„Das steht man ja auch ein! Aber mein Mausemann ist doch nun einmal gar nicht krank! So ein liebes, sanftes Vieh!"
„Das sagen Sie so, Frau Möller! Alle Katzen im Land sind toll, oder ste können es jeden Augenblick werden! Und was soll der Herr Oberamtmann und die Menschheit dazu sagen, wenn Sie Ihre Katze nicht abliefern wollen? Der Herr Oberamtmann meint es doch so gut mit der Menschheit! Ich sage Ihnen, der hat deshalb einen Stein im Brett bei der Regierung, weil er hier für die Gesundheit im Bezirk so trefflich sorgt! Und außerdem zahle ich fünfzig Pfennig pro Katze."
„Das mit den fünfzig Pfennigen wäre ja ganz gut, — aber auf die Gesundheit, da huste ich, wenn ich meinen armen Mausemann vergiften soll, — merk dir das mal!"
„Aber, Frau Möller, da brauchen Sie doch nicht gleich zu husten! Ihre Katze stirbt doch einen so schönen Tod! In den Gaskasten, und hin
ist hi"!" ™ „
„Und wer soll hier im Land die Mäuse fangen? Fängt eure Wissenschaft Mäuse? Kriecht eure Gesundheit hinter die Fässer im Keller? Nein, ist das ein Jammer!"
„Es wird schon wieder neue Katzen geben, Frau Möller! Miez-Mrez- Miez!" .
„Wie kann es denn neue Katzen im Lande geben, du Doskopf, wenn die alten alle in euren Gaskasten steigen?" schreit Frau Möller zornig. „Macht man bei euch Katzen, wie man hier Stiefel macht?"
„Fünf Kilometer von hier, Frau Möller, da ist doch der andere Bezirk, wo die Katzen nicht tollwütig sind, — dort werden später neue Katzen angekauft. Die waren diesmal im Frühjahr sehr rührig, weil man ihnen gesagt hat, daß sie im Herbst mächtig im Preise steigen werden!" „
„Ihr seid mir die Rechten! Erst schreibt ihr an alle Hauser: .Seid gut zu den Tieren!' Das war fast recht, und man hätte seine Freude daran haben können, — und jetzt zahlt ihr fünfzig Pfennige pro Katzentod!"
Der Tertianer ist beleidigt.
„Jetzt machen Sie bitte mal Schluß, Frau Möller! Ich bin hier Behörde, und Sie sehen ja, daß auch die andern ihre Viecher abgeliefert haben. Schließlich ist eine Katze nur eine Katze, da braucht man nicht so viel Umstände damit zu machen, und ich habe Überhaupt heute noch mehr zu tun, als mich mit Ihnen zu unterhalten!"
Und schwupps ist die Katze im Sack, die fünfzig Pfennige sind bezahlt, und der Jammer wird unterbrochen mit einem: „Das wäre ja noch schöner!"
Aber wie der Tertianer die Katze auf dem Buckel hat, sagt er noch zum Trost:
„Vielleicht sehen Sie Ihre Katze noch mal wieder, Frau Möller! Wenn auch nicht auf Erden, so doch im Himmel!"
Worauf die entrüstete Antwort ertönt: „Also — so was zu sagen, das ist doch eine Gemeinheit!"
Schallend fliegt die Tür zu, man hört Schimpfen und Weinen von Erwachsenen und von Kindern.
Ader der herzlose Tertianer draußen mit dem immer schwerer zu zügelnden Sack auf dem Rücken lacht nur gräßlich und roh.
Schon hatten die Schnellsten und Kräftigsten unter den Katzenkäufern ihre Säcke voll oder halbvoll. War die lebendige Fracht allzu ungeftütp, so daß der Junge die Krallen und Bisse nicht mehr zu ertragen vermochte, so lief er wohl auch mit nur halb gefülltem Sack zum Hauptquartier in das Wäldchen. Es bestand ja immer die Gefahr, daß die Tiere in ihrem Gefängnis ersticken würden. Zwar hatte man allenthalben Luftlöcher geschaffen, und das Leben der Katzen ist zäh, aber die scharfen Krallen der fast rasenden Tiere erweiterten diese Löcher, und da sie in ihrem höllischen Dunkel noch wütende Kämpfe gegeneinander ausfochten, tat die allergrößte Eile not.
Kaum waren die Katzenkäufer im Birkenwäldchen eingetroffen, als ihnen Reppert und der Häuptling mit sachverständigen Griffen die Säcke von den blutenden Rücken rissen und den Inhalt, als fei es Häcksel in die bereitstehenden Kisten entleerten. Auch dort noch herrschte eine infernalische Enge, aber die Gefahr des Erstickungstodes war für die Tiere beseitigt, denn es waren oben die Latten in einem Abstand von je drei Zentimeter auf den Kiftenrand genagelt, so daß ein reichlicher Zustrom frischer Luft ermöglicht wurde. Auch der Häuptling und Reppert bluteten von Bissen und Krallen; aber keiner von allen achtete dessen. Kaum war einer von der Schlachtfront mit feinen aufsässigen Beutestücken angelangt, so nahm er aus der Feldflasche einen Schluck Milch, die sorgfältig in der Quelle gekühlt worden war, und in Karriere ging es keuchend und fröhlich wieder zurück in die Schlacht!
War aber eine Kiste gefüllt, so wurde sie auf den Beiwagen eines Motorrades verladen und in rasender Fahrt über Stock und Stein nach dem Schulstaat verfrachtet, in den Zwinger im Walde, das Asyl der gequälten Kreaturen. Die Schreie der Katzen während der Fahrt übertönten das Knattern der Mokore. Die Hunde aus allen Dörfern, die sie passierten, rissen sich blutig an ihren Ketten.
So war ein Pendeldienst zwischen dem Hauptquartier und dem Zwinger eingerichtet worden. Es standen ihnen drei Motorräder zur Verfügung, mit je einem Beiwagen. /
Bald jedoch zeigte es sich, daß sie zu gering an Zahl waren. Es mußten ständig zwei Mann, der Große Kurfürst und Reppert, im Hauptquartier verbleiben, drei jagten auf den Motorrädern hin und her, und es wurde für den Fall eines feindlichen Einbruches ein fliegendes Hilfskorps von fünf der Stärksten gebildet, die sich an der Stadtgrenze bereit hielten. Zwar liefen von diesem Korps, solange es noch untätig war, die Schnellsten den aus der Schlacht Zurückkehrenden entgegen, um ihnen die Last abzunehmen oder sie beim nächsten Male wohl auch abzulösen, wenn der Träger allzu sehr keuchte und zu erliegen drohte, — alles in allem aber büeben ihnen nicht mehr als fünfzehn Katzenkäufer übrig. Auch waren die Hunde der Tertia störend. Sie gerieten in
eine fürchterliche Aufregung. Sie sprangen den Sackträgern entgegen, sie wollten ihnen die Tierbeute von den Schultern reißen, sie stürzten sich auf die Kisten und winselten und bellten, und kein Machtwort tonnte sie zur Ruhe bringen. Es war deutlich, daß sie Schrecken vor den Tieren in ihren Gefängnissen empfanden. Aber auch das Bestreben, ihnen und ihren Herren zu helfen, wurde sichtbar. Doch schufen sie Verwirrung, und sie erhöhten die Erregung.
Dennoch stand die Schlacht bis zehn Uhr morgens gut. Man konnte zufrieden fein. Es fand keine feindliche Einwirkung von außen statt. Man. hatte schon einen Teil der Tiere gerettet, und die Beute wuchs von. Minute zu Minute, denn die Käufer hatten allmählich Routine bekommen, sie ließen sich auf keine langen Gespräche mehr ein, sondern sie forderten barsch, was ihnen von Amts wegen zukäme.
Um halb elf Uhr aber fanden die ersten feindlichen Angriffe statt.
In der Schule der Knötzingianer war das Gerücht entstanden, daß bk Tertianer heimtückischerweise in die Stadt eingebrochen seien und sich amtliche Befugnisse anmaßten. Da waren die Verwegensten aus bient Unterricht fortgelaufen, um die Wahrheit dieses Gerüchtes zu erkunden.
Otto Kirchholtes sah mtt seinem Sack auf dem Rücken an einer Straßenecke drei Jungens, die ihm drohend entgegentraten. Sogleich legti Otto Kirchholtes feinen Sack auf den Erdboden. Er stellte sich in Boxer- stellung auf. Er ging sogleich zum Angriff über. In wenigen Augenblicken taumelte der Stärkste von den dreien mit einem fast blödsinnige» Gesichtsausdruck gegen di« Hauswand. Er hielt die gekrümmte Hand unter die Nase. Er mußte Nasenblut einsammeln anstatt der Katzen. Di« beiden andern sahen entrüstet, mit offenen Mündern und gelähmte» Armen, dem engelsschönen Knaben zu, wie er sich den Sack auf die Schultern lud und gemählich wie ein Lastträger daoonschritt.
Zu derselben Zeit bekam Borst die ersten Stockschläge. Borst war entschlossen, die Niederlage wieder autzumachen, die er von seinem eigene» Hemd erlitten hatte. Er zog fein Holzschwert, er fletschte die Zähne vor Wut und vor Angst, er stand in einer Haltung sinnloser Kampfbereitschaft einer Ueberzahl von Angreifern gegenüber, von denen der Schwächste genügt hätte, ihn zu überwältigen.
Man lachte ihm dicht ins Gesicht.
„Seht den Affen!" riefen sie, und sie entrissen ihm im Nu seine Katzen.
Mit einer Bewegung des Spanns, als fei es ein Fußball, schleuderte der eine von den Stadtschülern den Katzensack «in paar Meter weiter.
Da zog Borst seine Torpedopfeife. Das Signal ertönte.
Sogleich erklangen in den benachbarten Straßen Rufe.
„Wir kommen! — Kommen!"
Die Knötzingianer ergriffen schnell den Sack. Sie liefen mit ihm davon. Aber sie liefen geradezu in ihr Verderben. Denn wie ein Un> gerollter fegte das Hilfskorps durch die Straßen, in Sporthosen und Leibchen, in einer Reihe, Arm in Arm, friedliche Passanten überrennend! Ehe die Knötzingianer überhaupt begriffen hatten, was mit ihnen geschah, war ihnen die Katzenbeute entrissen worden! Dafür hatten sie aber, zum Ausgleich ihres Verlustes, ein paar Fäuste ins Gesicht bekommen...
Das Hilfskorps entschwand, mit Borst in der Mitte. Während sie dem Hauptquartier zueilten, lachten sie alle erhitzt und froh, und sie lobten Borst, der schnell und geschickt das verabredete Signal gegeben hatte.
„Das haft du gut gemacht, Kleiner!" riefen sie ihm beim Laufen zll.
Borst erglühte. Er hatte schon gefürchtet, sie könnten ihn für feige halten! Und er war doch gerade zum erstenmal in seinem Leben mutig gewesen! Er hatte den Mut entdeckt, wie ein Seefahrer das Festland! Er fand feine neue Entdeckung herrlich schön! Er gelobte sich, bei der nächsten Gelegenheit sogleich wieder mutig zu fein! Am liebsten wäre er jetzt Lüders oder Königsmarck an die Kehle gesprungen, — aus nichts als Freude über das Festland feiner Seele, das er soeben entdeckt hatte! Im Hauptquartter schlug er Lüders mehrmals auf die Schulter, wobei er feine Gestalt gewaltig Hochrecken mußte. Er schrie:
„Donnerwetter, Mensch, das hätten wir geschafft!"
Lüders Nasenflügel wurden vor sturem Staunen geradezu platt und flach. In feinem Gehirn stand ihm der Verstand still, und in feinem Gaumen der Kaugummi. Er wollte nach langer Zeit etwas sagen, aber da war Borst schon bei Reppert, den er heißblütig aufforderte, mit ihm zu ringen.
Reppert sah ihn finster an. Die Lust roch nach schwefelgelben Ohrfeigen.
Da besann sich Borst noch zur rechten Zeit und etwas kleinlaut zog er sich zurück.
In der Tat, der Häuptling und Reppert hatten bedenkliche Gesichter. Sie waren nicht so wohlgelaunt wie Borst, da jetzt aus allen Himmelsrichtungen die ersten Meldungen feindlicher Angriffe eintrafen.
Nur einen Augenblick zögerte der Große Kurfürst, bann verwandelte er die fünf Mitglieder des Hilfskorps in fünf Adjutanten, und er befahl:
„Das Ganze sammeln! Die Schlachtfront wird ins Birkenwäldchen zurückgenommen!"
Im Verlaus von einer halben Stunde war die Bande vollzählig um den Häuptling versammelt. Der Motorraddienst wurde eingestellt. Man hatte feine drei Kisten voll Katzen. Schabzieger muhte sie im Wald bewachen, an einem unzugänglichen Platz.
Inzwischen hatten die Knötzingianer von elf Uhr ab Freizeit bekommen. Diejenigen von ihnen, die entschlossen waren, dem Morden nicht beizuwohnen, schlenderten beobachtend in den Straßen oder auf jenen Feldern umher, die an die Kiesgrube grenzten. Die Mehrzahl jedoch lief nach Haus, mit Zorn im Herzen, daß ihr Feind einen so großen Vorsprung errungen hatte und die Schlacht in einer so ungünstigen strategischen Position begann. Geschwind holten die Knötzingianer ihre Kartoffelsäcke, und sie begannen nun ihrerseits die Häuser nach Katzen abzusuchen. Diejenigen Einwohner, die ihre Tiere bereits an die Tertia abgeliefert hatten, wurden entrüstet darauf hingewiesen, daß sie etn Opfer von Betrügern geworden feien, denn das Bezirksamt habe sie, nur sie, bevollmächtigt, die Tiere einzuziehen.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- uud Steindruckerei. :X. Lange, Gießen-


