Ausgabe 
28.12.1931
 
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GietzenerKimilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger

Jahrgang 1951 Montag, -en 28. Dezember Nummer 102

Weihnacht.

Von Gertrud A u l i ch.

Schwere Wunder rauschen in mich nieder, Goldne Flügel, weit aus Urwelttagen, Da im Wehen weicher Liebeslieder Meine Mutter mich ans Licht getragen. Menschenwerdung ewigem Geschlechte! Seid gesegnet, heilige Nächte!

O wie schön ist diese Welt im Lichte. Sonnenbrausen und die Sternenstille, Und ein Mensch von meinem Angesichte, Meine Himmelssehnsucht und mein Erdenwille: Denn ein Kind steht tief im Glück und lacht. Sei gesegnet, heilige Nacht!

Greller Tag und dunkle Abendstunden, Leid des Lebens, Tod der Kreaturen. Aber Liebe schreitet Freudenrunden Durch die Welt aus eines Traumes Spuren. Und ein Leben hat sich dargebracht Meinen Einsamkeiten. Heilige Nacht!

Goldne Wunder rieseln leise nieder: Sternenstille und Gebraus der Meere, Dunkle Glocken, Helle Kinderlieber, Sommerrausch und weiße Winterschwere. Mitten unter uns wacht Ewigkeit Ohne Anbeginn. O Weihnachtszeit!

Oie Widmung.

Eine Weihnachtserzählung von Liesbet Dill.

(Nachdruck verboten.)

Es war in den Weihnachtstagen und sehr kalt. Die Welt lag still und weiß wie begraben im Schnee, die Wege durch den Kurpark waren dick beschneit Meine Freundin Ilka hatte sich den Fuß beim Rodeln verstaucht und lag auf dem Sofa am Feuer, als ich hinkam, umgeben von einer Menge Papieren und Akten.

Verzeih, ich laß das gleich wegbringen", sagte sie.Es ist mein Prozeß." Und sie klingelte nach dem Tee.

Es war kaum vier Uhr, aber schon Dämmerstunde, draußen rieselte der Schnee fein und dicht gegen die Scheiben des breiten Blumenfensters. Wir hatten die Sessel dicht an die Heizung geruckt und plauderten.

Nimmt denn dieser Prozeß niemals ein Ende?" fragte ich.

Kaum Jedenfalls wird er nie ein gutes Ende haben, für mich", sagte sie,denn mir fehlt das Wichtigste: der Hauptzeuge ...'

Sie führte diesen Prozeß mit einer Bank, wegen der Verwaltung ihrer Papiere, mit denen sie große Verlust- gehabt hatte, well man versäumt hatte, sie rechtzeitig zu verkaufen. Sie hatte vor 3gf)ren, vor ihrer ~lb- reife ins Ausland, dem Bankbeamten selbst mündlich ihre Austrage ge­geben, er hatte aber vergessen, sie weiterzugeben sedensalls waren sie nicht ausqefiihrt und als sie wiederkam, waren ihre Papiere inzwischen wertlos geworden, der junge Bankbeamte, der den Auftrag entgegenge­nommen hatte, war nicht mehr da und der Prokurist wußte von keinen Aufträgen.

Der Bankbeamte war verzogen, fein Aufenthalt war unbekannt. Es war ein Oesterreicher, der inzwischen ins Ausland gegangen war, niemand wußte feine Adresse, niemand kannte ihn, und ihr Anwalt hatte ihr gestern noch gesagt, sie wurde den Prozeß wahrscheinlich verlieren.

Den ganzen Weihnachtsabend hab ich in diesen Papieren gekramt", sagte sie,aber es ist alles vergebens, ich finde den zeugen mcht mehr.

Sie wußte nur feinen Namen.

Während wir noch hin und herberieten, was man anfangen tonnte um ihn vielleicht doch im Ausland aueftndcg zu machen, klingelte plötzlich das Telephon. Ein Vetter aus Frankfurt war Mit einem Freund zur Stadt gekommen und lud sie ein, eine Fahrt an den verschneiten Rhein zu machen.

An den Rhein? Im Winter?" fragte meine Freundin erstaunt.

Mein Freund hat den Rhein noch nie gesehen. Ich denke es mir sehr nett, ihn auch mal verschneit zu sehen", sagte die ferne Stimme.In einer halben Stunde holen wir dich ab, ich fahre selbst, ich weihe meinen neuen Wagen ein, es ist ein geschlossener Wagen, und es hört schon auf zu schneien."

Ich habe aber eine Freundin zu Besuch", wandte Ilka ein.

Um so besser", sagte der Vetter.Ich habe vier Plätze ... Abge­macht?"

Gut, wir fahren, mit." Meine Freundin hängte an.Es ist mal etwas anderes", meinte sie.Ich kann im Wagen meinen Fuß aus- strecken, es wird schon gehen."

Eine halbe Stunde später fuhr der Wagen vor, die beiden Herren tranken rasch noch eine heiße Tasse Tee im Stehen, dann wurde Ilka in Pelzdecken eingepackt und wir fuhren an den Rhein. Es schneite nicht mehr. Wintergrau hatte sich der schwer dahinströmende Rheinstrom ver­hüllt, Raben flatterten über die Rheinebene, die sich zwischen den er­frorenen, kahlen Weinbergen hinzog. Dicke Eisschollen trieben auf dem Strom, der unheimlich und schwarz dahintrieb, von einer roten, kalten Wintersonne bestrahlt, die hinter den weihen Bergen versank. Am Ufer türmten sich die Eisschollen blauweiß in Blöcken, und auf dem stellenweise zugefrorenen Rhein sah man Kinder Schlittschuhe laufen. Die alten Städt­chen mit ihren Gassen, so eng, daß der Wagen sich kaum durchwand, waren weißgepudert von gefrorenem Schnee. Dort, wo der Strom sich teilte, zwischen demMäuseturm" und der Insel, die sich mitten in den Rhein schob, amBinger Loch", schimmerte das Wasser tiefschwarz, von weihzischenden Strudeln umschäumt, in deren Strömung schon manches Schiff gestrandet und an dessen Rissen mancher Schisser ums Leben ge­kommen war ...

Der Freund, ein Wiener, war begeistert. Er fand den Rhein grandios, aber fast überwältigend ernst in dieser Winterstimmung. Drüben glitzer­ten die Lichter von Bingen, feenhafte Lichterbrücken schwangen sich über den Rhein, Schiffe kamen und gingen wie weihe, ststk große Schwäne und von der Hohe grüßten die Burgen Rheinstein uri,. Reichenstein.

Das Auto hielt vor dem gastlichen Tor derKrone". Im Sommer waren diese -rebenumranften Veranden dichtbesetzt von Gästen, heute raschelte nur ein kalter Wind mit den trockenen Weinblättern.

Im warmen Gastzimmer sanden wir einen Tisch am Fenster. Das Abendessen wurde aufgetragen und in den Kelchen schäumte der rote Aßmannshäuser. Als wir uns beim Kaffee die Zigaretten anzündeten, öffnete der Wiener sein Etui und bot feine Zigaretten an.Es ist eine ganz besonders seine, ägyptische Marke, die ich immer rauche."

Ilka griff nach der Zigarette, aber sie stutzte. Auf der Innenseite des silberne Etuis war eine Widmung eingraviert. Sie stieß einen Schrei aus, in der vergoldeten Innenseite stand der Name des Bankbeamten, den sie seit Jahren vergeblich gesucht hatte. Sie war ganz blaß geworden. Kennen Sie diesen Herrn?" rief sie und zeigte aus den eingravierten Namen. Sie zitterte vor Erregung.

Natürlich kenne ich den", sagte der Wiener.Was ist daran so Son­derbares? Es ist ein Kollege von mir, der gleichzeitig mit mir in der­selben Bank in Buenos Aires war."

Und jetzt?" rief Ilka.Wo ist er jetzt?"

In Frankfurt. Wir find zusammen auf demselben Schiff herüberge- kommen, ich habe nur diesen Abstecher mit ihrem Vetter gemocht, um einmal den Rhein zu sehen ..

Und Ihr Freund, wo ist der jetzt?"

Im Frankfurter Hof ..."

Ilka erhob sich. Sie rief den Kellner und bat ihn, sofort die Verbin­dung mit dein Hotel in Frankfurt herzustellen.

Was ist denn eigentlich los?" fragte der Vetter, der ihre Erregung nicht begriff. ...

Und Ilka erklärte ihm.Mein Prozeß ... der Zeuge ist gefunden, den wir feit Jahren vergeblich gesucht haben. Mein Prozeß ist gewonnen, wenn er aussagt ..."

Endlich kam die Verbindung. In der engen Zelle hörten wir sie sprechen, und eine ferne Stimme gab Antwort ... Strahlend kam Ilka zurück, wie erlöst. Ihre Augen leuchteten. Sie hatte den Herrn gespro­chen, er hatte ihr versprochen, morgen herüberzukommen ...

Das war mein bestes Weihnachtsgeschenk." Und sie reichte ihrem Vetter die Hand.

Kurze Zeit nach diesem Winterabend am Rhein hat sie ihren Prozeß gewonnen ... Rätselhaft sind die Wege des Schicksals, das Menschen aus­einander und wieder zueinander führt ...