Gertie.
Die Musik schwieg, — setzte wieder ein.
Don dem Herrentisch in der anderen Ecke loste sich Leo Queis. „Kommst du nicht mit, Peter?" fragte er Isas Brude^ Der schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht. Der Blues interessiert mich nicht. Aber melde mich immerhin an." ... , _
Leo Queis ging durch den Saal. Seine Schritte waren sicher, lang und ruhig. Sein Gang glich dem Isas, vielleicht, weil sie verwandtes Blut in den Adern hatten.
„Da kommt dein Vetter", sagte
Isa nickte. „Also doch." „ ,
Sie begrüßten sich, gaben sich die Hande. Isa stellte vor: „Graf
Queis."
„Willst du tanzen, Isa?" fragte er.
Sie erhob sich. „Gewiß." Ehe sie den Tisch verließen, fragte sie noch: „Warum kommt Peter nicht?«'
„Ich soll ihn anmelden." .
„Du kannst ihm ruhig sagen: Ich danke für die Ehre, wenn er den Weg nicht schneller zu seiner Schwester findet."
Sie gingen auf die Tanzfläche zu.
„Warum so böse, Isa?"
„Weil Peter ein Flegel ist."
„Er hatte dich noch nicht bemerkt.'
„Aber du hattest mich doch gesehen."
„Ja, ich ..."
Sie tanzten. — ... ... „
Gertie Rose sah ihnen zu. Sie verstand die Freundin nicht; sie wußte dieser Graf Queis warb um sie. Seit langem schon. Er war wohlhabend, reich sogar, Herr auf soundsoviel Gütern tn Thüringen; er war zehn oder zwölf Jahre älter als Isa, sah gut aus, war kein Bummler kein Flaneur, hatte seine Betriebe tadellos in Ordnung. Die Großmutter ersehnte sich die Verbindung. Alles war in bester Ordnung. Isa konnte aus der ganzen Misere herauskommen. Und sagte: Nein. Grund: „Ich liebe ihn nicht." Eigentlich irrsinnig.
Und Peter, der Bruder? Ein lieber Kerl, aber ein Faultier. Tat nichts Hatte ein paar Anläufe gemacht: einmal ein Vierteljahr auf einer Bank, einmal vier Wochen im Versicherungswesen, dann hatte er versucht, Automobile zu verkaufen. Zwei oder drei hatte er an den Mann gebracht, die Prozente eingesteckt, damit war es erledigt. Großmutter war ihm gegenüber schwach, sie futterte ihn durch, er hatte sein Zimmer bei ihr. Und wie Großmutter waren alle anderen auch gegen ihn schwach, die Verwandten, die Freunde: alle steckten ihm etwas zu jeder pumpte ihm und wußte, daß es auf Nimmerwiedersehen war. Jeder sagte: „Gott, der Peter Weiher, der liebe Kerl, was soll er denn tun? Sein Gut hat er verloren, Rechtes gelernt hat er nicht; und so Agent sein, das ist doch nichts für ihn; von Tür zu Tür laufen und fragen: Sind Sie schon versichert, Leben? Feuer? Diebstahl? Haftpflicht? Oder brauchen Sie einen Staubsauger oder einen Küchenmotor?" Nein, das konnte man dem Peter nicht zumuten, dem lieben Kerl.
Gertie wußte alles. Isa hatte es ihr erzählt, hatte ihr geklagt. Schon damals, als sie noch gemeinsam die Schulbank drückten, als ihre Freundschaft begann. Isa war wohl die einzige, die gegen Peter hart sein konnte. Manchmal. Dabei ist der Bengel schlau", sagte sie dann wohl, „er weiß viel, und was er nicht weiß, fliegt ihm zu, wenn es ihm geboten wird. Nur faul ist er. Und diese Freunde und Vettern sind sein Verderben. Und Großmutter mit ihrer ewigen Weichheit auch. Immer in fremden Autos, Golf mit anderen, Tennis mit anderen. Heute eingeladen zum Bridge, morgen zum Tanz. Er kann ja alles. Die Männer verwöhnen ihn, die Frauen verwöhnen ihn. Alle haben ihn gern. Und keiner sieht ein, daß er sich an ihm versündigt. Und dabei ist er gut im Grunde seines Herzens ..." So hatte Isa geklagt-
Ja _ cs war schon ein Kreuz mit dem Peter. Und dabei mußte Gertie lächeln: sie selbst gehörte ja auch zu den Verwöhnern, oft genug hatte Peter am Steuer ihres Wagens gesessen, ost genug hatte sie ihn angeklingelt: „Kommen Sie mit zum Tennis, Peter? Kommen Sie mit zum Motorbootrennen nach Potsdam? Zur Regatta nach Wannsee, zum Rennen nach Karlshorst?" Er wußte überall Bescheid: kannte die Rennboote, die Segelklassen, die Pferde, die Trainer. Peter, der liebe Peter. Isa kam zum Tisch zurück. Allein. Gertie sah, wie sie den Vetter am Rande der Tanzfläche zwischen den vordersten Tischen verabschiedete. Mit einem kurzen Reichen der Hand. Mit einem kurzen Senken des schönen Kopses.
Sie setzte sich stumm neben die Freundin, zerteilte ruhig ihren Kuchen auf dem Teller. Ihr Gesicht war steinern.
Auch Gertie blieb still. Sie kannte Isa; sie siihlte, die Freundin litt; sie ahnte, daß Leo Queis ihr wieder zugesetzt hatte. Offen, mit klaren Worten, mit klarem Antrag. Oder in wortlosem Werben, was vielleicht noch mehr schmerzte. Einen Menschen wie Isa mehr schmerzen mußte, weil sie empfand, daß sie Queis quälte mit ihrem Nein.
Zwei, drei Tänze gingen vorüber, ohne daß sie ein Wort wechselten. Dann richtete sich Isa plötzlich auf. „Laß uns gehen. Ich halte es hier nicht mehr aus." Gertie nickte nur; ein klein wenig Trauer lag aus ihrem Gesicht. Da legte Isa ihre Hand auf die der Freundin, weich, lieb: „Sei nicht böse, Gertie, du wolltest lustig sein, und nun ist es ernst geworden. Es scheint mein Schicksal zu (ein, daß es um mich immer ernst wird."
Der Kellner kam, Gertie zahlte. Sie standen auf.
Als sie durch die Halle gingen, schob Isa ihren Arm unter den Gerües. „Du solltest dich nicht an mich hängen. Kleines, du solltest es nicht. Ich bin ja nur eine Last für dich."
Gertie sah zu Isa auf. „Laß mich bei dir. Ich bin ja so glücklich, daß ich bei dir jein darf."
Langsam, Stufe für Stufe, ging Isa die Treppe des Ketthstraßen- hauses hinauf vorbei an den Namenstafeln der Mitbewohner, den blanken Messingschildern, deren Form sie seit Jahren kannte, deren Auf
schriften sie aber nte gelesen; es war fa so uninteressant, wer die Mietskaserne mit einem teilte. Das meiste am Leben schien Isa überhaupt uninteressant. Es gab so wenig leuchtende Farbflecke in ihrem Dasein. Und sollte einmal einer hineingetupft werden, freudig, hell, so fiel gleich ein Schalten darauf. Wie heute das Wiedersehen mit Leo Queis. Warum mußte er gerade sie fordern, gerade sie?
Es gab soviel junge Mädchen, blond, gut gewachsen, hübsch, gescheit, die brennend gern in das Herrenhaus von Scherkalden als seine grau eingezogen wären, warum fragte er nicht bei ihnen an, warum immer wieder bei ihr? Warum?
Isa stand vor der Eingangstür der großmütterlichen Wohnung. Auch dort ein Messingschild unter dem Klingelhebel. Aber über ihm noch ein weißer Fleck, eine Visitenkarte: Dr. Ulrich Büchner.
„Büchner", sagte Isa leise vor sich hin, während sie die Schlüssel aus ihrem Seidensäckchen nahm, und dachte weiter: „Theater — Arbeit — Minna!" Ja, sie wollte sich heute abend den Lessing vornehmen, noch einmal lesen, Wort für Wort, noch einmal sprechen, auf und ab gehe, und memorieren. Morgen kam dann nachmittag Gertie, damit sie die gemeinsamen Szenen proben konnten: Minna und Franziska.
Sie trat ein. Leise. Auf Zehenspitzen fast. Das war ihr zur Gewohnheit geworden, denn die Türen zu Büchners Zimmern gingen nach dem Vorderflur, und er brauchte um diese Zeit Ruhe, er arbeitete gewöhnlich vor dem Theaterbeginn, las neue Stücke, die ihm von Dramaturgen zur Beurteilung oder von der Direktion zur Regievorarbeit übergeben waren. Sie wußte, er prüfte dann genau, mit dem Bleistift in der Hand, de» Notizblock neben sich. Für jede Szene hatte er gleich (eine Gedanken, bildhaft standen sie vor ihm. Da störte jedes Geräusch.
Durch das dunkle Eßzimmer ging Isa nach hinten; dort lag ihr kleines Zimmer, schmal und dürftig, das einzige Fenster nach dem engen Hof hinaus. -Sie hatte versucht, es etwas auszuputzen, aber gegen das montane Graugrün der Tapete, gegen die Verschlissenheit der Möbelbezüge tarn sie mit den paar Kissen und Hellen Deckchen nicht an. Und« eine neue Tapete? Woher sollte Großmutter bas Geld nehmen? Wenn Mittel in die Wohnung gesteckt wurden, so tarnen sie den Vorderzimmern zugute, den vermieteten, die die Geldquelle des Haushalts waren, eint- spärlich fließende Quelle neben der kleinen Pension, die Großmutter bezog. Die Waisengelder für Peter und Jfa waren ja fortgefallen, seit fic mit sechzehn Jahren ins arbeitsfähige Alter eingetreten waren. Arbeitsfähig — das war auch so ein Begriff. Wann würde sie wohl ihr erftes- Geld verdienen? Und wann würde Peter einmal wieder etwas in die- Wirtschaftskafse legen? Er hätte es wohl können, aber er hatte ja nicht: die moralische Kraft, sich aufzurafsen.
Die Lampe auf ihrem kleinen Schreibtisch knipste Isa an. Mattes Licht kroch durch den Raum; es war ja nur ein zehnkerziges Birnchen,, das da auf flammte; man mußte überall sparen, selbst am Strom. Es war schon ein Hundeleben.
Ein altes Kleid nahm Isa jetzt aus dem Schrank, und tauschte es gegen das gute, das sie für die Unterrichtsstunden immer schweren Herzens anzog. Sie mußte es schonen, es war das einzige, das sie noch für besondere Zwecke besaß.
.Ach: immer dies „Muh", dies ewige „Muß". Schonen müssen - sparen müssen — hungern müssen. So war das Dasein — ihr Dasein. Ein ewiges Sich-Versagen. Blieb: das Lernen, die Arbeit. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte jeder Lebenszweck gefehlt. Aber das Lernen war schön. Wenn Büchner Aufgaben stellte, klassische meist: eine Julia szene oder einen Abriß aus „Maria Magdalene', manchmal auch ein Stück Wedekind, einen halben Akt Sudermann; oder wie neulich, als er ihr die große Szene aus Zuckrnayers „Katharina Knie" abforderte, von heute auf morgen: bann gab es ein Vergessen ber zerstörten, armen Umwelt. Dann waren bie Stunben unter ber halbbunklen Lampe Plötz lich kurz. Erst würbe gelesen unb roieber gelesen, bis sich Sinn und Wort ins Hirn prägten. Dann wurde gesprochen, leise, lauter. Gesten kamen, Bewegungen. Das Gesicht wurde geformt, bis Ausdruck in die Züge kam, der Ausdruck, der so klar vor dem geistigen Auge stand und der so schwer in die Augen, auf die Stirn und um den Mund zu lege» war. Es mußte ja alles zusammenklingen - Büchner sagte immer wieder: das Spiel ber Hänbe, bas Spiel ber Gliebe r, bas Spiel ber Mienen.. Nicht nur bie Sprache war es: ber ganze Körper mußte von ber Rolle beherrscht sein, ber ganze Mensch mußte in sie untertauchen: aus Isa von Weiher mußte eben bie Minna von Bornheim werben. „Du brauchst bich boch nur selbst zu spielen", hatte Oertie gefagt. Ach, Gertie hatte gut reben ...
Da saß Isa, ben Kopf in bie Hänbe gestützt, und las noch einmal Lessings Lustspiel, las bie Minna, die nun ihre Aufgabe war, las, was sie fchon fünfzigmal gelesen, was sie kannte. Wort für Wort, unb wo Jfa kam zum Tisch zurück. Allein. Gertie sah, wie sie ben Vetter am es boch hunbert Möglichkeiten unb Nuancen gab. — Sie las unb las ...
Bis plötzlich bie Tür ging. „Kommst bu nicht zum Adenbbrot, Kind^ Großmutter fragte es mit ihrer leisen Stimme, bie immer etwas benommen, etwas ängstlich klang.
Isa fuhr auf. „Gewiß, gleich!"
„Vergiß nicht das Licht zu löschen, Kind." Die Tür schloß sich. Langsame, etwas schlürfende Schritte entfernten sich.
Mit müder Bewegung strich sich Isa das Haar aus der Stirn. Esten — auch das mußte ja [ein. Sie schaltete die Lampe aus und ging den dunklen Flur entlang der Großmutter nach.
Die alte Dame wartete am Eßtisch. Wie immer in schwarzer Seide- Wie immer das weiße Haar sehr sorgfältig gescheitelt, im Genick dm- kleinen, festen Knoten. Die dünnen Hände mit dem doppelten goldenen • Reif am rechten Ringfinger lagen auf der Lehne des Stuhles.
| „Dann können wir wohl anfangen, Isa. Peter kommt ja nid)L | Er hat eine Verabredung, sagte er mir. Vielleicht ist es wegen einer . Stellung.".
* (Fortsetzung folgt.)
Dera»zwortlich: Or. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche UniverfitätS-DuL. unb Steindruckecei. R. Lange, Giehen.


