Seither bewohnt der Jnfant diese zwei Zimmer, vor deren Fenstern nichts zu sehen ist als die dichten Kronen gewaltiger Baume. Tag und Nacht wird jede seiner Bewegungen beobachtet von Wachen, denen es verboten ist, mit Karl zu sprechen. Nur der Beichtvater, der ihn täglich besucht, darf sich mit Karl unterhalten. Im übrigen ist Karl von den Menschen und von der Menschheit geschieden. .
Scheinbar ist er der Gefangene dicker Mauern und Gitter und schweigsamer Soldaten, die wie eiserne Männer sind. Nur Philipp weiß es anders: daß durch sein leises und erbarmungsloses Urteil der Gefangene sich selbst zur Gefangenschaft und Hinrichtung übergeben ist. Und der Gefangene rast gegen sich, als könnte es ihm nicht schnell genug gehen. Er hat das Recht, sein« Wünsche auf eine Tafel zu schreiben, die von dem wachhabenden Offizier gelesen und an den Haushofmeister weitergegeben wird. Alle Wünsche, die Speisen oder Getränke betreffen, werden erfüllt. Der Jnfant stopft seinen zur Bewegungslosigkeit verurteilten Körper mit den fettesten und gewürzreichsten Speisen und überschwemmt ihn mit Eisgetränken. Immer stehen Speisen, Früchte und Eislimonaden auf dem Tisch sowie Weine. Immer stopft Karl sich Bissen um Bissen in den Mund steht dann da und starrt die Wächter an, die steifen Mannspuppen an der Türe und im Vorzimmer, lacht einmal, weint das andere Mal und stürzt jedesmal einen Krug Eisgetränk in sich hinein, um dann mit dem Knabbern sortzufahren.
(Schluß folgt.)
Madrider Bilderbogen.
Von H. Roesel, Madrid.
Glauben Sie nicht, daß Sie in Spanien nachts ohne weiteres in Ihrem Haus aus- und eingehen können, wie es Ihnen beliebt. Um 11 Uhr abends wird vom Portier die Türe verschlossen, den nach dieser Zeit keine Macht der Welt mehr zur weiteren Ausübung seiner Pflichten veranlassen könnte; denn er griffe hier in die Befugnisse des Nachtwächters ein, der um diese Stunde feinen Dienst beginnt, um dem Heimkehrer gegen einen Obolus bereitwilligst die Tür zu öffnen. Schwieriger ist es schon, wollte man nach dieser Stunde noch aus dem Hause kommen. Nun sollt« man meinen, daß man auch in Spanien, um diesen Hindernissen zu entgehen, allmählich den Hausschlüssel hätte erfinden müssen; es soll auch nicht verschwiegen werden, daß man da und dort solch ein Instrument kennt; aber es will sich bei diesem konservativen Volk nicht recht einbürgern. Wozu auch, dafür gibt es ja die Nachtwächter.
Madrid hat etwa eine Million Einwohner. Schlaf und Eigentum dieser Million Bürger stehen von 23 Uhr bis 6 Uhr unter der Kontrolle von etwa 600 städtischen Nachtwächtern, die 'zwar in ihrem Aeuheren weniger romantisch anmuten als die längst verschwundenen der deutschen Kleinstädte, aber in ihrer Eigenschaft als einzige rechtliche Hausöffner und -fchließer, doch etwas an das Mittelalter erinnern, wo man nur mit obrigkeitlicher Erlaubnis nachts passieren durfte. Sicher werden durch diese wohlgemeinte Fürsorge viel« gewaltsame Vorhaben, die das Dunkel der Nacht brauchen, verhindert. Vollständig überflüssig, ja geradezu störend muß sie aber von denen empfunden werden, die für ihre mehr oder weniger zarten Gefühle ebenfalls den Schutz der Nacht bedürfen und keinesfalls den Schein einer Nachtwächterlaterne vertragen.
Will man also nach der Sperrstunde in sein Haus, so muß man sich auf der Straße so lange durch Händeklatschen bemerkbar machen, bis der „Sereno“, mit einem dicken Stock und einer Laterne bewaffnet, ange- schlürft kommt; bann schließt er auf, erkundigt sich noch aufmerksam, ob man einen Wachsdocht brauche, um die dunkle Treppe hinauf zu finden, nimmt seinen Obolus in Empfang und wünscht einem den Segen aller Heiligen für die Nacht. Wohl dem, der den Mann gleich in der für ihn zuständigen Straße findet. Nicht selten wartet man, klatscht zehnmal, zwanzigmal, nirgends der „Sereno“, man hat schon mit feinem Lärm die ganze nächtlich stille Straße in Aufruhr gebracht, und immer noch umsonst. Will man nun noch vor Morgengrauen in sein Bett kommen, muß man sich schon entschließen, diesen pflichtvergessenen Beamten in den umliegenden Kneipen zu suchen. Bor einem Glas Rotwein löst sich aber alle Erregung, und man stellt fest, daß es eigentlich noch früh am Morgen ist, was der Nachtwächter eifrigst bestätigt. Hat man nun im Laufe der Zeit durch besonders hohe Schiießgelder sein Vertrauen erworben, wird er einem in solchen Augenblicken die ganze Chronik der Straße erzählen. Seine Tätigkeit ermöglicht es ihm, mühelos aus dem häufigen Ausgang eines Ehemannes auf einen Ehezwist, aus der Begleitung einer Dame auf eine baldige Verlobung zu schließen, er kann Todesfälle prophezeien und Geburten und Konkurse voraussagen.
„Noch ein Glas!" So einen Mann muß man als Freund haben, er wird beide Augen zudrücken, wenn ich einmal nicht allein nach Hause komme.
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Nur wer genügend Zeit und Geld benützt, hat das Recht, im Schatten eines Klubhauses das Leben zu versäumen. Oberstes Gesetz dieser „cir- culos“ scheint zu fein, den Tag mit dem geringst möglichen Energieaufwand zu verbringen, und da man schon der Langeweile nicht ganz entgehen kann, diese wenigstens gemeinsam zu ertragen. Natürlich haben diese Klubs auch noch einen anderen Zweck. Wenn man ihre Statuten nochlefen wollte, würde man erfahren, daß bei dem einen die schönen Künste gepflegt werden, bei dem anderen die Interessen der Großtauf- leut«, und wieder wo anders die Geselligkeit aller ehemaliger Flugofsiziere. Aber die Mitglieder begnügen sich damit, die im Statut aufgezählten feierlichen Funktionen von dem Sekretariat erledigen zu lassen und ihre Mitgliedschaft, die sie mehr oder weniger ihrer gesellschaftlichen Stellung schuldig sind, nicht weiter auszunutzen, als in oder vor dem Klubhaus von morgens bis abends einen bequemen Sessel zu belegen, von wo aus sie dem draußen vorbeiströmenden Leben zusehen wie einem etwas langweiligen Theaterstück, das man nicht weiter ernst zu nehmen braucht. Wie um den Unterschied ihres abgedichteten und abgekehrten Daseins von der übrigen Welt besonders deutlich zu machen, liegen diese Klubräume
meist in den verkehrsreichsten Straßen. Auf den Gehsteigen, neben bei« bichtbesetzten Kasseetischen, an denen politisiert, verhandelt und geflirtet wird, sieht man plötzlich zwei, drei Reihen bequemer Korbstuhle die Haussront entlang ausgestellt, in denen die Mitglieder emes olchen Shibs ihrer olympischen Ruhe pflegen, aus der sie kein Autounfall, kein Mmi- sterwechsel, keine noch so hübsche Passantin bringen kann. Drei Schritte vor ihnen das buntfarbige, bewegte lärmende Leben der Großstadt; aber fie betrachten das alles, als ob dies in einer anderen Welt gescheh«, sie sehen zu mit einem gewissen Wohlwollen und dem dankbaren Gesuhl des Unbeteiligtseins, wie es eigentlich nur di« Lebensweisheit einem neunmal klugen Weisen erlaubt ober ber Besitz eines sicheren Bankkontos. Ein paar Minuten genügen ihnen für bie Kontrolle des Kurszettels ober eines Unternehmens, dem sie ihr olympisches Leben verdanken; _banti -iehen sie sich wieder zurück in ihre Welt, die trotz der schonen Raume, trotz der umfangreichen Bibliotheken und guten Bildersammlungen nichts mehr mit dem eigentlichen Leben zu tun hat.
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Es gibt drei Möglichkeiten zu Geld zu kommen: es zu erarbeiten , zii stehlen ober es burch einen günstigen Zufall einfach geschenkt zu erhalten, wobei sich bie Vorsehung nicht selten solcher Institutionen wie einer Erbschaft, des Glückspiels ober der Lotterie bedient. Der Spanier ha« weder das Taylorsystem erfunden, noch zeigt er einen ausgesprochen kriminellen Charakter, beides brächte ihm auch zumel Unannehmlichkeiten Bleibt ihm also nur, auf die Vorsehung zu vertrauen, die ihn schon einmal zu Columbus Zeiten mit einem ungeahnten Gluck m öorm von Neuland, Goldminen und Edelsteinen Überschüttete. Dieser Glaube, daß jedem Spanier traft höherer Vorsehung einmal das Gluck in den Schoß fallen muß, ist nicht auszurotten. Und Nichts ist begrelflichei, als daß der Staat ihm mit dem wohlorganisierten System einer Cotten® entqegentommt, das ihm erlaubt, damit ein grobes Geschäft zu machen Dreimal im Monat schüttet er das Füllhorn des Glucks mit Millioncm von Losen über das Land aus, dreimal im Monat kaufen Millionen von Menschen, die seit Jahren das Glück enttäuscht hat, immer wieder ihr-- Lose, um gegen einen Einsatz von 3 bis 5 Peseten chre Hoffnung auff den großen Treffer weiter fristen zu können. Dreimal im Monat feigem sich in ganz Spanien die Stimmen ber Losverkäufer vom Crescendo bu -um Furioso, vom bescheidenen Angebot bis zum alles übertönenden Q)i-- schrei, daß morgen Ziehung, daß hier der „Gordo*, der Hauptgewinn zu haben sei.
Am Tag« vor der Ziehung ist man auf keiner Straße, vor teinetn Eingang, in keinem Kaffee mehr sicher vor dem Mann, der einem mn einer bewundernswürdigen Hartnäckigkeit das groß« Los vermitteln möchte. Wer sich kein ganzes Los für 50 Peseten kaufen kann, nimmt em Zehntellos. Ist das noch zu viel, nimmt man Anteilschein« für 50 Cent mos für eine Nummer, an der zwanzig, dreißig völlig unbekannte -per" [anen noch mit beteiligt sind. Bei den meisten Firmen ist es eine ständig. Einrichtung geworden, ein Los, an dem alle Angestellten tellhaven, zu kaufen Schwierige Systeme werden ausgedacht. Zahlen kombiniert, Ka ten befragt und Träume gedeutet, nur um die richtig« Nustmwr A wühlen. Das Fieber steigt bis zur Höchstgrenze wenn zu Wechnachtm der „Gordo“ mit 15 Millionen gezogen wird. Zwei Tage und Nach!, warten Hunderte von Leuten, Arbeitslose, Bettler, Gelegenheitsarbell- in einer langen Schlange vor ber Münze, um bann ihre Platze an Leu « zu verkaufen, die bei dem großen Ereignis ber Ziehung habet fein moueiu. Die Geschäfte ber umliegenben Straßen stiften diesen^ Armen »rot , Würste, ganze Kessel voll Suppen und Holz für ihre nächtlichen Lagerfeuer mitten auf den Straßen. Wenige Minuten nach ber Siebung V das Ergebnis schon im ganzen Land bekannt. Die Zeitungen beschäftige sich spaltenlang mit den glücklichen Gewinnern, bringen Bild unb Leben-- lauf; ein paar Tage lang ist irgenb ein Postbote ober Wemhanbler dm populärste Mann ganz Spaniens. Nicht selten gehen die grofcen @eaHM' ins Ausland, nach Portugal, Frankreich, Südamerika, denn an der Weip nachtslotterie ist fast die ganze Welt beteiligt.
Dem Enttäuschten, der sich lange schon vorher ausrechnete, was «n mit den Millionen alles anfangen wird, bleibt nichts, als in den nachum Wochen wetterhin sein Los zu taufen; denn aufgeben? — nein, ,rgenoi- wann muß er einmal kommen, der dicke Treffer.
Unterwelt.
Bericht aus einem Bergwerk.
Von Robert Neumann.
Die Stadt war früher deutsch. Ich werde ihren Namen nicht nenne» Vom Bahnhof — er ist saft menschenleer, die Gleise verklebt mit Tarn schnee, auf dem bie frierenbe Weihe einsamer Bogenlampen zerplatzt, ui an einer Kalkwand eine böse elektrische Klingel, die jammert unb ni<W ersterben will — vom nächtlichen Bahnhof klimmt die Straße in flau)»1- Bogen auf einen Damm, und von dieser nüchternen Höhe ist die Lanbfchast auch schon aufgeblättert: fünf Schlote, sieben fensterlose w, bäube mit kalt blintenbem Glasdach — flach ober aufgeteilt zu eine« fpielzeughast herzlosen Zickzack. Dann roieber Schlote, ihrer zwanzig v leicht, Baumwerk, entkront wie von schwarzen Blitzen ober dem -LroJI . melseuer einer Totenartillerie, Baumwerk also, Landschaft, Felsen Fördertürme, Hochosen-Gipfelgeklipp, und dann weiter wirklich em v _ dunkler Tümpel, viereckig abgezirkelt in den Lehmgrund. schweigsam^ Spiegel wie aus giftig oxydiertem Metall. Eine Landschaft; nur otj Himmel — als hätte einer aus allen Gossen aufgesammelte Fetzen » einem Riesenlaken aneinandergeflickt unb vor Monb unb Sterne gehaa». Aber es ist ja noch gar nicht Nacht, es ist erst sieben Uhr abends, blickte ich schärfer seitab in bie geraben Gassen spielzeughast herz I Häuser — bort überall waren Menschen zu sehen, matt kriecheno ° geklebt wie lahme Fliegen an Türspalt unb Fenster. Diese Lahm M- biefe Erloschenheit liegt auf ber ganzen Stabt — nur ganz bruben, m auf einem staubzersresfenen Anger, ist eine einzelne Riesenesse wacy


