Dle Heimkehr des Nitters.
Cine weihnachtslegende.
Don Alfons v. Czibulka.
Als Herzog Leopold von Oesterreich das Kreuz nahm und hinter Kaiser Friedrich dem Rotbart ins Morgenland zog, ritt in dem Heerbanne des Babenbergers auch der junge Dietleib von Traun.
Seine Siandesgefährien hießen ihn den traurigen Ritter. Doch nicht etwa deshalb, weil er am Ende eine Jammergestalt im Harnisch gewesen wäre. Es war Dietleib von Traun wohlgewachsen und so tapfer in der heiligen Fehde gegen die Ungläubigen, daß man ihn gerne sah im Kreise der Ritterschaft, wiewohl er nicht zu den Grafen und Baronen des Landes zählte und auch mit Gütern nicht gesegnet war. Nichts nannte er an Besitztum sein eigen als eine kleine, verwitternde Donauburg auf kahlem Fels über dem Strom, von deren kümmerlichen Paradiesgärtlein neben dem plumpen Bergfried er auf die fetten Güter der Nachbarn sehen konnte; auf die sonnenwarmen Rebenhänge am blau und silbern blitzenden Bande der Donau, auf Aecker und Wiesen, über die im Herbste das bunte Treiben des Federspiels fegte.
Doch war nicht mangelnder Reichtum die Ursache seiner Traurigkeit, die ihn während des Kreuzzugs selten mehr reden ließ als das Alltägliche und Nötigste. Er gehörte zu den wenigen Menschen, die Armut nicht als Unglück empfinden, solange sie Gottes Gnade nur vor Hunger bewahrt.
Es litt der Ritter Dietleib unter der Trennung von seiner jungen und schönen Hausfrau, die er wegen des Kreuzzuges hatte verlassen müssen, kaum daß sie einen Monat Burg und Schlafkammer mit ihm geteilt.
Wiewohl er ein gottesfürchtiger Mann war, wäre er dennoch nicht schon im Honigmonde aus seiner Ehe geritten, hätte er nicht einst, zwischen Knaben- und Jünglingsalter, der Himmelskönigin gelobt, beim ersten Aufruf des Herzogs zu einem Zugs ins heilige Land unverzüglich und zu welchem Zeitpunkte immer in den Satte! zu steigen.
Damals, als er noch mit seiner Bubenarmbrust, nach allerlei Kleintier jagend, durch die Forste strich, hatte ihn nahe der väterlichen Burg und doch soweit von ihr entfernt, daß dort niemand seine Hilferufe zu hören vermochte, eine ihre Jungen hütende Bärin angefallen. Und da er als Wehr nichts bei sich trug als eben jene Knabenarmbrust, mit der er Krähen und Dohlen und zur Not einen Hasen im Klee erlegen konnte, so hatte er in seiner Todesangst der Jungsrau Maria, wenn sie ihm helfen wolle, diese Kreuzfahrt gelobt. Welches Gelübde wohl auch in Gnaden ausgenommen wurde. Denn als er in höchster Not den kleinen Bolzen von der schwachen Sehne schnellte, fuhr das Geschoß dem zottigen Untier durch das Auge ins Hirn, so daß die Bärin wie von einem Wetterstrahl getroffen, zusammenbrach.
An seinem Gelübde wollte er nicht deuteln. Darum war er, kaum daß Herzog Leopold den Heerbann aufbieten ließ gegen Sultan Saladin durch reitende Boten und von den Kanzeln, die Donau hinunter gegen Wien geritten. Obwohl ihm doch niemand einen späteren Aufbruch verübelt hätte, weil er eben erst die Dame seines Herzens, ein schönes, aber armes Edelfräulein, in sein Felsennest heimgeführt hatte und er als einzelner das langfam ziehende Heer auch noch nach Wochen erreicht hätte. Wie ja manche Nachzügler erst nach zwei Monaten oder drei sich rüsteten und die übrigen Kreuzfahrer dennoch noch vor den heiligen Stätten erreichten.
Wenn er nun sein Gelübde auch treulich hielt und seine Frömmigkeit es nicht zuließ, daß ihn sein Schwur nun gereute, so glaubte er doch manchmal diese Trennung von seinem Weibe nicht ertragen zu können. Um so mehr als seine Hausfrau, da man längst schon vor Accon lag, ihm durch einen Boten gemeldet hatte, daß ein künftiger Burgherr in der Wiege strample und in den Nächten mit den Katern um die Wette greulich musiziere.
Je mehr der Wochen vergingen, desto trauriger wurde Dietleib von Traun. Und als zum zweiten Male der Tag sich jährte, an dem man den Weihnachtsabend im Feldlager feiern mußte, glaubte er vor Liebe und Sehnsucht das Leben verlieren zu müssen.
Er war am Nachmittage, müde von einem Streifritt, eben in sein Zelt zurückgekehrt, als ihm einfiel, daß in wenigen Stunden in den Donaudörfern das Geläute der Glocken, zu seiner Burg emporschwebend, den Christabend ankünden werde. Da sank er vor. dem Marienbilde in die Knie, das an der Zeltstange über seiner Schlachtrüstung hing. Inbrünstig betete er, es möge die Himmelskönigin ihm die Fraft verleihen, fein Gelübde weiter treulich und freudig zu erfüllen. Denn, so gestand er in kindlichem Vertrauen der Gottesmutter, es sei sein Herz so überströmend von Liebe, das er den Gedanken nicht.zu ertragen glaube, diesen Abend, an dem die Christenheit die gnadenvolle Geburt ihres Sohnes feiere, um dessen heiliges Grab zu streiten er ihr angelobt, ferne von Weib und Kind zu verbringen.
Dann warf er sich aufs Lager, um im Schlafe Vergessen zu finden. Auch wollte er nach dem Ritte der Ruhe pflegen, was ihm um so nötiger schien, als ein gefangener Sarazene ausgesagt hatte, daß am kommenden Tage noch vor Morgen der Sultan Saladin selbst mit seiner ganzen Macht aus Aeeon hervorbrechen wolle, um das nach der Christmette spät zur Ruhe gekommene Heer noch im Schlafe zu vernichten.
Als der Ritter Dietleib erwachte, war es Nacht. Es fror ihn. Wiewohl doch sonst auch die Nächte glühten in diesen Breiten. Statt Wüstensand und steinerner Oede waren hohe dunkle Tannen um ihn, deren Aeste unter der glitzernden Schneelast zu brechen drohten. Und obgleich er in seinem Zelte eingeschlafen war im heiligen Lande, saß er nun in seiner Reiserüstung zu Pferd, mit Schwert, Lanze und Schild. Ein klarer, noch tief über den Wipfeln stehender Mond goß einen schwachen Schein auf den sachte steigenden Pfad. Die Hufe des dampfenden Rosses versanken in tiefem Schnee.
Ritter Dietleib begriff das nicht. Er glaubte zu träumen. Denn es gab doch nicht Tannen und knirschenden Schnee im brennenden Sande vor Accon.
Als der schmale Waldweg auf eine weite Lichtung hinaustrat, auf deren Weiße Roß und Reiter lange Schatten warfen in der fast schmerzenden Helle zwischen dem schwarzen Gürtel der Forste, sang ein Horn- stoß von der Berghöhe her durch die Stille der frostigen Nacht.
Nun wußte Dietleib, daß es ein Traum fei. Denn er hatte den Horn- ruf erkannt, mit dem fein Wächter im Bergfried den Burgsassen das Nahen eines Gastes zu künden pflegte. Auch ragte nun vor ihm als ein samtener Schatten über dem letzten Streifen- des Waldes auf mäßig hohem Felskegel feine Burg in den goldgrünen Himmel.
Rascher trabte er über die Waldblöße. Wiehernd bog das Pferd in das wohlbekannte Strählein ein zwischen letzten, schon schütter stehenden Tannen und schritt dann (angfam den steinigen Burgweg hinaus, #nit dem Kopse schlagend und freudig schnaubend, als wittere es die Nähe des lange entbehrten heimatlichen Stalles.
Als Ritter Dietleib aus bem obersten Waldstück hervorritt und Mauern und Turm, von rieselndem Lichte übergossen, nun nahe vor ihm aufwuchsen, scholl zum zweiten Mal das Horn. Die Zugbrücke knarrte und senkte sich. Das Torgatter hob sich. Die Hufe polterten über die blanken Bohlen. Fackeln züngelten in der Zugluft des sich öffnenden Tores. Knechte liefen, um dein Gast aus dem Sattel zu helfen. Einer hob das Licht prüfend vor das Gesicht des Reiters und jauchzte laut: „Unser gnädiger Herr!"
Erstarrt und nichts begreifend hielt Dietleib von Traun. Undeutlich wie durch eine Nebelwand sah er eine Frauengestalt hinter eilenden Fackeln über den nach dem Hofe zu offenen Wehrgang laufen. Verwirrt glitt er aus dem Sattel. Da ruhte ein junger Fraüenkopf schluchzend an seinem Harnisch. .
Als er das Kind lachend aus der Wiege gehoben, wie ein Wunder bestaunt und bann, ber Rüstung entkleidet, voll wohliger Müdigkeit, das Söhnlein im Arm, in bem hohen Sessel am Kamine saß und seine Hausfrau hundert einander überstürzende Fragen stellte, wußte er keine Antwort. Er vermochte nicht zu sagen, wie es denn zugehe, baß er plötzlich wie ein guter Geist aus bem fernen Morgenlanb hereingeschneit käme und wie er heil burch all bie heidnischen fianber, durch bas Kaiserreich von Byzanz unb bas roilbe Ungarlanb geritten wäre. Nur bas eine wußte er noch, baß er am Nachmittage, nachdem er zur Gottesmutter um Stärkung gebetet, eingeschlafen fei in feinem Zelte vor Accon.
Wohl wunderte sich fein Weib über so kurzes Gedächtnis. Doch grämte es sich nicht weiter, weil es dachte, es hätten ihm Freude und Müdigkeit für eine Weile die Erinnerung genommen.
Sie horten noch bie Christmette unten im Dorf an ber Donau, wohin sie hinter sackelhaltenben Knechten von ihren Pferben sich tragen ließen. Dann ruhten sie in dieser heiligen Nacht des Wunders unb ber Liebe, indes die Wiege des Söhnleins zu Häupten des Ritters stand, der immer noch zu träumen glaubte unb betete, bah biefes Traumes kein Enbe käme. Was soweit zu Helsen schien, daß er am folgcnben Tage, nicht, wie er gefürchtet, im Felblager, sondern neben seinem Eheweib erwachte.
Doch als seine Hausfrau am zweiten Morgen nach ihm sehen wollte, war das Lager neben ihr leer und schien so unberührt, als hätte niemals ein so stattliches Mannsbild darinnen geruht. Und weil sie ihn nirgends zu finden vermochte, auch die Burgleute nicht die Rede auf den Ritter brachten — weil sie nun fürchteten, es sei sein Gespenst gewesen, das sie heimgesucht —, meinte sie, daß sie es wäre, der die Sehnsucht den Kopf verwirrt. Was sie auch weiter nicht gewundert hätte, da doch der Geliebte, statt wie es sich gehörte, bei ihr und dem Kinde zu fein, feit nun bald zwei Jahren gegen heidnische Sultane ritt. Doch tat sie weiter ihr Tagwerk, was gegen Grillen aller Art noch immer des Herrgotts heilkräftigstes Tränklein gewesen ist, und hoffte in ihrem liebenden Herzen, daß auch dieser Kreuzzug, der ihr als ein so schweres Kreuz auferlegt, eines Tages zu Ende käme.
Weil der Ritter Dietleib ja doch nur zu träumen geglaubt, so war er nur mäßig enttäuscht, daß er plötzlich wirklich nicht in seiner ehelichen Schlaskammer erwachte, vor deren Söller die Wipfel der Tannen rauschten über dem einigen Siebe bes Stromes, sondern in feinem heißen Zelte vor Accon. Nur wunderte es ihn, daß seine Schiacht- rüftung unter dem Marienbilde so von Blut gerbtet war, da es doch seit geraumer Zeit einen Strauß nicht gegeben.
Auch vermochte er sich keinen Reim daraus zu machen, als sein schon ergrauter Reitknecht, Wein unb Morgensuppe bringenb, zum Auf- stehen mahnte, weil bas Heer sich schon zum Gottesdienste sammle, den man heute abhalten wolle zum Danke, bas gestern Accon gefallen.
Ritter Dietleib schwang bie Beine herum und blieb kopfschüttelnb am Ranbe seiner Ruhestatt sitzen. Denn wie konnte Accon gefallen fein, ba er buch seit gestern nicht aus bem Lager gekommen.
Als aber ber Alte weiterschwätzte unb sagte, baß bas Schönste am gestrigen Tage gewesen wäre, wie Herr Ritter Dietleib hinter ben, siiehenben Sarazenen unb Teufelskinbern als erster durch das Stadttor gestürmt sei, ba lachte Dietleib schallend auf und klopfte mit dem Finger bedeutsam an die totirne. Weil es doch offensichtlich war, daß die Hitze im heiligen Lande dem Knechte das Hirn gedörrt. Wie konnte er durch das Stadttor gestürmt sein, da er doch seit bem gestrigen Tage geschlafen und so schön unb ungestört von Weib, Sohn unb Burg geträumt hatte. Da er aber bas Lärmen in ben Lagergassen hörte, fuhr er nun boch in Keiber unb Rüstung.
Doch des Wunderns schien an diesem Tage fein Ende zu (ein. Als er als einer ber Letzten unter bie versammelten Ritter trat, grüßte ihn überall freunblicher Zuruf unb man schob ihn lachenb in bie vorberste Reihe, bamit alle ihn sehen könnten.
Noch erstaunter war er, als nach der heiligen Handlung der Herzog, der inmitten seiner Großen vor seinem Zelte hielt, wo er dem Gottesdienste beigewohnt, ihn durch zwei Herolde zu sich befahl.
Verwirrt beugte er bas Knie vor seinem Herrn, ber ihn freundlich aushob und bann mit weithin schallenber Stimme sprach: „Ritter Dietleib, stehet auf als ein Gras von Traun! Keinem mürbigeren könnte ich solche Ehre erweisen. Durch Euch war sichtbarlich Gottes Gnabe mit uns.


