abgelegt. Aber obwohl die auserwählten Fünf ein weitgehendes Vertrauen genossen, schien die eingetretene Ruhe doch nicht von langer Dauer zu sein. Die Damen fühlten sich ohne ihre Juwelen als beklagenswerte Stiefkinder des Glücks, während die Herren mit jedem Tag nervöser wurden, weil sich trotz der eifrigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von dem Diebe gefunden hatte. Jeder setzte seine Hoffnung auf den nächsten Hasen, wo die Polizei den Fall in die Hand nehmen wurde rmd ihr der gesamte Juwelen- und Geldvorrat durch den alten, jovialen Missionar in Begleitung einer der Damen ausgehändigt werden sollte, da der störrische Kapitän nicht die geringsten Anstalten machte, seine gleichgültige Haltung gegenüber der Gefahr, die die Passagiere seines Schiffs bedrohte, aufzugeben. „
Endlich war der Hafenplatz erreicht. Umgeben von der dichten Menge der Passagiere, standen der freundlich lächelnde, über alle menschlichen Eitelkeiten erhabene, weißhaarige Missionar und seine Begleiterin an Deck, um sich mit dem sorgfältig verschlossenen und versiegelten Koffer zu den Hafenautoritäten zu begeben. Jedoch in dem Augenblick, als das Paar sich anschickte, die Schisfstreppe hinabzusteigen, trat der Kapitän durch die Menge, schritt auf die beiden zu und legte sein« schweren Hande aus die Schultern des Missionars und seiner Begleiterin. Dann sagte er, ohne sich um die Empörung der Umstehenden zu kümmern, in ruhigem Tone:
„Sie sind meine Arrestanten, bis die Hafenpolizei an Bord kommt und Sie von mir übernimmt. Bis dahin lege ich Beschlag auf das Eigentum der Passagiere."
Zugleich winkte er mehreren Schiffsoffizieren, die, unterstützt von ein paar kräftigen Matrosen, kurzen Prozeß mit den beiden vom Kapitän bezeichneten Passagieren machten und sie in das Schisfsgefängnis abführten. Von dort wurden sie bald von einigen Polizeibeamten der Stadt abgeholt. Der Koffer mit den Wertsachen blieb unter Obhut des Kapitäns an Bord.
Entgeistert hatten die Passagiere diese Vorgänge mit angesehen. Und um nichts klüger fühlten sie sich, als der Kapitän bekanntmachen ließ, daß jeder sich sein Eigentum bei ihm zurückholen könnte, und er außerdem darum bat, am selben Abend in großer Toilette zum „Captains dinner' zu erscheinen.
Am Abend, bald nachdem man den Hafen verlassen hatte, fand das Festsouper statt. Und während beim Dessert di« Gläser von neuem gefüllt wurden, erhob sich der Schiffskommandant und sprach mit lustigem Augenzwinkern zu den überraschten Gästen, denen bisher jede Feststimmung gefehlt hatte: ..
„Auf ihre Gesundheit, meine Damen und Herren! Ich beglückwünsche Si«, daß jeder von ihnen sein gefülltes Portefeuille wieder in der Tasche hat und seine Kostbarkeiten wieder hat anlegen können. Und nun will ich ihnen auch das erzählen, worauf sie alle neugierig sein werden: die Geschichte unseres abwesenden Freundes und seiner ebenfalls verhafteten Dame. r m „
Als ihnen der Radio-Bericht mitgeteilt hatte, welch illuftre Gesellschaft sich unter den Passagieren der Marlot' befand, war mir als verantwortlichem Führer des Schiffes klar, daß alles aufgeboten werden mußte, um zu verhindern, daß der Halunke an Bord meines Schiffes versuchte, seinen Fischzug zu machen, und ihn schleunigst zu entlarven. Zunächst mußte ich alle Aufmerksamkeit von mir ablenken und danach trachten, alle ihre Wertgegenstände zusammenzubekommen. Mein Plan glückte. Durch mein unfreundliches Auftreten hielt ich mich abseits und ließ zugleich dem unbekannten Betrüger freies Spiel. Was ich erwartet hatte, geschah. Er lief in die Falle. Der Vorschlag, alle Schmucksachen an Bord zu sammeln, der von der immer besonders reich geschmückten jungen Dame stammte, brachte mich bald auf eine Spur. Die Wahl ihrer Vertrauensleute wies mir den weiteren Weg. Die Dame mußte der vom Radio bezeichnete Handlanger sein, und der Gesuchte selbst mußte sich unter den Komiteemitgliedern befinden. Als die Gereiztheit und das Mißtrauen so hoch gestiegen waren, daß keiner mehr dem anderen traute, und nur noch der brave alte Missionar als letzte Zuflucht übrigblieb, fühlte ich mich meiner Sache immer sicherer. Hatte doch der Radiobericht darauf hingewiesen, daß der Schurke in den verschiedenartigsten Verkleidungen aufträte. Es gab keine geeignetere Vermummung für solchen Schurken, als die arglose Erscheinung eines greifen Misionars, der durch fein Alter und seine Lebensauffassung über alle Versuchungen erhaben war." .
Der Kapitän nahm einen Schluck aus seinem Champagnerkelch uno fuhr fort:
„Der letzte Zweifel wurde mir genommen, als ich von dem Vorhaben unseres Missionars hörte, sich als Hüter des gesamten Schiffsschatzes an Land zu begeben, und sich die bewußte Juwelenbesitzerin anbot, ihn zu begleiten. Inzwischen hatte ich die Hafenpolizei drahtlos benachrichtigt, daß ich anscheinend dem Dieb auf der Spur wäre und ihn bei mir an Bord hätte. Ich muh sagen, ich spitzte mich ein bißchen auf das-Vergnügen, das Pärchen den Behörden selbst auszuliefern. Davon waren 1« Zeuge, meine verehrten Damen und Herren, und ich freue mich, daß ja) in der glücklichen Lage war, jedem von ihnen fein Eigentum zuruck- zugeben."
Hier machte der Kapitän verschmitzt lächelnd eine kurze Pause, bevor er das Schlußwort sprach:
„Rur habe ich als angemessene Belohnung für mich selbst die Diaman ten der Helferin unsere/ Spitzbuben behalten."
Ein nicht enden wollendes Gelächter folgte diesen Worten, und von allen Seiten wünschte man dem tüchtigen Kapitän Glück zu feinem erfolg' reichen Handeln. Doch der nahm unter lustigem Augenzwinkern noch einmal das Wort und endete seufzend seine Rede:
„Nur eins ist schade, daß nämlich jedes Stuck von den Brulame» und Diamanten der scharmanten Dame falsch ist. Damit hatte ich uorv gens gerechnet. Denn es sind immer falsche Perlen, mit denen man • echte stiehlt." ■ —
In jedem Bundesstaat werden Provinzialstände gebildet werden, welche sich jährlich versammeln, um über die Provinzialgesetze, über die für Die Kosten der Verwaltung bestimmten Steuern zu beschließen.
Die Domänen werden für den Unterhalt des Herrscherhauses, die Steuern zu den erwähnten Zwecken bestimmt werden. Die mediatisierten Fürsten Graf«n und Adlige werden den Staaten eingeordnet werden — es werden ihnen di« Rechte von Standesherren beigelegt werden.
Jedermann kann nur durch seine natürlichen Richter beurteilt werden und darf nicht länger als achtundvierzig Stunden sestgehalten werden, ohne ihnen vorgestellt zu werden, damit sie über die Ursachen seiner • Festnehmung entscheiden. — Jedermann hat das Recht auszuwandern, den bürgerlichen oder militärischen Dienst in Deutschland, der ihm paßt, zu wählen: jedermann und jeder Verein hat das Recht, Beschwerden gegen die Obrigkeit drucken zu lassen.
Oer störrische Kapitän.
Erzählung von Jan F e i t h.
Man kann sich kaum vorstellen, was für eine Verwirrung der Radiobericht hervornes, der, durch einen mächtigen Lautsprecher verkündet, weit über das Deck des stolzen Ozeandampfers schallte.
Es war die angenehme Faulenzerstunde vor dem Nachtmahl. Die Stewards hatten gerade eine kühle Erfrischung gereicht, die Romane waren zugeklappt, die Gespräche wurden unterbrochen, die Bridgespieler machten eine Paus«, die Schlummernden waren in ihren Liegestühlen erwacht, und, ein köstliches Glas Sorbet an den Lippen, lauschte jeder unwillkürlich den deutlich wiedergegebenen Worten, di« aus endlosen Fernen dem ruhig über den heißen Ozean fahrenden Passagierdampfer gesendet wurden. Bei den ersten Worten des Lautsprechers begann jeder gespannt zuzuhören, dann aber stieg das Erstaunen, um schließlich in Unruhe und Ausregung überzugehen.
Dazu war reichlich Anlaß gegeben, denn der Lautsprecher lieh sich also vernehmen:
„Im Namen des Polizeidienstes verschiedener Länder wird auf drahtlosem Wege dringend ersucht, auf einen der berüchtigsten internationalen Siebe, der es besonders auf wertvolle Schmuckgegenstände abgesehen hat, das Augenmerk zu richten. Ein Signalement des Verdächtigen zu geben, ist schwer, weil der Gauner es ausgezeichnet versteht, sich immer wieder in neuer Gestalt zu zeigen. Auch verfügt er gewöhnlich über die Hilfe eines Handlangers. Man vermutet, daß er sich kürzlich nach einem der großen Hafenplätze des Osten eingeschifft hat, und wenn die Informationen, die die gemeinsam nach ihm fahndenden ausländischen Polizeibehörden erhalten haben, richtig sind, befindet er sich augenblicklich an Bord des Passagierdampfers ,Marlot'. Es wird darum ersucht, den Betrüger festzunehmen und den Behörden zu Übergeben."
Beim Hören des Schiffnamens bemächtigte sich der zahlreichen Passagiere eine unbeschreibliche Aufregung. Man hörte nervöse Angstschreie unter den weiblichen Passagieren, die Männer begannen lebhaft zu gestikulieren, überall bildeten sich Gruppen, die Vermutungen austauschten. Nur der Kapitän schien kühlen Kops zu behalten und gab sich Mühe, die erschreckten Passagiere zu beruhigen. Zunächst hatte er damit wenig Erfolg, ja, es schien beinahe, als ob er die steigende Erregung noch anfachte. Denn auf seine gutmütige, aber etwas rauhe Seemannsart fuhr er di« allzu üervösen Damen ziemlich heftig an, und geradezu ausfallend wurde er gegenüber den Herren, die ihn mit gutgemeinten Ratschlägen belästigten. Als verantwortlicher Kommandant des Schiffes müffe er selber wissen, was für Entschlüsse er zu fassen und wie er zu handeln habe, wenn es nötig sei.
Die meisten Passagiere waren jedoch der Ansicht, daß es höchste Zeit fei, Maßregeln zu ergreifen, denn viele hatten echte Schmuckfachen, darunter solche von hohem Wert, bei sich. Abgesehen von beträchtlichen Geldbeträgen, trugen viele Damen ihren kostbarsten Besitz an Diamanten und Perlen. Das aber schien den alten Seebären kalt zu lassen, er zuckte ungeduldig die Achseln und überließ die aufgeregten Herrschaften ihrem Schicksal. Man fand seine Haltung empörend, und die allgemeine Unruhe, die Unsicherheit, das ängstliche Mißtrauen gegeneinander stiegen aufs ^"^Eine der aufgeregtesten Damen machte den Vorschlag, Unterschriften zu sammeln für einen Bries an die Direktion der Schiffahrtsgesellschaft,- in dem man sich über das rücksichtslose Benehmen des Kapitäns beschweren wollt«. Ein« andere, die von Anfang an die Aufmerksamkeit durch ihren herrlichen Schmuck erregt hatte, den sie sowohl zu den Mahlzeiten als auch zu den Abendfestlichkeiten anzulegen pflegte, bat mit mühsam beherrschter Nervosität darum, ohne Unterstützung des Kapitäns die an Bord befindlichen Kostbarkeiten zu sammeln und alles der Obhut einer aus den Passagieren zu bildenden Aufsichtskommission anzuvertrauen. Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Die Schwierigkeit war nur, wen man mit dieser Vertrauenswürde beehren sollte. Denn es gab niemand mehr an Bord, der dem andern wirklich noch traute. Ohne es offen, merken zu lassen, verdächtigte einer den andern. Jeder konnte doch der gesuchte Hochstapler sein. Anderseits wieder mußte einem der nüchterne Verstand sagen, daß der unbekannte Verbrecher in der allgemeinen Verwirrung die beste Gelegenheit fand, die Passagiere zu berauben. Diese Möglichkeit zwang zum Händeln. Nach vielen Debatten wurde endlich em Ausschuß von fünf Herren gewählt, bestehend aus einem bekannten Bankdirektor der eine Inspektionsreise nach den Tropen machte, einem vertrauenerweckenden Plantagenverwalter, zwei höheren Kolonialoffizieren und einem alten, ehrwürdigen Missionar. Einige beherzte Damen machten den An ang und legten ihren Schmuck ab, die übrigen folgten, und das Komitee nahm den zu einem Vermögen angehäuften Pafsagiersbesitz in
feine Obhut. , .. , .
Die Damen erschienen nun, bleich und nervös, ohne leben Schmuck;
auch die Herren hatten ihre Diamantringe und Perlenkrawattennadeln _______ _________________________
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: VrÜhl'sche Aniversität^Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gi«b-n-


