GiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1951
Sreitag, den 29. Mai
Nummer 41
Nähe des Geliebten.
Von I. W. von Goethe.
Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer vom Meere strahlt: ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer in Quellen malt.
Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege der Staub sich hebt, in tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege der Wandrer bebt.
Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen die Welle steigt: im stillen Haine geh' ich oft zu lauschen, wenn alles schweigt.
Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne, du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne. O wärst du dal
KrühlingSopfer.
Von Hans B e t h g e.
Sie saß am offenen Fenster, im Lehnstuhl, von blendenden Kissen umgeben, und sah auf ihre schmalen Hände, die ihr verschränkt im Schoße lagen. Es waren gläserne, müde Mädchenhände, auf denen sich die blauen Adern deutlich abzeichneten. Sie waren ganz weiß. Nur die Nägel zeigten noch eine schwache Röte, und dort, wo die Knöchel lagen, schimmerte es rosa. Aber ganz wenig nur.
Sie regte die dünnen Finger, hob die eine Hand und hielt sie gegen las Licht, um das Blut schimmern zu sehen. Es leuchtete sehr blaß, blässer ols vor wenigen Tagen noch, und es fiel ihr jetzt auch viel schwerer, die Hand zu erheben. Es ging schnell abwärts.
Sie legte die Hand in den' Schoß zurück, lächelte und sah zum Fenster hinaus. Draußen war der Frühling. Er war schöner als sonst, sonniger, wärmer, blütenreicher. Dicht vor dem Fenster schwankten blaue Fliedertrauben und verschwendeten einen süßen Duft, der wie lichte Wolken ins Zimmer zog. Goldregenbäume standen dahinter und leuchtende Schneeballen und all die bunten Sträucher, die unser Auge im jungen Frühlingsglanz immer von neuem zu entzücken pflegen. Auch Jasmin war in Menge da. Aber der blühte noch nicht. Seine Knospen träumtet noch verschlossen. Und aus der Ferne schlug eine Nachtigall.
Sie sah mit ihren großen, blauen Augen in all den Glanz und ließ die strahlende Sonne ungehindert in ihr Gesichtchen fallen. Einmal hustete sie, leise und heiser. Dann neigte sie sich sanft vornüber. Dann schmiegte sie den Kopf, dem man seinen goldenen Haarschmuck schon genommen hatte, in die Kissen und träumte.
Von der Vergangenheit. An die Zukunft dachte sie nicht gern. Oh, die war grausam ... grausam ...
Sie war von Kind auf zart gewesen, immer schwächlich und blaß. Aber daß es in so jungen Jahren so weit kommen könnte, hätte sie doch nicht geglaubt.
Sie artete nach der Mutter, die war lange, lange tot. Sie hatte ein schönes Grab auf dem Kirchhof, ein Grab in lauter Rosen und Immergrün und mit einem weißen, goldbeschriebenen Marmorkreuz darauf. Sie hatte ehre Mutter nie gekannt. Aber sie hing mit schrankenloser Liebe an ihr. Sie pflegte ihr Grab. Jedes Andenken an die Tote war ihr ein Heiligtum, und was ihr der Vater von ihr erzählte, vergaß sie nie.
„Sie war ganz wie du, Annalisa", pflegte der Vater zu sagen, so zart und so schlank. Du hast alles von ihr: deine blauen Märchenaugen, dies unendliche Haar und diese feinen, zerbrechlichen Hände. Und auch die Stimme. Nur daß sie weniger sprach als du und auch leiser. Sie war .allezeit kränklich, Lisa. Siehst du, das wenigstens hat sie dir nicht vermacht. Du bist mein gesundes, kerngesundes Mädel, nicht wahr?"
Da nickte sie bann. Sie war ja auch ganz gesund. Nur daß sie das Herumtollen nicht so aushielt, wie andere Mädchen. Sie bekam so leicht Stiche auf der Brust. Und sie tollte doch so gern.
Der Vater hätte es ihr auch sagen sollen, daß es für ein Mädchen, wie fie, gefährlich fei mit den anderen herumzujagen. Aber er war zu schwach und zwang sich zu denken, daß es wohl auch gar nicht so schlimm sei, wie er in trüben Stunden befürchtete. Daß alles noch gut, ganz gut werden “önne. Es war nicht recht von ihm. Er fürchtete sich, ihr die junge Lust SU verbieten. Sie hätte bann vielleicht gemerkt, weshalb man es ihr verbot. Denn sie war ein kluges Mädchen.
Aber fie merkte es bald auch so. Die Stiche sagten es zu deutlich. Aber fie verriet keinem etwas davon, daß sie es wußte. Sie wollte ihren Vater nicht betrüben und vor ollem: fie wollte nicht als siech bedauert werden. Das wäre ihr das Furchtbarste gewesen. Sobald man von jemand weiß, »aß eine Krankheit an ihm nagt, ist seine Schönheit, und sei sie noch so blendend, in den Augen der Menschen dahin. Nur Gesundheit ist schon. An Gesundheit erfreut man sich, Gesundheit richtet auf, und man sieht sie mit lachenden Augen. Für Krankheit hat man Mitleid und Scheu. Man
wird befangen ihr gegenüber, und das goldene Lachen in den Augen erstirbt.
Dies alles wußte Lisa. Und sie wollte kein Mitleid haben und denen, die um fie waren, keine Scheu einflößen, nur das nicht. Aber sie begann zu ahnen, was ihr bevorstand. Nur glaubte sie immer noch nicht, daß es so bald kommen würde. Sie hoffte immer noch, wenigstens so alt zu werden, wie ihre tote Mutter geworden war. Sie bat Golt so viel darum, ihr diesen einzigen Wunsch zu erfüllen, denn gar so jung von dieser verheißenden Erde zu gehen — das ist furchtbar. Aber Gott erfüllte ihren Wunsch nicht.
Lisa trug ein großes, heimliches Verlangen in sich, eine Sehnsucht ohne Ziel. Und da sie ein nachdenkliches Geschöpf war, wie alle Leidenden, fo grübelte fie darüber nach, wohin eigentlich ihr innerstes Sehnen ging. Besonders nachts, wenn der Vater glaubte, sie schliefe, und sie mit wachen Augen, die Arme unter dem Kopf verschränkt, in ihrem Bette lag und mit heißen Augen in die Finsternis sah.
War es die Mutter, nach der fie verlangte? Erst glaubte fie es. Aber wenn sie bann neben ihrem Grabe stand und ganz versöhnlich still und ohne Klage an die Tote dachte, und leise den Sprühregen der kleinen Gießkanne über den Efeu rieseln ließ, ohne daß das Herz ihr zuckle, dann schüttelte sie den Kopf: Nein, das war es nicht.
Auch der Frühling, der Sommer war es nicht. Denn diese Zeiten dämmten ihre Sehnsucht nicht ein. Sie brannte rastlos weiter.
Oder war es die Gesundheit? Ja, die Gesundheit ... Aber nein. Es tarnen Tage, es tarnen Wochen, in denen eine wundervolle Hoffnung durch ihr Inneres zog. Hoffnung auf Genesung. Sie fühlte sich dann leicht und frisch, der Schleier vor den Augen war gewichen, ihre Brust atmete frei, ihre Farben lachten, fie glaubte wirklich, daß fie genesen werde ... oh, fie wußte ja ... fie war schon fast gesund ... alle Leiden verschwunden.
Aber die Sehnsucht blieb.
Auch das war es nicht.
Und sie tarn nicht dahinter. Sie sehnte sich weiter und grübelte weiter darüber nach. Und jene Hoffnungstage wurden kürzer und kürzer.
Lisa meinte oft. Sie fühlte nun doch deutlich, daß es bald zu Ende ging. Daß alle Hoffnung Torheit war. Daß nichts, nichts half.
Sie meinte über ihre Jugend, über all das Glück, das fie nicht kosten durfte, mie die anderen Mädchen, über ...
Es war am Frühlingsabend. Sie mar rechtzeitig zu Bett gegangen, denn sie fühlte sich müder als sonst ... und mitten im Weinen hörte sie auf. Ihre Augen leuchteten. Es war ganz stille. Nur das Nachtlicht auf dem Oelglas knisterte leise, leise.
lieber ...
Sollte es das etwa fein, was die Menschen „Liebe" nannten? Wer liebte sie denn? Die Mutter war tot. Der Vater? Der hatte gar keine Zeit für fie. Er mühte sich den ganzen Tag über im Geschäft. Er küßte sie zwar oft auf die Stirn -— aber er sah fie dann immer so an dabei, so tief und wie mit verhaltenen Tränen, daß ihr unter feinem Kuß gar nicht recht wohl und warm werden konnte. Im Gegenteil: fie wurde nur noch trostloser dadurch. Es schien, als ob der einsame Mann sich selber nach mehr Sonne sehnte.
Und die andere, die große Liebe, die sie nur ahnen konnte? Sie kannte sie nicht. Sollte es bas etwa sein?
Sie sann die ganze Nacht. Und am andern Morgen war sie blaß, daß alle erschraken. Und ganz, ganz müde.
Sie tarn nun nicht mehr aus dem Zimmer. Der Husten wurde immer ärger und wich nicht mehr. Sie konnte nur noch schlecht gehen.
Und die Stiche, die gräßlichen Stiche.
Man führte sie immer ans Fenster, in den Kissenstuhl, damit sie den Frühling genösse. Da saß sie bann, sah hinaus in bie blühenbe, verheißungsvolle Welt, mit der fie nichts, aber auch gar nichts mehr gemeinsam hatte, hörte die Vögel fingen und in der Ferne den Mühlbach rauschen — und wartete ab. Sie meinte schon längst nicht mehr. Aber roenn es bisweilen ganz besonders schön mar, der Duft betäubend, der Himmel roeit und blau und die Luft so federmeich, und roenn dazu von der Kirche die Glocken klangen, denen fie nicht mehr folgen konnte, bann würbe bie Sehnsucht mieber mit hoppelten Schmerzen in ihr wach. Dann schloß sie bie Augen, bann tarn ein Zug ber Wehmut, etwas Mabonnenhastes in ihre blassen Mienen ... unb bann stahl sich wohl auch eine Träne aus ihren langen Wimpern hervor.
So war es auch heute. Warme, weiche, buftsüße Luft, recht für kranke Seelen unb Körper, ein Rauschen aus weitem Blau, ber träumenbe Sang einer Nachtigall unb sanftes, sanftes Glockenschwingen. Das griff ihr ans Herz. Sie lehnte sich zurück, bie Augen, um bie zwei buntle Ränber liefen, geschloffen. Sie fühlte sich heute unglücklicher als je. Die Brust war ihr so rounb. Es arbeitete barin unb stieg als heiserer Husten auf, ber sich nicht hemmen liefe, auch wenn man sich noch fo sehr gegen ihn sträubte. Früher hatte sie bas oft getan. Jetzt liefe fies schon lange. Es hals ja doch nichts.


