speit den hastigen Flammenatem eines metallenen Hammerwerks in die Stille.
Das Bergwerk war früher deutsch — ich werde seinen Namen nicht nennen. Ich werde nicht sagen, wie ich durch die Nebentür des Pförtners Einlaß finde, nicht, wer mir den Grubenanzug des dritten Direktors aus dem verriegelten Kasten reicht (die Direktion ist verreist), nicht, wer mir trotz der Erbitterung, die ungreisbar in der Lust hängt, die Einfahrt gestattet. Nur einen Revers muß ich unterschreiben: wenn mir dort drunten etwas zustöht — keiner hat dafür zu bezahlen. In die Unterwelt fährt ein jeder auf seine eigene Gefahr.
Es ist alles so, wie es in einem Kohlenbergwerk zu sein pflegt — nur ein wenig stiller, nur ein wenig gelähmt. Der Mann am Schacht, der die Einsahrenden kontrolliert, hat kaum dreihundert Marken an seinem Draht. „Dreihundert statt achthundertundfünfzig", brummt der Obersteiger, dem ich mich angeschlossen habe, und da wir schon in den Förderkorb kriechen, in die mittlere Etage des dreistöckigen Fahrgerüstes, fügte er hinzu: „Kaum ein Drittel der Belegschaft fährt ein. Morgen, übermorgen ist Streik". Die Gittertür rasselt zu. Da hocken wir nun in unserem niederen Käfig, wir zwei, sitzen auf unseren Fersen, die Grubenlampen zwischen den Knien, und warten auf Fahrt. Der Mann mir gegenüber, mit farblosen Haaren und blickleeren Augen, ein Hüne, sagt noch: „Weil wieder gewählt wird. Jeder Lohn ist ihnen zu niedrig".
Durch seine Rede hackt ein Ruck und wir stürzen. Wir klammern uns an unserem Fahrgerüst fest und stürzen fünfhundertachtzig Meter tief in die Erde. Die Verzimmerung des Schachts rechts und links unsrer Fahrt ist im Licht unsrer Grubenlampen nur ein wehendes Band. Zweimal, Bruchteile einer Sekunde lang, fliegen lichtgrell die Deffnungen der ersten und der zweiten Sohle vorüber. In der dritten (es gibt auch noch eine vierte) landen wir so weich, als wären wir in einem Berg "on Kissen gestürzt. Die Gittertür rasselt auf, wir kriechen aus unserem Gestell und stehen lichtgeblendet in einer riesigen Halle. Drei schwarze Deffnungen, die drei Hauptstollen dieser dritten Sohle, schicken schmale Gleisanlagen vor in die Helle und bis an unseren Förderkorb. Aber es sind nur ganz wenige, Menschen in diesem übermäßigen Höhlenraum: einer, der mit Knöpfen und Hebeln an einem großen Schaltbrett hantiert. Einer, der weitab in einer Nische am Schwungrad der großen Dampfpumpe sitzt — durch mächtige Röhren brausend angefogen stürzt Wasser aus allen Schächten. Ein Dritter, beleibter Mensch gutmütigen Aussehens, tritt mit einem knappen „Glück auf" auf meinen Führer zu und erstattet halblaut Bericht. „Wasser läuft glatt ab," höre ich, „aber zu langsam. Der blinde Stollen unterhalb 64 ist seit gestern ersoffen. Und die Äefervepumpe ist wieder verlegt. Und die Mechaniker sind mit der zweiten Schicht nicht mehr eingefahren. Dreißig Meter müßte man aufbrechen." „Gewöhnliche Hauer nehmen. Dreihundert Mann liegen noch vor der Kohle", murrt mein Führer. Aber der Dicke: „Dreihundert? Keine fünfzig! Alle sind nach Ort 6 hinübergesahren, mit dem leeren Retourzug, und dort durch den alten Materialschacht hinauf. Den schlechten. Förderkorb haben sie wieder in Betrieb gesetzt. Dafür sind Streikposten eingefahren und gehen die Sohle ab." Mein Begleiter, knapp: „Ruf Ort 6 an“. Der Dicke kurbelt und hebt den Hörer von feinem Wandbrett. Er sagt: „Dort Ort 6? Hier Hauptstelle Sohle 3. Dort Ort 6? Wer ist dort?" Fernabstehend noch höre ich eine wüst geheulte Beschimpfung aus dem Apparat. Der Jpicte wird blaß und hängt ab. Ein Schweigen. Dann mein Begleiter: „eonft Meldungen?" Der Dicke ist noch verstört. Er faßt sich und berichtet: „Querbau 14 soll sich wieder gesenkt haben. Ein Hauer war hier. Er ist kaum mehr durchgekommen. Das macht der Akkordlohn. Die Leute arbeiten nur mehr vor der Kohle und nehmen sich keine Zeit zum Verzimmern. -Lcr Berg schließt sich." Der Hüne: „Dann steige ich durch Querbau 14 zur vierten Sohle hinunter. Das will ich [eben". Und zu mir gewandt: „Für Sie ist das nichts. Am besten, sie sabren wieder aus". Da ich erkläre, >bn begleiten zu wollen, zuckt er die Achseln und gebt voraus.
Eine Minute später sind wir hintereinander trottend in der Schwarze des mittleren Stollens untergetaucht. Was dem engen ^ichtbezirk unserer Lampen sich aufschließt, ist ein machtvoll mit schweren Balken verzimmerter Höhlengang. Die Mille des Bodens nimmt jenes Glas ein, dessen schwaches Blinken zehn Schritt weiter im Lichtlosen auslischt. Links des Gleises liegt die Leitung des Pumpwerks, unentwegt von dem aus ertrinkenden Schächten fortgefogenen Wasser durchbraust. Rechts liegt, in breiter Röhre auch sie, leise heulend und zischend die Führung des Wetters, der reinen Druckluft, die von ungeheurer Maschine über -tag m die vergasten Bezirke des Werks gepreßt wird. Zwischen den Balken der Seitenverzimmerung (Telephon, Telegraph haben da chre Spinnens d gespannt) schimmert hier und dort das schwarze Gestein vor. V Decke, aus Battenfugen, tropft Wasser. Da ich den Kopf heben will, legt die Hand des Führers sich wie ein Schraubstock um meinen Arm Er weift auf einen dicken Draht, der da frei m der Mitte schwebt, nicht höher als meine Stirn, und sagt: „Das ist bie Starkstromleitung s elektrischen Zug. Wer ankommt, bleibt liegen Jede zweite ober brrtte Woche wirb einer —" Vor uns schwankt ein Licht auf, wir drucken uns an die Wand unb gespenstisch bewegt mit Rattern unb flelbgrun fniftern« dem Funkenspringen zwischen dem Schleifkontakt unb schwingenden Draht klirrt uns ein langer Zug leerer Grubenhunde vorüber. Ganz hinten erst, auf dem letzten Waggon, kauert reglos em Mensth Das ver raffelt um eine Biegung. Dann erst trotten wir weiter, h'^re-nander gebückt und schweigsam beflissen, jenem noch immer schaukeln» bewegten Kabel auszuweichen.
Eine Viertelstunde. Zwanzig Minuten. Dann ist rechts ein roh gegirrn wertes Tor, unb ba mein Führer den einen tflugel nut drückt, springt es uns an: schwarz gähnendes Loch und «n beulend est ger chriftzug, der mir die Leberkappe vom Kopf reißt. „Die Wettesifuhru g überschreit ber Mann bas Heulen. Dann duckt er sich und gleitet, d Fuße voran, in das Loch. Auf die Arme gestutzt, mit ^ Ob 'koper noch d°n Rand Überragend, sagt er: „Das ist Querbau 14 Er fuhrt 12» Meter hinunter zur vierten Sohle. Er ist nicht ganz lolrech gie[e I
hi« Kohle, die abgeht, drunten noch in größeren Brocken
sie frei, so zerschmisse sie sich drunten zu Staub. Ziehen Sie das Tor zu und kommen Sie nach. Sie legen sich auf den Rücken und lassen sich fallen. Arme und Beine spreizen — irgendwo bleiben Sie bann' schon an ber Verzimmerung hängen unb können bremsen. Lampe befestigen Sie an die Brust. Nach dreißig Metern ist ein Ort — dort landen Sie von selbst. Los!" Im gleichen Augenblick ist er verschwunden. Kleine Steine springen ihm nach. Hinter einer Wolke aufgewirbelten Staubes »erglimmt rot fein Grubenlicht. Ich lege mich auf den Rücken, und nach ein paar Sekunden Herzklopfens lasse ich los und gleite. Immer wieder finden Hand ober Fuß sich an einem vorragenben Balkenenbe ober behauenen Stein. Ich liege breit ba — das geht leichter als erwartet. Nur ba etwas meine Stirne ritzt unb ich bie Hanb banach heben will, merke ich tief erschreckt, bah kaum zwei Dezimeter zwischen meinem Gesicht unb der Decke sind. Aber da glimmt schon wieder bie Lampe bes Führers auf unb ich fühle festen Boben unter ben Füßen. „Der erste Ort", sagt ber Mann. Da ist eine kurze Höhle querab gegraben und endet an schwarzer Wand. Der Mann sagt: „Da liegen sonst sechs Mann vor der Kohle. Sind durchgebrannt mit ben anbern. Also weiter hinunter. Aber langsamer. Sie bleiben. Kopf seitwärts legen, sonst reißt's bas Gesicht weg. Es ist eng. Also Vorsicht!" Er ist schon wieber verschwunden. Ganz langsam geht es jetzt tiefer. Den Steiger finbe ich nach zwanzig ober breifjig Metern. Da hackt er unb leuchtet mit feiner Lampe bie Balken ab. Nun sehe auch ich es: bie bieten Bohlen ber Verzimmerung sind da geknickt. „Wie Streichhölzer", sage ich. Der Mann hört nicht auf mich. Mit feiner Lampe sucht er bie Decke ab. Unter feiner Schmutzfchicht ist er erblaßt. „Der Berg schließt sich wirklich", sagt er leise, unb noch einer Weile: „Hoffentlich ist ber Weg nach unten noch frei. Dreißig Meter tiefer ist wieber ein Ort. Er horcht hinunter. Sann, fast befremdet: „Dort arbeiten sie noch". Nun höre auch ich es: ganz ferne Stimmen unb einen plappern» ben Widerhall. Langsam gleiten wir tiefer. Wir tönernen durch.
Kommen durch und stehen mit einemmal in einem leeren Grubenhund, der, wartend auf feine Fracht, vor den Eingang des Querhaus geschoben ist. Das also ist Ort 2. Die Höhle ist etwa doppelt so groß wie die eben besuchte. Sechs Grubenlichter glimmen — sechs Menschen sind in ihrem Schein gespenstisch bewegt. Sie schaufeln große Brocken losgebrochener Kohle in zwei wartende Hunde. Trotz des eisigen Sturmes, der wiedex in diesem Kessel sich fängt, sind sie nur mit Schuhen und Drillichhosen bekleidet. Ihre Oberleiber, dürr gelenkig, ausgezehrt zugleich unb mit Muskeln bepackt, sind nackt und von schwarzen Bächen Schweißes unb Kohlenstaub überriefelt. Menschen, Menschentiere, ohne Rast in Bewe» gung, sechs schwarze Gesichter, wie erstarrt in einem erbitterten Schlaf.
Der Alte hat den Luftdruckbohrer eingeschaltet und preßt die rotierende Stange langsam wuchtig gegen den schwarz schimmernden Berg. Ein Rattern, von ben engen Wänben vertausendfacht, ein Dröhnen, das die Ohren zersprengt... Kein Wort ist zu hören. Und auch die Gesichter werden langsam zu Schatten. Denn vor dem Bohrer ist der Gesteinstaub ausgestanden, eine trübe, trag mächtige Wolke, und schiebt sich zwischen Gesicht und Gesicht. Rote Käser sind noch die Lampen. Gespenster schwingen Schaufeln im Takt. Und immer bas Dröhnen, das die Ohren zersprengt.
Weiter durch den Querhau 14. Das ist kein Gleiten mehr, denn der Berg hat die Griffe und Stützen weggebrochen. So poltern wir nieder, mit einem Steinschlag, der vom Hangenden sich gelöst hat. Das trommelt gegen Schultern unb Kappe, reißt Wangen unb Hänbe wund. Auch die Lampe, von einem Brocken getroffen, verlischt. So taumelt sich's lichtlos weiter durch ben schwarzen Spalt des sich schließenden Berges. Aber bann ist ba wieder Boden unter ben Füßen, elektrisches Licht, vierte Sohle, ein Mann schreit uns zu: „Auffahrt burch Schacht 3! Hier lassen sie ben Korb nicht mehr nieber". Ein elektrischer Zug, ber Führer schwingt sich auf einen ber rollenden Hunde, ich folge ihm, liege flach geduckt auf der Kohle, dreißig Zentimeter über mir das Knallen und blaue Funken- tniftern des elektrischen Stroms. Das geht fo Kilometer und Kilometer. Dann Station: die elektrische Maschine wird abgekoppelt und aus einer Seitenhöhle des Stollens zieht man ein dick gemästetes, hochrückiges Pferd. Der Führer sagt: „Weil hier schlagende Weller find. Mit den elektrischen Funken darf man da nicht fahren. Nur mit Pferden. Da ist der Stall. Blind? Nein, blind sind sie nicht. Sie werden nur dick. Sie leben zehn und zwanzig Jahre da in der Grube. Erft die Kadaver werden nach oben geschafft. Einmal war eines krank. Mit dem bin Jd) aus- gefahten. Unb wie wir oben sind und wie das plötzliche Licht —" Er verstummt. „Was war das?" frage ich. Er sagt trocken: „Ausgeschlagen hat es. Gewiehert. War wie verrückt."
Da hat der Trott des Tieres uns auch schon zwei Kilometer weit an ben Schacht geführt. Da ist ber Förderkorb, drei Stockwerke hoch. In den mittleren kriechen wir, kauern, die Campe zwischen den Knien. In den untern schiebt man eine verhüllte Bahre. Nur ein Männerarm, mit verkrallter Faust seitlich niederpendelnd, lugt unter dem Tuch vor. Der Führer blickt kaum hin. „Das ist alle paar läge", sagt er. „Sie springen nicht rasch genug weg, wenn das Hangende niedergeht." Dann reißt ein jäher Ruck und ein Heulen uns siebenhundert Meter auswärts. Wir landen im dritten Stockwerk eines Gebäudes. Im Sortierraum wird noch gearbeitet Knaben stehen da rechts unb links von einem laufenden Band, das die geförderte unb schon gewaschene Kohle niedergeleitet zu Trichtern und in Waggons. Dürre Knabenhände greifen da und dort in diesen langsamen Strom und holen Brocken tauben Gesteins heraus. Gesprochen wird nicht. Nur die Maschine saust.
Ich trete hinaus auf den Hof. Noch immer hängt jenes Trauerlaken vor Sternen unb Mond. Und Schornsteine ragen, Baumwerk, enttront wie von schwarzen Blitzen oder dem Trommelfeuer einer Totenartillerie.
Jenes Gittertor ist geschlossen. Draußen stehen Menschen, viele Menschen, und schauen herein. Man sieht nur ihre Hände an den Eisenstäben bes Eingangs. Man sieht nur ihre Gesichter. Kein Laut ist zu hören. So stehen sie ba und schweigen. Schweigen unb warten.


