Jahrgang 195|
Montag, Öen 28. September
Nummer 76
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Oer römische Brunnen.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Auf steigt der Strahl, und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich.
Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht.
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legte. Philipp kann sagen, er habe es nicht gebrochen, sondern dem Himmel die Entscheidung überlassen, ob Karl es brechen würde oder nicht. Jeden Tag wurde es gebogen^ oft schien es zu brechen, ja gebrochen zu sein, aber immer richtete es sich wieder gerade. Ganz unerwartet, well so lange und so dringlich erwartet, brach es dann wirklich.
Karl hatte in seiner Haushaltung die jungen Burschen aus dem Adel, mit denen er verkehrte, zu einem Bankett geladen. Er erschien in einem neuen Paar Stiefel, die er beim Nachtisch mit den Füßen auf den Tisch legte. Der Spaß fand Beifall, den aber Karl ablehnte. Nur einer Rundfrage wegen hätte er die Füße auf den Tisch gelegt, erklärte er. Wie die neuen Stiesel den Herren gefielen? Es regnete Schmeicheleien. Karl hörte zu, lächelnd und tückisch. Plötzlich verdüsterte er die Miene und schrie grob: was dem Schuhmacher gebühre, der es wage, ein Paar Stiefel ohne die notwendigen Pistolentaschen in den Schäften an die Hofhaltung des Jnfanten von Spanien Zu liefern. Sobald di« Frage verstanden war, wurden Vorschläge laut, deren jeder grausam und für den unglücklichen Schuhmacher entwürdigend war. Karl schüttelte zu jedem nur spöttisch den Kopf.
Dann, um das Hin und Her abzuschneiden, fuhr er mit den Stiefeln auf dem Tische nach rechts und links aus, so daß Geschirre und Gläser auf dem Boden klirrten, hielt den Dienern die Beine hin und besohl die Stiefel abzuziehen und ihm dafür Pantoffeln zu bringen. In den Pantoffeln dasitzend, ließ er auf einem Block die Stiefelschäfte in Riemen schneiden; so befahl er, sie in Wasser zu kochen.
Nach Mitternacht wurde, aus Bett und Hause fortgeschleppt, der Schuhmacher vorgeführt. Blaß und bebend trat er ein, nicht wissend, was man ihm zur Last legte. Karl, der vom Wein tropfte und glühte und vom wilden Uebermut des Zorns nicht weniger zitterte als der Schuster vor Angst, brüllte das Register der spanischen Schimpfnamen gegen ihn los.
Karl kündigte dem Menschen an, daß er die Schäfte, die er so nachlässig angefertigt, zur Strafe hier auf der Stelle essen müsse. Der Topf mit der glatten, zähen und stinkenden Masse wurde hereingebracht, zwei Diener packten den Schuhmacher an den Armen, zwei brachen ihm den Mund auf und einer stopfte ihm das gekochte Leder zwischen die Zähne.
Als Philipp dieser Vorgang berichtet wurde, merkte er, daß der Bruch des weißen Stäbchens geschehen war.
Das war vor einer Reihe von Wochen. Philipp ist heute noch erstaunt, daß gerade dieses Ereignis den Ausschlag gegeben hat. Was liegt Philipp an einem Schuhmacher! Gleichviel. Seit damals ist der Bruch des Stabes eine Tatsache außerhalb Philipps. Er hat nichts dazu tun dürfen als beschließen, auf welche Weise Karl das Leben verlassen solle.
Philipp hat auch zu diesem Beschluß keinen Berater und keinen Helfer gehabt als Karl selbst.
Die stumme Beratung zwischen Vater und Sohn, die zudem als solche nur dem Vater bewußt war, lief im Staatsrat neben einer Auseinandersetzung über die amerikanischen Provinzen her. Es wurde zum wievielten Male über die schwierige Frage verhandelt, welche Eingeborenen jener Provinzen als frei, welche als leibeigen zu gelten hätten. Karl riß das Gespräch an sich und plapperte ein Unendliches daher, indem er aus der königlichen Selbstherrlichkeit die Leibeigenschast sämtlicher Untertanen folgerte und aus der hundertsten närrischen Ausstellung in die tausendste kam. Alba hörte mit verachtender Gebärde zu. Philipp, der sonst oft unterbrochen hatte, ließ den Redeschwall auslausen. Er härte etwas anderes, als Karl sagte. Er hörte aus Karls närrischem Geschwätz die Anweisung heraus, Karl so von der Außenwelt zu trennen, daß er seine ganze Narrheit gegen sich selbst richten müßte. Dies war das Mittel, um Karl aus der Welt zu schaffen, ohne ausgesprochenes Urteil, ohne Blutvergießen, ohne Todesbefehl, ohne das Vertrauen irgendeines Menschen in Anspruch zu nehmen.
Philipp hatte dem Geschwätz Karls gelauscht, bis er mitten in einem Satz aufhörte, entweder weil ihm die Vorstellungen ausgingen oder weil er plötzlich erstaunte, daß niemand ihn unterbrach. Philipp hob diese Beratung auf mit den Worten: Was der Infant vorgetragen, sei in vielem neu und bis zur nächsten Sitzung zu überlegen.
Alba hat Philipp angesehen, überlegend, wenn er selbst König wäre, welche Beschlüsse er hinter sich haben müßte, um diese Aufführung des Knaben Karl so hinzunehmen.
Darüber ist noch eine Reihe von Tagen hingegangen. Karl hat noch eines seiner Bankette veranstaltet, ist noch einmal mit seinen Bacchus- genossen durch die abendlichen Straßen gestürmt, Pistolen losknnllend, Frauen beleidigend, Männer niedertretend, schreiend und kindisch an Häusern hinaufmeckernd.
Dann ist die Nacht gekommen, in der königliche Trabanten die Ausgänge des Karlspalastes besetzten und ein Offizier mit zehn Mann Karl aus dem Schlafe weckte, ihn einlud, sich beim Schein der Fackeln anzukleiden, ihm aber den Degen nicht erlaubte und im Namen des Königs abführte, ohne ihm zu sagen, wohin.
®icfjencr£amilienblättcr
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Oer König wartet.
Erzählung von Eduard R e i n a ch e r.
Der König wartet.
Die silberne Göttin auf dem Schreibtisch leuchtet ihm dazu mit einer mzigen Kerze. Die andern hat er gelöscht; denn es ist ihm in diesen !. achmitternacht-Stunden nicht der taghelle Glanz nötig, den er zur Arbeit lebt, sondern es ist ihm Dämmerung nötig. Dies aber nicht, weil er fähig zu sein wünschte, weil er zu träumen wünschte. Der König verbringt ! nicht mit Träumerei seine Mußestunden. Sondern er arbeitet oder Intet oder zerstreut sich ober schläft.
Ruht er vielleicht nur eine Viertelstunde, Atem schöpfend, nachdem Ins kleinere Aktenbündel erledigt ist, das zur Rechten vor ihm liegt, und tröste sammelnd zur Bewältigung des größeren, das links vor ihm seiner ixirtet?
Es könnte fein. Aber dieses Gesicht zeichnen nicht die Züge des Aus- t hens, wenn auch die der verzehrenden Ermüdung. Der gesamte Lebens- Utte, dessen dieser Mensch fähig ist, steht am Werk. Dieser Mensch arbeitet Äe nie. Seine Arbeit ist, eine Meldung zu erwarten. Wenn die Meldung In fein wird, so wird seine Arbeit sein, sich ihr gewachsen zu halten.
Philipp der Zweite. König von Spanien. König der Inquisition. Vorauf wartet er? Eine Meldung des vollzogenen Grauens und Ent- Itzens scheint es zu sein, auf die König Philipp von Spanien wartet.
So ziehen wir uns zurück und überlassen ihn der Cnisetzensholle seines isrzens? Nein. Etwas an ihm bewegt uns, seine Nähe zu ertragen, uns teitcr mit ihm zu befassen, in seiner Miene zu forschen. Dieses Etwas
mit vier Worten besagt:
Philipp ist ein König. , . , .
Und wir find dessen versichert: daß es, wenn auch eine grausame und dutige, doch eine königliche Angelegenheit ist, die ihn vor feinen elf toten ‘Ui b der einen trüb flackernden Kerze wach und gespannt halt. Darum beiben wir in seiner Nähe, atmen das Düster seines Arbeitszimmers p.b das Gemisch von Wachsgeruch und Bücherfiaub und entziehen dem . mfamften unter den Menschen seines Landes unsere Gedanken nicht.
„ Die grausame, aber königliche Angelegenheit ist d/se: ein Vater, der s d- Krone eines Reiches trägt, das noch wachsen will obwohl es schon
Grenzen des Sonnenuntergangs überschritten bj-
Meldung vom Abscheiden seines Sohnes, den er verurteilt hat zu sterben, I ®‘i[ er nicht den Nacken hat, um eine Krone zu tragen.
. Vor Monaten hat Philipp beschlossen, daß Karl E K°mg werden ! d-rse: vor Wochen, daß er sterben müsse, solange Philipp, noch lebe lind nun sitzt er in der Nachmitternacht und erwartet die Meldung, daß 9 chehen fei, was er beschlossen hat geschehen zu lassen. "
Welch eine Lage, und welch ein Entschluß, der sie geschaffenh ■ bn Namen König zu verdienen, muß ein Mensch seine Liebe und se n H der Pflicht geopfert haben. Wenn PhilippJemeni Sofcn Jarl geliebt fo ist damit bewiesen, daß er diese Liebe der Pflicht geg
toifdjen Reich geopfert hat. Und er hat seinen Sohn geliebt! Vielleicht Cs ist'dVKicht des Königs, dem Lande /inen tauglichen Nachfolger i* hinterlassen. Karl ist nicht tauglich; also ist es Philipps Pflicht, Karl
>t hinterlassen, des en Ansprüche unbestreitbar sind. Aber ein Serrurfte
Karl, der sich manchmal das Ansehen der Tauglichkei zu g j-, wird ein Angelpunkt der Verwirrung sein. Karl wiwde , ' j& Hst heute auf sein Erbrecht verzichten, morgen aber den »«3 d)t ro^er '/en. Darum ist es die Pflicht Philipps, zu sorgen, daß Karl ihn nicht Erlebt. Philipp hat seine Liebe zu Karl geopfert.
[ k Keine Hand hat ihm dabei geheim, kein Mund hat >,)n era
i [ irl silbst hat ihm dabei geholfen, indem er m"/ . 'geholfen 7/ Unbrauchbarkeit zu häufen. Philipp bat M JJTänbe "Ni er das weiße, zähe Stäbchen des Gerichts in Karl- g


