Ausgabe 
31.7.1931
 
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GietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Freitag, den 3|.3uli Nummer 59

Lied des Lames Monmouth.

Bon Theodor Fontane.

Es zieht sich eine blutige Spur Durch unser Haus von alters, Meine Mutter war seine Buhle nur, Die schöne Lucy Walters.

Am Abend war's, leis wogte das Korn,

Sie küßten sich unter der Linde, Eine Lerche klang und ein Jägerhorn. Ich bin ein Kind der Sünde.

Meine Mutter hat mir oft erzählt

Von jenes Abends Sonne, Ihre Lippen sprachen: Ich habe gefehlt! Ihre Augen lachten vor Wonne.

Ein Kind der Sünde, ein Stuartkind, Es blitzt wie Veil von weiten. Den Weg, den alle geschritten sind, Ich werd' ihn auch beschreiten.

Das Leben geliebt und die Krons geküßt

Und den Frauen das Herz gegeben. Und den letzten Kuß auf das schwarze Gerüst, Das ist ein Stuartleben.

Maria Stuarts Schuld.

Bon L i e s b e t Dill.

(Nachdruck verboten.)

Im Nationalmuseum zu Edinburg liegt im Glaskasten, neben perl- zestickten Atlashandschuhen und unwahrscheinlich kleinen, seidenen Stöckel- chuhen verblichener Königinnen, ein schmaler weißer, goldbestickter Atlas- ragen, den Maria Stuart an ihrem unheilvollen Hochzeitstage trug, 'Is sie sich mit dem Grafen B o t h w e l l trauen ließ, der als Mörder hres zweiten Mannes, Lord D a r n l e y , galt. Im Einverständnis mit hr, sagen ihre Feinde. Jedenfalls gehörte Bothwell zumGeheimbund ler Lords", die sich zu Darnleys Tötung verbündet hatten. Es gibt eine janze Literatur über Maria Stuart, aber gelöst hat das Rätsel noch »iemand. Wir wollen uns nur mit den Tatsachen beschäftigen.

Als Maria Stuart sechs Tage alt war, wurde sie Waise. Mit 16 Jahren wurde sie aus politischen Gründen an den Dauphin von Frankreich ver­wählt. Aber diese Ehe war von kurzer Dauer. Der Dauphin starb nach «um drei Jahren an Ohrenkrebs in dem düsteren Schlosse zu Blois, das » viele blutige Taten gesehen. In demselben Schloß hielt der Sohn Mana ii'ä Midicis seine eigene Mutter gefangen, und Marias beide Onkel, der Herzog von Guise und der Kardinal von Lothringen, wurden dann rmordet. Als neunzehnjährige Witwe kam Maria nach Schottland zuruck, dessen Thron bis dahin ihr Bruder als Regent verwaltet hatte. Dank des Nebels entging sie den nach ihr fahndenden Schiffen, die ihr Elija- e t h, die Königin von England, entgegensandte. Elisabeth war die Ruck- !<hr Marias sehr wenig angenehm: sie fj*J,5 . nturJj ,Jl'

denn über Elisabeths Thronsitz schwebte ein Makel seit lenem Prozeß Segen ihre Mutter Anna Boleyn. Sie galt alsBastardtochter Hein- ichs VIII." und der König hat diese Erklärung nie widerrufen las en. Sie war für illegitim erklärt, das englische Parlament hatte sie indessen »otzdem zur Königin gewählt; aber der Makel blieb. .,

Maria war eine echte Königstochter, und wenn die Lander den Won - 'chen mit dem englischen Thron vereinigten, wer weiß, was dann geschah. Ranas Rückkehr beunruhigte also Elisabeth in ^W^m Srabe, a Jlaria entging ihren Häschern und landete in Schottland. Das O - öar bisher durch einen Regenten verwaltet worden, nun bestieg Maria ,^"um das Geburtsschloß Maria Stuarts, das düstere Linlithgow in der '»ähe von Edinburg, weht Meerlust. Eine glanzvolle Ruine heute, mi wundervollen Toren und einem prachtvollen Renaissancehof. Ueber_SKa- «as Fenstern sieht man in Stein gehauen. d'eL>lien,^ankreichs die tpfe Schottlands und die Kronen, die ihr kein Gluck gebracht haben In l*n meisten schottischen Schlössern an der Küste, die n>«erumrausch oder >msam im Lande liegen, haben sich schauerliche Dramen abgespielt die -armlos begannen, mit Hochzeitsmahlen und fröhlichen sausen ahnung- bser Kinder, die später ermordet oder zu Mördern gemacht wurden, grausam und blutig ist die Geschichte Schottlands! Wenn man drnch d. Bildergalerien der Schlösser wandert, findet man ^E^n Minitters oder Anes Köniqs oder feiner Frau, eines üords, Fürsten, I < , Kardinals em Kreuz, das heißt: hingerichtet, getopft gehan g t, ermorb t "ergiftet. Aus einem solchen Schlosse stammend, in einem solchen Lande

im 16. Jahrhundert lebend, schien Marias Schicksal von einem düsteren Horoskop bestimmt.

Maria Stuarts berühmtes Porträt als junge Witwe in schneeweißer TrauerLa veuve en Deuil blanc hängt im Museum von Edinburg. Kastanienrot schimmert ihr lockiges Haar unter der koketten weißen Wit- wenschnebbe, ihre Augen lächeln mysteriös und ihr feiner roter Mund schweigt so beredt. Sie war anmutig, nobel, freidenkend und von Natur liebenswürdig. "Es beginnt ein atemloser Kampf unter den Lords um ihre Gunst, ihr Lächeln, einen Händedruck, ein« Gnade. Temperamentvoll und verführerisch, wußte sie alle zu faszinieren. Nur einen nicht: den strengen Reformator Knox, der in einem Weiberregiment nur Unheil sah. SeinBlast against the Regiment of Women erregt viel Aufsehen und stempelte ihn zum Feind der Königin. Ihre Regierung begann mit Kämpfen im eigenen Lande, mit Schwierigkeiten mit den Lords, mit dem eigenen Bruder, mit den Protestanten. Ihr Privatleben beschäftigte die ganze Welt.

Sie schrieb elegante Briefe von bezaubernder Glätte und Klarheit der Gedanken. Mit Angst sah die königlicheVirago Elisabeth von England, die keinem Prinzen den Sitz an ihrer Thronseite gönnte, zu, wie sich die Fürsten um die schöne Witwe bemühten. Wenn Elisabeth kinderlos starb es schien so, und Maria Stuart hatte einen Sohn, so wurde dieser Erbe dreier Throne. Elisabeth hatte Liebhaber und Günstlinge, aber Maria nahm die Liebe ernst. Der 19jährige Lord Darnley, einer der schönsten Männer seiner Zeit und von gigantischer Gestalt, eroberte sie. Sie heiratete ihn heimlich. Rizzio, ihr Sekretär, hat ihr das Hochzeitszimmer mit eigener Hand in dem Unglückspalaft Holyrood hergerichtet.

Aber Maria hatte keine glückliche Hand. Ihre Ehe mit Darnley war stürmisch und voller Kämpfe. Darnley, der seine Macht über ihr Herz suhlte, anfgestachelt von einem ehrgeizigen Vater, verlangte königliche Rechte; und die konnte ihm selbst eine verliebte junge Frau nicht geben. Seine ehrgeizigen Wünsche stiegen ins Unerreichbare. Darnleys Betragen als Prinzgemahl wurde unerträglich. Er trank, gab seinen Lastern nach, die Ehe wurde sehr unglücklich. Darnley trotzte, entzog sich ihr und lebte bei feinem Vater in Glasgow. Zur Zeit» als die Gerüchte auftauchten, sie ließen sich scheiden, ein damals ungewöhnliches Ereignis, erwartete Maria ein Kind.

Eines Abends wurde ihr Vorleser Rizzio von den Lords, die bei ihr eindrangen, in ihrem Supperroom vor ihren Augen bestialisch durch Dolchstiche ermordet. Sie flüchtete, um ihr Kind sicher zur Welt zu bringen, auf das hochgelegene Felfenschloß, das Edinburg überragt. Dort kam der kleine Jakob hinter Zugbrücken und Stacheltoren zur Welt. Sein« laufe hat nicht einmal fein Vater mitgemacht.

Elisabeth wurde Patin von Jakob, seine Godmother. Darnley lag an Pocken erkrankt in Glasgow. Maria besuchte ihn, es kam zu einer ober­flächlichen Versöhnung zwischen den Gatten. Er tarn zurück, bezog aber nicht das Stadtschloß, sondern ein abgelegenes Haus, Kirk of Field, das dort stand, wo heute die Universität Edinburgs liegt. An einem Februar­morgen um drei Uhr geschah etwas Furchtbares. Ein fürchterliches Getöse ließ die Schläfer Edinburgs auffahren. Kirk of Field war in die Luft geflogen, seine Bewohner herausgeschleudert und getötet. Ruinen ringsum. Darnley war tot. Seine Mörder waren spurlos entkommen. Die Königin zeigte sich untröstlich, schloß sich tagelang in ein dunkles Zimmer ein. Sie setzte zweitausend Pfund aus für die Entdeckung der Mörder, aber die Proklamation ergab nichts. Man hat lange über den Schrei verhandelt, den eine alte Frau gehört haben will:Mercy, my cousins, der von Darnley herrühren sollte. Der Tod Darnleys blieb ein Mysterium.

Darnleys Vater, Graf von Lenox, schrieb an die Königin und beschul­digte Graf Bothwell als den Mörder seines Sohnes. Man munkelte, daß die Königin selbst bei diesem Mord die Hand im Spiele gehabt habe, daß sie von demGeheimbund der Lords" beeinflußt gewesen sei. Aber wer der eigentliche Mörder war, wer Darnley erdrosselt hatte, darüber hat sich nie der Schleier gelüftet. Die Mörder trugen Masken und ent­kamen unerkannt. Bothwells Verhaftung, fein Verhör ergaben keine Schuldbeweife. Morton und Lethington schützten Bothwell. Niemand rührte einen Finger zu der Verteidigung der Königin.

War ihre Heirat mit Graf Bothwell eine Liebesheirat? Keineswegs. Bothwell nahm sich diese schöne Hand mit Gewalt. Durch einen Hand­streich gelang es ihm, die Königin auf einem Spazierritt abzufangen, sie in sein Schloß Dunbar am Meer zu entführen. Dort hielt er sie zwölf Tage lang gefangen, besetzte das Schloß und zwang sie, seine Frau zu werden. Willigte sie ein aus Furcht, aus Not, aus Verzweiflung? Ihre Gesundheit war erschüttert, ihr Gemüt verdüstert und geängstigt. Sie saß gefangen in Dunbar. Niemand rührte sich, ihr zu helfen. Die Lords waren im Bunde mit Bothwell. Kaum drei Monate nach dem Tod ihres zweiten Satten, am 15. Mai, wurde Maria Stuart mit Bothwell getraut.