Ausgabe 
30.11.1931
 
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einer Handarbeit gesetzt hattenDer Queis hat gestern noch einmal angerufen, der Leo. Er läßt dich grüßen. Er ist nach Scherkalden zurllck- gesahren. Ich hab' ihm von Peter erzählt. Er will ihn mal in Jena auf­suchen, ihm ein bissel helfen, ihn auch Sonntags mal zu sich holen. Der Peter, es macht mir doch Freude. Vielleicht hat der doch noch einen Schuß junges Blut. Vom Vater deiner Mutter vielleicht: Die Bersten­dorffs stammten aus Oesterreichifch-Schlesien, da hat so allerlei zufammen- geheiratet."

Isa hörte zu. Aber sie erwiderte nichts. Peter hatte einen Brief geschrieben: er arbeite im Motorenwerk, es sei ein bißchen stumpfsinnig, aber das mässe eben durchgehalten werden: er verdiene ganz gut im Akkord: nur die Seife sei so verflucht teuer und Seife brauche er viel.

Sie trug das Geschirr hinaus in die Küche. Die Minna war nicht da. Sie machte schon Besorgungen: es war wohl später geworden als sonst, so streifte Isa ihre Blusenärmel zurück und wusch ab. Sie mußte an Peter denken. Der stand jetzt wohl an seiner Maschine. Komisch an einer Maschine, der feine Peter. Lange würde es wohl nicht dauern.

Rach den Handtüchern griff sie, trocknete Teller und Tassen, stellte alles auf das Tablett, ging ins Eßzimmer zurück, um die Sachen ins Büfett einzuordnen. Da faß Großmutter noch immer auf ihrem Fensterplatz.

Ja, der Leo", sagte sie,der. Leo Queis. Ob ich wohl noch mal nach Scherkalden komme? Weißt du, als Leos Vater noch lebte, waren wir, das heißt dein Großvater und ich, fast jedes Jahr da. So um diese Jahreszeit etwa. Wenn die Hirsche schrien. Der alte Queis machte sich immer Sorgen um Leo: Der große Besitz und nur ein Junge.Onkel Arthur", sagte er dann wohl zu meinem Mann,Onkel Arthur, ich habe immer so das Gefühl, ihr kommt noch mal hierher." Sie war eine Weile still, stichelte weiter. Dann nahm sie ihre Stahlbrille ab, sah zu Isa hin­über, die vor dem Büfett kniete.Ja, ich war lange nicht in Scherkalden."

Isa stand auf, sie hatte genug gehört. Leo Queis Scherkalden kein Erbe. Ja, sie wußte es, sie kannte auch die Geschichte von Großvater Treutsch und Leos Vater, oft genug hatte die Großmutter sie schon erzählt und immer war der Unterton dabei gewesen: Du mußt Scherkalden den Erben gebären, das wäre das Richtige. Wie heute auch wieder.

Rein, sie hatte genug. Ihr Denken war nicht dort, ihr Denken war anderswo. Am liebsten dachte sie überhaupt nicht. Sie stieß die Büfett­türen zu und drehte den Schlüssel um. Zu fertig aus.

Du gehst wohl heute nicht in deine Stunde zu Pistorius?" {ragte Großmutter.

Richtig, Pistorius. Henke war ja Unterricht. Sie hatte es ganz ver­gessen. Was sollte sie noch bei Pistorius? Die Minna von Bärnhelm! Ach, Gott, die lag plötzlich so fern.Nein", sagte sie.

Großmutter nickte nur.Ich dachte es mir. Jetzt, wo Gertie fort ist." Und nach einer Weile:Ja, das junge Blut fehlt, die Triebkraft."

Da ging Isa aus dem Zimmer. *

Aus dem trüben Morgen wurde ein schöner Vormittag.

Gertie ließ ihren Wagen langsam laufen. Die Straßen waren gut, nur vor und hinter Bitterfeld gab es holprige Stellen, da war auch der Verkehr stärker: viel schwere Lastkraftwagen, Motorzllge. Industriegebiet. Das ging so bis Halle. Es hieß ständig aufpassen, viel hupen, immer bremsbereit. Und in Halle enge Straßen, Schupobeamte mit winkenden Armen, Verkehrszeichen.

Plötzlich spürte Gertie eine gewisse Müdigkeit. Die Nachtruhe war doch nur kurz gewesen, nur halb. So hielt sie vor einer Konditorei, schloß den Motor ab, stieg aus. Sie setzte sich ans Fenster, daß sie den Wagen im Auge behalten konnte, und bestellte sich Kaffee, Brötchen, Butter, zwei Eier im Glase. Sie war der einzige Gast: es war ja auch noch früh für eine Konditorei. Etwas nach zehn.

Jetzt war Vater längst auf seinem Büro, aber Mutter läutete wohl gerade erst nach ihrem Frühstück. Ob sie in Dahlem schon bemerkt hatten, daß sie fort war?

Draußen pendelte ein Schupo langsam und gemessen die Straße ent­lang, blieb stehen, umrundete ihren Wagen, holte ein dickleibiges Notiz­buch heraus. Was wollte denn der? Schnell ging Gertie vor das Haus. Der Beamte trat auf sie zu, freundlich fragte er, etwas breit mit dem Halleschen Mittelklang zwischen sächsisch u'nb thüringisch:Das ist wohl Ihr Wagen, Fräulein? Dürfte ich mal^Jhre Papiere sehen?"

Gertie kannte solche Kontrollen. Sie schloß die Tür auf, nahm die Papiere aus der Seitentasche.Bitte."

Der Uniformierte blätterte alles durch, dann nickte er, wieder heiter und freundlich.Alles in Ordnung. Der Wagen gehört also dem Kauf­mann Friedrich Rose in Berlin-Dahlem. Sie sind seine Tochter?"

Jawohl."

Dann geht das Mandat also nach Berlin." .

Gertie siel aus allen Wolken.Aber warum denn ein Mandat?"

Sie dürfen hier nämlich zwischen zehn und sechzehn Uhr nicht parken.

Das kann ich doch nicht wissen."

Er zeigte die Straße hinauf in der Fahrtrichtung, aus der sie gekom­men war:Da vorn sleht's angeschrieben."

Nun versuchte Gertie ihre Berliner Taktik, sie verlegte sich aufs Bet­teln:Aber, bester Herr Wachtmeister, Sie sehen doch die Nummer, Sie sehen doch, daß ich hier fremd bin. Ich wollte doch nur schnell eine Tasse Kaffee trinken."

Hilft alles nichts, Fräuleinchen, hilft alles nichts. Parken ist Parken, und Vorschrift ist Vorschrift."

Kann ich die Strafe nicht wenigstens gleich bezahlen, Herr Wacht­meister? Mein Vater schimpft immer so."

Geht nicht. Ist gegen die Bestimmung. Das Mandat geht nach Berlin. Richtig auf dem Dienstweg."

Lieber, guter Herr BZachttneister..

Nee, nee, Fräulein. Ich hab's mir schon aufgeschrieben, und was in meinem Buch steht, steht drin. Nun fahren Sie Ihren Wagen man da

drüben an die Ecke, da in der Nebenstraße, da darf er stehen. Tut mir ja sehr leid, aber es ist meine Pflicht." Er hob die Hand an den Tschako, «nachte sogar eine Art Verbeugung:Guten Morgen!" und ging davon. Ohne sich umzublicken.

_ Gertie sah ihm nach. Sie wußte nicht, ob sie lachen oder heulen sollte. Sie hatte schon manches Strafmandat zudiktiert bekommen aber das erschien ihr doch das lächerlichste.Sie dürfen hier nämlich nicht parken." Zu blöd. Da hing irgendein Schild, und nun wurde ihr erstes Lebens. Zeichen nach Berlin ein Strafmandat.

Sie fuhr den Wagen nach der befohlenen Ecke und ging die paar Schritte zur Konditorei zurück. Jetzt konnte sie den Wagen nicht mehr jehen. Gut, mochten sie ihn ihr stehlen.

Die Eier und der Kaffee "standen auf dem kleinen Marmortisch. Die Kellnerin wartete.Hat der Wachtmeister Sie ausgeschrieben?" fragte sie harmlos und fuhr bann mitleidsvoll fort:Ja, das tun sie gern hier "

(Bertie antwortete nicht. Hastig trank sie den Kaffee, hastig sie die '.?lc Altchen ließ sie liegen. Ein Satz hatte sich in ihr Hirn fest­gehackt:Der Wagen gehört also dem Kaufmann Friedrich Rose." Und der Satz arbeitete in ihr weiter, als sie wieder am Steuer saß und Rich- ^nng Merseburg-Weißenfels die freundliche Stadt ihres Strafmandats

Natürlich: der Wagen lief auf Vaters Namen. Weil er ihn gekauft baUe mel( er ihn versteuerte, weil es einfacher gewesen. Aber er gehörte "ach <hr. Und trotzdem: wie sollte sie ihn nun verkaufen? Jeder ehrliche Käufer verlangte Papiere, Befitzzeugnisse. Und wenn sie ihn nicht ver­kaufen konnte, wo sollte sie mit ihm bleiben? Von i$rer Gage konnte he doch nicht in Weimar auch noch die Garage bezahlen. Und außerdem konnte er dort nicht monatelang unter der Berliner Nummer lausen.

Wenn ich nur den dämlichen Kasten in Berlin gelassen und mit der «ahn gefahren wäre , dachte sie. Aber nun gab's kein Zurück mehr.

sie legte an Tempo zu. Irgendwo mußte sie ihren Aerger lassen. -^'"Eer Weißenfels wurde das Land wellig, wurde abwechslungsreich. Schone Blicke. Burgen lagen über dem Saaletal. Plötzlich war Naum- burg da. Der Dom ragte über die Stadt. Die Sonne schien. Der Sand- stein leuchtete. Und schon war Gertie über die schlechte Stimmung fort. Irgendein Weg wurde sich schon finden.

Sie hielt sogar vorm Domportal an; gerade da, wo ein Schutzmann n?ud.Dars ich meinen Wagen hier lassen?" fragte sie,ich will mir nämlich den Dom ein bißchen anschauen."

Aber natürlich", war die Antwort: und diesmal klang bas Ue wie ein langgezogenes I.

Da war schon roieber das Lachen in (Bertie. Sie stieg aus und schloß Freunbfchaft mit dem fanbfteinenen gotischen Stifterpaar am Dompfeiler «reute sich feiner Schönheit, fragte sich aber nicht lange nach Namen unb Aahrhunbert der Entstehung, sagte sich nur:Eigentlich bist du doch mächtig ungebildet, und kehrte zu ihrem Gefährt zurück.

. . Immer schöner wurde das Saaletal. Käsen kam, die Straßen zwischen Irrten Billen waren ruhig, seine Babesaison war längst vorbei.

Weiter. Das Saaletal bog südwestlich ab. Da stand der Wegweiser mit $u>et armen: nach Jena lautete der eine, nach Eckartsberga der andere. Und beide Straßen führten nach Weimar. Gertie nahm die Karte zu Hilfe, so oder so, es war gleich weit. Sie spielte mit den Gedanken: 3ena soll ich über Jena fahren unb Peter schnell Guten Tag sagen? Roßlaer Straße 14 bei Frau Gentschow: sie hatte die Abresse im Kopf, «"e er sie ihr auf einer Karte geschrieben. Aber bann überlegte sie weiter: 3eöt (chon Peter? Nein, es ist noch zu früh, erst muß ich fest im Sattel pgen.

Mfo hinaus aus bem Tal, hinauf über Eckartsberga

Wieder nahm sie ein gemächliches Tempo, sie kam für heule noch früh genug nach Weimar, erst in den Prinzenhof, für ein paar Tage ein Zimmer dann morgen Wohnungssuche am Vormittag, um zwölf Vor­stellung bei Fleischmann. 1

Sie war doch schön, die Zukunft.

Eckartsberga hatte Holperpflaster, bann wurde die Straße breit und gutWieder ein bißchen laufen lassen", dachte Gertie unb gab Gas Da bockte ber Wagen plötzlich, nicht viel, aber genug, daß sie schnell die Vremfe zog, bas Gas wegnahm unb an ben Straßenraub lenkte. Sie wußte sofort: Reifenpanne hinten rechts.

Sie stieg aus, sah sich bie Bescherung an. Ein mächtiger Nagel steckte im Pneu. Also Heber unterschieben, hochkurbeln, Felgen wechseln Sie wachte den Werkzeugkasten auf, holte die Winde und die Drehstange heraus, warf den Ledermantel ab. Gewohnte Arbeit war es ihr nicht, lodern5 mÜrl,e ^on 9c$en- Erst einmal die Schrauben am Felgenkranz

Das ging nach. Aber den Wagen zu heben, fiel ihr schon schwerer. Ihr wurde warm. Sie streifte auch noch den Wolljumper ab. Dann zählte sie bei leder Drehung: eins zwei, und wieder: eins zwei

Endlich war es geschafft. Sie war außer Atem. Mit einem Ruck riß rtWn Etappe vom Kopf unb ließ sich ben Wind burchs dunkle Haar n- ene Zigarette", dachte sie,bann wirb weiter gearbeitet." Aufs Trittbrett setzte sie sich, streckte bie Beine gemütlich aus,' zog ihre Taba- tiere hervor, zündete sich ihre Zigarette an. Das tat gut, so in der Sonne.

Da klang hinter ihr ein Hupenzeichen aus Richtung Eckartsberga. Sie sah die Straße hinaus: eine schwere Limousine kam da, sie schätzte schon von weitem: Mercedes, vielleicht auch ein Horch 8 oder ein dicker Amerikaner. Viel Tempo hatte er überdies nicht drauf.

Dann verlangsamte der Fremde sein Tempo noch mehr, hielt schließ- lich neben ihr. Der Chauffeur drehte die Scheibe herab, streckte den Kops heraus:Können wir etwas helfen?"

Gertie sprang auf, sie freute sich: Sportgeist, Sportkamerabschaft war da. Aber sie schüttelte ben Kopf:Nein, banke. Nur Reifenpanne. Ich werde schon allein fertig."

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche UniversiiätS-Buch. und Steindruckeretz R. Lange, Dieben.