Ausgabe 
29.6.1931
 
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mkfit vom Zeitenstrom treiben, sein Gefühl von Menschenwürde fand er Lcreits in der deutschen Vorzeit bestätigt. Verlorenes wollte er wieder- geroinnen, wenn er Führer und Geführte in gegenseitiger Anerkennung mnd Achtung zusammenbrachte zu gemeinsamer Arbeit am Wohl der Gesamtheit auf dem Boden der vaterländischen Geschichte und der deutschen Landschaft.

Aus Steins Briefen und Denkschriften.

An Steins Freundin, Frau von Berg.

Wetter, den 29. Dezember 1792.

--Ich habe es Ihnen bereits gesagt, daß ich in Gießen und Kassel vierzehn Tage täglich mit der Wallinodenschen Familie lebte, wo hundert Umstände, Begebenheiten und Aeußerungen mich von dem reinen, wohl­wollenden Charakter und dem gesunden richtigen Verstände der Gräfin Wilhelmine (Steins spätere Frau) überzeugten, daß ich, nachdem ick «dreiste, eine solche unausstehliche Leere fühlte, sich eine solche trübe, freudenlose Aussicht vor mir eröffnete, mein Leben allein und isoliert zubringen zu sollen, daß der Wunsch, aus ihren Händen das für mich wenigstens einzige Glück des Lebens, häusliches Glück, zu erhalten, so lebhaft wurde, daß ich einen entscheidenden Schritt tat und nunmehr die Hoffnung habe, diejenige Verbindung mit ihr einzugehen, die solange der Gegenstand meiner Wünsche und Erwartungen war. Ich bin über­zeugt, daß diese erfüllt werden, weil eine Bekanntschaft von drei Jahren wich in meinem Urteil über die Gräsin bestätigte und weil Reinigkeit des Charakters und Richtigkeit des Verstandes die Quellen aller häus­lichen Tugenden sind. Auch ist es mir interessant, mit den Menschen, die jie umgeben, in Verhältnis zu treten, denn der Vater ist ein Mann von seltener Welt- und Menschenkenntnis. Er hat sehr vielen Adel in seiner Gesinnung und zeigt sehr viele Gutmütigkeit und Anhänglichkeit im Um­gänge mit seiner Familie, und die Gräfin ist ein wahrer Engel von Güte, von Wohlwollen und Liebe.

21 n Frau von B e r g.

Hamm, den 3. Oktober 1793.

Es ist freilich sehr seelenerhebend, allein unter den Menschen der Vor­welt zu existieren, sich mit dem zu umgeben, was die Menschheit Voll- koinmenes darzustellen vermag, und diese nur in den glänzendsten Augen­blicken ihres Daseins um sich zu versammeln; überläßt man sich aber ganz der Einsamkeit, entzieht man sich dem Umgang seiner Zeitgenossen gänz­lich, so erhält das moralische Gefühl einen Grad von Reizbarkeit, der für uns ost schmerzhaft wird und uns zur Untätigkeit verdammt. Tätig und duldsam bleiben, selbst dann, wenn jugendliche Lebendigkeit und Gutmütigkeit sich vermindert hat oder unter dem Drucke des Leidens und der Einförmigkeit des Hin- und Hertreibens erloschen ist, dieses ist wohl das beste und vollkommenste Resultat alles Strebens nach Entwicklung und Ausbildung und zugleich leider das seltenste. Beide Eigenschaften verliert man am geschwindesten in dem Gewirre der sogenannten großen Welt, wenn man ausschliehend in ihr existiert, an ihrem Beifall hängt und von ihr alle seine Genüsse, die ganze Befriedigung seiner Wünsche erwartet, und am wenigsten ist man diesem tötenden Gefühl der Leere und Langeweile ausgesetzt, wenn man in zweckmäßiger Tätigkeit, in Aeußerung seiner Kräfte auf feste Zwecke lebt. Mir scheint das Schicksal der Weiber in den oberen Klassen der Gesellschast daher unglückticher □ls das der Männer; diese werden doch gewöhnlich zu bestimmten Be- rufsgeschäften erzogen und leben in ihrer Ausübung. Jene werden selten zu ihrer, ihnen von der Natur angewiesenen Bestimmung ausgebildet, die einer Mutter und Erzieherin. Man entwickelt in ihnen nur den vagen Wunsch zu gefallen und macht sie mit den materiellen Mitteln dazu bekannt, und ihr ganzes Leben ist in einem leeren Streben nach einem □llgemeinen Beifall, der nie erreicht wird, einer Beobachtung einer Menge zweckloser Pflichten gewidmet, ihr ganzes Jbeensystem besteht aus inko- därenten Bruchstücken der Meinungen, Gebräuche und Urteile der großen Welt, und alles trägt dazu bei, sie von ihrer einzigen, wahren Bestim­mung zu entfernen.

An den Prinzen Louis Ferdinand.

Minden, den 17. November 1796.

Cs ist gewiß, daß der philosophische Geist, welcher die Beziehungen verallgemeinert und die vereinzelten Gegenstände unter einem Grundsatz »der einem höheren Gesichtspunkt zusammenfaßt, diejenige Art des Geistes sst, welche den großen Mann bezeichnet; aber mit dieser Geistesart muß er die Kraft des Charakters verbinden, welche ihm in ruhigen Zeiten *en Fleiß zur Arbeit, die Hartpäckigkeit, alles, was auf feine Ausbildung linroirtt, zu verfolgen, in den Zeiten der Tätigkeit die nötige sittliche Kraft gibt, um die Anstrengungen des Geistes und des Körpers zu ertra- Itn, welche der Drang der Umstände erheischt. Es war Mangel an Cha­rakter, was in der Revolution die tugendhaftesten und aufgeklärtesten Männer gestürzt hat, wie Monier, Vergässe, Bailly, selbst unter den Girondisten Condorcet, Roland, was die einen in die Verbannung trieb, Re anderen unter dem Dolche der Parteimenschen fallen machte. Es war tefe Charakterstärke, welche man Enthusiasmus nennt, die den Thron er Kalifen gegründet hat, die durch Streben nach Reichtümern, Liede mm Ruhm« den Hang des Jahrhunderts nach Abenteuern heroorgebracht, ie spanischen Eroberer Amerikas und ihre Sieger, die Bukaniere, : «geisterte. , k

Lebt der Mann, welcher sich durch die Natur zu einer großen und I nützlichen Laufbahn berufen fühlt, inmitten der Weichlichkeit der Hose der unter kleinen, kleinlichen Leuten, so kann er nur dann sich erhalten, oenn er sich mit den großen Männern der Geschichte umgibt und sich I > urch ihre Vorbilder gegen die zerstörenden Eindrücke verderbter und Meiner Umgebungen schützt.

An den König, 1806.

Es war ein Grundsatz einer durch schmähliche (Erfahrung her >fachen Seit als weise bewährten Vorzeit, daß in den mannigfaltigen Gescyasten

innerer und äußerer Administration jeder von feiner frühen Jugend an durch spezielle Leistung und eigene, auf einen Zweck gerichtete Ausbildung und Erwerbung von Fähigkeiten für ein einzelnes Fach der Geschäfte bestimmt werde, in dem er alsdann, durch mannigfaltige Erfahrung gereift, den Grad der Vorzüglichkeit zu erreichen bestrebt war, welche zu erreichen Natur und Umstände ihm gestatteten. Als noch ein gesetzlicher Zustand der össentlichen Staatsrechtsverhältnisse in Europa bestand, ehe die Frage des Rechts tn diesen Verhältnissen als eine Torheit zuerst beseitigt, später verachtet ward, da war der Berus des Diplomatikers, des Ministers der auswärtigen Verhältnisse, ein Beruf vielumfasfender, schwer und langjährig erworbener Kenntnisse, dem, welcher sich ihnen nicht ganz und von der ersten Jugend an hingegeben hatte, nie in dem Grade vertraut, worin sie derjenige besaß, welcher sich diesen Berus früh und ganz erwählt hatte.

Zwar ist in den Verirrungen und Verheerungen, worin alles ünter- ging, was unseren Vätern Fortschreiten im Glück und unverwüstliche Kraft im Unglück gewährte, auch dieser Grundsatz, nicht bloß in Beziehung auf dieses, sondern überall verschwunden, indem jeder sich für alles tauglich glaubt, wovon er sich einen bestimmten Begriff bilden kann; als ob frühe Bildung und fortdauernde Erfahrung nicht die eigentliche und wahre ausgezeichnete Tauglichkeit in jedem Geschäft verschafften. Was aber die Folgen von diesem Selbstvertrauen oder von dem nach gleicher Beurteilung gewährten Vertrauen sind, liegt nur zu sehr eben in dem Gang der össentlichen Geschäfte, , seitdem alle Verhältnisse aus ihren Angeln gehoben, seitdem alle ehemaligen bewährten Grundsätze der Staatsverhältnisse versäumt oder verachtet wurden, am Tage; und wenn ich gegen diese, nicht als Aeußerung der Empfindung des Augenblicks, sondern als lebndige und tiefbegrünbete Ueberzeugung geäußerten Grund­sätze handelte, wenn ich in meinem fünfzigsten Jahre, nachdem ich sieben­undzwanzig Jahre im iDenst Eurer Königlichen Majestät und Ihrer Königlichen Vorgänger in ganz verschiedenen Geschäften, welche mich ganz beschäftigt haben, diente, in ein mir fremdes Departement ministerieller Geschäfte übertreten wollte, fo würde ich mich einer Inkonsequenz schuldig machen, welche eben dem Vertrauen, wodurch Eure Königliche Majestät bewogen wurde, mir diesen ehrenden Antrag zu tun, nicht entspräche.

A n Hardenberg, 18 0 7.

Ich halte es für wichtig, die Fesseln zu zerbrechen, durch welche die Bureaukratie den Aufschwung der menschlichen Tätigkeit hemmt, jenen Geist der Habsucht, des schmutzigen Vorteils, jene Anhänglichkeit ans Mechanisch« zu zerstören, die diese Regierungsform beherrschen. Man muß die Nation daran gewöhnen, ihre eigenen Geschäfte zu verwalten und aus jenem Zustande der Kindheit hinauszutreten, in dem eine immer unruhige, immer dienstfertige Regierung di« Menschen halten will. Der Uebergang aus dem alten Zustand der Dinge in eine neue Ordnung darf nicht hastig Jein, und man muß die Menschen nach und nach an selbstän­diges Handeln gewöhnen, ehe man sie zu großen Versammlungen beruft und ihnen große Interessen zur Diskussion anvertraut.

Denkschrift über eine deutsche Verfassung.

Chaumont, den 10. März 1814.

Die verbündeten Mächte sind in ihren Verträgen übereingetommen, daß Deutschland ein politischer Bundeskörper sein soll«. Es ist also unerläßlich, sich mit der Organisation dieses Körpers zu beschästigen, die Beziehungen der Teile, die ihn zusammensetzen, die Rechte, welche man ihm beilegt, die Verpflichtungen, die er eingeht, festzusetzen und über die innere Organisation dieser wesentlichen Teile selbst sich zu vereinigen.

Es geht daraus eine allgemeine Verfassung für den politischen Körper und eine besondere für di« Staaten, welche ihn bilden, hervor.

Die deutschen Staaten sind verpflichtet, den Veränderungen ihrer Souveränität sich zu unterwerfen, welche die Verfassung fordern wird, da sie ja entweder diese Verpflichtung in ihren Zulafsungsverträgen «in- gegangen sind ober nur unter biefcr Bebingung bie oerbünbeten Mächte ihnen ihr politisches Dasein verbürgen werben. Jeber politische Bunbes- körper setzt «ine Versammlung ber Staaten voraus, die ihn zujammen- setzen, ober einen Reichstag, ber über bie politischen Interessen, über seine innere Gesetzgebung, über seine bürgerlichen unb militärischen Einrich­tungen beschließt, unb ein Direktorium, ein« Obrigkeit, welche die Ver­sammlung leitet, bie über bie Ausführung ihrer Beschlüsse, über bie Erhaltung ihrer sozialen, politischen, richterlichen unb militärischen Ein­richtungen wacht.

Das Direktorium kann nur unter den mächtigsten Gliedern ber Ver­einigung gewählt werben, ba es eine zum Antrieb bes Hanbelns, zur Aufrechterhaltung ber Orbnung genügcnbe Kraft haben muß. Man kann es also in Deutschlanb nur Oesterreich, Preußen, Bayern unb Hannover anvertrauen.

Seine wesentlichen Aufgaben finb bie Leitung bes Reichstags, bie Ausführung feiner Gesetze, die Aufsicht über die Einrichtungen, über die Unterhaltung der Beziehungen mit den fremden Mächten, über die, welche zwischen den Bundesstaaten und zwischen den Fürsten und den Unter­tanen festgesetzt sind.

Es würde ihm das Recht, Krieg unb Frieben zu schließen, unb alle Folgerungen, bie daraus hervorgehen, im Namen der Vereinigung über­tragen werden.

Der Reichstag würde aus den Abgeordneten der Fürsten und denen der Hansestädte bestehen, denen man, um eine gleichmäßigere Vertretung zu haben, Abgeordnete der Prooinzialstände hinzusügen würde.

Diese Abgeordneten würden keinen diplomatischen Charakter haben, sie würden nicht Beauftragte sein, und sie würden regelmäßig, alle fünf Jahre, jedes Jahr der fünfte Teil, neugewählt werden.

Der Reichstag würde nur sechs Wochen im Jahr versammelt fein. Seine Aufgaben wären die Bundesgesetzgebung, die Steuern für die Be­dürfnisse des Bundes, bie Entscheibung ber Streitigkeiten zwischen den Bundesstaaten unb zwischen den Fürsten unb ben Untertanen, er ernennt einen Ausschuß, ber sie entscheibet unb bie Aivssllhrung ber Beschlüsse bewirkt.