Ordnung bringen, ein Teil der Verantwortung liegt ja bei mir. Außerdem mochte ich den Alten mal kennenlernen, er muß ja ein Typ jein." „Wo kann ich diesen Herrn Rose sprechen, heute früh noch?" fragte er, als Isa schwieg.
„Was wollen Sie?" Isa sagte es erschreckt.
Er legte seine Hand auf ihre gefalteten Hände. ,Laben Sie Angst vor mir? Ich will alles wieder einrenken. Das wird das Beste fein. Wenn ich mit dem Vater rede, bringe ich bas schon fertig. Wo ist fein Bureau?"
Isa wußte es, nannte die Adresse. „Und Sie wollen zu ihm gehen? Wollen Sie für (Bertie bitten?"
Nun lachte er wirklich. „Ja, kleine Isa, das will ich." Er stand auf. Da stand auch sie auf, trat auf ihn zu, griff nach feiner Rechten. „Ach, ich bin Ihnen ja so dankbar, so dankbar." Und plötzlich beugte sie sich vor, ganz tief und, ehe er es hindern konnte, berührten ihre Lippen seine Hand. Dann lief sie schnell davon. Erst als sie aus dem Zimmer war, kam ihm dies letzte voll zum Bewußtsein. Langsam hob er seine Hand und betrachtete die Stelle, die sie geküßt hatte.
*
Vater Rose war sehr erstaunt, als ihm (ein Bureaudiener die Karte: „2r. Ulrich Büchner" brachte. Er las den Namen, schüttelte den Kopf.
„Kenn' ich nicht!" Und dann zum Diener: „3n welcher Angelegenheit?"
„Privat, sagte der Herr."
„Bettelei, Koschel?"
Koschel meldete seit fünf Jahren feinem Chef die Besuche an, er kannte sich aus. Jetzt winkte er mit der Hand ab. „Nee, Herr Rose, bestimmt nicht. Gut angezogen und sehr sicher."
„Reisender, Koschel?"
„Auch nicht, Herr Rose. Nur dünne Aktentasche. Also keine Muster. Sonst hätte ich ihn gleich Herrn Tilgers gemeldet. Wegen ’nem Reisenden inkommodier' ich doch Herrn Rose nicht selbst."
„Versicherung, Koschel?"
„Nee, nee, Herr Rose. Sie wissen doch, ich täusch' mir nur sehr selten.
Diesmal ist's was anderes. Diesmal ist's wirklich privat."
Rose sah auf das Zifferblatt der großen Schreibtifchuhr vor ihm: ,Mrrz nach neun privat, Koschel, das ist unwahrscheinlich."
Nun war Koschel fast beleidigt. ,Lch irr' mir nicht, Herr Rose", sagte er mit Nachdruck, ging an die Tür, öffnete sie, behielt die Klinke in der Hand. „3m Empfangszimmer I, Herr Rose."
Rofe las sich noch einmal den Namen auf der Karte durch: „Dr. Büchner", dann erhob er sich, etwas schwerfällig, etwas unwillig, denn vor ihm lag ein Bericht feiner Reinickendorfer Konservenfabrik über den Versuch mit Heringsfilets in Tomaten, Halbpfund- und Pfundbüchfen, ein Versuch, den er anbefohlen hatte und der ihm sehr wichtig war. Als er über den Korridor zum Empfangszimmer I ging, dachte er noch einmal: „Büchner?" Irgendwo hatte er den Namen in den letzten Tagen schon gehört.
Geschäftsmäßig kühl machte er seine Verbeugung gegen den Fremden beim Eintreten, murmelte vorstellend: „Rose", wies gewohnheitsgemäß ; auf einen Klubsessel: „Wollen Sie nicht Platz nehmen? Womit kann ich j Ihnen dienen? Wenn Sie sich gütigst möglichst kurz fassen wollen, ich bin sehr beschäftigt." Er setzte sich selbst. Auch Büchner hatte sich gesetzt. „Ich bin der Lehrer Ihrer Fräulein Tochter, Herr Rose, sie hat bei mir dramatischen ..."
Weiter kam er nicht. Vater Rose waren schlagartig alle Zusammenhänge mit dem Namen „Büchner" eingefallen. So ruhig er sich vor einem Augenblick hingesetzt hatte, so schnell stand er jetzt wieder auf: „Damit ist Schluß, verehrter Herr Doktor, da nützt kein Bitten. Endgültig Schluß. Ist Ihnen das Mädel noch Honorar schuldig, dann will ich es Ihnen bezahlen. Das ist aber das letzte." Er griff nach seiner Brusttasche. „Wieviel machts'?"
Büchner mußte lächeln. „Sie sind anscheinend noch nicht ganz im Bilde, Herr Rose. Sie wissen wohl noch nicht, daß Ihre Tochter fort ist."
Vater Rose trat einen Schritt vor. Er stützte sich mit den Händen auf den Tisch, der zwischen den beiden stand. Verständnislos sah er Büchner an. „Was ist sie? Fort? Wohin denn? Wie denn?"
„Ich muß Sie schon bitten, ruhig zu bleiben, Herr Rose. Ich verstehe Ihre Erregung vollkommen. Ich möchte Ihnen nur vornweg sagen: Sie brauchen sich in keiner Weile zu erregen oder zu ängstigen. Ich selbst habe durch einen reinen Zufall yeute früh von der Abreise Ihrer Tochter..."
Wieder fiel ihm Rose ins Wort: „Abreise? Abreise? Ja, zum Teufel, was heißt denn das?"
„Wollen Sie nicht erst einmal wieder Platz nehmen, Herr Rose. Ich glaube, es spricht sich besser im Sitzen. Ich kenne, wie ich besonders betonen möchte, auch erst feit heute früh, das heißt nach der erfolgten Abreise Ihrer Tochter, die Differenzen, die bezüglich des dramaturgischen Unterrichts und der Laufbahn Ihrer Tochter zwischen Ihnen und ihr bestanden haben."
Rose hatte sich gefetzt, jetzt fuhr er wieder hoch. „Ich will von diesem Unterricht nichts mehr wissen, das haben Sie doch gehört."
Ganz ruhig blieb Büchner. .Herr Rose, ich glaube, ich muß Sie erst einmal darüber aufklären, daß ich nicht als Bittender zu Ihnen komme. Sie scheinen auch noch nicht genau zu wissen, wer ich bin. Ich rede sonst sehr ungern von mir selbst: Ich bin der oberste Spielleiter des Hebbel-Theaters und der mit ihm vereinigten Bühnen und, wie ich glaube, ein nicht nur in Berlin, sondern im ganzen Reich, vielleicht darüber hinaus anerkannter Theatersachmann."
„Ich will nichts vom Theater wissen, mein Herr. Meine Tochter kommt nicht zur Bühne."
„Sehen Sie, Herr Rose, ich sagte Ihnen ja schon, daß ich diese Einwände Ihrerseits kenne. Ich wünschte, ich hätte sie früher gekannt, dann hätte sich diese Unterhaltung wahrscheinlich viel ruhiger und einfacher gestaltet. Jetzt aber müssen wir uns mit den gegebenen Tatsachen ab
finden. Ihre Tochter ist heute früh nach Weimar gefahren, Herr Rose, sie hat dort ein Engagement am Goethe-Theater angenommen."
„Das erlaube ich nicht."
Wieder hob Büchner beruhigend die Hand. „Was ich vollständig verstehe, Herr Rose. Trotzdem möchte ich mit Ihnen darüber reden. Wollen Sie mich bitte anhören. Ich möchte für Ihre Tochter bitten. Ich sagte Ihnen, daß ich Theaterfachmann bin, anerkannter Fachmann, und als solcher sage ich Ihnen: Ihre Tochter hat Talent und hat Zukunft."
Rose wollte aufbegehren, aber Büchner hielt ihn mit einer Bewegung zurück: er kannte von der Bühne her die Wirkung solcher Bewegungen auf das Publikum, und für ihn war Rose in diesem Augenblick Publikum, ein sehr leicht zu fassendes Publikum sogar. Er begann jetzt von (Bertie selbst zu sprechen, erst einmal, ohne auf ihr Theaterblut einzugehen, von ihrer guten äußeren Erscheinung, ihrem hübschen Gesicht, ihrer treuen Freundschaft zu Jfa Weiher, ihrem guten Charakter, ihrem frischen Wesen. Von all dem, was dem Vater schmeicheln mußte. Er fühlte bald, daß es schmeichelte und dadurch wirkte. Dann kam er auf ihr Begabung zu sprechen, erzählte von großen Theaterkarrieren, nannte Namen, von denen er annehmen mußte, daß selbst Rose sie kannte, er nannte Tagesgagen, vierstellige Zahlen; er wußte, er sprach mit einem Kaufmann, dem Zahlen imponierten. Wieder sprach er nun von (Berties Talent, erzählte, welchen Eindruck sie auf den Direktor des Goethe-Theaters — er nannte dessen Titel voll — gemacht hätte, daß dieser eine erstklassige junge Kraft für die Uraufführung eines neuen Stückes suche und glaube, diese Kraft eben in (Bertie gefunden zu haben. Hier machte Büchner eine kleine abschließende Pause. Die Wirkung blieb nicht aus.
„Sagen Sie, woher hat das Mädel das alles bloß?" warf Rose, jetzt schon fast ganz ruhig, ein.
„Das ist natürlich schwer zu sagen, Herr Rose. Talente sind meist ererbt."
Nun wurde Vater Rose wieder sehr unwillig. „In unserer Familie hat nie einer Komödie gespielt. Wir sind immer kleine, ehrliche Handelsleute gewesen."
Da hatte Büchner den Punkt, wo er erneut einhaken konnte. „Wissen Sie, Herr Rose, daß Sie da eben meinen Beruf beleidigt haben. Denn das Theater ist auch mein Beruf."
„Aber ich bitte Sie, ich wollte Sie in keiner Weise ... Sie müssen das nicht so persönlich nehmen."
„Ich glaub's Ihnen. Aber sehen Sie: Komödie spielen — Komödianten. Sie trumpfen da mit alten Voreingenommenheiten auf. Sie denken: leichtes Volk, Schminke, Liebelei, Verführungen. Seien wir doch ehrlich, Herr Rofe, wenn Sie Ihrer Tochter den Weg zur Bühne versperren, so tun Sie es, weil Sie die Schauspielerlaufbahn einmal nicht für standesgemäß halten, weil Sie zum andern für die Moral Ihrer Tochter fürchten. Schütteln Sie nicht den Kopf, es ist so. Aber es ist grundfalsch. Die Zeiten der Schmiere und all ihrer Nachteile, besonders ihrer moralischen Nachteile, sind vorüber. Der Schauspieler ist heute ein ernster Arbeiter, und seine Arbeit ist nicht leicht. Es gehört viel Können, viel Kraft, viel Mut und viel Liebe zur Sache dazu, um sich durchzuarbeiten und durchzusetzen. Wer aber das Können und die Kraft aufbringt, wer neben seinem Talent auch noch den Mut und die Liebe zu seinem Beruf hat, der wird vorwärtskommen. Und wird volle Befriedigung in feiner Arbeit finden. Heute steht der Schauspieler genau so im bürgerlichen Leben, Herr Rose, wie der Kaufmann. Er arbeitet und verdient. Arbeitet er gut, so verdient er auch gut. Aber Sie müssen sich nicht einbilden, daß seine Arbeit leicht ist. Sie ist so schwer, daß sie schon vor Leichtsinn schützt!"
Büchner hatte langsam und eindringlich gesprochen, wirklich aus seinem Herzen heraus. Und das fühlte auch der Mann ihm gegenüber; er war schon mehr als halb überwunden. Er saß eine ganze Weile still und sah Büchner groß an. Dann fragte er: „Und Sie meinen, ich soll mein Mädel ...? Sehen Sie, sie ist doch unsere einzige, wir haben sie doch lieb. Und nun sollen wir uns von ihr trennen, bloß weil sie Theater spielen will!"
„Sie sind ein Egoist, Herr Rose. Sie wollen Ihrer Tochter den Weg verbauen, weil Sie sich nicht von ihr trennen wollen. Ist das richtig?"
Jetzt wurde Rose ganz unsicher. „Gewiß. Aber ist das denn wirklich eine Zukunft? Das Mädel hat doch alles, kann doch alles haben."
.Lawohl, Herr Rofe, sie hat alles. Nur eins nicht: Arbeit. Und gerade weil sie ein tüchtiger Kerl ist, hat sie sich die gesucht. Weil sie ein selbständiger Mensch werden will. Weil sie nicht stolz auf Vaters Verdienste fein will, sondern auf ihre eigenen Verdienste. Blut von Ihrem Blut, Herr Rose, Sie werden noch Ihre Freude an dem Mädel haben. Aber lassen Sie sie nun bei ihrer Arbeit, halten Sie sie bei ihre? Arbeit fest."
Wieder saß Vater Rose eine Weile still. Dann sagte er: „Ausgerückt ist sie."
„Das schadet nichts. Das werden Sie ihr schon verzeihen."
Nun wäre Roses Stimme ganz frei. „Das hab' ich fchon. Arbeit, sagen Sie, Herr Doktor. Gut, ich will's glauben. Ich will's nicht nun glauben, ich glaub’s fchon. Wahrhaftig. Aber das sag' ich Ihnen: ich habe in meinem Leben auch arbeiten müssen, und geholfen hat mir 'keiner. Außer meiner Frau, früher. Allein hab' ich's schaffen müssen, ganz allein. Und deshalb ist es auch was geworden. Und allein soll es die (Bertie nun auch schaffen, allein wie ich. Keinen Pfennig bekommt sie vor mir. Vorläufig wenigstens nicht. Und wenn sie betteln kommt, ober wenn sie sagt: Vater, hilf mir, ich hab' Schulden, bann sage ich: Schluß, mein Kind. — Verstehen Sie mich?"
Büchner stand auf. „Ausgezeichnet, Herr Rose. So ist es sicher richtig. Und passen Sie auf. Das Mädel kommt nicht betteln. Es freut mich. Sie tennengelernt zu haben."
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: vr. Hanö Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'scheUniverfitätS^Duch. und Steindruckecei, 'N. Lange, Gießen.


