Ausgabe 
28.12.1931
 
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Denn als Ihr als erster gegen Accon stürmtet, ist es gewesen, als wäre die Heilige Jungfrau selbst vor dem Heere geritten".

Nun erst begriff Dietleib von Traun, dem der Herzog nicht nur die Grasenwürde verlieb, sondern auch weite Liegenschaften an der Donau, Weinland, Aecker, Wälder und Dörfer, daß, indes er durch ein Wunder bei Weib und Kind geweilt, in seiner Rüstung die Himmelskönigin selber an diesem Weihnachtsmorgen gefochten habe für das christ­liche Heer.

Als Herzog Leopold ergriffen von dem Wunder hörte, überkam ihn die beglückende Ahnung, daß dieses Land, über das ihn Gott und Kaiser gesetzt, dazu ausersehen war, machtvoll zu werden nicht allein durch die Schärfe des Schwertes, sondern auch durch den Zauber der Herzen.

Oie zwölf Nächte.

Alter Volksbrauch und Aberglaube.

Von Hans Sturm.

Wie Schatten uralter Naturkulte wirken die Erinnerungen an die Zwölften", auch Unter- oder Rauhnächte genannt, die sich im Brauch­tum unseres Volkes erhalten haben. Es waren damals die Tage des Julfestes, das am 24. Dezember begann und am 6. Januar endete. Auf den Bergen wurden als flammende Opferzeichen die Julseuer entfacht, in deren weithin leuchtendem Widerschein die besonders aufgeschlossenen Stammesgenossen das geheimnisvolle Weben der sich wandelnden Natur und ihres Volkes ferneres Schicksal zu ahnen glaubten und, wie die alten Zauber- und Runensprüche dartun, zu deuten versuchten. In dieser Zeit ruhte jegliche Arbeit, die Jagd wurde eingestellt, in keinem Hause durste sich ein Spinnrad drehen, wenn die wilden Julboten auf weißen Rossen durch die Lande brausten, um jeden zu strafen, der das Gebot nicht befolgte. Man glaubte, in diesen Nächten kämen die Gottheiten auf die Erde und besuchten die Menschenkinder in ihren Behausungen, ließen sich zur Mahlzeit nieder und trügen Fluch und Segen mit. Da jeder Fremde ein solch hoher Gast sein konnte, galt in diesen Wochen die un­beschränkte Gastfreiheit als oberstes Gebot. Einem fremden Wanderer die Türe zu weisen, hätte den surchtbaren Zorn der göttlichen Mächte heraufbeschworen; auch durfte man dem Gast gewisse Speisen nicht vor­setzen. Was der Fremde übrig ließ, mußte verbrannt oder vergraben werden. Die Nachklänge der heidnischen Zeit mischten sich später mit der mittelalterlichen Sterndcuterei und mit kirchlichen Legenden, und so entstand über diese geheimnisumwitterten Tage und Nächte ein Volks­glaube, der tiefe Wurzel schlug und sich vor allem bei der ländlichen Bevölkerung zum Teil bis in unsere Tage erhalten hat. Von den ur­sprünglichen zwölf Nächten feiert man heure nur noch brei: die Christ­nacht, die Thomasnacht und Dreikönige.

Die Christnacht.

Ihr galt feit Urzeiten des Volkes besondere Liebe, mit ihr begann das Julfest Jul bedeutete Freude die frühgermonifche Winter­sonnenwende. Ein sehr alter Glaube ist dos Vorwochen in der heiligen Nacht, in der auch die Haustiere nicht schlafen sollen und deshalb bis zur Frühe wachgehalten werden. Um Mitternacht, also zwischen zwöls und eins, können sie reden in der Sprache der Menschen und wissen zukunftskündende Worte zu sagen. Wehe bem, der sie belauscht, er würde einen ungeheuren Frevel begehen und die Tiere, die in der Sprache des Alten Bundes reden, doch nicht verstehen. Alles auf, unter und über der Erde wandelt sich in dieser Nacht. Das Feuer erhält eine besondere Kraft, denn Holz, das man in dieser Nacht verbrennt und dessen Asche man auf die Felder bringt, nützt der nächsten Ernte. Das um Mitternacht geschöpfte Wasser besitzt besondere Heilkrast und schützt im kommenden Jahre gegen döse Zauber aller Art; ein altes Runen­wort sagt:

Alle Wasser werden in dieser Nacht zu Wein, Alle Bäume zu blühenden Rosrnarein".

Selbst für Spitzbuben und Wilderer gab es allerlei Bräuche und Regeln, deren Ausübung im nächsten Jahre vor dem Ertapptwerden hüten sollte. Damals entstand auch die Sage von dem Mann, der in der Christnacht, wo weder Mensch noch Tier arbeiten sollen, Holz füllte und deshalb auf den Mond verbannt wurde. Noch viel Unheimlicheres birgt diese Nacht für den Abergläubischen. Wer nach dem letzten mitter­nächtlichen Glockenschlag an einer erhellten Kirche vorübergeht, kann die­jenigen gewahren, welche die fommenbe Weihnacht n'd}t^,nebr erleben werden. So man durch einen Türspalt ober durch ein Fenster in ein tannenbaumgeschmücktes Zimmer blickt, erkennt man die Todgeweihten daran, daß sie ohne Kops auf ihrem Platze fitzen. Wenn beim Anzünden des Lichtes der Schotten eines Anwesenden an der Wand mißgestaltet oder kopflos erscheint, dann kündet dies ein nahes Unheil oder baldigen Tod. Damals wie heute war es der innigste Wunsch der meisten Men­schen, immer Geld zu haben; als Symbol der Gelbfülle galten die Mohn- forner, die als Mohnspielen ober als Mohnstriezel gegessen würben. Aehniiche Bedeutung schrieb man dem Karpfen zu, von dem man einige Schuppen in die Geldtasche legte, um immer Geld bei sich zu Haden.

Die Thomosnachl.

Der kürzeste Tag des Jahres ist dem heiligen Thomas geweiht und gilt im Volksglauben als rechte Spuknacht, in der alle Geister, die guten und die bösen, entfesselt sind und mit derwilden Jagd" über die Lande stürmen; in der Thomasnacht sollen die Geister geheimnisvolle Kräfte über die Menschen gewinnen, daher ist es ratsam, sie durch allerlei Schreck- und Abwehrbräuche sernzuhalten. Zudem ist dieseverzauberte Nacht" reich an Vorzeichen für die kommende Zeit, deshalb fucht man aus allen möglichen Dingen und Begebenheiten Künftiges zu deuten. So hört man Prophezeiungen aus dem Brodeln siedenden Wassers und aus bem Brausen ber Winde, lieft aus den Formen der Wolken späteres Geschehen. Auch in ßiebesbingen erhält man Antwort; so klopfen die lebigen Mädchen um Mitternacht^on die Rückwand des Hühnerhauses und richten sich nach dem alten Spruch:

Gackert ber Hahn, So krieg' ich ein' Mann, Gackert bie Henn', So krieg' ich kein'!"

In manchen Gegenden glaubte man früher, der heilige Thoma« komme in einem feurigen Wagen aus den Lüsten, brause über die Fried» häfe und rufe alle Toten, bie seinen Namen tragen, aus den Grüften, um sie zu segnen. Die Lebenden beteten bann das Thomasgebet, um den Heiligen für die Toten gütig zu stimmen, bann aber auch, um nicht selbst von der wilden Jagd fortgeweht zu werben; allen Ernstes dachte man, man könne von denNächtlichen" fortgeführt werben. Es finden sich aus bem Enbe des 17. Jahrhunberts behördliche Akten, die vom plötzlichen Verschwinden von Menschen berichten, die man erst mehrere Tage nachher weit von ihrer Heimat entfernt wieder aufgefunben habe. Um sich unb bas Vieh zu bewahren, schloß man die Fenster und Türen besonders fest und bestreute die Schwellen mit Salz.

Drei Könige.

Am Vorabend der letzten ber Rauhnächte aßen früher die Haus­leute mit bem ganzen Gesinde ^us einer großen Schüssel Milch mit ein« gebröckeltem Brot; bie letzte Schüssel mit Ueberbleibseln blieb für bie Drei Könige. Dann legte jeder behautfam feinen Löffel auf den Schüssel- ranb, und wessen Lössel in der Nacht von den Dreikönigen herunter­gestoßen wurde, hatte Unglück zu erwarten im kommenden Jahre. Auch sagte ber Lössel, wer in ben Himmel kommt ober in bie Hölle, je nachbem er in ber Schüssel ober auf bem Tisch liegt. Gabel unb Messer müssen ver­schlossen werben, bamit bie nächtlichen Gäste sich nicht verletzen können. In Nieder-Oesterreich kehren die Bauern am Abend des 5. Jänner (Ja­nuar)aufm Tenn" (auf der Tenne) mit dem Rutenbesen einen Kreis aus, in bem nachts die Drei Könige tanzen wollen. Einmal vergaß eine Bäuerin das Kehren unb fanb, wie bas abergläubische Volk sich erzählt, in ber Frühe zu ihrem Entsetzen bas einzelne Bein eines ber Könige, ber es sich auf der ungekehrten Tenne abgebrochen hatte. Man grub es in ber nächsten Nacht am Friedhof ein. Am Drei-Königs-Tage wurde der Kalender für bas ganze kommende Jahr geschaut, und zwar war jeder der zwölf Tage maßgebend für die nächsten zwölf Monate. Alle Berufe, alle Stände standen einstmals unter bem wirksamen Einfluß bes uralten Volksglaubens.Wie meine Esse ist in ben Rctuhnächken, zugig ober still, trocken ober naß, so wirb ber Sommer", sagte ber Schmied.Wenn der Wind weht in ben zwölf Nächten, so gerät bas Obst, unb wer schweigend um jeden Baumstamm ein Strohband flicht, bem gefriert die Blüte nicht", fügte ber Gärtner hinzu. Ein finnierenber Schneiber weih:Wer die zwölf Nächte an einem Kreuzweg steht unb lauscht, ber hört, wie es im tommenben Jahre zugeht: recht unb gerabe, kreuz unb quer!" Ein Tier­freund meint, wenn fein Hund in den Nächtenben Kopf ängstlich in ben Monbschein legt unb über ben Hof heult", müsse einer sterben. Der Müller will am Klappern seiner Mühle erkennen, ob ber Weizen gerät ober nicht. Die Hausmutter verrät, baß in biesen Tagen nicht gewaschen werden soll, unb, wer bann Erbsen ißt, bekommt blöde Augen, ober:Wer vor ber Christnacht den Rocken nicht abgesponnen hat, bem fällt er in den Schmutz, unb es wirb kein Flachs baraus!"

Alle biefe Bräuche, Gewohnheiten, Sprüche unb Deutungen zeigen, baß unsere Altvorberen mit ber sie umgebertben Natur inniger oerbunben waren als wir Heutigen, unb so konnten sie in ben heiligen zwölf Nächten bie sich roanbelnbe geheimnisvolle unb schicksalsreiche Zeit sehen unb, freilich auf ihre Art, auch beuten.

Zwei wollen zum Theater.

Roman von Hans-Caspar von Zobeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Er bann mit erstaunlich gutem Appetit; Queis bemerkte es; er schmunzelte: ber hat wohl seit langem fein warmes Abenbbrot be­kommen. Er schenkte Peter ein,Prost, Vetter!" unb roieber merkte er, es schmeckte ihm. Er trank ben Mosel mit mehr Genuß, als einst in Berlin ben besten Sekt. Unb konnte anscheinend auch nicht mehr so viel vertragen wie einst. Sie hatten zuerst über seine Arbeit gesprochen, sehr ernst unb gewissenhaft; auch über seine Zukunft.Laß man, ich mache schon meinen Weg", hatte Peter gesagt,der Alte verlangt ja höllisch viel, er schubst mich in olle Fortbildungsstunben. Aber ich mache noch mehr: ich frische mein Englisch auf, besonders nach der technischen Seite. Und bann quassele ich ihn eines Tages, wenn ich firm bin, englisch an, bamit er roieber was zu staunen Hai."

Aber bei ber zweiten Flasche kam er ins Schwatzen. Da war ein Ton, ber Leo aufhorchen ließ, benn er war ihm fremb an Peter: ein bißchen weich, ein bißchen elegisch. Erst von Großmutter, bann von Isa.Es ist boch ein Unsinn, daß bas Möbel sich schinden muh. Mädels sollten nicht arbeiten, sie sind eigentlich viel zu schade dafür. Ich fehe bas boch an unseren Bureaufräuleins. Die finb alle blaß. Unb nun gar bie Rollen­lernerei. Ueberhaupt bas Theater. Das ist boch nichts für Jfa. Das ist überhaupt ein Nonsens." Er machte eine Pause, nahm sein Glas unb trank es auf einen Zug aus; aber nicht mehr aus Dürft, auch nicht mehr als Genießenber; nein: er spülte irgenb etwas herunter.

Hast du Nachricht von Isa?"

Großmutter schrieb mir, sie sei überarbeitet unb nervös. Aber sie würbe jetzt Ruhe haben. Der Büchner müßte verreisen, ba hörte eine Weile ber Unterricht auf. Am besten wäre es meiner Meinung nach, wenn dieser Büchner ganz verschwände. Er allein hat die Sache ja an­gerührt."

Nun trank Queis fein Glas leer. Auch in einem Zuge.

Eine Weile faßen sie still, schwiegen. Bis Peter plötzlich fragte: Kommst du Samstag nach Weimar?"

Was soll ich in Weimar?"

Nun in die Premiere."