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„Nun?" fragte er forschend, da ich schwieg. „Gefällt Ihnen etwa das?" — Ich war schon einige Schritte entfernt und wollte versöhnlich enden. „Also gut: es gibt bessere Gedichte von Mörike", sagte ich. —
„Nu söhn Set" rief er mir frohlockend nach; und — in bezug aus mich und sich — „wir sind uns einig!" —
Später hat sich der Mann wirklich einen Band Gedichte von mir gekauft. Er muß sehr enttäuscht gewesen sein.
Kaspar Hauser.
Ist bas alle Rätsel endlich gelöst?
Von Dr. Bertha Badt.
Wer ist Kaspar Hauser? so fragte Deutschland — ja, mehr noch: Europa — während der kurzen Spanne von Jahren, die der Fremdling von Nürnberg, das „Kind von Europa" im Lichte der Welt verbrachte. Wer war Kaspar Hauser? so fragte seitdem fast ein volles Jahrhundert lang ein beinahe zahlloses Heer von Männern und Frauen aller Stände und Berufe: Rechtsgelehrte, Polizeiräte, Dichter, Historiker. Für die einen ist er ein Betrüger, dem die wundergläubige Zeit des Biedermeier als leichte Beute anheimfiel. Für die andern ein reines Menschenbild, ein prinzlicher Knabe, den «in unerhörtes Verbrechen aus dem Elternhause entfuhrt hatte. Das Merkwürdigste an diesem jahrhundertelangen Prozeß um das Andenken eines Menschen ist, daß eine im Dunklen schleichende Gewalt noch bis vor ganz kurzer Zeit alle Hauser-Freunde zu verfolgen schien. Die letzten Jahrgänge haben Schritt vor Schritt nun endlich zur Annäherung an die Lösung aller dieser Geheimnisse geführt. Aber es bedarf zunächst hier noch einmal einer knappen Zusammenfügung der Ereignisse in diesem kurzen und geheimnisvollen Menschenleben:
Pfingstmontag 1828. Ein Nürnberger Handwerker erblickt auf dem Unschlittplatze zuerst den als Bauernburschen gekleideten jungen Menschen, der einen Brief an einen Rittmeister beim „Schwolischen Regiment" in der Hand hält, kaum einige Worte sprechen und nur wenige Schritte zu gehen imstande ist. Allmählich wird aus seinen stockenden Erzählungen klar: er sei all sein Lebtag bis jetzt in einem dunklen Verließ gefangen gehalten worden, habe auf Stroh gelegen und von Wasser und Brot gelebt. Erst vor kurzem habe ihm „der Mann" bei dem er war, mit Mühe das Gehen beigebracht, habe ihn auch seinen Namen „Kaspar Hauser" schreiben gelehrt. Der Fremdling ist zuerst im Nürnberger Gefängnis auf dem „Vestner Turm", kommt dann aber zu Professor Säumer ins Haus, wo er bald überraschende geistige Entwicklung zeigt. Spuren einer grausamen Gefangenschaft scheint er im Anfang noch deutlich an sich zu tragen; er kennt die einfachsten Begriffe nicht, er greift ins Feuer, er sucht hinter dem Spiegelbilde den Menschen. Freund und Feind find . von allen Seiten um ihn; während man ihn in Nürnberg kaum vor dem Ansturm der Neugierigen retten kann, wird plötzlich in Säumers Hause von unbekannter Hand ein erster mißglückter Mordanschlag auf ihn verübt. Im Sezember 1831 kommt Kaspar Hauser nach Ansbach, in das Haus des Lehrers Meyer, der es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht hat, Hauser zu ?,entlarven". Sort geschieht zwei Jahre später im Sezember 1833 im Hofgarten der geheimnisvolle Mord, dem er zum Opfer fällt. Nach seinem eigenen Berichte hat ihn ein Unbekannter dorthin bestellt, um ihm Aufklärungen über seine Herkunft zuteil werden zu lassen; dann hat er ihm mit einem Solche die tödliche Wunde beigebracht. 2(m 17. Sezember 1833 ist Kaspar Hauser gestorben Sie Mordtat blieb bis heute — oder: bis gestern? — unaufgeklärt.
Zwei einander aufs Heftigste widersprechende Ansichten wurden schon : zu Lebzeiten des Findlings über seine Erscheinung ausgesprochen. Sie einen sagten: der Junge ist ein Betrüger, die Geschichte vom Kerker ist ein Märchen, die tödliche Verletzung hat er sich selbst beigebracht, um das erstorbene Interesse der Umwelt neu anzufachen. Sie andern dagegen — zu denen der Präsident des Ansbacher Appellationsgerichtes Anselm i*on Feuerbach gehörte — meinten: hier ist ein ungeheures Verbrechen '-n einem prinzlichen Knaben begangen worden; Einkerkerung und enb- iicher Mord gehen von derselben Macht aus, die ein offenbares Interesse ■ m Verschwinden des Kindes hat. Auch die Person des Fremdlings wird schon damals festzulegen versucht: Kaspar Hauser soll, so meint das Ge- lücht, der totgeglaubte und scheinbar begrabene Erbprinz von Baden sein.
Zwei Fragen also find vorerst zu beantworten, ehe sich alle diese Widersprüche lösen: Woher kam Kaspar Hauser, als er nm Pfingstmontag h Nürnberg erschien? Und: Wer hat ihn ermordet?
In letzter Zeit sind nun ober gerade diese beiden Vorfragen überraschend aufgehellt worden. Sie Schriftstellerin Klara Hofer entdeckte i tor einigen Jahren im Schlosse zu Pilsach,- nahe bei Neumarkt in der lberpfalz, ein vermauertes Verlieh, von dem noch alte Volkssage zu berichten wußte, daß dort einer gefangen gehalten wurde. In ihrem Buche »Kaspar Hauser, das Schicksal einer Seele" bringt sie eine Reihe von schwer widerlegbaren Beweisen dafür, daß wirklich die Volkssage recht hat I Und Kaspar Hauier hier gefangen gehalten wurde. Ihre Nachweise wur- d n aber erst in' letzter Zeit durch die unermüdlichen und scharfsinnigen Forschungen Fritz Klees derart erweitert, daß man nun von einer | Lösung des Rätsels in seinem bei I. Schräg in Nürnberg erschienenen | ^uch „Neue Beiträge zur Kaspar-Hauser-Forschung" reden darf. Im schloß war ein unterirdischer Raum, in dem sich mit grauenhafter Ein- blinglichkeit noch Reste der wenigen Singe fanden, die in Kaspar Hausers ^Zählungen von seinem Kerkerleben eine Rolle spielten: Strohlager, wfte von Kleidungsstücken, und Tonkrügen — selbst jene «pielpferde, °«n denen Hauser so viel erzählte, ließen sich in Erzählungen alter Leute 4(5 dem Sorfe noch nachweisen. Als sicheres Ergebnis stand fest: hier
Kerker des Schlosses Pilsach hat sich einmal ein Gefangener nicht »Wöhnlicher Art aufgehalten; die spätere Beschreibung dieses Kerkers M Kaspar Hauser spricht dafür, daß er dieser Gefangene war. Wer hatte in jener Zeit Nutzen davon, an einem Kinde ein derartiges ^-rbrechen zu begehen, und wer war dieses Kind?
i Nicht lange nach dem Auftauchen des Findlings in 'Nürnberg schon ^breitet sich das Gerücht: Kaspar Hauser sei der für tot ausgegebene dprinz von Baden. Grohherzog Karl und Stephanie Beauhar
nais, die Adoptivtochter Napoleons, hatten zwei Söhne; beide Söhne starben als Kinder, der ältere — Kaspar Hauser — den Berichten nach am 16. Oktober 1812. Nun aber hatte der Vater des Großherzogs Karl, Grohherzog Karl Friedrich, im Alter noch eine morganatische Ehe mit der Reichsgräfin von Hochburg geschloffen, die ihm drei Söhne geschenkt hatte. Siefen Söhnen die Erbfolge zu sichern — das war das Lebensziel ihrer ehrgeizigen Mutter; und es ist ihr nach dem frühen Tode der beiden echt- bürtigen Prinzen auch gelungen. Sie wurde zur Stammutter des bis zur Revolution regierenden badischen Fürstenhauses. Durch eine ihr ergebene Kammerfrau soll sie — es klingt wie ein Märchen — das gesunde Kind in der prinzlichen Wiege durch ein untergeschobenes krankes ersetzt haben. Dies kranke Kind starb bann am 16. Oktober 1812 und wurde als Prinz begraben. Der gesunde Erbprinz aber wurde im unterirdischen Verließ bei einem ihrer Hofbediensteten eingekerkert gehalten und trat erst im Alter von 16 Jahren hervor — Kaspar Hauser.
„Ein Ammenmärchen!" sagt man zuerst. Aber bas eigentlich Paraboxe daran ist, baß sich burch bie neuen Hauser-Forschungen fast lückenlos alle Stadien dieses geheimnisvollen Vorganges nachweisen lassen. Selbst das von der Reichsgräfin untergeschobene Kind festzustellen, gelang Klees unermüdlichem Spürsinn. Es ist aller Wahrscheinlichkeit nach das Söhnlein eines Hofbediensteten der Gräfin, das nach dem amtlichen Register dieser Jahre wohl zur Welt kommt — aber nicht verschwindet, obwohl über sein späteres Schicksal nichts bekannt wird, im Gegensatz zu seinen Geschwistern, deren weiteres Leben man genau verfolgen kann. Erft im Jahre 1833, da auch Kaspar Hauser von der Welt verschwand, wird in einer offenbar gefälschten Sterbe-Urkunde der Tod dieses „Kaspar Ern st" angegeben. Auch die Person des Mörders Kaspar Hausers festzustellen, ist Klee mit hoher Wahrscheinlichkeit gelungen. Angestiftet wurde das rätselhafte Verbrechen durch den Major Hennenhofer, einen Günstling des Großherzogs Ludwig, des Freundes und Geliebten der Reichsgräfin, der vielleicht für seine eigene Nachkommenschaft zu kämpfen hatte.
Was hat sich nun als „Bilanz der Hauser-Forschung", wie ein neueres Buch es nennt, ergeben?
Erstens: Kaspar Hauser, der Findling von Nürnberg — der Gefangene von Pilsach wi« wir nun hinzusügen können —, mar kein Betrüger. Seine Angaben über seinen Kerker beruhen auf Wahrheit; ebenso auch sein Bericht über die gegen ihn verübten Mordanschlage. Zweitens: Aller Wahrscheinlichkeit nach war Kaspar Hauser der vermeintliche im Jahre 1812 gestorbene Erbprinz von Baden. Ermordet wurde er auf Veranlassung derselben Mächte, die einst seine Gefangenschaft bewirkten, im Augenblick, da die Gefahr einer Entdeckung seiner Persönlichkeit näher zu rücken begann.
Und nun erhellen sich blitzartige Zusammenhänge, bie man zunächst für Gerede zu halten geneigt war: der geheimnisvolle Tob bes großen Kaspar Hauser-Gönners Anselm von Feuerbach; ber Morbversuch auf den alten Säumer kurz vor Vollenbung feines Hauser-Buches. „An jebem Blatte in ber Geschichte Kaspar Hausers klebt Blut", sagt Jakob Wassermann einmal, ber ja selbst tief in bie seelischen Abgriinbe biefes geheimnisreichen Menschenlebens hinein geleuchtet hat. Aber Kaspar Hausers gemordeter Schatten hat sich selbst zu seinem Recht verhalfen. „Aenigma sui temporis“ — wie die Grabschrist ihn nennt — „das Rätsel feines Zeitalters" ist gelöst.
Zwei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz.
Copyright 1930 by Carl Duncker-Derlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.) (Sortierung.)
Sie schoben sich durch das Tischgewirr, setzten sich. Der Kellner kam. Gertie bestellte. In dem Augenblick setzte bie Musik wieder ein. Rings erhoben sich bie Paare zum Tango. Das ganze Bild verschob sich zur Mitte des Saales hin.
Die beiden schwiegen und sahen in die Buntheit hinein.
„Eigentlich hübsch", meinte bann Gertie. Isa nickte nur.
Der Tee wurde gebracht. Der Kuchen gereicht. Sie schenkten sich ein, bedienten sich, aßen.
Danilo setzte bie Geige von ber Schulter. Flügel, Saxophon, Bratsche unb Schlagzeug brachen ab. Die Tanzenben ftanben still, wie festgebannt, klatschten. Danilo hob bie Geige wieder, nachdem er gnädig lächelnd den Kopf dankend gesenkt hatte. Der Tango ging weiter.
„Und Minna?" fragte Gertie.
Isa sah sie an. „Du weißt, daß ich daran dachte?" „Gewiß— ich denke doch auch an die Franziska." „Ich fürchte mich."
Nun wurde Gertie wieder lebhaft. „Fürchten — solch Unsinn. Ich freue mich; das kannst du auch. Und ob bu’s kannst? Die Minna! Ich bitt' dich: brauchst dich doch nur selbst zu spielen. Büchner weiß, warum er sie dir gab.“
„Es ist eine Aufgabe."
„Selbstverständlich. Soll es ja auch sein. Aber fürchten? Warum? Wenn du an diese Aufgabe mit Furcht herangehst, hast du die Partie schon halb verloren. Ich packe die Franziska unb schmeiße sie hin. Unb wenn wirklich mal ein Satz nicht so sitzt, wie Büchner es sich buchte. Dann sitzt er eben anbers. Aber er sitzt. Sela. Basta!"
lieber Isas Gesicht ging ein ganz kleines Lächeln. Ein wenig müde war es. „Das kannst bu, Gertie, bu. Ich nicht. Die Minna! Das ist ein Stück Literatur. Die will ausgefeilt Jein bis zum letzten. Ich kenne sie ja. Kann jetzt jch,n jebes Wort. Würbe nicht hängen bleiben. Aber sie spielen, bas ist Ernst, bitterer Ernst. Sie ganz ausfüllen, ganz. Bis dahin ist noch ein weiter Weg. Ich möchte schon — ich möchte." Sie lehnte sich zurück, sah zur Decke auf. „Ich werbe, ich will." Und nach einer Weile: „Ich muß!" Sie nahm ihre Taffe und trank, heftig urb schnell. —


