Ausgabe 
29.6.1931
 
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SiehenerZamilienvliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 42

Montag, -en I-Iuni

Jahrgang 1951

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durch Molen gebildeten Kanal nähern, und auch draußen vor dem Kanal M ... im Hacken Meer M das ^ahrsnaiier durck <p,eel>«fen weit hinaus abgesteckt,

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Wenn ich sagte: Vergleich mit Rom, so ist das ein überlegtes Wort. Ja, durch die Lage übertrifft Petersburg Rom. Es liegt im innersten Zipfel jenes sackgleichen Meeres, das der Finnische Busen heißt. Es ist eine Seestadt. Es wurde mit dieser ausdrücklichen Bestimmung von Peter gegründet. Es sollte das gastliche Tor Rußlands zur westlichen Welt sein und selbst eine westliche Stadt. Dieses Tor ward aber auch ein fester Bau, Abschreckung der Zudringlichen. Die Zudringlichen waren in dama­liger Politik und nach russischer Ausfassung die Schweden. Ein« Insel im Meer liegt der Stadt in einiger Seemeilen Entfernung vor, die unheimliche Festung Kronstadt darauf, und Petersburg ist eine von der See her uneinnehmbare Stadt. Heute noch mehr denn früher. Denn die modernen, tiefgehenden Schiffe können sich nur durch einen stundenlangen,

friedigende, Abstoßende an Schmutz, schlechtem >r Kanalisation und barbarischer moderner Stadt- d und Erlebnis aufnehmen muß: draußen in den Bahnhöfen, Kasernen, Krankenhäusern, Kirch- chwenskaja, wo in Schutt und Verkommenheit das b-Rewski-Kloster und das fabelhafte Smolnyklofter an das römische Marsfeld und die Stadtviertel vor

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dam und Venedig. Man sagt, die Mittelpfeiler der riesigen schweren Jsaak- kathedrale der f)aupt= und Prunkkirche der Stadt, beginnen sich zu senken, wahrscheinlich weil die Pfahlroste verfault sind. Peter hat unfestes Sumpf­land als Standort für feine Hauptstadt wählen müssen.

An Venedig und Amsterdam erinnert Petersburg auch durch Inseln und Kanäle. Die Newamündung ist ein Delta, die Stadt liegt eben dort auf fünf Inseln und zwei Halbinseln. Die Hauptmasse der Stadt liegt aus den beiden durch Flußschleifen gebildeten Halbinseln, die Industriestadt auf der kleineren nördlichen mit dem Finnländischen, dl« Amts- und Wohnstadt auf der weit größeren südlichen mit dem Baltischen, War­schauer und Moskauer Bahnhof. Diese südliche Halbinsel ist in der Quere durch zwei große Kanäle durchschnitten.

Run hat der Leser auch ohne Karte ein genügend klares Bild der Lage. Es tauchten schon die Erinnerungsbilder an Venedig und Amster­dam auf. Es gibt in der Tat Architekturbilder, die sehr an Venedig denken machen An die Amsterdamer Grachten erinnern die Kanäle aus Schritt und Tritt. Der Kopf einer Insel (Wassilewskaja) gegen den Strom- zuq, eben dort, wo die Newa sich in große und kleine gabelt, erinnert mit dem bedeutenden, aus Börse und monumentalen Userbauten ent­standenen Architekturbilde an den Jnselkopf in Venedig, aus den man von der Piazzetta aus blickt. Auch an London muß man in Petersburg denken wegen der Breite des Stromes, wegen des Hafens in der Fluß­mündung und des Schiffoerkehrs und wegen der berüchtigten Peter-

oigeres zu ucmeii.

Wie die russischen Kaiser ihre Paläste und Staatsbauten, so baute der Adel seine Stadthäuser, übrigens nicht nur in Petersburg, auch in den Landstädten des russischen Reiches, z. B. in der ärchitekturschönen Klein­stadt Mitau in Kurland. Ich habe viel Architektur in Europa und Umgegend gesehen und weiß sie zu schätzen ich glaube, ich habe nie so in Architektur geschwelgt wie in Petersburg, trotz den rheinisch­romanischen, trotz den französisch-gotischen, trotz den römisch-barocken, trotz den byzantinischen Kirchen und arabischen Moscheen. Aber auch Begeiste­rung soll mich nicht ungerecht machen, und ich muß zugeben, daß diese Architektur vielleicht ein wenig simpel ist, ein bißchen schnell zusammen­gefügt und derb und gar ein wenig handwerklich roh in den Einzelheiten, in Profilen und Konsolen, im Ornamentalen und Figürlichen. Aber hier ist Architektur wirklich einmal Stadt und man möchte wegen des Zusammenspieles von Flüssen und Plätzen, von Straßen und Kanälen fast sagen Landschaft geworden. Nicht die individuell« architektonische Schönheit zeichnet Petersburg aus, sondern der große Wurf in Stadt wie in Bau, der Reichtum an Individuen innerhalb dieser einen Welt architektonischer Vorstellungen, russische Fülle und Großartigkeit auch hier. Man gehe nach Petersburg! (Wenn die Räteregierung einen hereinläßt!)

Pauls-Festung (auf einer von der Insel Petcrsburgskaja anscheinend künstlich abgegliederten Insel), die das finstere Bild des Towers herauf- ruft. An Paris mag man denken, wenn man von den Brücken oder Inseln auf das Ufer der südlichen Halbinsel zurückblickt und dort das gewaltige Winterpalais liegen sieht wie in Paris den Louvre, und an vielen, vielen Paläste und öffentlichen Bauten °p^aw" roie dort längs dem Arno. An Rom denkt der in »e noch insbesondere, wenn er in den Außenvierteln men (in denen Romane Dostojewskis spielen) das

Don Josef Ponten.

(Nachdruck verboten.)

Sie kann mit Rom in Vergleich gebracht werden. Sie ist ohne allen Zweifel eine der schönsten Städte. In ihr hat sich eine Geschichtsperiode jo großartig, so eindeutig, wie selten einmal bis zum sinnlichen Ausdruck ihrer selbst durchgefunden. Man kennt sie wenig, denn sie liegtaus der Welt". Sie heißt Petersburg.

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Oie Blutbuche.

Von Werner Bock.

Wenn die Geschwisterbäume grün sich färben, -i-L-JH. X-JL--1-«Mit*

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ie Gegend um den Scherbenhllgel denken, aber nicht, daß diese Erinnerungen an Amsterdam, werden, um von ihnen für das Bild Petersburgs den albernen Benennungen Jfarathen, Elbflorenz, buxtehudische Schweiz geschieht. Nicht Wertbilder, Z/Il\ daher geliehen werden, weil europäische Leser diese _______ Ulllllll UHU fast jeder mindestens eine von ihnen gesehen hat. Petersburg bedarf der Stützung seines Ansehens nicht, es ist durchaus trotz gewissen Anklängen etwas Eigenes und, was Einheitlichkeit des Architekturbildes angeht, ohne Vergleich. Hier bauten mächtige Kaiser eines großen und reichen Landes, bauten aufwändig und rücksichtslos, wurden nicht beschränkt durch geschichtliche stadtgeographische Begeben­heiten, bauten, wo ein Nichts gewesen war, ein Vielfältiges und Großes, bauten über eine kurze Zeitspanne hin. 100 dis 150 Jahre, vom Anfang des 18. dis gegen Mitt« des 19. Jahrhunderts, so daß es kein Altertum gibt wie in Rom, keine Gotik wie in Paris, kein« Renaissance wie in Florenz, sondern nur Barock und Klassizismus, namentlich Klassizismus. Es bauten die Kaiser Schlösser für sich und Schlösser für ihre Günstlinge und Mätressen, die Kaiserinnen Schlösser für sich und für ihre Liebhaber, und beide Kirchen für das Volk, es baute der Hofadel, gern oder gezwungen, es baute der Staat, kurz Petersburg muß von Hammer und Kelle 150 Jahre lang geklungen hoben nicht weniger als das Rom der Päpste und ihrer Nepoten. Architekturräume von solcher geschlossener Einheitlichkeit und maßstäblichen Weitgriffigkeit wie der gewaltige Platz zwischen dem Winterpalais und der riesigen Fassadenapsis der Ministerien, dazu alle Gebäude am Platze einfarbig dunkelrot gestrichen, dürfte es in der Wett selten geben. Üeberhaupt die Farbe! Im Süden, in den Mittelmeerländern, malt man die Bauten farbig an müßte man es