' „In was für eine Premiere?"
„Fräulein Rose sagte mir, du wolltest kommen."
„Ach, die Kleine? Ist das Samstag? Dann natürlich. Sie sagte dir? Hast du sie denn gesprochen?"
„Ja." Nur das eine Wort sagte Peter und das recht kurz. Im gleichen Augenblick ahnte Leo Queis Zusammenhänge. Er goß ein und fing an von Gertie zu sprechen: wie er sie von der Chaussee ausgelesen, daß sie mit nach Scherkalden gekommen.
Erst war Peter still und hörte nur zu. Als aber Leo sagte: „Sie scheint mir ein famoses Mädel zu sein", hakte er ein: „Und ob sie ein famoses Mädel ist. Auch viel zu schade für diese Arbeiterei. Dabei hat sie es nicht einmal nötig wie Isa. Aber sie will selbständig sein, will zeigen, daß sie was kann. Sie will ...", er machte eine Pause, fand seinen Saß nicht ganz zu Ende, «... na, sie will eben. An ihr ist alles nur Wollen."
Da war Queis klar, wo Peters Kraftwelle lag. Jena—Weimar: die Nachbarschaft, dazu die alte Freundschaft in Berlin; es lag ja auf der Hand.
„Also gut", sagte er, „ich komme Samstag. Und nach dem Theater essen wir zusammen: die kleine Rose, du und ich. Vielleicht auch noch ein paar Kollegen von ihr, du wirst das schon arrangieren, Peter."
Er sprach von Gertie Rose und dachte an Isa.
Freundinnen waren die beiden. Vielleicht war auch da ein Weg, eine neue Brücke.
*
Die Generalprobe war vorüber.
Sie war nicht so verlaufen, wie eine Generalprobe verlaufen muß: ohne Unterbrechungen, ohne Korrekturen. Im Gegenteil: Fleischmann hatte in jedem Akt dazwischengerufen. Er war immer nervöser geworden.
Am Ende des zweiten Aktes gab es sogar eine Heulerei.
Gertie Rose hatte wieder einmal einen ihrer sprunghaften Einfälle gehabt: die Bühne stellte die Halle einer Villa dar, die Villa der Eltern jener Bebe, die Gertie Rose verkörperte; sie hatte einen kurzen, stummen Gang über die Bühne zu machen, nachdenklich, überlegend, sollte sich zum Schluß vorn in einen Stuhl setzen und hier den Auftritt ihres Freundes erwarten, mit dem sie dann die Schlußszene hatte. Der stumme Gang war oft geprobt worden, damit das Nachdenkliche klar herauskam. Er ging quer über die ganze Bühne, zwischen zwei Tischarrangements hindurch, vorbei an den Flügel; und heute fiel es Gertie ein, den Gang zu j unterbrechen, sich der Länge nach auf den Flügel zu legen, den Kopf dem Publikum zu in beide Hände zu stützen und die Unterschenkel zu heben und hin» und herzuschlenkern. So wartete sie auf ihren Partner. Der kam natürlich nicht, stand mit dem Inspizienten hinter der Szene und sah nach dem Stuhl, der nun leer blieb. Aus dem Parkett schrie Fleischmann: „Was wollen Sie denn da oben, scheren Sie sich doch nach vorn in Ihren Sessel." — Woraus Gertie antwortete: „Ich finde, ich denke hier oben viel bester nach. Warum kommt Siewers denn nicht?" — „Er wartet doch, bis Sie sitzen." „Da kann er lange warten." — „Sein Gang ist doch einftubiert bis zu Ihnen im Stuhl." — „Er kann doch auch hierher kommen." — „Dann muß er Sie doch erst suchen." — „Das müßte er im Leben doch auch. Wenn er nicht mal soviel Theaterspielen kann, daß er die kleine Ueberraschung runterschluckt!" Nun wurde Fleischmann wirklich grob. „Runter von dein Flügel sage ich, runter. Der Deibel soll Sie sonst holen. Der Siewers hat mehr Bühnenerfahrung als Sie junge Gans. In Ihren Stuhl." Noch einmal trotzte Gertie auf. „Ich finde es aber besser hier oben." Und Fleischmann donnerte: „Führen Sie hier Regie oder ich? Also runter von dem Flügel." Also setzte sich Gertie in ihren Stuhl, und der Akt lief zu Ende.
Dann aber nahm Fleischmann im Konverfationszirnrner bei der Besprechung sie vor allen anderen noch einmal vor. „Ich verbitte mir solche Selbständigkeiten, verstehen Sie? Keine Ahnung haben Sie. In Grund und Boden werden Sie mir morgen das Stück spielen." Sie war jetzt doch kleiner geworden. „Ich meine es doch nur gut, Herr Direktor. Ich finde ..." Er ließ sie nicht ausreben. „Es ist mir sehr Wurst, was Sie finben. Ich will Ihre Meinungen nicht hören. Wenn die Leute morgen pfeifen, sind Sie daran schuld. Von mir bekommen Sie keine Rolle mehr. Sie können abreifen übermorgen früh. Zurück zu Ihrem Doktor Büchner."
Da heulte Gertie los. Sie sah sich im Kreise um, fühlte, daß alle gegen sie waren, alle dem dicken Fleischmann zustimmten. Sie war allein und begriff nicht: warum; sie hatte ihr Bestes gegeben, es zwang sie, aus ihrem Innerstes heraus, plötzlich das Spiel zu wechseln, etwas anders zu machen; sie war Überzeugt, daß sie es auch bester machte; aber es mußte doch falsch sein, wenn alle es als falsch empfanden. Neulich hatte eine Kollegin ihr gejagt: „Liebes Kind, Sie müssen sich diese Dilettantenmätzchen abgewöhnen." Die hatte wohl recht. Und jetzt warf Fleischmann sie hinaus.
Sie heulte. Der dritte Akt verlief entsprechend. Ohne jede Stimmung. Sie hosteten ihn herunter, alle. Als der Vorhang fiel, sagte Konradius, der den Vater der Bebe gab: „Kinder, regt euch nicht auf: morgen um elf ist das Stück ja doch aus." Er stand zwanzig Jahre im Betrieb und hatte schon mehr als zweihundert Premieren hinter sich.
Im Parkett hatte der Autor gesessen, auch er etwas zittrig und blaß. Cs war sein erstes Stück. Es war die erste Generalprobe, die er erlebte. Einige Illusionen über Theaterzauber waren ihm bei dem Durcheinander fortgeschwommen. Jetzt wollte er ein wenig die Stimmung heben, er klatschte seinem eigenen Stück Beifall. Da fuhr ihn Fleischmann an: „Auch das noch: Klatschen auf der Probe. Mensch, Sie sind wohl wahnsinnig geworden. Sie graben sich Ihr eigenes Grab. Na, jetzt ist ja alles egal. Wir werden auch den Abend überstehen."
Als sie zu der Garderobe gingen, um sich abzuschminken und umzu- zieben, sagte der junge Siewers: „Eins, finde ich, ist ausgezeichnet." Ein anderer fragte: „Was denn?" Siewers lachte hohnvoll. „Das Bühnenbild." Worauf Konradius meinte: „Jawohl, und die Beleuchtung klappt auch."
Gertie Hörle bfe Sätze. Ihr wurde nicht heller zumute.
Sie teilte ihre Garderobe mit Fräulein Negendank, die am Goethe- Theater jugendliche Chargen spielte. In „Man nennt sie Bebe" gab sie das unvermeidliche Dienstmädchen; sie war Theaterkind, zwischen Kulissen aufgewachsen, ihr Vater war Bühnenmeister bei Fleischmann. Sie fah, daß Gertie vor dem Spiegel saß und ins Glas starrte, statt sich abzu» schminken. Sie hatte Mitleid mit der jungen Anfängerin: warum gingen auch solche Mädels zur Bühne, die keinen Tropfen Theaterblut in sich hatten. Sie hatte kollegiales Gefühl, war auch ein wenig stolz, daß sie morgen nicht an dem Reinfall schuld sein kannte. So versuchte sie Gertie zu beruhigen: „Vater meint, sie machten Ihre Sache so für den Anfang ganz nett. Aber das Stück tauge eben nichts. Er versteht den Direktor nicht, solchen Unsinn von einem neuen Autor herauszubringen. Vater war an vielen Theatern, er hat doch Erfahrung. „Immer diese neuen Sachen", sagte er, „das ist ja Unsinn. Der Direktor sollte ruhig den „Familientag" spielen, oder das „Weiße Röß'l". — Da würden die Leute jetzt auch noch lachen. " Aber dies moderne Zeug. Trösten Sie sich man, Fräulein Rose, es liegt nur an dem Stück."
Aber Gertie tröstete sich nicht. Sie hörte nur eins heraus: also das Stück war auch noch schlecht.
Sie wartete, bis die Negendank fort war. Dann machte sie sich erst zurecht, schminkte sich ab, zog sich langsam um. Sie wollte niemand von den Kollegen mehr im Haus oder vor dem Theater treffen. Sie versuchte, sich in andere Stimmung zu versetzen, wollte dickfellig werden: es ist ja ganz gleichgültig, ob es schief geht, ich bin ja nicht aufs Verdienen angewiesen. Aber dann überfiel es sie: die Eltern sind ja böse, hätte ich sie doch versöhnt, hätte ich doch geschrieben, Vater war immer fo gut, er hätte nachgegeben, es war schlecht von mir, so ein Dickkopf zu fein — und dumm dazu, mordsdumm. Was mache ich nur, wenn Fleischmann mich fortjagt? Ich krieche erst bei Isa unter; aber Isa hatte auch nicht geschrieben. Sie war ja von aller Welt verlassen; nur Peter war da.
Bei dem Gedanken blieb sie: Peter, der liebe Kerl, der gute Kamerad. Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück, sah wieder in den Spiegel: was er nur an ihr gern hatte? — Sie fand ihr Gesicht nicht hübsch, jetzt schon gar nicht, wo die Augen verheult und verängstigt waren, die Augen, die ihr noch bas Beste an ihr schienen. — Peter! — sie ließ die Lider sinken und träumte: die kleine Kneipe oben auf Belvedere, ihr Marsch Arm in Arm, die Weinstube, die Flasche Sekt und dann der Heimweg. Ein rechtes Schaf war der Peter eigentlich: hatte sie zuerst in den Arm genommen und geküßt, war dann den ganzen Tag so brau gewesen; und es hätte doch schon auf dem Weg von Belvedere fo schön sein können; — hatte in Berlin immer getan, als sei er der große Frauenkenner, der Peter, und wußte nicht einmal, daß ein Mädel ebenso gern küßt wie ein Mann, daß es nur gezwungen fein will, überwunden. Morgen würde er kommen und im Parkett sitzen; er würde klatschen, er sicher. Das gab ihr Halt; sie lächelte sogar, machte die Augen auf, sah sich wieder an: ihm gefalle ich. Und bann: wenn es schief geht, bann heirate ich eben ben Peter.
Sie war noch köstlich jung.
Als sie aber aus ber Garberobe ging und an der Bühne vorbeikam, auf ber bie Arbeiter bie Kulissen für ben Abenb zurechtschoben, stieg boch bie Angst roieber in ihr auf. Das Lampenfieber. Es würbe noch stärker, als sie zu chaufe faß unb ihre Rolle noch einmal vornahm. Nein, sie konnte bie Sätze nicht mehr lesen. War es nicht überhaupt am besten, sie ging zu Fleischmann unb erklärte: sie spiele morgen nicht. Warum beim erst ben Reinfall miterleben, burchmachen, wenn nachher boch alles aus war?
Ihre Wirtin klopfte. „Kann ich hereinkommen, Fräulein Rose? Sie müssen mir boch von ber Generalprobe erzählen."
„Nein", schrie Gertie burch bie Tür, „jetzt kann ich nicht."
„Dann komme ich nachher wieder." Schritte entfernten sich.
Gertie sprang auf, riß ihren Mantel aus dem Schrank. Es war für sie nicht auszudenken, daß sie mit der alten Dame über das Stück sprechen sollte. Mit keinem Menschen wollte sie mehr über das Stück sprechen.
Sie lief aus der Stadt, lief bie Chaussee entlang nach Tiefurt. Da würbe sie jetzt niemanb begegnen.
Sie lief, aber ihre Rolle verfolgte sie. Sie konnte bie Worte, bie Sätze nicht zurückbrängen, sie waren immer wieder da. Sie fing an zu sprechen, unb wußte nicht: mußte sie sich Luft schaffen ober machte es ihr Freube, sich so zu hören? Sie würbe ruhiger, war froh, allein zu fein. So tarn sie nach Tiefurt, roanberte durch das Dorf unb über be# alten Gutshof, freute sich an ben Hühnern, die herumgackerten, freute sich auch auf die Taffe Kaffee, bie sie in der Schloßrestauration trinken würde.
Aber dann wurde es alles anders, als sie es sich gedacht.
Aus dem Tiefurter Schlößchen schwärmte eine Schar junger Mädels, eine Horde Backfische vom Pensionat, gefolgt von ihrer Erzieherin. Dos vorderste Müdelpaar stieß sich an, als es Gertie sah, es tuschelte miteinander, tuschelte zu den nächsten Paaren, und ehe sich Gertie retten konnte, war sie umringt. „Nicht wahr, Sie sind Fräulein Rose, Fräulein Gertie Rose vom Goethe-Theater?" Unb eine andere Stimme: „Die Neue, bie morgen in dem neuen Stück spielt." Und wieder eine andere: „Wie interessant. So jung noch und schon eine so große Rolle. Wir haben schon gehört." — „Ja, unser Literatur-Professor hat uns erzählt, er schreibt die Kritiken für die Weimarer Zeitung." Schließlich zückte auch noch eins der Mädchen einen Photokasten. „Darf ich oie ausnehmen, Fräulein Rose? Nur ein Bild, bitte." Die andern machten Platz.
sFortsetzung folgt.)
T?eraniwvrtlich: vr. Hans Thyriot. — Druck undDerlagiBrühlsche Universitäts-Buch- unb Steindruckerest N. Lang«. Sieben.


