Er hatte sich dazu erst von seiner eigenen Frau scheiden lassen müssen, was sehr rasch vonstatten flin. . .. .. ,
War ihre erste Ehe traurig, die zweite unglücklich, so ist ihr diese dritte zum Verhängnis geworden, Bothwell war Protestant, Er hat spater auf seinem Totenbett gestanden, daß ihm „die Verführung der Königin mit Hilfe von sweet waters“ gelungen sei,
„Er wird nicht lange ihr Ehemann sein , schrieb du Croc an Katharina von Medici, „er ist zu verhaßt in seinem Königreich," Also wieder keine Aussicht auf ein langes Glück! Bothwell galt im Volke als Lwrn- leys Mörder. Auf ihrer jungen Ehe lag ein Schatten, Bis dahm geliebt, vergöttert, verwöhnt, schlug nach dem unaufgeklärten Mord an Darnley die Stimmung gegen die Königin plötzlich um. Feindseligkeiten und Intrigen setzten ein, Religionskämpfe im eigenen Lande. Ihre Negierung war nur noch ein Scheinregiment. Man trachtete ihr nach dem Leben. Sie wurde gewarnt, floh in Männerkleidung und Sporen mit Bothwell, verbarg sich in einem einsamen Schloß und entkam ihren Verfolgern. Aber ihrem Schicksal entkam sie nicht.
Eines Tages brach der Sturm offen gegen sie aus. Man setzte sie in dem einsamen Schloß Loch-Leven am Meer gefangen und zwang ihr die Feder in die Hand, mit der sie ihre Abdankung unterschrieb. Und dann kam das Ende. Es gelang Maria zwar, nachts übers Meer zu entfliehen, aber nach England, in die Arme Elisabeths, die schon lange auf diesen Tag gewartet hatte. Das Ende war Schloß Fotheringhay, eine neunzehnjährige Gefangenschaft und das Schafott. Auch auf ihren letzten Bildern, in der Gefangenschaft gemalt, hat Maria Stuart immer noch ihre feinen Hände, die unheimlich schillernden Augen und diesen rätselhaften kapriziösen roten Mund.
Im Britischen Museum liegt ein Brief Marias an Lord Burghley, in dem sie ihre bescheidene Einrichtung in ihrer Festung auszeichnete, und ihr letztes Schreiben an Elisabeth, in dem sie bittet, ihrem Leiden „rasch ein Ende zu machen". — „Gott mag denen vergeben, die mein Blut vergossen haben", war ihr letztes Wort. Bothwell war es gelungen, sich ins Ausland zu retten; er wurde in Dänemark gefangen und sah lange in Malmö im Gefängnis. Er starb geisteskrank im dänischen Gefängnis. Er beichtete, daß die Königin keine Schuld an Darn- leys Tod gehabt hätte. In einer Galerie Edinburgs hängt fein letztes Bild, ein „mumifizierter Kopf". Die Gründer des blutigen „Bund der Lords" endeten alle rasch: Marias Nachfolger, ihr Halbbruder Murray, der Regent, wurde nach kaum dreijähriger Regierung ermordet; fein Nachfolger Lenox wurde gestürzt. Lethington starb an Gift, Kirkcaldy wurde gehängt, „mit d-m Gesicht nach der Sonne". Hunthly verunglückte auf schreckliche Art. Nur Archibald Douglas, „dem alten Fuchs", gelang die Flucht nach England; er wurde verbannt. Morton überlebte sie alle; er nahm die Stelle Murrays ein, aber auch ihn ereilte das Schicksal: er starb auf dem Schafott.
Marias Sohn, der kleine Jakob VI., blickt auf den Bildern in feinen zu kleinen Feberhütchen, einen großen Falken auf der kleinen Faust, so hilflos und unglücklich in die Welt. Seine Mutier war gefangen, er war allein — ein kränklich Haffes, trauriges, armes Kind, ein kleiner Märtyrer. Er hat keine sonnige Jugend verlebt. Und seine erste Tat war bei seinem Regierungsantritt, daß er Martan als „Mörder seines Vaters" hinrichten und den Körper seiner enthaupteten Mutter in ihrer Heimat feierlich bestatten ließ.
Sollen bei mir sein!
Don Hans Franck.
Ich weih — wehrt, noch ehe jemand widerspricht, die siebcnundsiebzig- jährige Doris ab, die man auf den Wunsch ihres Brustkindes, des fünfzigjährigen Doktors der Medizin Alwin Thedering, aus dem Hühnerftall in den gästegefüllten, braungetäfelten Speisesaal gerufen hat — ich weiß: Man hält uns Ammen für die Speicher des Aberglaubens, und ich will mich gewitz nicht leer davon sprechen. Ich mach auch mit keiner Arbeit am Montag den Anfang, stell auch in der ersten Mainacht den Besen rechterhand neben die verschlossene Haustür, klopf auch, wenn einer sich im Lob der Gegenwart übernimmt, dreimal unter den Tisch. Aber dies hab ich so gewiß erlebt, wie ich dem Pastor Dorothea heiße, obwol alle andern mich Doris rufen. Und wenn man mich vor Gericht schleppt, wo man ja wohl drei Finger zum Himmel heben muß, weil sie einem sonst nicht glauben, daß man die Wahrheit spricht, so werd ich alle zehn Finger hochhalten und sagen: „Es war, wie ich's erzähl!" — Nicht ungeduldig werden, Herr Alwin. Ich fang ja schon an--
Also: Es geschah in jenem Jahr, als Deutschland drei Kaiser hatte. Achtzehnhundertachtundachtzig. Unsre Frau war bereits sechs Monate aus dem Haus. Krank! Brustkrank sagten wir gewöhnlichen Leut. Der Herr und die Nachbarn, welche Sonntags mit der Kutsche zum Nachsragen tarnen, sagten anders. Der Doktor sagte noch anders. Wir meinten aber alle das Gleiche.
Im Januar hate man unsre Frau weggefahren. An einen See. Hinter jene Berge, die so hoch sein sollen, daß sie den Nordwind zurückhalten. Sie wollte nicht von Haus fort.
„Sterben", fagte unsre Frau, „sterben muß ich hier — sterben muß ich da. Ich weiß nicht, ob man dem Menschen das Sterben leicht machen kann. Daß man's ihm schwer machen kann, weiß ich jetzt. Laßt mich doch hier!"
Aber der Herr — dreiunddreißig war er damals, dreißig unsre Frau ■— der Herr und auch der Doktor sagte: „Von Sterben kann keine Rede fein. Nur von Gesundwerden. Hier allerdings dauert Jahre, was wir dort in Monaten schaffen!"
Unsre Frau hat ihnen nicht geglaubt. Das sah ich wohl. Der Herr sah es auch. Und der Doktor sah es. Doch sic drängten: „Fort!"
Schließlich sagte unsre Frau: „Ja!" Aber eh' sie Ja sagte, lieh sie sich vom Herrn versprechen: „Wenn die letzte Stunde kommt, sollen meine Kinder bei mir sein!" Sie verlangte fein Gelöbnis aufs Wo und Wie. Nur: „Die Kinder sollen bei mir sein!" Ob man unsre Frau rechtzeitig hierher zurück, ob man Sie, Alwin, und Sie, Renate, rechtzeitig an den
See hinter den hohen Bergen brachte — gleichgültig. Nur: „Die Kinder sollen in der letzten Stunde bei mir sein!"
Darauf nahm unsre Frau in diesem Saal, den man zur Kapelle gemacht hatte, weil die kalte Kirchenluft ihrer kranken Brust wehtat, mit dem Herrn und aller Dienerschaft das Abendmahl: „Die Kinder sollen bei mir sein!" , _ , ... . .
Am andern Tag, am 23. Januar, ein viertel nach sieben Uhr in der Früh, fuhr man sie fort. .
Es ging unsrer Frau hinter den hohen Bergen besser, schrieb der Herr. Es ging ihr soviel besser, daß er sie Ende März, als die Frühjahrssaat bei uns anfing, allein laßen konnte.
Unsre Frau schrieb dem Herrn liebe Briefe. „Besser! hieß es >ed«n Sonntagmorgen. So oft hieß es „Besser —--", daß ich mich wunderte,
warum nicht ein Brief kam, in dem „Gut" stand.
Als ich's dem Herrn endlich mal sagte, antwortete er: „Es ist eine schleichende Krankheit, Doris. Jahre braucht's, bis sie den Weg in einen Menschen hineinfindet. Wie follt's also keine Jahre brauchen, bis man sie wieder aus dem Menschen herausgedrängt hat."
Monat um Monat gings im gleichen Sonntagsschritt so weiter: Reffet — —
Am ersten Sonntag im Juli blieb der Brief unsrer Frau aus. Auch am Montag. Auch am Dienstag.
Mittwochs ein Brief vom Doktor: „Rückfall!"
Der Herr jagte zur Bahn.
„Die Kinder mitnehmen?" fragte ich, als wir die Koffer packten.
Einen Augenblick glaubte ich: ,Der Herr wird Ja jagen!' Dann schüttelte er den Kopf: „Mitnehmen? Nein! Wahrfcheinlich nachkommen laßen. Erft mit dem Arzt sprechen. Ich geb genaue Nachricht."
Im ersten Brief hieß es: „Die Kinder brauchen die Anstrengung der langen Reise nicht auf sich zu nehmen. Ein Rückfall — ja. Schlimmer als bisher — ja. Aber nicht schlimm." Bald meinte ein Brief: „Die Kinder müßen wahrscheinlich doch kommen. Es geht bergab!" Der nächste Briest „Reise der Kinder unvermeidbar. Wann abfahren, werde 'ich schreiben." Schließlich ein Brief: „Alles vorbereiten zur Abreise Alwins und Renates! Aber nicht fahren, eh' ich telegraphiere, mit welchem Zug!"
Da — es war am 28. Juli — da wollte ich ohne Telegramm mit ihnen losfahren. Warum hab ich dem Stück Papier gehorcht? Warum nicht meinem Herzen? Das befahl mir: ,Reifen!' Weil es hörte, was Unsre Frau schrie: „Die Kinder sollen in der letzten Stunde bei mir fein! Warum bin ich mit den Kindern zu Haus geblieben?
Am 29. keine Nachricht. Wir gingen des Abends früh zu Bett. Die Koffer waren gepackt. Die Kleider lagen bereit. Der Wagen stand vor der Tür. Die Füchse mußten mit dem Sielengeschirr schlafen.
In dieser Nacht — der Herr hat mir’s mehr als ein dutzendmal erzählt — richtet sich einige Minuten vor zwei Uhr unsre Frau un Beit hoch und verlangt: „Meinen Schimmel!"
„Wofür?" fragt der Herr.
„Zum Reiten!"
„Wohin?"
„Zu meinen Kindern."
„Warum?"
„Weil Ihr Euer Wort nicht gehakten habt!"
„Welches Wort?"
„Daß meine Kinder in der letzten Stunde bei mir sein sollen.
Der Herr versichert ihr: „Von Sterben kann keine Rede fein. Es geht freilich etwas schlechter. Aber sterben? Kein Gedanke!"
Unsre Frau befiehlt: „Meinen Schimmel!", meint: „Meinen Schimmel!", schreit: „Meinen Schimmel!!"
„Du hast in sechs Jahren nicht mehr geritten —* sagt der Herr. „Wirst vom Pferd fallen —"
„So soll man mich drauf feftbinben!" sagt unsre Frau.
„Es ist bis nach Haus zu weit fürs Reiten."
„Einen Wagen!"
„Du kannst nicht solange sitzen."
„Legt mich auf den Wagenboden!"
„Ich darf dich nicht aus dem Zimmer laßen."
„Meine Kinder sollen in der letzten Stunde bei mir fein!!" schreit unsre Frau -unb fällt — grab schlägt die Uhr zwei — ins Bett zurua Die Augen offen. Aber ohne Licht. Die Lippen aneinandergefchweißt. Kein Atem geht zur Nase rein unb raus. ,Tot!' denkt ber Herr. Unb wartet — gelähmt an Hanb und Fuß ■— auf den Augenblick, der ihn selbst, wie das Phhh! eine Stallaterne auslöscht.
Eine Stunde lang liegt unsre Frau ohne Leben auf dem Lager. Eine Stunde lang sitzt der Herr, der nicht weiß: Lebt er ober ist er auch schon verstorben? an ihrem Bett.
Als bie Uhr „Drei!" ruft, schließt unsre Frau bie Augen. Deffnet den Mund. Sagt: „Nun kann ich sterben! Ich war bei unfern Kinbern!'
Der Herr ist aufgesprungen unb zunächst zur Telegraphie gelaufen. Erst bann zum Doktor. Der hat unterwegs immerfort gesagt: „Ausgeschlossen! Sie stirbt nicht! Es muß noch Wochen, muß noch Mona.e dauern."
Aber nach einer halben Stunde ist ihm unsre Frau unter den Händen verschieden. . .
Da hat ber Herr bem ersten Telegramm ein zweites nachgejagt. Sino beibe zu gleicher Zeit, am 30. Juli, bei uns eingetroffen. Das, welches schrie: „Sofort kommen mit ben Kinbern!" unb bas, welches weinte. „Kommen ber Kinber nicht mehr nötig. Mutier heut früh sanft eni- schlafen." .
In biefer Nacht vom 29. zum 30. Juli bes Jahres achtzehnhunbert- achtunbachtzig ist wirklich unb wahrhaftig geschehen, was mir keiner glauben will: Zwischen zwei unb brei Uhr erwach ich. Schritte im Kuwer- zimmer! Ich steh auf. Mach Licht. Schleich mich zur Schwelle. Kein Zweifel: Schritte! Ich zieh bie Tür zurück. Schieb bas Licht vor muy
Da steht unsre Frau an beinern Bett, Alwin. Du — fünf Jahre warst bu bamals — hast bich aufgerichtet. Sie streichelt bir die Stirn 00


