Ausgabe 
29.6.1931
 
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Gießener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |93<

Montag, den 29. Zum

Nummer 50

An Steins Gruft.

Von Leo Sternberg.

Er schläft. Allein, er starb nicht. Er war in jedem Augenblick das Herz des Volks; und seine Feuerseele riß auf zur Höhe und vollendete, woran sie glaubte. Keine Furcht vor Menschen kannte der allzeit vom Heergeleit der Ahnen und der Zukunft Leibwächterscharen unsichtbar Umringte.

Er stand allein. Kein Einzelner das Volk.

Nur mit der Gottheit sprach er ab, was er im Busen wog, und legte auf ihre Knie demütig das Schwert, wenn Brachzeit war, wo auch der Arm des Tapfersten nicht hilft. - Denn nur mit Großem sich zu messen, war ihm bestimmt, nicht mit Gewürm.

Er sah das Höchste und vollzog es nicht, sondern gehorchte seine frommste Tat: Liebe zu seinem Volk, das noch nicht reif war, dem Stürmischen zu folgen ... Doch er schläft nur. Die Stunde kommt. Er wird sein Reich noch schaun ...

Stein zum Gedächtnis.

Am 100. Todestage des Reichsfreiherrn.

Von Dr. Gustav Roloff, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.

Als der Reichsfreiherr vor einem Jahrhundert starb, war er, der seit einem halben Menschenalter fern von den großen Geschäften gelebt hatte, von feinen Zeitgenossen fast vergessen, und zürnend schrieb fein Verehrer Dahlmann, später der Führer der Kaiserpartei in der Paulskirche, »das schwache Geschlecht könne ihm seine Tugenden nicht vergeben". Heute wird (ein Name wieder bekannter, und wenn auch die große Menge kaum etwas von ihm weiß und seine Popularität keinen Vergleich mit der Bismarcks, Friedrichs des Großen und Luthers aushalten kann, so bemüht sich doch die Wissenschaft wieder stärker um ihn und sucht sein Leben und Wirken nicht nur bis ins Kleinste hier und da bereits bis ins Kleinliche zu erforschen und zu zergliedern, sondern auch den breiten Schichten näher zu bringen. Die Ursache, daß Stein bei seinem Tode der großen Oeffentlichkeit nichts mehr galt, lag an seiner Abwen­dung vom Zeitgeiste: er war ein grimmiger Feind der Franzosen,des Volkes ohne Liebe und Treue", und feine Abneigung war durch die Juli­revolution (1830) noch gesteigert worden. Die liberale Zeilmode, blind gegen das offene und versteckte Streben aller französischen Politiker nach dem Besitze des Rheinlandes und nach der Verewigung der deutschen Zersplitterung, sah aber grabe in Frankreich das Vorbild für jeden auf­geklärten Deutschen; war doch der eitle und unwahrhaftige L a f a y e t t e , das moralische Widerspiel Steins, ein Tagesgötze:die reinste Personifi­kation des edelsten Geistes und Charakters in Frankreichs Revolution und Volk" nannte ihn Rotteck, einer der Hauptfllhrer der Liberalen in ehr­licher Begeisterung.

Heute haben mir nach den Erlebnissen der letzten Jahrzehnte ein besseres Verständnis für Steins politische Grundstimmung; wir erfahren täglich die Wahrheit des unter Steins Augen geschriebenen Arndtschen Wortes, mit der Stellung am Rhein habe das herrschsüchtige Volk nicht nur den Fuß auf Deutschlands sondern auch auf Europas Nacken. Aber die Franzosenfeindschaft allein kann einen ausreichenden Grund für die Belebung feines Andenkens nicht bilden, er muß dem deutschen Volke stärkere, positivere Gedanken und Antriebe zu bieten haben, wenn wir ihn als nationalen Heros betrachten sollen.

In doppelter Eigenschaft lebt der Reichsritter im Gedächtnis der Nachwelt, so weit sie sich mit ihm beschäftigt, fort: als Wiederhersteller Preußens nach dem Tilsiter Frieden und als deutscher Patriot, der den Kampf für die nationale Freiheit als heilige Sache anfah und über alle territorialen, konfessionellen und sonstigen Verschiedenheiten hinweg eine wirkliche nationale Einheit, einen großen deutschen Staat zu schaffen bemüht war. Indessen seine tatsächlichen Leistungen auf diesen Gebieten allein würden ihn noch nicht in die Reihe jener anderen Großen des Geistes und der Tat heben können, denn seine Wirksamkeit war begrenz­ter, als seine Bewunderer gemeinhin annehmen.

Zwar Gewaltiges und Unvergängliches hat er vollbracht. Jur Re­organisation Preußens berufen (Oktober 1807) hat er die schon lange vor dem Zusammenbruch von Jena ergriffenen politischen Ideen nut eiserner

Willenskraft allen Hindernissen zum Trotz durchzufetzen verstanden. Die Beseitigung des alten ständisch gegliederten Staates durch die Bauern­befreiung, die Einführung der städtischen Selbstverwaltung, die Umwand­lung des alten Heeres haben eine neue preußische Staatsgesinnung geschaffen und damit die Grundlage zu einem Staat von ungleich größerer Kraft, als es das fridrieianifche Preußen sein konnte, gelegt. Die Mög­lichkeit, die gesamte Volkskraft in den Freiheitskriegen aufzubieten, ist durch Steins Gesetzgebung gegeben worden. Somit ist Stein stets mit Recht als der Befreier vom französischen Joch mit S ch a r n h o r st, dem Waffenschmied, und G n e i f e n a u, dem Schwertführer, gefeiert worden. Seine besondere Größe ist, daß er die Umformung, die in Frankreich so ungeheure Erfchütterungen hervorrief, ohne zerstörende innere Kämpfe zu bewirken vermochte. Nicht nach allgemeinen radikalen Doktrinen wie in Frankreich sollte das Neue ins Leben gerufen werden, sondern im allmählichen Uebergange; unter Anknüpfung an die altüberlieferten For­men wollte der aristokratisch gesinnte Reichsfreiherr das Volk zur Selbst­regierung erziehen und den absolutistischen Staat durch Errichtung einer Nationalvertretung in einen konstitutionellen umwandeln.

Aber so grundlegend Steins Leistung war, sie beschränkte sich auf die innere Politik. Es war ihm nicht gegeben, das Staatsfchiff durch die sturm- und klippenreichen Strömungen der Napoleonischen Zeit zu steuern; Augenmaß und Anpassungsfähigkeit, nach Bismarck die unentbehr­lichen Grundlagen für jede erfolgreiche auswärtige Politik, standen ihm nicht in ausreichendem Grade zu Gebote. Hier war Hardenberg, als Persönlichkeit weit hinter ihm stehend, aber geschmeidig und uner­schöpflich an Auskunftsmitteln, der rechte Mann.In Stein", sagte Ranke,lebte der Impuls ursprünglicher Gedanken und Gefühle, in Hardenberg mehr Empfänglichkeit für die allgemeinen Tendenzen, welche die Welt beherrschen."

Nicht anders ist es auf dem Gebiete der deutschen Politik, auch hier war ihm das Höchste zu erreichen, nicht beschieden. Mit herzerfreuen­der Tatkraft und Kampflust hat er beim ersten Zusammenstöße zwischen dem Deutschen Reiche und der französischen Revolution (1792) den Kampf an feinem Teile als hohem Finanzbeamten in Cleve lag ihm die Versorgung der preußischen Armee ob geführt und dabei stets den Gedanken vertreten, daß Preußen und das übrige Deutschland in diesem Gegensatz eine unzerstörbare Einheit bilden müßten; seine Umformung Preußens galt ihm als Vorbereitung der Freiheit Gesamtdeutschlands, und von Napoleon wegen seines deutschen Patriotismus geächtet und aus Deutschland vertrieben, hat er doch nie die Zuversicht auf den endlichen Sturz des französischen Bedrängers verloren. Als Flüchtling in Rußland schrieb er in den Tagen, da Napoleon in Moskau einzog, feinen ersten Entwurf für eine gesamtdeutsche Verfassung nieder und ermutigte den Zaren zum Ausharren bis zum Aeußersten; nach dem Rückzug der Fran­zosen aus Rußland trieb er ihn zum Vormarsch über die Grenze, um mit Preußen gemeinsam den Freiheitskampf beginnen zu können. In allen Phasen der Freiheitskriege, auch in kritischen Augenblicken, ist er seinem Ziele, Napoleon zum Heile Deutschlands und der Menschheit zu stürzen, nie untreu geworden, und nach dem Siege hat er nament­lich auf dem Wiener Kongresse unermüdlich für die Herstellung der deutschen Einheit gearbeitet.

Aber grabe hier offenbaren sich die Grenzen feines Geistes am stärk­sten. So lebendig fein deutsches Empfinden warich habe nur Ein Vaterland, und das heißt Deutschland" hat er im Jahre 1812 geschrieben: er war doch nicht imstande, die Momente, auf denen das deutsche^politische Leben beruhte, mit dem untrügerifchen Blick des Staatsmannes zu erfassen und die Linien, in denen es sich abfpielen mußte, festzustellen. Zweierlei Schranken konnte er nicht überwinden. Die erste ergab sich aus feiner Geburt. Als Reichsritter, der erst 1803 feine Reichsunmittel­barkeit verloren und nur mit gewissem Widerstreben den Dienst mächti­gerer Herren angenommen hatte, fühlte er sich mit keinem Einzelstaat innerlich fest verwachsen und war bereit, alle zu opfern, wenn dadurch ein neues Deutschland geschaffen werden kannte. Auch Preußen, fein eignes Werk, der Staat, der im Kampfe gegen die Franzosen das Veste tat, hatte für ihn keine eigne Daseinsberechtigung. Der Gedanke, der V i s m ar (f beseelte und auch in einigen großen Zeitgenossen Steins wie Wilhelm v. Humboldt und Gneisenau lebendig war, daß jede Machtvergrößerung Preußens praktisch der Wiederherstellung Deutschlands dienen müsse, war ihm fremd. Die deutsche Entwicklung im 19. Jahrhundert beruhte aber seit dem Zusammenbruch der Kaisermacht auf der Ausgestaltung des territorialen Gedankens und nur von einem Einzelstaat konnte die Neugestaltung der deutschen Dinge ausgehen. Weitaus die große Mehrzahl von Steins Zeitgenossen das Volk viel­leicht noch stärker als die Dynastien dachte territorial und wollte die altgewohnte einzelftaatliche Selbständigkeit nicht zugunsten eines neuen Reiches mit einheitlicher Regierung aufgeben: Stein öerfaffungsgebanten, die über die territorialen Grenzen hinwegschreiten wollten, mußten daher mit Unfruchtbarkeit geschlagen jein.