vor den Mückenwolken ge-
Handelsherrn in die Berge Zelte von Anders Hua zu
des Eismeeres, wo gute Weideplätze liegen strichenen Höhenkämme der Herde Schutz währen.
Wir waren mit einer Empfehlung vom
In einer Stunde sollten wir den anderen folgen, die in die Berge nach der Herde gegangen waren. Sie waren schon vor vier Stunden aufgebrochen und mehr als sechs Stunden war es nicht bis zur Herde, meinte Anders. Und ob wir wohl helfen könnten. Biel laufen müsse man, schreien und mit den Armen um sich schlagen. Eine lärmende Kette, so müsse man die Herde von den Bergen hinab in die Hürde treiben. Ich erklärte uns den Anforderungen gewachsen.
Der Tag war heiß, die Luft zitterte über Gräsern und Moosen des Hanges, der hellgrün anstieg. Birken leuchteten zart. Schneezinnen ragten vom User des Festlandes, von den harten Konturen der steilen Insel- felsen geschnitten. Da war schon die Hürde, ein Gatter in Dreieckform. Bom Eingang lief ein langer Zaun quer über den Hang. Er sollte die Flucht der niederstürzenden Herde aufsangen und in das Gatter leiten. Weiter stiegen wir mit der Sonne, die Birken blieben zurück, die Blumen, das Summen der Insekten. Der Wind strich kühlend über die Steinbuckel, in den Mulden stand hartes Gras und Renmoos, hier und da lag Schnee. Anders Hua spähte nach einer Schlucht im steilen Felsensattel: die Herde. Ich sah sie nicht. Die Schutzfarbe ihres Felles tarnte die Tiere in dem sonnigen Gestein. Aber ein seltsames Grunzen wie von aufgeregten Schweinen erscholl, bald wieder wie Blöken, wie ein Massendisput zwischen einer Abordnung von Ebern und Widdern. Das ist die
Oie Lärche.
Don Werner Bock.
Unter dunklen Tannen, du Lichte, Klagst du sehnsuchtverzehrt, Daß der bannenden Erde Dichte Deine Wurzeln beschwert.
Wolken greifst du und Winde, Niemals hältst du sie fest.
Aus der blutenden Rinde Strömt dein Schmerz ins Geäst.
Manchmal durchbebt dich ein Ahnen, Dann ist dein Stamm nur noch Baum. Doch deine zitternden Fahnen Schweben schon weit in den Raum.
gestiegen, vierzig Kilometer weit, um die _ ,
finden. Wir hatten das alte Ehepaar Hua und das junge Ehepaar Biti im Zelte nebenan begrüßt, im alten Zelt Kasfee getrunken und Rentier- fchinken gegessen, im jungen Zelt uns auf Fellen zur Ruh gelegt.
Als wir am nächsten Morgen erwachten, war unser Zelt schon leer. Die beiden Alten erwarteten uns im anderen Zelt mit Kaffee und Brot.
in Meilen rechnet.
So waren auch wir, zwei Großstadtflüchtlinge, durch dieses Land der Siebenmeilenstiefel kund der Kanus mit Außenbordmotor!) gereist, durch Sameaednam, das Land der Nomaden. Wir hatten Karasjok gesehen — die Goldwäscher bei Sargiok — aber den Inbegriff, das Symbol, die Nahrung des Landes — das Ren, das hatten wir nicht gesehen. Als käme jemand in die Schweiz, getrieben von der glühenden Sehnsucht, eine Kuh zu sehen. Gletscher sieht er, Engländer, Kellner, Lokomotiven, Liftboys und Alpenglühen — aber keine Schweizerkuh. So ging es uns mit den Renntieren. Sie schienen verschwunden. Und das waren sie auch. Die Renntiere haben nämlich eine großstädtische Angewohnheit — sie reifen im Sommer an die See. Und mit ihnen der Lappe. Herden von ein-, zweitausend Tieren weiden von Inner-Finnmarken bis an die Küste und die vom Seewind be-
Hirtentag am Eismeer.
Von Per Schwenzen.
Der besondere und für Europa ganz einmalige Reiz Finnmarkens liegt in der Einsamkeit des Landes. In dieser norwegischen Provinz, die an Ausdehnung das gesamte dänische Jnselreich um zehntausend Quadratkilometer übertrifft — leben nicht einmal vierzigtausend Menschen. Zwei Drittel fast dieser Bevölkerungs„menge" entfällt auf die wenigen Küstenstädte, von denen außer Hammerfest eigentlich nur Henningsvaag und Kirkenaes zu nennen find. Der Sommer, der in heißen Tagen und sonnerfüllten Nächten, der Herbst, der bei mittlerer Temperatur, fahlen, ost kalten Nächten diese Hochebenen und Berge mit heller Birkenwolle kleidet, mit Vogelstimmen und Wasserrauschen erfüllt, der wunderliche Polarzirkelsommer wandelt dies Land des langen Winters in ein kurzes, träumerisches Paradies.
Unwirklich muten den Zivilisationsentronnenen schon die rein äußeren Verhältnisse an, die hier das tägliche Leben bestimmen, Zeitwertung, Entfernung und dergleichen fundamentale Dinge, die für uns doch einen festen Maßstab in sich tragen. So kommt der zuverlässige und höfliche Mann in Europa nur selten zwei bis drei Stunden zu spät. In Finnmarken kann man das nicht ohne weiteres annehmen und verlangen. Wenn der Pfarrer von Karasjok einer wichtigen Besprechung mit seinem Amtsbruder in Koutokeino zusammentreffen will — kann er wissen, ob nicht Nebel oder Sturm ist, Regen? Dann kann man eben nicht so schnell gehen. Denn gehen muß man unter allen Umständen. Einige Tüchtige haben auch die Fahrt mit dem Kanu gemacht, aber da muß man das Kanu wieder Kilometer lang über Land tragen, so geht man schon besser. Und Faltboot? Das gibt es hier noch nicht, wäre für einen einzelnen Mann auch gar nicht jo einfach, da man ja allen Proviant mit sich schleppen muß, denn wenn man am Tag ein Zelt oder Haus trifft, so ist man schon hoch gesegnet ... So ist dieses Land, und es ist gut so. Ueberall Telephon — überall wird man erwartet — in dieser Einsamkeit herrscht eine seltene Präzision des Verkehrs — wenn man also nicht in Stunden und Minuten, sondern eben in Tagvierteln, nicht in Kilometern, sondern
Stimme des Rens. Und aus einet hellen Wolke Steinstaub stechen jetzt die Geweihe, bricht die Flucht der Herde, die wie ein lebender Wirbel, sich drängend, kreiselnd, den Steilhang hinabschiebt. Jetzt hört man das rasende Bellen der Hunde, die um den Strudel kreisen, das Schreien der Treiber. Die Herde versucht immer wieder Höhe zu gewinnen. An der Peripherie des Knäuels fliegen Renböcke mit prächtigem Geweih, hellere Kühe und zierliche Kälber wie Tierfiguren eines Karussells vorüber, lang, sam, scharrend, knackend, stampfend und grunzend schiebt sich das ganz« uns entgegen. Auf einmal öffnet sich der Knäuel, eine Gruppe setzt in wilden Sprüngen auf uns zu, sie sucht gipfelan durchzubrechen. Hei! Ho! Ai!! Ai!I Wir brüllen, stolpern, schwenken Stöcke, Hunde jagen heran, quer an uns vorbei mit rasendem Gekläsf entsprungenen Tieren nach. Ein Rudel rennt mich jaft an, stellt und setzt in panischem Schrecken zurück, der Durchbruchsversuch ist abgeschlagen. Wir rennen im Schweiße unseres Angesichts, die Hunde patrouillieren mit hängender Zunge von Flügel zu Flügel — acht Menschen und ebensoviel Hunde drängen tausend Rentiere durch die Weite dieses offenen Terrains auf die Hürde zu.
Jetzt find die Tiere ganz zusammengepfercht, die Hunde kreisen in regelmäßigen Abständen wie eine lebende Kette um die Herde. Anders Hua geht heran und wirft den Lasso — zieht den Leitbock heraus, eine große Glocke klappert an feinem Hals, er sperrt sich und bockt, aber Anders beruhigt ihn rasch. Nun ist die größte Gefahr vorüber, denn die Kühe folgen jetzt mit zu Tal. Nur die verdammten jährigen Kälber, die noch keine Ahnung von Tradition und Ordnung haben, rennen immer wieder vom Haufen. Und bann gibt es für die Mütter kein Halten mehr, dem Kinde nach: Kurz vor der Hürde brechen einige Kälber durch, es geht wie eine plötzliche Revolte durch die Herde, Kühe, Böcke, alles gehörtet sich wieder wie rasend, und ehe Mensch und Hund es hindern können, ist die Kette durchbrochen, drei-, vierhundert Tiere kommen durch, sammeln sich und ziehen rasch wie ein Wolkenschatten zum Grat hinauf.
Das Gros drängt sich grunzend ins Gatter und kreist, in eine gelbe Staubwolke gehüllt, um sich selbst. Anders Hua und feine Leute find mitten im Strudel. Unablässig fliegt das Laffo und trifft immer das Ziel Nur die gute alte Frau Hua blamiert die Sippe. Aufgeregt ftolpert die Greisin im Flock herum und wirft unter großem Aufwand sichere Nieten. Endlich resigniert sie und kauert bei den anderen Weibern am Lagerfeuer und widmet sich der Zeremonie des Kaffeekochens. — Anders Hua und seine Leute haben viel zu tun. Es ist das erstemal in diesem Sommer, daß sie das „Ren niederholten". Da werden vor allem die Jährlinge gezeichnet. Das Kalb wird zu Boden geworfen, rittlings über ihm kniend schneidet man ihm das Herdenzeichen, ein Dreieck aus dem linken Ohr aus. Stumm und tödlich erschrocken liegt das Kalb, springt ans, schüttelt den Kopf, zwei Blutstropfen spritzen, und schon rennt es wieder im Mahlstrom der kreisenden Tiere.
Strahlend zeigt Anders Hua mir seinen Reichtum, zeigt auf die vor- überhastenden Geweihe: Godde! Boaze! Miesse! Beärge! Rodno! Er benennt mir die Tiere nach ihren Ordnungen, denn der Lappe hat ein völlig neues Wort für die feinsten Unterscheidungen, für Alter und Geschlecht, ob zahm ober roilb, ob die Kuh gekalbt hat, ob zu früh ober zu spat. Gestalt unb Farbe, Fell unb Geweih — aus allen biefen Unterschieblich- teiten ergeben sich über ein halbhunbert Benennungen, bie jebes ein felbftänbiges Wort darstellen, etwa im Sinne van „Rappe" und „Schimmel". Und nun muh man eben alle diese Boazos und Beärges desühlen und beschauen, muß die Simles melken, wobei sie störrisch gespreizt dastehen. Eine einzige Tasse Milch gibt die Renkuh und damit ihre Abgeneigtheit gegen jede organisierte Milchwirtschaft zu erkennen. Aber man zapft sie ihr ab! Die Schwiegertochter rennt mit dem Holznaps voll Milch, Haaren und Staub hinter ihrem Mann her, der mit dem Lasso ein paar Liter Milch einfängt. Durch ein Tuch geseiht wird der gute, fette Rentierrahm gleich zum Kaffee serviert.
Nach kurzer Pause geht die Arbeit weiter. Die Lassos fliegen bis in die Nacht, Ohren werden geschnippelt, Kühe gemolken. Endlich ist bas Tagewerk vollbracht. Einen traurigen Blick schickt Anders Hua zum Grat hinauf, hinter dem die ungeschnippelten und ungemolkenen Ausreißer äsen. Das gibt einen neuen Großkampftag! Für heute aber ist Schluß. Das Gatter wird geöffnet, die Herde zieht gipfelroärts in die Freiheit, die Menschen talwärts in die Zelte.
plattdeutsch.
Von Franz Fromme.
Es gibt noch immer viele Leute (vielleicht sogar sehr viele), die sagen, Plattdeutsch sei „ein Dialekt". Sogar unter den Gebildeten kann man manchen treffen, der einem erzählt, er habe den bayerischen Jodler nicht verstanden, weil er „plattdeutsch" gesungen. Es ist daher noch immer nötig, wenn man diesen Ausdruck gebraucht, zu wiederholen, daß Plattdeutsch eine Sprache für sich ist, bie Sprache bes platten brutschen Landes, mit anberen Worten: Nieberbeutschlanbs, wenn auch bie Bezeichnung „platt" vielleicht in biefer Zusammensetzung von anberswoher gekommen ist unb aus einer Zeit stammt, wo platt gleichbebeutend war mit dem holländischen „rond uit", deutsch etwa „geradezu".
Es gibt auch noch immer viele Leute (zumeist dieselben, von denen wir oben sprachen), die meinen, das Plattdeutsche sei dadurch entstanden, daß ungebildete Menschen das Hochdeutsche nachlässig ausgesprochen, Silben verschluckt unb so bie Sprache vergröbert unb verunstaltet hätten. ' Es wirb beinahe lästig, baß man bemgegenüber stets wiederholen mutz, daß diese „platt"- oder niederdeutsche Sprache keineswegs aus dem Hochdeutschen entstanden, sondern daß eher das Umgekehrte der Fall ist: Von dem Stamm der übrigens germanischen Sprachen hat sich das Hochdeutsche vor mehr als einem Jahrtausend durch bie sog. zweite Lautverschiebung abgesonbert, unb währenb man in Norbbeutschlanb, ben Niederlanden unb Skanbinavien beim alten Klange blieb, erweichten sich w Mittel- unb Oderbeuischlanb gewisse Laute zu neuen Klängen: Aus „Schiep" würbe „Schiff", aus „up" wurde „auf", aus „osf" wurde „auch" ufw. Von ben beiden deutschen Sprachen ist also die nieberdeuyche bie ältere Schwester, bie ben übrigen germanischen Jbiomen näher stehy


