Ausgabe 
29.5.1931
 
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(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag.' Brühl'fch« Univerf itätL-Duch» und Steindruckerei,Lange, (Sieben.

Und betitelt sich?"

Tod und Narr", antwortete Pescara.

für den Patrioten der Vollender Italiens, für den Gelehrten der wieder- auigelebte römische Ehrgeiz, für di« Fürsten, soviel du ihrer bestehen lassest, der herrschende Bundesgenosse. Du beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus. Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Repu­blik und den Mediceern in Florenz ein, und sie gehorchten dir beide. Ja ogar die stolze Fürstin der chadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich «he dich", jubelte Morone,wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst. m , r . ,,

So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir letzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und deinen Ruhm em wenig lieben wirst, damit endend, womit ich angefangen habe, denn allem meine Liebe zu Italien, das Beste, das einzig Gute an mir, wirst mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde, daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn die e Wahrheit des Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es daß sein mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen zusammen-

E^r lieh den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder vor ihm stehen bleibend.Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir, Morone?" warf er hin.

Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler.Je mehrere, desto besser! Nur mit jenen langen und sruchtbaren Pausen, welche die Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpsen und beruhigen und selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn, zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen, und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen ®otter Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Tod.esschatten berühren darf!" _ . .. . a< ....

Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich.Weißt du', drohte er, , daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das erste Opfer dem Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an, euer Mailand dem Bourbonen zu geben, der mein Alterego, meine rechte Hand und em Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Ueberlieferst du mir den Sforza?

Bei allen Göttern, nein! schrie der entsetzte Kanzler.Ich meinen Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört,wie darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit dem Bourbonen zu beflecken!"

,Seht diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara.Gibt es etwas Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen unzusam- rnenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein bleiben von Verrat!"

Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler.Der Kon- netabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du von einem Fürsten absällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen Herzog preis­geben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im Traum« erscheinen!" ... er tat einen erbärmlichen Seufzer ...Doch, dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!" und die Tränen brachen ihm aus den Augen. . ... ,

Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara.Wir sind beide ermüdet und' bedürsen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte. Ippolito", unterwies er den Knaben,führe den Herrn, der ein großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig bedienen imd reichlich bewirten lassen. Ihr sindet eine gewählte Bibliothek, Kanz­ler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Viktoria erwarte, der mein Abend gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir uns wieder."

Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler.

Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den Wachtposten Nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den Kanzler erbleichen. Fürchtet nichts", schloß er freundlich und entließ ihn.

Wie er sich wieder umwendete, näherte sich ihm der Herzog und Del Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten Aufregung, der bleiche Bourbone mit fieberhaft geröteten Wangen, Del Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte. Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden Lorbeer. Noch schwiegen si«, aber ihre dringende und flehende Gebärde wollte sich in Worte ver­wandeln. Da schloß ihnen Pescara den Mund.

Herrschasten", sagte er,hier wurde Theater gespielt. Das Stück dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?"

Da schlug der Bourbone in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle Lache auf.Trauerspiel oder Posse?" fragte er.

Tragödie, Hoheit."

Speerwunde von Pavia dem Stoß einer Schweizerlanze verdankte.Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber schade", wiederholte er.

Eures Heeres sicher", suhr der Kanzler fort

Nehme ich Mailand", ergänzte Pescara.Mein Plan ist entworfen. Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog em Mitglied der Liga ist. deren Feldherr Ihr seid." m ,r, . ~

Richtig, das hatte ich vergessen. Aus alle Fälle, Mailand ist der Zen­tralpunkt. Und dann?" , m

Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels, die Kleinen nicht zu nennen."

Halt, Morone! Neapel ist spanisch.

Nach Neapel habt Ihr bann Euren Neffen gesendet als Euren V,ze- konig, der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen byClb,e,2(15° meinen Vizekonig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich die Krone?" fragte Pescara gelassen.

Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer Schwelle", sprach der Kanzler errötend. . _.

Die kalte Miene des Felbherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle berührt nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines nahen­den Weibes.Weiter geträumt, Morone", sagte er.

Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Massen und in annehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher Sicherheit fort,hindert nichts, daß Ähr Euch mit dem Kaiser ausemandersetzet vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß Ihr, obschon, nem weil der erste Feldherr der Zeit das scharfsinnige Schachspiel und die umfassen­den Berechnungen der Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der Walstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blut­vergießen, denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und ein zweites Heer in Italien zujammenbringen, nachdem er Euch und das Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu tun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen

.Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar feinen Wortlaut , warf Pescara hin,kann aber keinen Wert darauf legen. Der König öerguält sich in feinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie ich ihn zu kennen glaube." ... , ... _

Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen Gesichte,hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie halte das Bikndnis fest wie ihre Tugend"

Ein Pfiff durchschnitt das Gemach ... der Kanzler horchte verwundert. Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigejchwirrt fern.

Es sind noch andere da, die den Kalser beschäftigen , fuhr er fort, der Halbmond und die deutschen Fürsten."

Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr.Mit den deutschen Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser allenfalls vertragen. .Meinst du nicht, Morone?

Dieser antwortete denkend:Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser bedarf der Kirche für fein schweres und dunkles Gemüt, das er von der Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen."

Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler? fragte der Feld­herr neugierig. . .

Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du linb wir alle em Bewohner ber "Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Schemen und auf wogen- dem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unfers eigenen uni) irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut und Bose glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten ®?rickstrs, wird jetzt wie du weißt, unversöhnlich gestritten über die beste Rüstung an jenem Tage ber blasenben Posaune. Unsere kluge Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit: Das ist Plunder! Werst Euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst. Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr! Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es diese deutschen Kopfe fertig, so brauchen sie gar keine Pafsheit mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch.

Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an sich werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten, Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne. Sem Lächeln blieb unerwidert.

Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst.Ich glaube an eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern hast du recht. Ich hab« es mit Augen gesehen. Am Abende meiner Schlacht" er meinte die von Paviasah ich im Lazarett zwei höchst frevel­hafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier, diesen unter feinen Reliquien und in den Armen zweier Priester zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude. Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wärter, und erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch lassen wir diese Farben ber Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist."

Gewiß nicht, Pescara. Dann erst, wann du durch das Schwert ober durch ein listiges Abkommen den Kaifer außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust du deine Große und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des Herkules! Doch du ruftst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung, Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen. Du kennst dich doch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich zeigen als der, welcher du bist in deinem ganzen Wüchse: für bas Volk ein fruchtbarer unb wohltätiger Dämon, für bas Heer ein unfehlbarer Sieger,