, um vom S-schm-ck de- »ogM«»« ®tmas noch zwischen ihren Zähnen zu haben. Ihre s, g. b(?r ^>ände mit den langen biegsamen 8'Ugern hatten d
»ewühlt, denn ein Pfahl am Zelt hatte sich gelockert und es war noug -gewesen, ihn fester in die Erde zu rammen. Nun «°ren die Hande lllchbraun geworden, wie das ganze Land unter h umarenzt wie Die Nägel ihrer Finger waren an den Raudern . ' bje
man es auf Bildern der alten Meister steht. Aber Daniela l'e m Sauberkeit. Mehrmals am Tage begoß ste ihren K p „ te ;ct,f mit Wasser. Sie stand viel unter der stürzenden Brause. <5uj bobete j 8 hchon im Fluß, der noch eisig war; sie oerschmah^te . < So rieb sie
'Sie ärgerte sich oft über manche der schmutzigen B g • mU
'denn auf dem Wipsel der Rotbuche an 'hs^,stE ibre Bemühun- Mißtrauischen und zornigen Seitenblicken hinschielte. D ch h lgen um Reinheit waren erfolglos.
>jaar damit du ruhig wirst und dich wieder schlasen legst. Du willst ld,t>JRutterl" sagst du. Möchtest die Aermchen um sie schlingen.
Sie chüttelt den Kopf.
Su: „Mutter!" Immer fort: „Mutter!"
Sie legt den Finger auf ihren Mund. Zeigt nach dem Bett Renates. Ae — drei Jahre war sic erst — schläft noch.
Nicht aufwccken!" sagt die Mutter. Geht zu Renate. Sieht nach, ob - ->■
Ich kann nicht mehr an mich halten. Will schweigen. Und schrei doch: ^rau!!"
' ° Die Angerufene breitet die. Hände schützend vor sich aus. Und — und ffl verschwunden--
Ich lauf zu deinem Bett.
Hast du sie gesehn, unsre Mutter?" sragst du.
„3a", juble ich, „ja", weine ich.
Warum müssen wir beide weinen?" willst du von mir wissen.
Ich schließ dir mit einem Kuh den Mund. Daß du mich nicht mehr vagen kannst. Daß ich dir nicht mehr antworten muß — —
Ich weiß: Man hält uns Ammen für die Speicher des Aberglaubens. Dies jedoch habe ich so gewiß erlebt, daß ich, wenn Der-da-oben mich tranf „Doris, hast du sie wirklich wiedergesehn in jener Nacht? Oder hast Vs nur geträumt?" antworten muß: „Lieber Gott, dir kann ich ,a doch Nichts verschweigen. Zugegeben: Ich hab manches Mal geschlafen, wenn ch wachen sollte. Wosür ich freilich auch manches Mal gewacht hab, wenn ulle schliefen! Aber in jener Nacht war ich wach wie am hellsten Morgen.
Warum will kein Mensch mir's glauben?! .
, Ich glaube dir", sagte Alwin Thedering — fünfzigjährig, Doktor der Medizin —, der ohne daß sie es gewahrte, neben die Alte getreten ist, nimmt ihre Hand, nimmt ihren Arm, legt ihn in den seinen und geleitet lie Zitternde aus dem braungetäfetten Speisesoal zurück in ihre gekalkte R'ammer.
Daniela las auf eine ähnliche Art in ihrem Buch, wie die Tiere hn Walde sich dem Schlaf zu überlassen pflegen. Jeden Augenblick sah sie sich wachsam und mißtrauisch, mit den streng gewölbten grauen Augen, in der Runde um. Unten zwar hüteten die leopardahnlichen Doggen, Meleager und Atalante, ihr Kriegerzelt, aber der Gesichtssinn der Doggen war größer als ihr Geruchssinn. Sie waren wachsam im Maße ihrer Fähigkeiten, den Feind zu sehen, nicht ihn zu riechen. So muhte hoch oben Daniela ihre eigenen Augen gebrauchen.
Obwohl die Tertianer in den Betten lagen, wie Daniela zu ihrer höhnischen Freude es glaubte, so war an den Sonntagen wie auch an jedem Freinachmittag eine erhöhte Alarmbereitschaft geboten. Man konnte nie wissen, ob die da unten nicht eines Tages einen Ueberfall aussuhren und Daniela schrecklicher demütigen würden, als sie es bereits getan hatten. Sie war entschlossen, Eist zu nehmen, wenn man sie je wieder an den Marterpfahl binden würde. Sie hatte sich aus dem Laboratorium ein Stück Schwefel gestohlen. Sie meinte, es werde genügen, sie vor jeder neuen Erniedrigung zu schützen.
Noch aber war sie Beherrscherin ihres Gebietes. Noch war der Bogen mit der echten Renntiersehne immer zur Hand, noch der Köcher mit den schneidenden Pfeilen. Noch waren die Augen scharf, obwohl so manche einsame Träne des empörten Herzens sie hätte trüben können. Und Atalante und Meleager hatten Raubtierzühne in ihren breiten Mäulern und Bärenstärke in ihren Gliedern.
Damals hatte sie die Tiere nicht auf die Tertia gehetzt, damals halte sie die sich aufbäumenden Leiber mit einem Fingerzeig zu Boden gewiesen! Heute würde sie den großen Jagdschrei ausstohen! Und mochten die Knaben sich zerfetzt in ihrem Blute wälzen! Mochten dann doch ihre, Danielas, Hände und Füße gefesselt werden, mochten die Gerichte kommen, — nicht die Schülergerichte, die sie mißachtete, sondern die großen draußen in der Welt, — sie würde mit lachendem Munde vor den furchtbaren Richtern der Erwachsenen es aussagen: ,Jch habe nur zehn von ihnen getötet! Saul hat hundert getötet, aber David tausend!'
Während ste noch daran dachte, mindestens zehn Tertianer zu töten, ging ihr Blick forschend über das weitö Land.
Am Rande des Niederholzes blieb er argwöhnisch hasten. Dort, an der Grenze der Brombeersträucher, vor ihrer Tafel, hatte es sich geregt! Sie hatte die Augen eines Sioux. Keine Bewegung des Gesträuches in der Meilenrunde ringsum konnte ihr entgehen. Bedenklich hob sich die rechte Braue, blond wi« die Rose des Marechal Niel. So hoch stand die seine, wassenförmig gebogene Braue, daß sie den Ansatz ihres Haupthaares
fast berührte. , , . , .,
Plötzlich stieß Daniela einen kleinen rauhen Schrer aus. Zu gleicher Zeit bellten unten am Zelt Atalante und Meleager.
Ein Feind mit seinem Hund hatte die Grenze überschritten! Gefahr Ihr Zelt, die Zuflucht ihres Stolzes, und ihre Würde waren in Gefahr!
Sie riß den Partherbogen von der Schulter. Ihre Faust griff in die Wölbung des Bügels. Schon lag der Pfeil auf der gespannten Sehne. Sie zählte. Drei Schritte noch und ich nagele die Sohle seines Fußes auf dem Erdboden fest! Herr Doktor Heßler soll Arbeit bekommen!
Die Gestalt entschwand einen Augenblick hinter Baumstämmen. Doch zögernd sichtbar blieb der Hund.
Jetzt erkannte Daniela den Hund und an dem Hund auch den Herrn.
„Der Köter!" . ... ,
Ihre Lippe entspannte sich, wie die Sehne ihres Bogens. Ganz schief vor Verachtung stand der Mund in ihrem Gesicht. e
„Ich werde ihm seinen Köter hinrichten!"
Die Sehne spannte sich aufs neue.
„Ich will die beiden da unten lehren, hier zu spionieren! ... Den haben sie sich zum Spion abgerichtet, denn zu was anderm taugt er nicht!" , ...
Josua war in Lebensgefahr. Er schien etwas Aehnllches zu vermuten. Das Ganze machte ihm" einen höchst ungemütlichen Eindruck. Es lag etwas in der Luft. Er tief durchaus nicht mehr im Galopp durch das feindliche Gebiet. Er legte sich in den Schatten eines Baumes, als sei er plötzlich sehr müde geworden. Er legte sich auf den Bauch und öffnete japsend das Maul. Es schien ihm heiß vor Angst geworden zu sein, too schweigsam und bedrückt wie er nun, pflegen vor einem Erdbeben die Vögel sich zu verhalten.
Da wurde Daniela anderen Sinnes. Sie war entschlossen, der Sache setzt endlich einmal auf den Grund zu gehen. Sie wollte den Spion lebendig in ihre Hand bekommen. Und wenn er keine genügende Entschuldigung vorzubringen hätte, dann wollte sie ihn an den Marterpfahl binden, ihn und seinen Hund. Sie hatte noch Feuer genug vor ihrem Zelt. Es glomm noch reichlich in der Asche. Sie wollte Borst und Josua die sechs Fußsohlen rösten. , ... . . . . o .
Als fahre ein Blitz von der Krone herab zischend durch das Laub, so mit erdwärts gerichteter' Stirn durchschnitt Daniela das raschelnd zurückwehende Laub ihres Baumes.
Die gelben Doggen sprangen am Buchenstamme hoch, an dessen Futz fic angebunden waren. Wie beim Königssprung warf Daniela sich mit einem Satz über sie hinweg, um nicht von ihrer stürmischen Begeisterung zerrissen zu werden. Die Hunde hatten lange Speichelfäden an den Mäulern und blutig runde Augen vor Kriegerlust.
Daniela ergriff sie an den Riemen. Die Hunde widersetzten sich. Cie wollten frei sein und stürmen. Sie wollten Borst und vornehmlich Josua zerreißen Sie wollten mit Josuas vier Beinen einen Tanz ausfuhren. 3e zwei von diesen Bastardbeinen ins Maul, und dann zuseheiy was es gibt, wenn man daran zieht wie an einem Kssrtenschlauch. ®in paar Zall länger würde der gute Josua schon werden, Meleager und Atalante konnten Daniela dafür bürgen. „ ,
Aber Daniela griff mit heftiger Hand in ihre Halfterriemen und zerrte an den Würgehalsbändern, daß den Doggen das Blut aus den Augen spritzen wollte. ... . , ,, _..
Der Bogen und der Köcher hingen wieder über den Schultern. Die Voqelseder lag schräg und verächtlich im Winkel des Mundes, in jeder dieser hochmütigen Fäuste lag der Zügel eines Raubtieres, — so schritt


