Gommerausflug in Oberbayern.

Von Wilhelm fj a u f e n ft e i n.

Nun ging mir eine neue Welt auf. Ich näherte mich den Gebirgen, die sich nach und nach entwickelten. Benediktbeuern liegt köstlich und überraschend beim ersten Anblick. In einer fruchtbaren Fläche ein lang und breites ... Gebäude und ein hoher Felsrücken dahinter. Nun geht es hinauf zum Kochelfee, noch höher ins Gebirge zum Walchensee. Hier begrüßte ich die ersten beschneiten Gipfel, und auf meine Verwunderung, schon so nahe bei den Schneebergen zu sein, vernahm ich, daß es gestern in dieser Gegend gedonnert, geblitzt und auf den Bergen geschneit habe..." Goethe, Italienische Reise.

Aus der Ferne gesehen, schien der Berg, der die Landschaft am Starn­bergersee regierte, ein zauberisches Spiel der Natur zu sein. Ein slacher Bogen schweifte sich weit hin als Umriß; darunter breitete sich senkrecht ein Felshang mit unzähligen Steinfurchen. Dies war die Benediktenwand. Aber nun vom See aus, schien sie eine Draperie aus zerknitterter Seide nun und schon immer, so oft das Licht ihr auf eine gewisse zweideutige Weise begegnete, die Lüfte sie mit zärtlich verwandelndem Atem behauch­ten. So ward jene Steinwand ein ungeheuerer und fein gefältelter Vor­hang aus gewichtlos leichtem Stoff, der den mürben Schimmer des Ver­jährten trug. Lilagrauer Vorhang aus dem Himmel gehängt, um das gesättigte, das ruhig-wirkliche Schauspiel des Südens zu verbergen ...

Ich las wieder die Italienische Reife. Dort drüben war er gefahren. Die Benediktenwand war ihm zur Linken gestanden. Das weitläufig-uralte Kloster Benediktbeuern mit Zwiebeltürmen, Obstgärten, gelben Putz- mauern war ihm zur Rechten geblieben. Den Blick zwischen dem Gebirge und der Abtei teilend und weder ihr noch ihm völlig hingegeben, da ihm Gebirg und Klerisei gleich unbehaglich waren so hatte er den Weg zum Kochelsee und Walchensee nach Mittenwald und Innsbruck genom­men, nichts im Herzen als die Flucht aus dem verwunschenen Norden und den Drang nach einem gänzlich natürlichen, befreiend wirklichen Süden...

Und wir zwei hier am See, im Bann der Wand dort drüben, die den Weg nach Süden verlegte wir hatten mit einem Mal so heftig Lust, ein Stück des Goethischen Weges mit Augen und Sohlen nachzuzeichnen. Ein kleines Stück!

So brachen wir auf. Die Bahn trug uns durch Voralpenland, wo dunkelbraune Torfgruben neben blühenden Moorwiefen scharf eingeschnit- ten waren. Die steinige Wirklichkeit des Berges wurde immer auffälliger. Lotrecht, hart und klüftig stand er uns auf, über sanft ansteigenden Alpenwiesen, die abwärts von niedrigem Waldwuchs gesäumt waren. Und vollends war nun das Wunder da jetzt erst recht. Da war nun nicht ein Vorhang aus alter zerknitterter Seide, sondern ein steinerner Block, breit, etwas ausgehöhlt und tausendfach zerfurcht von oben nach unten; körperlich mit sichtbarer Schwere; abenteuerlich vergrößert und mit der erdrückenden Wucht plastischer Gegenwart! Doch so, wie er als Wirklichkeit uns jetzt offenbart wurde, schien er noch wunderbarer und unbegreiflicher! Oh, über das Wunder des Nahen und Wirklichen!

Sommer um Sommer, so fiel mir jetzt ein, war ich auf dieser flach- geschwungenen Kuppe gestanden, ganz vorne an der Kante, wo die Höhe aus dem Berggras in den nackten Stein umgebrochen ist; wieder und wieder war ich in den steinernen Spalten herumgekrochen an jenem kleinen Kreuz vorbei, das eines Abgestürzten gedenkt; mit Zehen und Fersen, mit Händen und Knien hatte ich den körperlichen Widerstand des Berges erprobt. Aber mir war zumute, als begriffe ich die Existenz des Gebirges heute minder als je, und in der deutlichen Nähe noch weniger als aus der verwirrenden Ferne, die aus dem Stein eine Phantasmagorie hatte machen wollen. O sonderbarste aller späten Erfahrungen: von Tag zu Tag erstaunlicher wird das Rätsel der Wirklichkeit ein Rätsel, dem keine Wissenschaft würde abhelsen können!

Wir stiegen nicht aus, fuhren vorbei. Und nicht der Berg, sondern das Kloster zu seinen Füßen sollte unseren ein wenig müden Herzen das letzte Ziel am Rückweg dieses Ausflugs fein.

Jetzt lagen beide fchon hinter uns. Näher waren nun Herzogsftand und Heimgarten; der Gipfel, der zackige Grad zwischen ihnen, der groß­artige Sturz der Felswände gegen Norden füllten das weite Feld unserer Blicke. Und alte Freunde hoher Berge, wie wir waren, sahen wir ein­ander fragend an: welche Phantasie der Erde, auf einmal in Stein« wänden von tausend Metern einen Aufstand zu unternehmen, senkrecht, wild! Sind Berge nicht Träume?

In Kochel bestiegen wir das Postautomobil. Wir stürmten. Der Kochel­see erschien, und so oft wir ihn von den je nach den köstlichen Windungen der neuen Kochelstraße immer überraschend wechselnden Bastionen erblicken konnten, tief unten im Tal, klang in unseren Gedanken jenes:Thalatta Thalatta" der Griechen Tenophons mit.' Sie zwar sahen das blaue Meer; doch unser See wie flüssiger Smaragd war märchenhaft genug, und ein fast gimmetrotes Ufer gegen Schlehdorf lieh ihm einen freund­lichen Reiz.

War hier, nach einer Stunde, die eine Minute schien, schon die Höhe des Passes? Ja, denn auf der neuen Seite drunten lag der Walchenfee. Er nun war blau, er schien mit der homerischen Bläue, der purpurblauen des Mittelmeers gefärbt. Und wirklich war er so blau, wie die «infame Raserei des alten Lovis Corinth ihn gemalt hatte wahrhaftig war er die südlich blaue Vision eines leidenschaftlichen Skythen vom Rande Rußlands: er selbst, der See, und die Kränze von Fichtenwäldern um ihn herum. Sah man pedantisch hin, so war dies Blaue alles stumpfer. Aber fo unmöglich, wie es war, pedantisch hinzusehen, so unvermeidlich war es, begeistert zu schauen, trunken zu schauen! Das Blut des toten Malers suhr uns in die schwächeren Adern und trieb uns den Enthusias­mus feiner leidenschaftlich blauen Gesichte in die Augen. Wir hatten seine Bilder vom Walchensee gesehen, jene mit Ultramarin hingesegten Bilder! Nun mußten wir den See durch jene Bilder sehen. Und mehr: konnte es nicht fein, daß die schöpferische Kraft jener blauen Bilder den See selbst verwandelt hatte? Das schauende Auge des Genies verändert die Welt! Wir sahen in diesem Augenblick die Seele des toten Malers, der hier

sterblich gelebt hatte, als einen blau glühenden Geist über die Wasser und Wälder fegen ... Nun entwich er und begrub sich im unermeßlichen Grunde des Sees und fchimmerte wieder im glänzendweißen Atlas der Karwendelberge...

Wie wir die alte Straße nach Kochel nieberftiegen, wurde der blaue Himmel Oberbayerns schwarz. Das Firmament zerbrach in einem Ge­witter. Um den Bahnzug hingen schiefe Regengüsse wie nasse Teppiche. Blitze schienen ihn zu zerreißen, es knallte vor den triefenden Scheiben.

Als neu die Sonne schien, sahen wir einander in den nassen Wiesen um Benediktbeuern Herumstapfen und Blumen brechen vellchenfcirbene Glockenblumen, Arnika, gelb wie Sonnenblumen, karminrote Wttsen- orchideen. In einem Torfmoorgraben lag eine Kupfernatter an der warmen Sonne. Wir träumten in der Sonne. Wir sahen all dies Schöne und verstanden nichts.

Dann saßen wir in der Klosterkirche. Da war eine schwere Renaissance bargetan; eine länbliche ungefüge und ländlich schwunglose Pracht aus staubig-weißem Stuck. Gipsene Figuren in halber Höhe hatten unglaub­würdig dicke Köpfe. Alte Prozessionsfahnen aus weinroter Seide auf hohen Stangen an den erdbraunen Betbänken waren köstlich. Auf einem Seitenaltar standen Religuiarien mit barock geschnärkelten Rahmen aus Silber, und unter schützenden Scheiben waren Splitter von Gebeinen aufgesteckt wie seltene Schmetterlinge. Wir lasen Sancti Achatii Sancti Severini Sancti Georgii, «stücke von den Gebeinen der Heiligen Achaz, Severin, Georg!

Hinten seitwärts war eine Kapelle. Der heilige Johann Nepomuk stand barock bewegt, schier flatternd; er hatte das zugleich kunsthafte und übertrieben wirkliche Gesicht einer Marionette. Bunt gestikulierte seine Devotion aus goldener Wolke, lieber ihm hob sich ein Fenster; darin leuchtete ein frisches Stück des blanken, blauen Himmels und das grün« gofbne Laub einer Linde unter der Sonne. Dem heiligen Nepomuk gegen­über hing der Herr am Kreuz. Sein Herz lag ihm als silberner Schild in einer Kette auf der blutigen Brust.

Beim Ausgang am anderen Ende des Schiffes war eine andere Kapelle angebaut. Sie war lauter blühendes Rokoko, und wie freuten wir uns doch, das geistlich« Schauspiel dieser Kapelle zum Ende so leicht, so souverän, so bezaubernd zu finden! Ein schneeweißes Oval war rings mit rotvioletten Pfeilern und 'Säulen bestellt, denen blütenweiße Engel anflogen, lieber den hohen Fensterbogen faßen Agraffen aus Stuck, weih und golden. Das Fresko der Kuppel war mit einem Ballett von Engeln ausgeftattet. An einem Altar wallte himmelblau und silbern ein Vorhang aus Stuck herab.

Wir gingen in den Hof. Er war ein weites Rechteck in hellem Ocker. Hoch in der Nische stand Herkules. In der Mitte des Hofes stieg kerzen­gerade empor eine weiß und blau geringelte Fahnenstange; sie hatte die Farben des Landes, des Himmels, der Maria. Akazien, Hollunder, Rot­dorn blühten mit phantastischem Schwall; Blutbuchen leuchteten mit durch­scheinendem Rot unter den goldenen Strahlen des Abends. Durch ein Hoftor, unter dem Knechte Bier aus Steintrügen tränten, sahen wir ungeschirrte Pferde im Grasgarten traben.

Wir nahmen den Heimweg durch den Kirchhof. Er duftete von unzäh­ligen trapprot blühenden Bauernnetten, brannte von Mohn und Feuer­lilien, war lieblich blau von Vergißmeinnicht, lieber den getaltten Fried­hofsmauern nickten die Wipfel der Apfelbäume.

Der seltsame Tag, reich an Wunderlichem, an Begeisterung, an Zauber und an Wirklichteit... Wir blickten abschiednehmend an die Beneditten- wand hinauf; nun schien sie freilich einfach das, was sie war, und gar nichts anderes. Vielleicht aber, daß morgen wieder der Zauber anfinge, all dies Unbegreifliche, ewig sich Verwandelnde des Nordens; und wir erwogen eine Fahrt über den Brenner in die ewige, rein« Gewißheit des Südens.

Sturm über ßubo.

Bon E. v. Ungern-Sternberg.

Das Meer, in dem einst die Butaniere ihre tühnen Piratenstreiche ausführten, in dem die verborgenen, palmenumraufchten Schatzinseln liegen^ das Karibische Meer und der Golf von Mexito, in denen die Gold- und Silberflotten treusten, liegt auch heute noch fern vom gewohnten Alltag. An seinen Küsten wartet das Abenteuer. In den heißen Tropen- nächten, wenn die Wogen mit glänzenden Phosphorlichtern an das Ufer branden und die Sterne wie brillantene Ampeln sich auf die Erde fenten, tritt das Unerwartete ober das Wunder aus der Verborgenheit hervor. Es geschieht immer etwas und sei es auch nur im Land der Träume, denn die Sinne unterscheiden nicht immer streng zwischen Wirtlichteit und Phantasie, die Nerven stumpfen entweder während der Sonnenglut des Tages ab ober sie werben von einer fonberbaren Feinfühligkeit und erfassen Dinge, bie gar nicht in ihrem gewohnten Bereiche liegen.

Die schneeweißen Dampfer ber Fruit-Compagnie aus New Orleans, bie schmutzigen, ftinfenben Petroleumschiffe aus Maracaibo, vo'rnehme Passagierbampfer unb allerlei Tramps, bie unter ihren Luken manches Geheimnis bergen, burchkreuzen tagtäglich den Golf von Mexiko. Ihre Rauchfahnen werfen lange Schatten über bas Wasser unb ihre Spitzen berühren irgenbeine Negerhütte am Snfelufer ober lagern eine bünne Rußschicht über ben tiefgrünen Zuckerrohrpslanzungen ab. In ben heißen ßänbern am Golf von Mexiko ist immer Revolution. Nicht bie häßliche, haßerfüllte Revolution norbifdjer Großstäbte, wenn hungrige Volksmafsen Lebensmittelgeschäfte plünbern, unb Schliffe hinter Straßenbarrikaden knallen, nein, die Revolutionäre dort pflegen Romantiker unb Despe'rabos zu fein, Typen aus einem Douglas-Fairbanks-Film, entroeber Generäle in golbftrotjenben Uniformen unb mit breiten Helbengesten ober mit allzu­viel Temperament, wie z. B. General S a n b i n o in Nikaragua, ber mit einer Schar von Freibeutern sich in bie unzulänglichen Urroälber zurück­gezogen hat unb auf eigene Hanb mit ben Marinetruppen ber Vereinigten Staaten unb mit bem von ihnen eingefetzten Präfibenten Krieg führt.

Heute ist Revolution auf ber Zucker- unb Tabaksiiste! Cuba. Unb roieber, wie vor zwei Jahren auf ber berühmten Likörinfel Curaxao, von