Zwei wollen zum Theaier.
Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz.
Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlaa. Berlin.
(Nachdruck verboten.) (Fortiegung.)
Er reichte Rose die Hand. Der nahm sie, drückte sie sest. „Ganz auf meiner Seite. Mir ist nun eigentlich ein Stein von der Seele. Haben Sie schönen Dank. Ich sehe Sie hoffentlich boch wieder. Kommen Sie doch mal zu uns heraus. Sie trinken doch sicher auch gern einen guten Tropfen. Sie können dann auch meiner Frau alles erzählen, die hat sich immer sehr fürs Theater interessiert." Plötzlich hielt er erschrocken inne: „Ja, lieber Doktor, wie bringe ich denn nun die Sache mit Gertie meiner Frau bei?"
Da lachte Büchner laut und herzlich auf. „Das müssen Sie schon allein wissen, Herr Rose. Ich wünsche Ihnen viel Glück zu der Aufgabe.
Großmutter saß schon beim Frühstück, als Isa ins Eßzimmer trat. Isa war ein klein wenig blaß, unter ihren hellen Augen lagen dunkle Schatten. Nervös. Uebermübet. Sie hatte sich aufs Bett geworfen, als sie von Büchner geflüchtet war; ihr Blut hatte bis in die Schlafen geklopft; ein Zittern war in ihr gewesen. Doch auch ein Gefühl der Frohheit: nun würde es noch gut mit Gertie, wo Büchner alles in die Hand nahm. So erklärte sie sich diese Leichtigkeit, dies Erlöstsein vom Druck. Irgendwie wußte sie, daß diese Erklärung Lüge war, daß sie mehr an Büchner als an Gertie dachte; aber dies Wissen, schob sie zurück, wollte sie nicht wahr haben. Sie hatte die Augen geschlossen und in sich hineingelächelt. So war sie auch eingeschlasen, tief, sest, traumlos, bis em Frösteln sie Übersiel, wie es Schlafende überfällt, die keine Decke über sich gebreitet. Da war es Zeit zum Frühstück gewesen, ja schon über Großmutters Pünktlichkeit hinaus.
Die alte Dame sah Isa an, wohlwollend, gütig: „Doch^ schon da, Kleines? Ich dachte, ich müßte heute ohne dich auskommen." Nein, es war kein Vorwurf in der Stimme. „Bist du sehr müde? Ist Gertie gut fortgekommen?"
Isa erschrak. „Gertie?" fragte sie gedehnt.
Nun hatte Großmutter nur ein feines Lächeln. „Willst du mich an« flunkern, Isa?"
Rot wurde Isa. „Woher weißt du, Großi?
Die Kaffeekanne zog sich Großmutter heran, goß sich langsam eine Tasse voll, tat ein Stück Zucker und ein wenig Milch hinzu. Alles langsam, überlegend. „Ach, Jsakind, wenn man erst so alt geworden wie ich, dann lieft man mehr von euren Gesichtern, als ihr denkt. Dann hat man auch einen leichten Schlaf, man liegt wach, man hört. Und in der Nacht klingt jedes Geräusch lauter. Da nützen Zehenspitzen und Flüstern nichts. Man liegt, denkt und reimt sich alles zusammen. Der gute Doktor Büchner hat mir ein bißchen was von dem dicken Mann aus Weimar erzählt, als ich ihn zufällig im Flur traf. Bei bir ftanben zwei Koffer. Die Eltern Rose kenne ich. Es war nicht schwer, Isa.
Sie trank ein paar kleine Schlucke; ein ganz klein wenig zitterte wie immer bie Hanb, die bie Tasse hielt. Sie wartete wohl, daß Isa nun etwas sagen würbe. Ader Isa schwieg und sah vor sich hm.
Ja Kind wenn man alt wird, ist das eigentlich merkwürdig: man wird wieder jung. Im Denken, im Mitdenken, weißt du. So bis zu den Sechzig will man immer nur klüger sein als bie jüngeren. Man hat noch soviel Kraft, zu verurteilen unb zu verbessern. Unb so wenig Zett, nachzudenken unb zu verzeihen. Das wird später anders. Man weih, daß man bald fort muß und es schade ist, seine Stunden an Merger und Mäkelei zu verschwenden, daß es besser ist, aus allem noch schnell eine Freude herauszuholen. Eben wie es bie Jugenb macht. Unb mit einem Male weiß man, daß die Jugend recht hat. Mit ihrem Leicht- nehrnen. Mit ihrem Wegspringen über Sorgen unb Hindernisse. Mit ihren Umwegen unb Nichtsehenwollen. Dann macht man s selbst so. Unb ift tüieber jung." ©ic lächelte, „^Jlcitürlid) nur mit bcm j)erjen, ^°Noch immer sagte Isa nichts, aber sie sah jetzt die Großmutter an. Was Großmutter doch für gute, schöne Augen hatte.
Und Großmutter fuhr fort: ,^Das Mädchen hat überdies nichts gemerkt, trotzdem die kleine Kaffeemaschine gebraucht war. Das ist auch gut so. Domestiken spinnen sich da immer gleich Romane und klatschen an den Hintertüren unb beim Bäcker. Das kommt, weil sie selbst so wenig erleben unb ihre eigenen kleinen Schicksale soviel ärmer sind als die der Herrschaft. Und lange nicht so interessant. Auch das muß man veHtehen. Aber man muß auch vorsichtig sein, Isa. Domestikenklatsch kommt nämlich wieder in die Vorderzimmer. Es gibt Herrschaften, die sich von ihren Leuten etwas erzählen lassen, weil ihre eigenen Gesprächsstoffe für bie Geselligkeit nicht ausreichen. So ist schon mancher gute Rus oer- bcrben worben."
Nun war Isas Kopf roieber tief vornüber gesunken. Auf was spielte Großmutter an? Ader ba sprach Großmutter schon weiter, fragte noch einmal: „Also, ist die kleine Rose gut fortgekommen?"
Jetzt fühlte Isa, sie müßte berichten. So sing sie an, erzählte schnell, hastend etwas zu schnell, zu hastend. Aber Großmutter schien das nicht zu bemerken, sie hals sogar, fragte nach Fleischmann, fragte nach Weimar. War für alles interessiert, sagte bann: „Ja, bie Gertie, ich glaub 5 wohl, bie roirb’s schassen. Die Roses. Das ist noch junges Blut. Unbelastet. ! Weißt bu, ich glaub' manchmal, bas Blut solcher Menschen hat ein anberes Tempo wie unseres, es pulst irgenbroie schneller. Wir haben uns durch Generationen zu wenig bewegen müssen, unb nun, wo wir bas Bewegen wieder bitter nötig haben, können wir es nicht mehr recht. Auch bei bestem Willen. Unsere Flußläuse sind schon vor Jahrhunderten reguliert worden, wie sollen wir da noch brausen und Mühlen treiben t — Aber nun mußt du frühstücken, Kind. Trink' aus, ich gieß dir noch einmal ein." . „ ,
Später, als Isa das Kaffeegeschirr zuiammenstellte und das Ttzchtuch abnahm, sagte Großmutter plötzlich vom Fenster her, wohin sie sich mit
mißglückt angesehen. Zu diesen Blättern gehörte u. a. die „Frankfurter Zeitung".
Ihr Friedrichshafener Korrespondent meldete noch am Mittag des 2. Juli — wenige Stunden vor dem Ausstieg — eine ausführliche Nachricht nach Frankfurt, die die Uebertorift trug: „Eine Ballonfahrt mit Hindernissen". Es heißt in diesem Aussatz: „Die Leiter des Unternehmens hätten alles bedacht, nur eins nicht, daß ein Lustschiff sich genau so wie eine Feuerspritze verhält, und daß es nach dem bekannten tiefsinnigen Ausspruche — .probiert sein will, wie e Kumedie' — an den Proben, an den nötigen Vorbereitungen gefehlt habe." Mit Bezug auf die Nachricht, daß die Füllung statt der erwarteten fünf ganze fünfundzwanzig Stunden dauerte, führte der Korrespondent der Zeitung aus: „Ein derartiger Rechnungsfehler kann Vorkommen, allein er läßt doch die ganze Art unb Weise, wie der erste offizielle Aufstieg des neuen Ballons inszeniert worden war, in etwas eigentümlichem Licht erscheinen ... Man war seiner Sache so sicher gewesen, daß man ... das ganze Land in feierlicher Weise zu einem Schauspiel entbot, zu dem ... nicht einmal die Ouvertüre gespielt werden konnte."
Der Berichterstatter, der dieses schrieb, der von „eigentümlicher Art unb Weise" bei ben Vorbereitungen bes ersten Ausstiegs sprach, ber berichtete, daß das Schweizer Schiff „Helvetia unter großen Gegenkund- gebungen der Passagiere den Schauplatz verlassen hätte, der nach dem Aufstieg ausführte, bie Lenkbarkeit „erscheine problematisch", unb ber es rügte, daß man bas Laub „zu einem Schauspiel entboten habe, zu bem nicht einmal die Ouvertüre gespielt werden könne", der Berichterstatter, der dieses schrieb, hieß — Hugo Ecke.ner.
Im Begriff, sich auf eine Privat-Dozentur vorzubereiten, mit den Vorarbeiten zu einem großen Buch beschäftigt, hatte er sich damals als Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" in Friedrichshafen niedergelassen. Aus diesem Berichterstatter ist erst fünf Jahre später unter sehr drastischer Einwirkung des alten Zeppelin ein bekehrter Saulus, gewissermaßen ber Paulus ber Zeppelinfahrt, geworben.
Er war ein Gegner Zeppelins, der Dr. Eckener. Er hatte vom Fluge des Luftschiffs nicht den Eindruck ber Sicherheit gehabt, bie man von einem roerbenben Verkehrsmittel verlangen mußte. — Die Bewegungen bes Schiffs in ber Luft erschienen ihm — unb nicht nur ihm — verdächtig; er glaubte nicht recht, baß alle diese Bewegungen willkürlich Vom Steuer bewirkte gewesen seien, es kam ihm im Gegenteil vor, als ob bas Schiff — burchaus nicht bem Steuer gehorchenb — einige recht gefährliche Kapriolen in ber Luft roiber ben Willen seines Meisters gemacht habe. Unb als im selben Jahr noch bie „Gesellschaft zur Forderung der Luftschiffahrt", die das Schiff erbaut hatte, unter Verlust ihres gesamten Kapitals liquidiert werden mußte, als der zweite Aufstieg bes Schiffes mit recht schwerer Beschäbigung enbete unb fein dritter mehr folgte, da schien es, als ob ber Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" recht behalten sollte.
Vier Jahre müssen ungenutzt nach dem ersten Ausstieg verstreichen ehe es Zeppelin, ber inzwischen sechsundsechzig Jahre alt geworden ist, gelingt, einen erneuten Anlauf zur Verwirklichung seiner Idee zu unternehmen. - Viele Bemühungen hatten es zuwege gebracht bafe eine Anzahl von Fabriken, wenn auch nicht Gelb, so boch wenigstens Material zur Verfügung stellten, unb schließlich genehmigte berJiomg von Württemberg eine Lotterie zugunsten bes Bausands für em steues Schiff. Der Ertrag bie er Lotterie, aus bem Vermögen Zeppelms nicht unerheblich aufgefüüt, ermöglichte im Laufe bes Lahres 1904 ben Baubeginn bes zweiten Schiffes. Der Horizont hellte sich allmählich für Zeppelin auf, ber neue Anlauf wirb mit allen Kräften vorbereitet unternommen, unb so geht die alte Exzellenz, wie ein Junger, «mut ans Werk. Aber immer wieder gibt es neue Schwierigkeiten. Auch die „F T Zeitung" hat noch immer einen Korrespondenten in f5rieond)sf)afen sitzen, der auch diesen erneuten Anlauf mit ^^freundlichen Kommentaren begleitet, unb ber immer noch Hugo Eckener heißt.
Es ist wirklich recht lästig, einen so unfreundlichen Kommentator m ber eigenen Stabt zu haben. Zeppelin erkunbigt sich nach diesem Dr. (Frfi>npr härt bnü bas ein kluger, gebtlbeter, ernsthafter JJiann sein soll datz Eckener wirklich sein Gegner sei aus ehrlicher Ueberzeugung Lnb ffneÄÄ& bei'seinen unfteunblichen KommeMaren betreibe. Da fährt im Spätsommer bes Lahres 1905 — Saturn ,
CWÄ? S^sMeL vor unb verlangt von .Jm er ^oUe D°fn b?s alten
Lnnes,' b" mit solchem Glauben, solcher Selbstverstänblichkeit unb von solchem Schwung getrieben ferne Sache bewegst i tzt ich v
stimmen, dem Wunsche Zeppelins noch m derselben ^ninuw^ zu prechen unb er fährt gemein am mit Zeppelin hinaus SA -wersi unv
Apostest Mit diesem Bekehrten und Mit di w Aposte tritt und ein wesentliches Element m den Zeppelmschen Kre .
wachen eine bessere Navigation liajrr q) t mcrben> unb seiner Hamburg, er soll — so scheint es a L m zuwenden. Doch
Wissenschaft, ber Nationalökonomie wieder ?anz ,ia) ^llen ber ÄSTK S» «
schassen. _____


