Ausgabe 
29.6.1931
 
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Die Reformen des Freiherrn vom Stein in Preußen haben, weil sie dem herrschenden liberalen Geist des neunzehnten Jahrhunderts «ntgegen- kamen, eine so starke Bewertung erfahren, daß man darüber ihren Träger und erst recht die Beweggründe für sein Tun etwas hat in den Hintergrund treten lassen. Noch die große Biographie des Freiherrn von Max Lehmann, die vor einem Vierteljahrhundert erschien, bringt über die Persönlichkeit Steins herzlich wenig. Ganz im Geist ihres Zeit­alters schildert sie das große Werk und geht dann wenigstens auch aus seine treibenden Kräfte ein. Dabei glaubte Lehmann, den Freiherrn vom Stein zeitlich möglichst binden zu müssen, indem er ihn seine Reformen in Abwandlung der durch die französische große Revolution gelösten liberalen Kräfte durchführen läßt. Er erweckte damals schon heftigen Widerspruch bei den konservativ gerichteten Kreisen, die unter Ernst von Meier schars gegen Lehmann auftraten. Doch wurde beiderseits der Kampf vorwiegend aus dem ftaatspolitijchen Handeln Steins heraus geführt, die Mentalität seiner Persönlichkeit, gewissermaßen seine geistige Lebenslinie wurde wenig beachtet. Stein wurde zu sehr auf seine amtliche Tätigkeit beschränkt. Mir jedoch erscheint gerade das Nebenher ,eines Lebens wo er sich ohne Rücksichtnahme, aus seinem Impuls heraus gibt, als ganz wesentlich für die Erkenntnis der Triebkräfte seines Handelns. Und dabei hebt sich bei ihm als kennzeichnendste Neigung seine Borliebe für Geschichtswerke und das geschichtliche Studium überhaupt. Seine Bibliotheken auf seinem Stammsitz in Nassau an d- »"h"

Freiherr vom Stein, ein Förderer der Geschichtswissenschaft. Von Dr. Hermann Drcyhaus.

Frucht getragen.

Wenn man am 29. Juni in ganz Deutschland des Fre,Herrn vom Stein als des Staatsmannes gedenkt, so soll man nicht vergessen, wie er Dura, die Förderung der Geschichtswissenschaft gerade in Deutschland den toinn m überhaupt, «seine I für staatspolitische Betätigung geweckt und entwickelt hatUnk»zwar«aus der Lahn sowie auf | der Ursprünglichkeit seiner reichen und starken Persönlichkeit. Er Hetz l'^

seinem Altersaufenthalt in Kappenberg in Westfalen geben baoon einen unzweideutigen Beweis. Darüber hinaus aber zeigt seine trPer n?,et)e^ kehrende Beschäftigung mit der Geschichtswissenschaft als solcher w.e imt einzelnen Geschichtsperioden, wie stark bei ihm die Geschlchtserkenntnis und ihre Anwendung in der Politik sich berühren. Da mdesien ferne rem ktnatsoolitsicke Betätigung sich nur auf das kurze Jahrzehnt von 180b bis 1815 beschränkt, so ist es verständlich, daß Stein viele Muße m (einem Leben gehabt hat, um sich der Pflege der Geschichtswissenschaft zu

Die andere Hemmung, die Stein in der Betrachtung der deutschen I Frage empfand, hängt eng mit seiner politischen Grundrichtung zusammen I und ergab sich aus einer universalen Anschauung der Dinge. Nach [einer I Ueberzeugung war die Welt seiner Tage °rfMt von dem großen Zwie­spalt zwischen dem revolutionären und bonapart,stischen Frankreich und | bPem übrigen Europa; Frankreich stellte ihm das Streben nach Knechtung nUer Völker dar die anderen Länder hatten die Pflicht die Weltjreiheit I durch Einschränkung der herrschsüchtigen Nation zu lächern. An M°m Kampfe schrieb er dem deutschen Volke einen hervorragenden Sintert 3U. I alfo mußte es eine Verfassung erhalten, mit der es das Höchste Kampf I gegen das böse Prinzip leisten konnte. Nicht nur den Deutschen sondern der ganzen Menschheit muhte die Verstärkung der deutschen Nation in einem neuen Deutschen Reiche nach seiner Ueberzeugung äugute kommen, und^n dteser Lei tung für die Menschheit sah er die Rechtfertigung für die Forderung einer neuen und besseren politischen Versasiung für« das I deutsche Volk.' Gewiß eine Auffassung von idealem Schwung aber es lag darin, soweit sie die deutsche Nation betraf, eine gewiße Schwach-, nicht um ihrer selbst willen galt es, die deutsche Nation neu W gestalten, sondern zu einem bestimmten, über sie hinaus weisenden Zweck. Um I Deutschland für diesen Zweck kampstüchtig zu machen, war er Jogar« bered, auf die absolute Unabhängigkeit und nationale Ausgestaltung der Ver­fassung zu verzichten und Rußland und England zur Leitung der deut- I schen Geschäfte heranzuziehen. Die Gefahr, daß Deutschland dabei m ! Abhängigkeit von den Fremden fallen könne fürchtete er nicht. Er war überzeugt daß jene Mächte, um dem revolutionären Frankreich, dem gemeinsamen Feind aller, einen starken Damm entgegenzusetzen die Nationalfreiheit Deutschlands nicht einschnüren sondern sogar zu seiner Kräftigung die Hand bieten würden. Es war ein Irrtum, denn Ruhland und England hatten, wie sich bald zeigte, ein ähnliches Jnteres e rote Frankreich, in Deutschland eine starke, ihnen ebenbürtige^ Macht nickst aufkommen zu lassen, aber ein Irrtum, der nicht aus «schwache und Mattherzigkeit, sondern aus hohem Idealismus, zugleich der ftarkjten Quelle seiner Kraft, entsprang.

Dieser Idealismus ist es, der Stein weit über erfolgreichere Zeit­genossen wie Hardenberg ober gar Metternich erhebt und ihn dem deut­schen Volke unvergeßlich macht. Alles, was er tat und erstrebte, jeder Augenblick seines Lebens, stand ihm unter sittlichen Gesetzen, die in Religiosität wurzelten,alles, was keine sittlich-religiösen Unterlagen I hat ist vom Uebel und führt zum Abgrund" war seine Ueberzeugung; ein' Charakter und Wille ohnereligiöse Grundsätze und Gefühle war ihm undenkbar. Pflichterfüllung war ihm daher das höchste Gebot und zugleich das höchste GlücktDie ehrlichen Leute", schreibt er einmal seiner grau,sind belohnt durch das Gefühl, ihre Pflicht erfüllt zu haben, und durch den inneren Frieden, den sie genießen." Dieses Ideal zum Gemein­gut aller zu machen war sein Ziel als Staatsmann; einen politischen Zustand zu schaffen,daß jeder im Volke seine Kräfte frei in m or a- l i s ch e r Richtung entwickeln könne", hat er als fein Streben bezeichnet. Ausbildung der sittlichen Persönlichkeit ist also seine Forderung. Die aus der Religion geborene Pflicht zwingt den Menschen, denkalten Egoismus" zu verwerfen und sich dem Dienste an den Mitmenschen, am eignen Volke, an der ganzen Menschheit zu widmen, ja sich selbst, wenn es das Geschick verlangt, zum Heile dieser Idee zu opfern: aber nie darf die Persönlichkeit als selbständige Gröhe, verschwinden, sondern stets soll sie das Gesetz des Handelns vom eignen Gewissen empfangen.

Stein hat diese Grundsätze nicht nur, bekannt, sondern gelebt. Kemer seiner Zeitgenossen war freier von Menschenfurcht als er, mochte es sich um ein Bekenntnis vor Fürsten oder vor der großen Oeffentlichkeit handeln. Nur ein festes Gottvertrauen, das Bewußtsein der unbedingten Abhängigkeit von einer höheren Macht konnte ihm diese innere Sicher­heit und Unbeugsamkeit auch in den trübsten Zeiten verleihen:Ob und wie" schrieb er im Mai 1807, verstoßen vom König, den Untergang Preußens vor Augen,Gott helfen wird, wer kann das jetzt schon wissen? Aber festes Hassen und Vertrauen nach oben, das heißt auf Gott, muß die Besseren aufrichten und jetzt mehr als je treu und fest unter sich Zusammenhalten. Nur wer sich selbst aufgibt und in mutloser Untätigkeit dem Geschicke überläßt oder unterwirst, der ist ganz und für immer verloren."

Letztlich ist der Freiherr vom Stein einer der größten Erzieher unteres Volkes durch feine Persönlichkeit sowohl wie durch seine Staatsauffassung. Sittlichkeit ist ihm Verantwortung gegen sich selbst und gegenüber der Gemertischaft des Volkes. Aus dieser Einstellung heraus kann er sein politisches Glaubensbekenntnis wie folgt zusammenfassen: Der Staat ist kein landwirtschaftlicher und Fabriken-Verem sondern sein Zweck 'st religiös-sittliche, geistige und körperliche Entwicklung; es soll durch seine Einrichtungen ein kräftiges, mutiges sittliches, geistvolles nM allem ein kunstreiches, gewerbefleißiges gebildet werden. Und. aus diesem Bllck felde kommt er zum Geschichtsstudium als dem diesbezüglich besten Bil- dungsmittel wie er 1812 einmal dem Hauslehrer semes Schwagers geqemiber äußerte:Der Einfluß der Geschichte ist wohltätig für em junges Gemüt, wenn sie gründlich, treu, einfaltig studiert wird unb mon nicht auf der Bahn metaphysischer Schwätzer und politischer «Sophisten daher wandelt; sie erhebt uns über das Gemeine der Zei genosseni und mächt uns bekannt mit dem, was die edelsten und größten Menjchen geleistet und was Trägheit, Sinnlichkeit, Gemeinheit oder verkehrte An­wendung großer Kräfte zerstört. Ich halte es daher für wesentlich, den Sinn für das Studium der Geschichte zu erregen und damit den Jüng­ling vorzüglich zu beschäftigen."

Als Stein diese Worte schrieb, befand er sich in dem kritischen Zustand seiner Lebens, wo er eineMacht für sich" war. Ende 1808 Ijatte er b preußischen Dienst verlassen müssen und war bald daraus von Rapoteon geächtet worden. So lebte er von 1809 bis 1812 als politischer üstuchUmg in Oesterreich, vorwiegend in Prag, bis ihn der Zar Alexander zu sich nach Rußland berief, wo ihm denn vergönnt war, eine entscheidende Rolle bei der Niederringung Napoleons zu spielen. Wenn auch Stein von Prag aus die engsten Beziehungen zu alten Gegnern Napoleons unter­hielt so war er doch ohne Amt und konnte sich daher seiner Familie, die ihm bald hierher folgte, mehr widmen als das bisher möglich gewestn. Besonders beschäftigte er sich mit seinen beiden Töchtern, denen er selbst Geschichtsunterricht erteilte. Dabei hatte er ausreichend Gelegenheit, dw Verhältnisse in der Geschichtsliteratur kennenzulernen Besonders gluck! ch I waren sie nicht. Die Gesichte galt als moralisches Fach, bei dem die Nutz­anwendung das Wichtigste war. Quellenkritik, w,e überhaupt möglichst genaue Festlegung der geschichtlichen Tatsachen, also gewissermaßen die Boraussetzungen für geschichtliches Erkennen alles das war noch im Werden. Erft 1810 hat ja Steins früherer Warbeiter B. G. Rieb ihr durch seine bahnbrechenden Vorlesungen über Römische.Geschichte den Weg gewiesen. Stein empfand die Mängel der Gefchlchtswissenschast bitter genug, besonders im Hinblick auf die Geschichte seiner Zeit. Da entschloß er sich, selbst seinen Kindern eineGeschichte des Zeitraumes von 1789

I bis 1799" zu schreiben, die noch heute eine Fundgrube der politischen Erkenntnis Steins ist, weil sie seine Persönlichkeit in lebendige Bezichung zu dem einschneidendsten Ereignis seiner Zeit, zur französischen Revo­lution setzt Bei Lehmann sindek sie allerdings nicht viel Anerkennung.

Seine praktische Betätigung als Geschichtsschreiber erfuhr freilich bald I ein Ende durch seine Berufung an den russischen Hof. Er konnte wieder Geschichte machen". Doch spurlos ist die Prager Zeit an totem nicht Dorüberqegangen. Als er nach den Befreiungskriegen wieder sozusagen

I beschäftigungslos war, erwachte die alte Neigung. Die Zeiten waren ruhig, ein großer Plan konnte geboren werden. Zwar lagen die ersten Anregun­gen wieder im persönlichen Erlebnis. Bei der Beschäftigung mit ferner jüngeren Tochter empfand er den Mangel an Geschichtsguellen über das

I Mittelalter. Er unterhielt sich darüber mit Goethe auf der gemeinsamen Rheinreise im Juli 1815; er reichte der preußischen Regierung einen Plan zur Sammlung älterer deutscher Geschichtsguellen ein. Allem die,ec versandete. Da ging Stein auf eigene Faust vor. (£r roanbte sich an pe£ sönliche Freunde mit und ohne Staatsamt, mit der Wirkung daß endlich am 20. Januar 1819 dieGesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde

I in Frankfurt am Main gegründet wurde. Ihr Plan war,die besten I Quellenschriftsteller deutscher Geschichte des Mittelalters herauszugeben, I und zwar nicht bloß für die reine Fachwissenschaft, sondern auch für em I weiteres Publikum mit den Absichten, wie Stein überhaupt Geschichte gewertet wissen wollte. Der erste Ersolg des Aufrufes der Gesellfchast weckte weiten Widerhall, doch legten sich bald die Folgeerscheinungen der Karlsbader Beschlüsse", die ja in jeder nationalen Regung und erft recht in seiner nationalgeschichtlichen ein Zeichen von^atobtmstnus sahen lähmend auf das neue Werk. Allein Stein blieb unbeirrt. Mit bedeutenden persönlichen Opfern führte «r das Unternehmen vorwärts. In dem Hannoveraner Georg Heinrich P e r tz fand er einen wissenschaft­lichen Mitarbeiter, der im großen und ganzen seiner Anregungen in Die Wirklichkeit umzufetzen verstand. Im Jahre 1826 erschien der erste Banö des Werkes, vor dessen Namen noch heute jeder Geschichtsforscher mit Andacht steht. Es sind dieMonumenta germaniae historica , die E>e- schichtsdenkmiiler Deutschlands. Stein glaubte sie in fünfzig Bänden für bi» Zeit bis zum Ausganq bes Mittelalters erschöpfen zu können, doch ergab sich im Verlauf ber Arbeit, baß eine private Gesellschaft das Wen überhaupt nicht zu Enbe führen konnte. Im Bismarckreich würbe es Reichs­sache mit einem beamteten Direktor. Heute stellen dieMonumenta eine stattliche Bibliothek dar. Das von Stein gelegte Samenkorn hat reiche