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während die hochdeutsche die jüngere ist. Dieser Umstand erleichtert noch heute dem Niederdeutschen, der seine alte Muttersprache beherrscht, ganz außerordentlich die Erlernung des Englischen, der niederländischen und der skandinavischen Sprachen.
Es gehört schon fast zu den „ollen Kamellen" das Erwähnen der Tatsache, daß diese niederdeutsche Sprache in ihrem früheren Zustande durchaus eine vornehme war, daß sich die sächsischen Könige und Kaiser ihrer bedienten, Herzöge wie Heinrich der Löwe und Hermann Billung, die Ratsherren und Admiräle der Hansestädte, kurz das gesamte Volk, hoch und niedrig, soweit die „Waterkant" reichte, von Dünkirchen bis Danzig, und darüber hinaus in Ostpreußen, ja in den Städten des Baltikums, in Riga und Reval. Gesetzbücher wurden in ihr geschrieben, die Staatsmänner verhandelten in ihr, auch die nordischen Könige, wenn sie mit den „Königlichen Kaufleuten" der Hanse zu tun hatten, und es gab kein Ding und keinen Gedanken, keine Bedingung und keine Formulierung, der die Sprache etwa nicht gewachsen war — noch vor vierhundert, dreihundert Jahren.
Von dieser stolzen Höhe ist ste herabgesunken, und mit der vielgestaltigen Ausdrucksfähigkeit und umfassenden Geltung ist es längst vorbei. Wir wissen, wie es allmählich so gekommen ist. In der Gefolgschaft von Luthers Lehre drang die „sächsische Kanzleisprache", das Hochdeutsche, in die niederdeutschen Lande ein, im eigentlichen Niedersachsen, Hannover und Braunschweig, in Schleswig-Holstein, in Mecklenburg, Pommern und Ostpreußen wurde es die Kirchen- und Schulsprache. Die Landesherren begannen sich des Hochdeutschen zu bedienen, die Herzöge in Schleswig- Holstein und Ostpreußen, und einer der eifrigsten Vorkämpfer der lutherischen Sprache war König Christian IV. von Dänemark, zugleich der Herr des niedersächsischen Kreises, sogar in der Festung Kristianstad, die auf sein Geheiß an den Grenzen seines Reiches, im heutigen Südschweden entstand, gab er den Straßen hochdeutsche Namen.
Der niederländische Freiheitskrieg spaltete das damalige Niederdeutschland in zwei Teile; der Westen schuf sich eine eigene Schriftsprache, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein allgemein „Nederduitsch" genannt wurde und heute „niederländisch" heißt; der Osten aber bekam allmählich eine hochdeutsche Oberschicht. Wer von Staatsmännern, Geistlichen und Gelehrten nicht das Lateinische vorzog, der wandte sich dem Hochdeutschen zu. Die Zeit Lessings und Klopstocks, Schillers und Goethes vervollkommnete diese Sprache, so daß man in ihr alle Gedanken ausdrücken konnte, während das Niederdeutsche die Geschmeidig
es verarmt sogar der Reichtum an
feit verlor, verwickelte Gedankengänge wiederzugeben.
Dieser Verlust der Geschmeidigkeit hat eine gute Seite: die plattdeutschen Wörter für die Dinge des Alltags, in Haus und Hof, in der Lust und zur See, sind nicht so wie die hochdeutschen durch abstrakte Nebenbedeutungen entstellt; sie zaubern uns eine größere Greifbarkeit, Sinnlichkeit und Anschaulichkeit vor die Seele. Es strömt ein anderer Erdgeruch; eine stärkere Seeluft aus ihnen. Ihre Bilder find ursprünglicher; sie sprechen mit unverfälschter, ungeschwächter Kraft zu unserem Herzen, stärker als die hochdeutschen, die nur allzu oft gebraucht, abgegriffen und
entseelt sind.
Dieser Vorzug der größeren Anschaulichkeit kam einem Klaus Groth, einem Brinckmann und Reuter zugute. Sie sind es, die auf einem begrenzten Gebiet dem Plattdeutschen zu neuer Geltung verhalfen haben. Die Gefühle des einfachen Menschen, feine Lust und Liebe, fein Schmerz und fein Leid und vor allem das weite, durch erklärende Worte nicht abzugrenzende Gebiet des niederdeutschen Humors hat seither in vielen plattdeutschen Dichtern die mannigfaltigsten Dolmetscher gefunden.
Aber Neuland zu erobern, wagten diese Gestalter der plattdeutschen Sprache nicht. Industrie und Technik arbeiten nur mit hochdeutschem Wortschatz, auch auf niederdeutscher Erde; kommt eine neue Erfindung, eine neue Maschine, eine neue soziale Einrichtung ins plattdeutsche Land — nur selten findet der Volksmund ein eigenes Wort dafür: die hochdeutsche Bezeichnung, durch Schule, Zeitung und Behörden gebraucht, setzt sich durch. Und Hand in Hand damit werden selbst die Wörter des Alltagsleben, die bodenständigen niederdeutschen, durch die eingedrungenen hochdeutschen ersetzt. Ja, es verarmt sogar der Reichtum an schönen eigenartigen Worten, die das Plattdeutsche für die Geschöpfe der heimischen Tier- und Pflanzenwelt besitzt. Wo sagt man noch „Boitervagel", „Bottersleege" oder „Fleerling" für „Schmetterling , „Sünnbrang" für „Blindschleiche", „Snaten" für „Ringelnatter , „Lunk für „Sperling"? Hört man nicht vielerorts schon die unschönen Nachbildungen „Smadderling", „Ringelnadder" und „Sparling ?
Die Gegenbewegung, die gegen diese Entartung eingesetzt hat, geht von einer ziemlich schmalen Grundlage aus. Wesentlich ist allerdings daran, daß sich die Oberschicht der niederdeutschen Bevölkerung daran beteiligt. Was sie vormacht, wird von den anderen nachgemacht.
Die Kriegszeit hat das Volkstum wachgerüttelt und damit auch seine wesentlichste Aeußerung, die Sprache, belebt. Wir wissen, wie seitdem das niederdeutsche Schrifttum und die niederdeutsche Bühne zu neuem Gedeihen gekommen ist. In einer großen Zahl niederdeutscher Stabte, in Hamburg Flensburg, Kiel, Lübeck, Olbenburg, Bremen, Braunschweig, auch in kleineren Orten haben sich Liebhabertruppen gebttbet von benen die Hamburger, Dlbenburger unb Flensburger es zu beachtlichen kunst- ein eigenartiges Bilb: während in den breiten Massen bas Plattbeuisch zurückgeht — sowohl bie Zahl berer, bie es sprechen, nimmt ab, wie auch die Reinheit und Urwüchsigkeit ber Sprache; es ist in vielen Stabten n noch ein trauriges Gemengsel von Hoch unb Platt — erfahrt bas N eberdeutsche im engeren (unb vielleicht ausschlaggebenben) Kreise volksbe^ wußter Kämpfer eifrige Förderung. Wir nennen außer den Buhnen auch die Lehrstühle verschiedener Universitäten. Und diese Ansätze berechtigen wohl zu allgemeinen Hosfnungen. Denn daraus darf man kein Hehl machen, daß die niederdeutschen Bestrebungen zur Erhaltung der eigenen Muttersprache dem Gesamtdeutschtum bienen;. d,e Sprache ist die wer!-
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spräche dem Gesamtdeutschtum dienen; die Sprache st die wertvollste Aeußerung ber Seele, und ihr Verfall zieh den Verfall des Jolts- tums nach sich. Das Niederdeutschtum aber ist em wesentlicher Teil des deutschen Volkstums.
Zwei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zobeltttz.
Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Als sie oben in den Dorflur trat, stand Büchner vor ihr. Er hatte einen seidenen Schlafrock übergezogen, das Haar war verwirrt. Erstaunt sah er sie an. „Ach Sie, gnädiges Fräulein, Sie? Verzeihen Sie. Ich hatte Geräusche gehört, die ich mir nicht erklären konnte. Ich dachte vielleicht Einbrecher. Man kann ja nie wissen ..."
Seine Worte kamen stockend. Er konnte hier keine Zusammenhänge finden. Isa Weiher verließ im Morgengrauen die Wohnung, um gleich wieder zurückzukehren? Isa Weiher? Was hieß das, was bedeutete das? Gedanken tarnen, unmögliche Gedanken, die er zurückstieß mit aller Gewalt.
Isa hatte die Tür hinter sich zugezogen. Es war fast völlig dunkel in dem fenfterlofen Raum, nur durch die halboffene Tür zu Büchners Zimmer drang etwas Licht. Drinnen hatte er feine Bettlampe angezündet.
Sehr blaß war Isa. Sie schwankte. Mit ganz großen Augen sah sie Büchner an, sie las Fragen in seinem Gesicht. Sie schämte sich.
Er wandte sich ab. „Verzeihen Sic", sagte er noch einmal und schritt seiner Tür zu.
Da richtete sich Isa auf. „Bleiben Sie — bitte, bleiben Sie." Sie hauchte bie Worte nur, sie konnte nicht laut reben. „Ich muh Ihnen bies erklären."
Er schüttelte den Kopf. „Sie sind mir keine Rechenschaft schulbig."
„Doch." Sie stieß es hervor. „Doch, gerabe Ihnen. Ich habe Gertie fortgebracht. Sie ist unterwegs nach Weimar. In ihrem Auto. Heimlich. Ich weiß, es ist nicht recht so." Sie war währenb ber Worte langsam zurückgetreten, Halt suchenb. Bis sie bie Wanb hinter sich fühlte, sich anlehnen konnte. Jetzt füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie senkte den Kopf, als ob sie ein Urteil erwartete.
Er konnte bie Zusammenhänge nicht gleich erfassen. Er sah ba nur bas junge Mäbel, blaß, schwanken!), meinenb. Dieses hübsche, junge Ding, talentiert, begabt. Er hatte ihr ben Weg zur Bühne gezeigt, ihr unb jener Freunbin, von ber sie jetzt sprach. Mit irgendeinem Schmerz, in irgendeiner Zerfahrenheit, die er noch nicht durchschaute, nicht durchschauen konnte. Mitleid war in ihm. Er fürchtete, Isa würde gleich zusammenbrechen.
Er trat auf sie zu, griff nach ihrem Arm, um sie zu stützen. Sie schreckte zusammen, zitterte. Er fühlte es. Sie hielt noch immer ben Kopf gesenkt, ihr Atem ging jetzt schnell. Auf sie herab sah er, auf bies blonde, weiche Haar. Was sollte er tun? Er wußte es wirklich nicht, er kam sich selbst hilflos vor. Was war das für eine Situation? Er im Schlafrock, nur Morgenschuhe über den nackten Füßen, ungebürftetes Haar. Es war ja eigentlich lächerlich. Aber ihm war gar nicht lächerlich zumute. Es mußte doch nun etwas geschehen, sie konnten doch nicht ewig hier so stehen. So fragte er: „Kann ich Ihnen helfen?" Sie schüttelte nur den Kopf.
Da raffte er sich zusammen. „Unsinn! Natürlich kann ich Ihnen helfen. Ich sehe doch, daß hier etwas nicht in Ordnung ist. Außerdem können Sie sich ja kaum noch aufrecht halten. Kommen Sie." Fester faßte er sie, schob sie neben sich her ber Salontür zu. Willig ließ sie sich führen.
Ihr würbe plötzlich leichter, sicherer fühlte sie sich, geborgen. Nur ihre Knie waren so schwach. Sie hatte ben Wunsch, sich jetzt an ihn zu lehnen, ganz fest an ihn zu lehnen. Sie hob den Kopf, sah zu ihm auf, mit großen Augen, wie gläubig. Im Salon war es schon taghell. Der Morgen war heraufgekommen. Immer noch stützte er sie, leitete sie zu ber Ecke, in ber eine Gruppe großer, hochlehniger, alter Stühle stanb, Weiherscher Erdbesitz. Einen Augenblick freute er sich roieber an ber Schönheit bieser Möbel, wie er sich schon oft an ihnen gefreut hatte. Das gab ihm seine Lebensficherheit zurück, Alltagssicherheit. Dazu bas Tageslicht, bie Helligkeit.
„Setzen Sie sich, Isa", sagte er.
Sie glitt in einen Stuhl, lehnte sich zurück, ben Kopf am hohen Polster, bie Hänbe auf den geschnitzten Armstützen. Sie schloß bie Augen. Es tat so gut, zu sitzen, zu ruhen.
„Also nun erzählen Sie. Was ist mit Ihnen? Was ist mit Fräulein Stofe?" Auch er hatte sich einen Stuhl herangezogen, bicht zu ihr. Er sah sie an: es war ein Bilb, bas blasse Mäbchen in bem alten Sessel, ber blonbe Kops auf bem buntlen Brokat, bie schmalen Schultern, bie schlanken, matten Arme, bie feingliebrigen Hände auf bem tiefgebeizten Holz. Nervös krampften sich bie Finger. Wahrhastig, es war ein Bilb — unb bas Möbel war schön.
Sie sprach nicht, sie lauschte. Hatte er nicht eben „Isa" zu ihr gesagt? Sie fühlte noch ben Druck seiner Hanb auf ihrem Arm. Ob er noch einmal „Isa" sagen würbe?
Da würbe er ungebulbig: „Also, was gab’s, gnädiges Fräulein?"
Sie nahm mit einer jähen Bewegung die Hände von dem Schnitzwerk unb faltete sie vor ben Knien, lehnte sich vor, stützte bie Unterarme auf. „Gut", begann sie, „ich will Ihnen berichten ..." Sie (grübelte alles heraus: daß Gertie ben Unterricht ohne Erlaubnis ber Eltern genommen, daß biete alles entdeckt unb alles verboten hätten, wie sie Gertie gekränkt hätten, unb baß Gertie nun eben geflohen fei.
Leben tarn in sie, währenb sie sprach. Blut kam in ihr Gesicht, Bewegung in ihren Körper. Er mußte lächeln: „Wie sie erzählt — sie versteht es, man sieht ja alles vor sich — sie hat schon Talent, schauspielerisches Talent." Unb bann weiter: „Aber was sinb das noch für Kinder!" Und endlich: „Da habe ich ja was Nettes angerichtet, wie werden sich bie Eltern, die braven Leutchen, ängstigen, bie bas Theater noch immer für einen Sünbenpfuhl halten; aber eigentlich famos, wie schneibig bie Kleine ihr Schicksal in bie Hanb genommen, wenn es so auch sicher eine Dummheit war. Unb nun muß ich bie Sache wohl in


