Oie heilige Johanna.
Zu ihrem 500. Todeslage.
Von Dr. Karl Hauck.
Ain 6. Januar 1412 wurde in dem kleinen Städtchen Domremy an der Maas ein Bauernmädchen geboren, das berufen jein fällte, Die Retterin Frankreichs aus tiefem Verfall zu werden und dem bereits 100 Jahre währenden Kriege zwischen Frankreich und England jene entscheidende Wendung zu geben, die in der Folgezeit England dauernd vom Festlande vertrieb. ....
Schon frühzeitig waren in der sinnenden und ernsten, von religiöser Schwärmerei erfüllten Jungfrau mystische Stimmungen hervorgetreten. Wenn sie einsam durch die Waldtäler ihrer Heimat wanderte oder unter einer alten Eiche in der Nähe ihres elterlichen Hauses saß, so glaubte sie, überirdische Stimmen zu vernehmen und die Mutter des Herrn und die Heiligen des Himmels in ihrer Nähe zu sehen, die ihr die Zukunft offenbarten und Großes von ihr verlangten. Frommer Wunderglaube und nationale Verehrung haben das Jugendleben der Jungfrau mit einem dichten Gerank von Legenden umgeben, aus denen sich als wahrer Kern die von ihr schon in kindlichen Tagen gehegte Ueberzeugung eines von Gott zu außerordentlichen Taten berufenen Wesens herausfchülen läßt.
Unter Kriegslärm war sie ausgewachsen. Der Kampf zwischen England und Frankreich, an dem aus englischer Seite der Herzog von Burgund teilnahm, hatte seine Wogen auch in das stille Tal von Domremy geworfen, und in den engen Gassen von Domremy lreuzten sich nicht selten die Waffen der feindlichen Parteien. Als Karl VII. von Frankreich nach der entscheidenden Schlacht von Azincourt im Jahre 1415 von König Heinrich V. von England des Thrones für verlustig erklärt wurde, versuchte er vergebens, den französischen Boden von den fremden Eindringlingen zu säubern. Immer weiter wurde sein Heer zurückgedrängt — Anerkennung fand Karl schließlich nur noch jenseits der Loire, und auch hier schon wankten seine Anhänger. Nur Orleans wurde in dem von England besetzten Teile Frankreichs noch von Dunois gehalten. In dieser höchsten Gefahr erschien Johanna: plötzlich und unvermittelt trat sie vor den Hauptmann der in Vaucouleurs liegenden königlichen Abteilung und verlangte von ihm, vor den König geführt zu werden, da sie die heilige Sendung erhalten habe, Orleans von den fremden Belagerern zu befreien und den König zur Krönung nach Reims zu geleiten. Widerstrebend und zaudernd, aber nicht unberührt von der glühenden Begeisterung der Jungfrau gestattete er ihr endlich, sich nach Chinon zu begeben, wo der König damals Hof hielt. Wie in Vaucouleurs so nahm man auch in Chinon die schwärmerische Jungfrau anfänglich mit Mißtrauen und Zweifel auf. Was sie von ihrem Verkehr mit der Mutter des Herrn und den Heiligen des Himmels erzählte, erschien so sonderbar, daß der König die Theologen seines Hoses beauftragte, das Mädchen auf feine Rechi- gliiubigteit zu prüfen. Die Erklärung, die ihm von den Theologen zuteil wurde, daß Johanna von himmlischen Kräften, nicht aber von den Mächten der Dunkelheit geleitet werde, und ihre unberührte Reinheit, die voll den Frauen des königlichen Hoflagers festgestellt wurde, zerstreuten zwar die Bedenken des Königs, aber volles Vertrauen faßte er zu der fremdartigen Erfcheinung erst, als sie ihm geheimnisvolle Enthüllungen machte, von deren Inhalt zwar nichts Bestimmtes Überliefert ist, die sich aber aller Wahrscheinlichkeit nach auf die eheliche Geburt des Königs bezogen; denn von feinen Feinden, zu denen auch feine eigene Mutter gehörte, wurde der König als Bastard bezeichnet, der kein Recht habe, die Krone des heiligen Ludwig zu tragen.
Im Einverständnis mit dem Parlament erhielt die Jungfrau jetzt eine, vorerst nur kleine Heeresadteilung, mit der sie den Kampf gegen das englische Heer begann, das vor Orleans lagerte. In wenigen Tagen schon erfüllten sich ihre Weissagungen: am 4. Mai 1429 drang sie in Orleans ein. Durch einige glückliche Ausfälle, die sie im Einverständnis mit den in Orleans liegenden französischen Führern vorbereitete, zwang sie wenige Tage später, am 8. Mai, die Engländer zur Aushebung der Belagerung. Nicht dieser Erfolg allein war es, der das Vertrauen des Königs zu ihr befestigte. Zucht und Ordnung war mit ^hr in das fast aufgelöste französische Heer zurückgekehrt, denn auch die Soldaten begannen an Die übernatürlichen Kräfte ihrer Führerin zu glauben.
Mit der Einnahme von Orleans war der erste Teil der Aufgabe erfüllt, zu der sich die Jungfrau berufen fühlte — jetzt mußte das Werk zu der Befreiung Frankreichs vollendet und König Karl VII. an der geweihten Stätte des französischen Königtums, in Reims, gesalbt und gekrönt werden. Noch war der Weg dorthin durch machtvolle englische Heerhaufen gesperrt, die unter Dem Befehle Des englischen Oberfeldherrn Talbot standen; am 18. Juni wurde Talbot bei Patay vollständig geschlagen, er selbst gefangen genommen, und nichts hinderte jnetjr den König, den feierlichen Zug nach Reims anzutreten. Ihm zur Seite ritt Johanna in die Stadt ein,' und sie stand neben ihm, als der Erzbischof von Cambrai Karl VII. von Frankreich mit Dem heiligen Del salbte. In Der Dichten Menge, die Den Raum der ehrwürdigen Kathedrale füllte, befanden sich auch der Vater Johannas und ihre Brüder. Nur mit Widerstreben und in dunkler Ahnung kommenden Unheils hatte er die Tochter den Weg zum Könige nntret'en sehen — jetzt aber drängte auch er sich an den Altar der Kirche, um seiner Tochter im höchsten Glanze irdischen Glückes nahe zu sein. Es war der Höhepunkt ihres Lebens, dem unmittelbar darauf
Ihr Atem ging hörbar. Es war ein leises Röcheln. Sie lag regungslos, süß wie ein Engelsbild, und langsam schwanden ihr die. Gedanken Ihr Mund öffnete sich in frohem Lächeln. Die Fruylmgsluste hatten sie überwältigt. Sie war eingeschlafen. . _.
Draußen gingen die sonntäglichen Glocken immer noch. Die Nachugall hatte zwar ausgehört, aber andere Vögel erfüllten jetzt die Luft mit ihren Liedern. Der Himmel und die Sonne lachten weiter, und der Glieder nickte mit feinen reichen, blauen Trauben wie sonst ins Fenster hinein.
Ein Zitronensalter kam gegaukelt und streifte mit seinen Schwingen Die Stirn der Entschlafenen.
Sie merkte nichts mehr von all dem. Sie war giutflid).
der jähe und furchtbare Sturz folgen sollte. Wie von einer inneren Stimme getrieben, wollte Johanna nach Der Krönung jeDer weiteren kriegerischen Tätigkeit entsagen und in Die Stille und Einsamkeit ihres befcheidenen Heimatdörfchen zurückkehren ... .
Es sollte anders kommen. Ein König wie Karl VII., der in Den Tagen Der Not und Sorge Den Weg zu feinen Truppen nicht gefunden hatte, sah in den Tagen des Glanzes andere Aufgaben vor sich, als sie ihn draußen im Feldlager erwartet hätten. Nur widerstrebend fugte sich Johanna; was sie jetzt begann, geschah auf den Willen des irdischen Herrn: keine Mahnung Der Heiligen hatte sie zu befolgen, als sie den Kamps zur Wiedereroberung der Hauptstadt des Reiches unternahm. Bei einem Ausfälle der englischen Truppen wurde sie schwer am Schenkel verwundet und zur Aufgabe der Belagerung gezwungen. Es war der erste Mißerfolg ihres kriegerischen Lebens — nicht nur in ihr, auch in Den ihr unterstellten Truppen begann der Glaube Wurzel zu fassen, daß der Stern der Jungfrau sich neige. Trotz ihrem Abraten zog sich das Heer hinter die Loire zurück, und Karl VII. duldete, daß seine Truppen sich zerstreuten. Vergebens suchte sie im beginnenden Frühjahr das schwindende Glück erneut an ihre Fahnen zu fesseln. Um Compiegne von Angriffen des mit den Engländern verbündeten Herzogs von Burgund zu-schützen, warf sich die Jungfrau mit der geringen Mannschaft, die ihr gegeben war, in die Stadt. Noch einmal glaubte sie, den Sieg über Die vor den Toren lagernden Feinde davontragen zu können, mutvoll und begeistert, wie in ihren Ansängen, stürmte sie an der Spitze ihrer Truppen den Feinden entgegen, aber sie hatte sich in ihrem Eifer zu weit vorgewagt, ein feindlicher Soldat erkannte sie, riß sie vom Pferde und übergab sie dem Bastard von Vendome, der sie seinem Lehensherrn, dem Grafen von Ligny, auslieferte. Don ihm wu.de sie milde behandelt; ihre Leiden und Mißhandlungen begannen erst, als der Graf auf das Drängen der Engländer ihnen die wertvolle Gefangene gegen Zahlung von 10-000 Livres auslieferte ober verkaufte. Vergebens suchte sie zu entfliehen; ■ der Sprung von dem Turme zu Beaurevoir brachte ihr die ersehnte Freiheit nicht. Bewußtlos, aber kaum verletzt, wurde sie in die englische Gefangenschaft zurückgebracht, ohne daß sich der König oder die Großen des Landes um ihre Freilassung bemühten. Ein volles Jahr mußte die Heldin in dunkler Kerkernacht verbringen. Aus politischen Gründen waren die Engländer entschlossen, das Mädchen dem schmählichen Tode, dem Feuertode, zu übergeben.
Im Februar 1431 begann der Prozeß gegen sie. Voll wilden Eifers klagte man sie an, ein Bündnis mit dem Teufel geschloffen und als Ketzerin geduldet zu haben, daß das gläubige Volk sie als Heilige verehre; öffentlich fei sie in Männerkleidern erschienen und habe dadurch weibliche Scham und Sittsamkeit verletzt — Verbrechen, die nur mit dem Tode ge'ühnt werden könnten. Ueber diese Beschuldigung saß ein Gericht zu Rate, dessen Urteil feststand, ehe noch die Berhandlung begonnen halte. Am 24. Mai 1431 wurde ihr bas Urteil verkünbigt, aber in lebenslängliche Kerkerhaft umgeroanbelt, als sie sich in einer Stunbe ber Angst zum Wiberruf unb zur Abschwörung ihrer Ketzereien bereit erklärt hatte. Wenige Tage später wiberrief sie ihr Gestänbnis. Das grauenhafte Leben in ber Haft unb wohl auch bas siegreich wieberkehrenbe Bewußtsein ihrer göttliche.i Sendung hatten diesen Ents-Mß in ihr erwachsen lassen. So wurde sie am 30. Mai 1431 als rückfällige Ketzerin auf dem Marktplatze in Rouen auf erhöhtem Holzstöße verbrannt, bis zum letzten Atemzuge in inbrünstigen Gebeten die heilige Jungfrau anrufenb. Ihre Afche wurde in bie Seine gestreut. Lange Jahre blieb bas Anbenken ber Jungfrau geschänbet: erst 1451 würbe auf Befehl Karls VII., ber babei einem stets inächtiger anwachsenben Verlangen seines Volkes folgte, ber Prozeß wieber ausgenommen, aber es dauerte fünf Jahre, ehe bie Verhandlungen jo weit gediehen waren, daß Papst Calixtus III. Die Jungfrau von Schuld und Verbrechen losfprechen konnte. In Frankreich wurde ste wie eine Heilige verehrt und als eine Verkörperung des französischen Nationalbewußtseins, bas in schwerer Zeit nicht vom Könige, fonbern von einer schlichten Gestalt aus dem Volke gepflegt und getragen wurde, wird sie weiterleben.
Das Gasthaus im Iahchundertwandel.
Von ber Herberge zum Grand-Hotel.
Von Alexander von Gleichen-Rußwurm.
Einen der merkwürdigsten Querschnitte ber Kulturgeschichte gibt ein; Betrachtung über bie außerordentliche Veränderung im Wesen, Ansehen und in dcr'Bedeutung, die das Wirtshausleben im Lauf ber Jahrhunderie erlitten hat. Sein Einfluß auf den Charakter und die Sitten einer Zeit ist viel wichtiger und einschneidender, als man gewöhnlich annimmt. Dabei löhl sich eine Parallelentwicklung feftfteUen zwischen dem eigentlichen Wirtshaus, der Herberge, worin der Fremde ein Nachtlager enthalt, unu Der Schankwirtschaft öder Garküche, wo nur Trunk und Imbiß M Wegzehrung gereicht werden. Ersteres entwickelte sich von der mitten alterliehen Herberge, oft einer bedenklichen Spelunke und Räuberhöhle, langsam zu dem behaglichen Gasthof mit einladend wirkendem SckM vor dessen Tor die gelbe Postkutsche zur Erlösung der Reisenden nach langer Tagfahrt endlich hielt. Hier empfängt eine freundliche saubere Wirtin, ein schmunzelnd geschwätziger Wirt seine Gäste.
Welcher Unterschied zwischen der uralten „Absteige", wo nach ein" italienischen Novelle der Wirt auf die Beschwerde des Reifenden, er haue keine weihen (ö. i. reinen) Bettücher erhalten, mit der Frage geantwortei, ob sie etwa blau, rot oder grün gewesen seien, unb jener zierlichen „Locanda" bes 18. Jahrhunberts, wo Golbonis schöne ßoeanbtera Den bevorzugten Gästen selbst mit allerlei Grazie das frisch duftende Dinne bringt! Aber bie persönlichen, gemütvollen Beziehungen zwischen De , Wirtsleuten und ihren Gästen, bie bem Gasthausleben ber jüngst ve - > gangenen Jahrhunderte einen gewissen Reiz verliehen, verschwanden m । mancher Gemütlichkeit, um bem unpersönlichen, boch großartigen Eetrieo moberner Hotels Platz zu machen.
■ Nichts ist fo bezeichnend für die Welt unserer Tage, als es die Rm i palöste sind, in denen ein möglichst mechanisierter Betrieb täglich Hunoe


