von Fremden tadellos, aber seelenlos empfängt und entläßt. Jedes derartige Hotel ist ein Keines- Staatsgebilde für Pch. Es zeigt uns manch äußere Aehnlichkeit mit den großen Abteien vergangener Zeiten, die auch den vornehmen Fremdenstrom bewältigen mußten, mit eigenen Handwerkern und Kleinindustrien verschiedener Art ausgerüstet waren und einer Hierarchie von Angestellten bedurften, die der Abt mit viel Ernst und Energie regierte. Aber was damals die Hände und Füße, unzähliger Bediensteter leisteten, wird heute größtenteils auf dem Wege der Maschine vollzogen.
Manches, was früher in Klöstern und Gasthäusern patriarchalisch die Fremden vereinte, zusammenhielt und einander näherbrachte, fiel dem zunehmenden Verkehr zum Opfer. Menschen, Stände und Berufskreise schließen sich heute immer strenger voneinander ab. Die „table d’hote", ein letzter Rest der urtümlichen Gepflogenheiten, am langen Wirtstisch schnell und zwanglos Bekanntschaften anzuknüpfen, erhält sich nur noch in Pensionen und Provinzhotels. Sonst hat sich der Fremde vollständig von dem Mitreisenden abgelöst. Er sitzt einsam und korrekt am kleinen Tisch, der korrekten Kellnerschar gegenüber. Er muß sehr mutig oder ein Russe mit unwiderstehlichem Drang zur Konversation sein, einen dieser korrekten Angestellten in ein Gespräch zu verwickeln.
Im Mittelalter war die Geistlichkeit des Klosters ein sehr wichtiger Kulturfaktor. An den grghen Pilgerstraßen fanden sich Stationen, wo geistliche Herren das Pflegeamt des Herbergsvaters führten. Hier vereinigten sich, wie in besonderen Sammelbecken, dank den Erzählungen der verschieden gearteten Pilger, mannigfache, lebendig geschilderte Sagen, Märchen und halbgeschichtliche Berichte aus Vergangenheit und Gegenwart. Die Buntheit, chronologische Unmöglichkeit und Merkwürdigkeit der poetischen Ueberlieferung aus der früheren Periode europäischer Kultur ist hauptsächlich jenen urtümlichen Pilgerherbergen zuzuschreiben, die Fremden aller Länder zur Rast dienten. Dort pflegten sie ihre Wunden, warteten besseres Reisewetter ab und vertrieben sich mit der übrigen Reisegesellschaft die Zeit durch Erzählen und Fabulieren. Auch Künstler, Dichter und Spaßmacher sanden sich gern ein und wußten bei der spärlichen Beleuchtung die Abende zu kürzen. Mancher unter den gastlichen Mönchen war selbst Bonvivant, keinem Scherz und keiner Anekdote abgeneigt. Man unterhielt sich um so besser und ungenierter, da der Wallfahrtsort, das Reiseziel der meisten, ein großes Reinemachen aller etwa auf Reisen begangener Sünden versprach.
Chaucers „Canterbury tales" haben die gesellige Unterhaltung auf den üblichen Pilgerfahrten getreulich gespiegelt. Unter anderem erfahren mir aus feinen Erzählungen, daß Engiand schon im 14. Jahrhundert gute Tischrnanieren schätzte. Darüber gibt der Bericht einer Aedtissin Aufschluß. Es ist freilich eine etwas affektierte Dame, und sie spricht lieber französisch als englisch, obwohl ihre sranzösischen Kenntnisse nicht weit her sind. Die derbe, rein männliche Geselligkeit der Wirtstafel hat Shakespeare in den Fallstass-Szenen geschildert. Damen sind hier natürlich ausgeschlossen, nur die flinke Wirtin und einige käufliche Frauenzimmer stellen das Ewigweibliche dar. Der ganze Ton ist danach. Es wird fest getrunken und handfest gespaßt. Irgend ein unfreiwillig komisch wirkender Gast ist meist die Zielscheibe des Witzes oder ein professioneller Spaßmacher sorgt für die Luftigkeit, der Wirt felbft sucht durch gemütlichen Scherz über die Bitterkeit der „Zeche" zu täuschen. Bei diesen Wirtshaus-Szenen wird viel Humor ausgegeben, ja, man kann die Gaststätte als das eigentliche Heim des herben Lachens bezeichnen.
Aehnlich wurde es wohl auch in anderen Ländern gehalten, sobald der Wirt oder Herbergoater eine Art patriarchalischer Würde annahm, und es dem Gast behaglich zu machen suchte. Ich erinnere mich aus meiner Jugend, als Oesterreich noch mit wehmütigem Pathos an mancher, uralten, aus dem Mittelalter stammenden Gepflogenheit festhielt, daß es in einigen Wiener Hotels einen „komischen" Oberkellner geben mußte. Dieser Mann erzählte bei der Abrechnung allerlei sogenannte „Spassettln", trällerte, hüpfte, kurz, war ein richtiger Abkömmling des Spaßmachers von einst. Als auch die Damen anfingen, gelegentlich im Wirtshaus abzusteigen, verfeinerte sich der Ton. Zur Biedermeierzeit entwickelten sich feierliche „table d’hote“, bei denen die Damen fchon in großer Toilette erschienen, wie heute in den ersten Hotels, wo auch für die Herrenwelt Frack und Smoking gebräuchlich sind. Als der Reifrock aufkam und die breitausladende Eleganz des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht hatte, bildeten besonders die Hotels der damals modernen Badeorts ein beliebtes Stelldichein der vornehmen Welt. Berühmtheiten aller Art trafen dort zusammen, und Abenteurer mit interessantem Auftreten lösten die Gestalten uralten Gasthauslebens ab. Seltsame Paare tauchten auf. Lafsale und hie Gräfin Hatzfeld! in roter Bluse werben als „table d’hote=@äfte" in manchen Briefen erwähnt. In den „Memoiren des Satans" schilderte Hauff die unterhaltende Geselligkeit des Reifelebens in einem großen Gasthof am Rhein.
Die Steigerung von Luxus und Beguemlichkeit, die vor dem Krieg das internationale' Hotel auszeichnete, mußte entschädigen für den Verlost an geistig regem und sinnlich anregendem Verkehr, an Phantasie unb Humor Da Humor, Ausgelassenheit, Geist und Keckheit längst nicht mehr in bas vornehme unb stilvolle Hotel mit feinen herrschaftlich korrekten Sitten unb Gebräuchen paßten, suchten unb fanben sie Zuflucht in ben Ausläufern her alten Schenke, Taverne, Dfteria, in den Kneipen, Cafes Gaststuben, verschiedenster Beschreibung. Aus diesem Urgrund erhob'sich aber verhältnismäßig erst vor kurzer Zeit, doch bereits einer eingehenden Biographie würdig, das Restaurant. Es ist eine Pariser Erlindung hauptsächlich aus dem Bedürfnis stammend, in verfchwiegenen „Chambres separees“ fröhlich zu fein. In der Zeit des zweiten Kaiserreichs erlebte es seine beste Blüte. Die Krinolinentragermnen, die sich in bie vielumsprochenen Räume her damals eleganten Restaurants in Europas Hauptstädten wagten, lebten fort in der Gestalt jener Samelienbame, die Dumas' Stück bis heute auf der Bühne erhalten hat. Meist stand ein Pianino in der „Chambre separee“, denn es wurde darauf gerechnet, daß nach den Champagnersouper etwas Polka oder Walzer die Stimmung zu steigern hatte. .
Wir wissen gar nicht, wie unbefangen unser Leben geworden ist >m Vergleich zu der Zeit, da „Großvater die Großmutter nahm . Die modern«
Art des seinen Gasthauslebens wirkt heute als angenehmes Ausspannen für die geschäftsgehetzte Menschheit. Seine Eleganz, die slatternde Buntheit sind nicht ohne Reiz unb nicht ohne eine gewisse scharfsütze Groß- stabtpoesie. Doch mit Wehmut kann man bemerken, wie sehr bas Auftreten der Gäste jetzt oft Grazie vermissen läßt. Bei noch so korrekter Bedienung fehlt jenen die Sicherheit des geselligen Lebens, die sich bedienen lassen und bei gCerteuerften Preisen herrscht billiger Witz unb Klatsch, zieht durch die gezwungene, durch laute Musik saft unterdrückte Unterhaltung ein Geist der Unsicherheit, der ein Zeichen des modernen Lebens ist.
Wie bie Räume, in benen sich her Betrieb abspielt, mit wechselnber Zeit ihr Gesicht verändern, so geschieht es auch mit den Menschen, die dort verkehren. Anders sind Torsahrt und Empfang, wo der Reiter abstieg ober bie schwere Karosse unb bie Extrapost vorfuhren, unb wo jetzt her Kraftwagen bie Hupe ertönen läßt. Aber immer waren es Altvornehme unb Neureiche, bie bem Treiben den Charakter gaben, immer tarn der Streit zwischen einst und jetzt am deutlichsten zum Ausdruck, wo der gesellschaftliche, ober vielmehr gesellschaftlich scheinende Verkehr unter Fremden fein Herz am lautesten schlagen ließ, in ben Gaststätten der eleganten Welt. Liebesabenteuer spinnen sich an, wie einst unb doch anders, Geschäfte und Schwindeleien werden eingeleitet, Klatsch von der kleinen lokalen Verleumdung bis zum internationalen Rattenkönig schädlichen Geschwätzes, alles begibt sich um bie weißgebeckten Tische, auf denen das Geschirr funkelt und der Luxus des heutigen Lebens sich am sichersten entfaltet. Hoffnung unb Enttäuschung, affektierte Luftigkeit unb beschauliche Abenbstimmung reinen Gewissens, die ganze Skala der Gefühle durchzittert den Raum ... bis die Lichter erlöschen, her letzte Frack eilig verschwinden unb bas Abwaschweib die Stühle auf ben Tisch zu stellen beginnt. Aber oben in ben Zimmern, wo ber Teppich bie Schritte bämpst, klingen leise Stimmen, Romane, bie bas fieben spielt, setzen Kapitel an Kapitel — jeher Raum hat wohl seine Geschichte unb sein Erlebnis, wenn er auch noch so unpersönlich aussieht unb in ber Flucht ber Ergebnisse nur kurze Weile zur Rast lägt. Das große Hotel ist ein Bilb bes Lebens: Kommen, flüchtiges Grüßen unb Verweilen, feine Zeche zahlen (ober auch nicht) unb gehen. —
Die Versuchung des Pescara.
Novelle von Conrab Ferbinanb Meyer.
(Fortsetzung.)
Dieser öffnete ben Mund, als hätte er unerschöpflich zu reben. Da berührte ihn Pescara leife mit bem Finger. „Sachte, vorsichtig!" warnte er. „Jetzt betrittst bu ein schmales unb schwankes Brett: es konnte kommen, baß ich dich nach beiner Rebe als Verschwörer müßte in Fesseln legen lassen. Sprich nicht in beinern eigenen Namen, rate ich bir, sondern laß dir eine Maske bieten, wie du liebst, und warum nicht die bes verschollenen slorentinischen Sekretärs, ob er nun noch unter uns roanble ober schon im Geisterreiche? Rede, Niccolö Macchiavelli! Ich werbe bich schweigenb unb bemunbernb anhören unb' bir bann doch vielleicht beweisen, baß bu für einen Staatsmann immer noch viel zu viel Ein- bilbungstraft besitzest. Oh, ich will bich kritisieren, mein Niccolo! Aber beginne."
Dieser fortgesetzt scherzenbe Ton bes Felbherrn beleibigte ben Kanzler, unb er empörte sich bagegen:
„Jetzt sei des Spielen ein Ende. Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt für die Rettung feines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!"
„Ilm Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloß die Augen, wie um belfer zu lauschen. Jetzt erschrak ber Kanzler einen Augenblick vor ber Blässe unb Strenge des magern Angesichts. Doch er war entschlossen.
„Es ist kein liebel, Erlaucht", begann er, „was Ihr bem Kaiser berichtet habt; es ist gut, baß Ihr Euch solange als möglich fein Vertrauen erhaltet unb Euch selbst bann noch nicht erkläret, wann ber Papst unb bie Liga ihr Manifest werben erlassen haben. Inzwischen brf !»t Ihr Eure Stellungen unb sichtet Euer Heer."
Pescara runzelte die Stirn.
„Leyva muß weg", forderte der Kanzler.
Pescara zählte an den Fingern.
„Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwun-- t.
Dieser erwiderte ruhig: „Muß Leyva draufgehen, so dürfen meine deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an Kaiser und Reich. Ihre Häupter müssen fallen. Oder vergifte ich sie in einem gastlichen Trünke? Was rätst du, Kanzler?"
Marone erbleichte.
. „Und was fange ich mit meinen spanischen (Ebelleuten an? Lasse ich sie auch ermorben?"
„Die Kastilianer", antwortete Moräne mit klopsenbem Herzen, „fallen wohl zum Kaiser zurück. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den räuberischen Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein Ungeheuer!"
Pescara widersprach nicht.
„Eure Gemeinen aber, die aus allen Ländern der Erde iiifammen« geflossen sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschütterliche Seele und durch Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmäßigen Sold, wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehören jetzt alle Schätze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbuße an Leuten, so füllet Ihr bas Heer aus ben Schweizern, die sich nun Überallhin vermieten, feit sie aus Mangel an Führung und an einem Staatsgedanken ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswärtige Politik verscherzt haben.
„Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art Zärtlichkeit für bie Schweizer, die er zweimal überwunden und von welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende Sturmläufe erfundenen Stellung des Geschützes, in wenig Minuten ein volles tollkühnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere Volk, obwohl er feine


