Ausgabe 
30.1.1931
 
Einzelbild herunterladen

GietzeimAmilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <931

Freitag, ben 30. Januar

Nummer 9

Auf ein schlummerndes Kind.

Bon Friedrich Hebbel.

Wenn ich, o Kindlein, vor dir stehe. Wenn ich im Traum dich lächeln sehe. Wenn du erglühst so wunderbar, Da ahne ich mit süßem Grauen: Dürst' ich in deine Träume schauen, So wär' mir alles, alles klar!

Dir ist die Erde noch verschlossen, Du hast noch keine Lust genossen. Noch ist kein Glück, was du empfingst; Wie könntest du so süß denn träumen. Wenn du nicht noch in jenen Räumen, Woher du kämest, dich ergingst?

ÄiS tS&S'j&i M fe' r'slen, das Kind folgendermaßen ohrfeigte: 9 VOm Äopr

,,Du sollst nicht mit den schmutzigen Jungens spielenl"

Dann wurde das hübsche, weinende, siebenjährige Mädchen unianlt ms Haus gezerrt, wir Männer bissen vor Wut auf die W- W Unh rT d>e Grafcnsöhne sprachen von Satisfaktion!

Und alle vier sahen wir an uns hinunter, ob wir schmutzige Lungen * f wir waren es nicht, obwohl jeder derbe Flicken im Hosen" 1 bobe.n' al ben Knien und an den Ellenbogen trug, damit unsere Mütter weniger Sorgen hatten. Was wir noch wollten? Rache! Rache für emv- fangene Beleidigung. Rache für die arm« Helene, die uns jetzt schon gehörte, da ste für uns Prügel empfing, da ihr Weinen und Schlüßen und Klagen immer noch bis auf die Straße zu hören war. W

iurig 6«krankt und gequält, zogen wir heim, die ganze Weltreise Geheimnis bem^>?" mu6t! fle aufschieben, denn ein anderes, ein tieferes Ocheunnis bewegte uns; da rumorte etwas in den zehnjährigen Käufen

d^ ^afensohn ebenso brennend empfand wie der kleine,^arme Josef müli-n Vater heute wieder viele Stunden unter Tag hatte schuften müßen. Als wir von unseren Eltern von der Dorfstratze weaaeruien Wnrr"fS»fnS ^^?ess«'> dampfte schon auf den, Tisch), war unser letztes Wort. Helene. Wir schlichen wie junge Spürhunde in den Nachbarort Zossen, war fragten alle Leute aus, wie die Mutter der kleinen Helene

|e';. und jeder wußte, daß das Kind keine frohe Jugend Er­lebte, denn die Mutter sei früh Witwe geworden, sie habe heute diesen Freund zu Gast, morgen den andern, da sei es wohl zu verstehen dak s? r fc-ur-t ^allrr fragte, ob sich denn keiner um das Schicksal dieses hübschen Kindes kümmerte? Da zuckten die Leute allemal die Schultern hoch, und diese Geste ist eine der bequemsten der Menschen

^QS 9e^ <5cCln,d) an? 6ie ^9^: Laß mir meine schöne Ruhe' Oder. Soll ich mir tue Finger verbrennen?

Wir aber, wir zehnjährigen Männerknirpse, wollten und konnten diese ü L ickterlab denn^'" N^bardorf nicht verstehen. Nein, wir brannten jetzt lichter oh, denn zu vieren konnte man schon dieser Rabenmutter ans & su meren ließe sich schon vieles bessern, vieles ändern, außerdem hatten die Grafen drei scyarfe «ihäferhunde, die Pollers besaßen einen Spitz, und mein brauner Dackel war zwar harmlos, aber er würde Radau machen; das ist auch was wert.

.. ,^^«u>, init zum Zerspringen glühenden Köpfen gingen wir an

diesem Abend ms Bett, denn den ganzen Tag hatten wir Pläne von verbrecherischer Kühnheit geschmiedet. Josef Poller mahnte immer wieder irfrnn h.h.ni.ns fM f,.L. morg.n aber waren wir schon bedeutend kühler, jeder hatte Bedenken, erst am späten Nachmittag bie Tnirhen T't 'n ^'^'ng, und wir stopften UN- Steine in

,V"d noch dickere, dann zogen wir ab, klopfenden Her- zens, es gejchah alles für Helene, die mit uns schmutzigen Jungens nicht spielen durfte; die Hunde ließen wir daheim. Bor dem Nachbardorf war­teten w,r die Diinkelheit ab, dann krochen wir aus dem Straßengraben und es war uns heute ganz anders zu Mute als sonst in solchen Fällen' mir dachten nicht an einen Unfug, nicht ans dumme Streichespielen nein, es ging diesmal um Höheres, um eine Tat, um ein Ziel, um einen Menschen! Wie alt waren wir doch? Zehn Jahre! Großer Gott, fjeute erst knietet nur eui, welche Kerle wir waren, wie echt, wie herrlich unbesonnen. Stockfinster war es noch in dem Haufe, wo Helene mit ihrer Mutter wohnte. Es roch heute nicht nach Rebhuhn und Sauerkohl, kein Geräusch wurde laut, am Dachfirst sauste nur eine Schwalbe ab, die dort ihr Nest­häkchen mit Mucken gefüttert hatte. - Josef Poller sagt, diese Schwalbe orge besser für ihre Kinder als diese Frau ..., ja, wie heißt Helenes Mutter eigentlich? Auf der Tur stand Müller, das macht uns ein wenig nüchterner. Wir klinkten die eiserne Gartentür auf und standen jetzt mitten vor den Primelbeeten, die uns wie erstaunte und entrüstete Gesichter aus der Dunkelheit anglotzten. Wir froren und sprachen kein Wort, wir mußten jetzt erst, daß wir hier eigentlich nicht stehen durften wir Eindringlinge seien, Einbrecher und lichtscheue Räuber. Diese Gansehaut, als krabbelten Ameisen an Bein und Rücken hinunter! Joses Poller zitterte und Haperte gar mit den Zähnen.

Laßt uns umkehren!"

Warum? Du bist feige!"

"Nein , sagte der arme Poller,nein, aber ich denke an meinen -boter, dem wird man kündigen, wenn ich hier ertappt werde!"__

Klaus und Kurt v. Zwirner warfen sich in ihre Knabenbrüste:Alle für einen, einer für alle; bann wird dein Vater bei uns arbeiten, unter Vater ist Graf und hat tausend Morgen Acker!"

Noch zögerten wir, noch waren wir wankend und unschlüssig, da warfen die kleinen Grafen die ersten Steine in die Fenster; das flirrte

Mer Jungens und Heiene.

Novelle von Heinz S k e g u w e i t.

war also in Bruckwiedel: rechts von uns residierte der Gras nrh^Hpr- mZn11 b^wilie, links von uns stand das Haus des Berg­arbeiters Poller, m der Mitt« wohnten wir, und die nachbarlichen Be- z ehungen waren durchaus friedliche. Der Graf hotte zwei Söhne, Äurt unb Klaus, der Bergarbeiter hatte einen Jungen mit Nomen Josef mir met zusammen aber waren im gleichen Alter von zehn Jahren. Unzer­trennlich und abenteuerluftig richteten wir etliches Unheil an, und wenn A'"en >n der Nacht die Kirchenglocke läutete, wenn der Pastor per Nachnahme em Paket mit Ziegelsteinen empfing, oder wenn im gräflichen ijoje dw Huhnerglucke plötzlich Krickenten ausbrütete, weil irgendwer die Eier vertauscht hatte, so fiel der Verdacht allemal auf uns, "obwohl wir manches, aber doch nicht jedes Kapitalverbrechen von Bruckwiedel auf

3 tr9cn- ®om Jndianerfpielen hatten wir jetzt genug, der ifufjball war noch nicht in Mode, wohl aber packte uns die Sehnsucht nach einer gemeinsamen Weltreise, also warteten wir die nächsten Schul- serien ab, um die kühnsten Pläne zu verwirklichen. Bei Bruckwiedel floß Alfe, jeder von uns mußte für Holzstämme sorgen, denn .. h atc£ ^ntfte6ern' ein gewaltiges Fahrzeug mit Kabine, Kom­mandobrücke Fahnenmast und Kompaß. Die meisten Hölzer flauten Kurt Klaus ihrem »ater aus dem Gutshof, aufs Zusammenschreinern wurde sich Josef Poller ausgezeichnet verstehen, zumal ein Vater Er­fahrungen ,m Stollenbau hatte. Und ich? Ich entwarf den Reiseplan denn die Alse mundete ja in die Sieg, die Sieg in den Rhein, der Rheiii k k Nordsee, die Nordsee in den Ozean gottogoft! Noch eins: Der Poller sagte einer müsse für uns aber kochen, denn eine Mche !ei ebenfalls vorgesehen. Kurt und Klaus meinten, kochen dürfe nur ein Frauenzimmer, also hätten wir ein solches anzuwerben und mitzunehmen. Und oatz es nur ja ein Geschöpf sei, welches dem Geschmack eines jeden oen uns zehnjährigen Männern entspräche, beschlossen mir gemeinsames fiorgehen. Klaus v. Zwirner sagte noch: Nicht zu alt, höchstens acht­einhalb! *

wir vier ohne Ausnahme einen Angriff auf dasselbe Mädchen vorschlugen. Im Nachbarort Zossen wohnte es, jeder von uns batte es schon heimlich beobachtet; ein niedliches Ding, schön wie eine v r®Uan?UPP4?^Ur $abcn Zehnjährige schon einen Blick, unterschätzt ?ine tiiertelSe. eines Nachmittags hin, das war ja nur

n vo1 ^ous auf die Bewohner schloß, durfte vornehme Leute vermuten. Gepflegter Garten, nach hinten raus ein Heiner Teich und ?" vor dem Kuchenfenster wie Rebhuhn mit 'Sauerkohl; wer konnte sich das schon leisten? Und wir vier Männer wurden heiß und rot__

önJaP l'e ia auf einer Gartenbank hinter dem Zaun, lesend, ein Zopf-

ende im Mund, mit den Beinen baumelnd.

Pst, wie heißt du?" Kurt v. Zwirner hatte Mut. Das Mädel aber auch:

Helene!"

Dies rief das Kind, obwohl wir alle glaubten, es könnte uns noch gar nicht gesehen haben. Ja, diese Antwort kam schnell und entschlossen. Klaus meinte: Junge, die Weiber sind gerissen!

Wie alt bist du, Helene?" Diese Frage stammte von mir, ober meine Lippen waren strohtrocken vor Aufregung.

Sieben Jahre!"

Das richtige Alter, meinte Josef Poller; worauf die Grafenföhne ,chon einen Versuch machten, das eiserne Gittertörchen zu öffnen. Quiet-