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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Ml Zreitag, den 28. August Nummerbr

Klein ist unter den Fürsten ...

Von I. W. von Goethe.

Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine; kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur was er vermag.

Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte jeder; da wär es ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu fein.

Doch was priesest du ihn, den Taten und Werke verkünden?

Und bestochen erschien deine Verehrung vielleicht;

denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren:

Neigung, Muße, Vertrau'n, Felder, Garten und Haus.

Niemand braucht' ich zu danken als ihm, und manches bedurft' ich, der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.

Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?

Nichts! Ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt.

Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen.

England, freundlich empfingst du den zerrütteten Gast.

Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese malet mit ängstlicher Hand Werthern und Lotten auf Glas?

Niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein König um mich bekümmert, und er war mir August und Mäcen.

ein

Oer Herr Geheimbderath.

Zu Goethes Geburtstag am 28. August.

Von Hans Sturm.

Als Goethe nach Weimar kam, war die kleine Residenz noch stilles Landstädtchen, das sich abseits der großen Post- und Handelsstraße LeipzigFrankfurt wie verschüchtert in den engen Kranz seiner Stadt­mauern schmiegte, durch die nur vier strengbewachte Tore Ein- und Aus­laß gaben. Jedermann und selbst die Hofleute mußten der Torwache oder dem Torschreiber aufWoher?" und ;,,W°l)M? Rede und Antwort stehenzwecks Meldung an Serenissimus. Natürlich gab es auch Lffte , diese Verordnung zu umgehen. So schrieb Goethe einmal an Frau von Stein, als er eine Wagenfahrt aus der Enge Weimars unter­nehmen wollte:Wenn du im Tor nicht gemeldet fein willst ist das Sicherste, du steigst an der SternbrMe ein und aus. Bestell den Wagen dort hin' ich hole dich ab. Sonst gehts nicht, man mußte es tanihem Torschreiber verbieten, und das sieht kurws aus. Die^Straßen Weimars waren winklig und holperig, das Pflaster war halsbrecherisch und von den Häusern her nach der Mitte zu abgeschragt, damit alles was turzer- hand aus Türen und Fenstern gegossen wurde, ablaufen konnte, wenn dann noch morgens und abends das Vieh der Ackerbürger vom «tadth.r en durchgetrieben wurde, kann man verstehen, daß die Burger sich nich. gern allzulange in ihren Gassen aufhielten, ine bei Einbruch der Dunkelheit in völlige Finsternis ver anken.

Zunächst wohnte Goethe bei dem Kammerherrn von K a l b, dann bezog er sein geliebtes Gartenhaus am Stern im Park, in dem er sich späterhin, weit- und menschenmude, derart verbarrikadierte, daß. W e land einmal klagte, man könnenur mit Stangen und Brecheisen zu ihm gelangen. Trotz seiner schönen Stadtwohnung im^ Hause «m Frauen­plan weilte er am liebsten inseinem Gartenhaus $«r «

seine künstlerischen Pläne, hier baut er seine wissenschaftlichen Thesen auf im engsten Umgang mit der Natur, von hier ausregiert Knebel nennt ihn balddas Rückgrat der Regierung « und Wieland schreibt an einen Freund über den frifch ernannten Herrn Ge^,mbder^ -Goethe lebt und. regiert und mutet, und Ä'l>t Regen ""d Sonnenschein und macht uns glücklich. Er mache, was er will! Und wirklich erfaßte Goethe den wirtschaftlichen Gesamtbau des kleinen Staates mit dem Herzen und mit dem Verstände und begriff das ^neinmrbergreifen her Kräfte und damit die Notwendigkeit I^der Existenz auch der scheinbar unwichtigsten, als Staatsmann und Mensch äugleid). Mit den Jahren Wuchs der Seaen feiner Arbeit für Land und Volk, und damit wuchs auch seine Belebtheit. Doch trotz aller Aemter, Wurden Ehren blwb er Der einfache bescheidene und, wie die Weimaraner ihn wohl zum Unter­schiede 'von ande?en Räten nannten, der fleißige Herr Gehern be^a

Er war ein Frühaufsteher und teilte den Tag streng ein, me meine -Seit nahmen seine Diktate ein, während deren er m-t «uf dem Rucken zusammengelegten Händen in seinem einfachen JlrbeiitsjI Darüber ab ging. Dann wurden die oft zahlreichen »-su^ »r^N-». »-ruber berichtet ein Enkel des englischen Satirikers Sw'ft iemem ^agebuch. »,Als ich ihn zuerst sah, verriet ich zwar äußerlich kemerle Aufregung, muß aber doch bekennen, daß ich innerlich zagte... doch so h h

fach war sein Wesen, daß ich mich bald ebenso ungezwungen fühlte wie er selbst... Seine Haltung war etwas gebeugt, seine Gestalt von mittlerer Größe und Stärke, das Haar fiel ihm nur noch in spärlichen Locken vom Scheitel herab.. .* Von den herrlichen Augen weiß der junge Swift kaum genug des Lobes zu sagen. Mit besonderem Interesse gedenkt er des Abschiedsbesuchs: Er klebte fein Bild in mein Stammbuch und schrieb mit eigener Hand die Verse darunter:

Was verkürzt mir die Zeit?

Tätigkeit.

Was macht sie unerträglich lang?

Müßiggang.

Was bring in Schulden?

Harren und Dulden.

Was macht gewinnen?

Nicht lange besinnen.

Was bringt zu Ehren?

Sich wehren!"

Auch zu Tisch lud er gern Gäste ein. Man gut, doch einfach. Ditz Unterhaltung galt künstlerischen, wissenschaftlichen ober aktuellen Fragen? als einmal irgendeine Klatscherei aufzukommen drohte, erhob sich der Herr Geheimbderath und herrschte die Betreffenden an:Euren Schmutz kehrt bei euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir ins Haus!" Nach­mittags erging er sich gewöhnlich auf den schattigen Wegen vor seinem Gartenhaus, von dem Bettina von Arnim schrieb:In deinem Garten ifts so schön! Alle mein Gedanken sind Bienen, sie kommen aus deinem duftenden Garten zum Fenster hineingeflogen, bas ich mir geöffnet habe, unb setzen ba ihren Honig ab, ben sie in beinern blütenreichen Garten gesammelt haben. Unb so spät ist es, nach Mitternacht schon, so kommen sie boch noch einzeln unb umsummen mich unb wecken mich aus bem Schlaf; unb bie Bienen beines Gartens unb bie Bienen beines Geistes zusammen untereinanber." Noch in seinen letzten Lebenstagen ging Goethe unter ben meist selbst gepflanzten Bäumen bahin, bie ihm ans Herz gewachsen waren, mit denen er sprach als mit Vertrauten:

Wachset wie in meinem Herzen, treibet in bie Luft hinein, benn ich grub viel Freub unb Schmerzen unter eure Wurzeln ein."

Zuerst führte er seinen Haushalt mit Haushälterinnen, würbe jeboch späterbieser halben Wesen überbrüffig", wie bas ber Letzten ausgestellte Zeugnis bestätigt:... für eine Köchin kann sie gelten unb ist zu Zeiten folgsam, höslich, sogar einschmeichelnb. Allein burch bie Ungleichheit ihres Betragens hat sie zuletzt sich unerträglich gemacht... Unruhig unb tückisch, verhetzt sie ihre Mitdienenben unb macht ihnen, wenn sie nicht mit ihr halten, bas Leben sauer. Unter anberen Untugenben hat sie noch bie, baß sie an ben Türen horcht." Dieses Zeugnis legte er ber Polizei vor mit bem Vermerk, daß diese Musterköchin ihr letztes Zeugnis zerrissen und dann bie Fetzen im ganzen Hause verstreut habe.

Trotz aller Arbeit blieb bem Dichter noch Zeit zu einem Ritt nach Bel» nebere, Tiefurt ober Ettersburg. Die Abende widmete er zurückgezogen seinen Studien; in den letzten beiden Lebensjahren kam er auch nicht mehr zu ben Abendgesellschaften zu denen die berühmtesten Gäste zählten sondern ließ bie Freunde sichda unten" in seinen Empfangs­räumen einander unterhalten bei einem guten Trunk. Noch wenige Jahre vor seinem Tode bestellte sich der Dreiundachtzigjährige aus der Weimarer Bibliothek ein lateinisches Werk über bie Farbenlehre. Wenn er tränt war, nahm bie ganze Stabt Anteil daran. So schrieb Betty Wessel­höft an Zelter, ben Direktor ber Berliner Singatabemie:Goethe ist sehr krank gewesen. Am Sonntag verbreitete sich hier bie Nachricht er sei um fünf Uhr nachmittags gestorben. Endlich kommt die Nachricht, daß er noch lebe, unb-bie Aerzte hoffen, bie Krise sei überftanben. Die ©lieber sinb schon kalt gewesen, mit einem Male hat bie kräftige Natur aber roieber bie Oberhanb gewonnen und sein erstes Verlangen war, daß Ulrike (Schwester von Goethes Schwiegertochter) ihm bas Haar kämmen unb in Ordnung bringen sollte. Dann verlangte er zu trinken, Wein ... Noch ein Lebenszeichen: er hat gefragt, ob sich nicht einige Personen nach ihm hätten erkundigen lassen, und die Zettel sehen wollen. Ueber die Ignoranz der Aerzte soll er verschiedentlich gewütet und Hofarzt Dr. Reh b ein sein bescheiden Teil abgekriegt haben." Wenn er nicht auf bem Posten schien ober eine schöne Arbeit vorhatte, mußten in einem Nebenzimmer unsichtbare Musiker ein Quartett ober anberesanfte Melobien" spielen, so auch an seinem letzten Geburtstag, ben er vor nun hunbert Jahren feierte burch eine stille, einsame Ueberschau über seinen weiten arbeitsvollen Weg unb sein weiträumiges, unvergeßliches Werk,