Jahrgang 1931

Hreitag, den 27. November

Nummer 93

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Meinem Kinde.

Von Gustav Falke.

Du schläfst, und sachte neig ich mich lieber dein Veilchen und segne dich. Jeder behutsame Atemzug Ist ein schweifender Himmelsflug, Ist ein Suchen weit umher. Ob nicht doch ein Sternlein wär, Wo aus eitel Glanz und Licht Liebe sich ein Glückskraut bricht, Das sie geflügelt herniederträgt Und dir aufs weiße Deckchen legt.

selbst einmal so eine Art von Lausbub gewesen) fand das Heftchen, scheinbar unauffällig, spitz zur hinteren Längswand des Schubkastens gewinkelt und die rechte obere Ecke des Büchleins mit Bleistift ganz leise gegen das gelbe Auslegepapier markiert. Natürlich! Dieser Lausebengel wollte mich kontrollieren, wollte prüfen, ob große Leute ihre freiwilligen Versprechen halten.....So ein Mistkerl!" dachte ich. Sagte aber bei-

leibe nichts; denn er hatte ja eigentlich recht. Erkundigte mich nur bei« läufig, ob in dem Büchel denn schon was drin stünde; und Heinzelmann nickte verdächtig pathetisch.

Das ging so eine Weile hin, bis mir die Sache zu dumm wurde und ich den Heinzelmann kurzerhand bat, mir doch einmal eine kleine Stich, probe zu gestatten so ein bis zwei Seiten, die zu wählen und vor- zuzeigen ich ihm selbstverständlich gern überlassen wolle.Tja" meinte Heinzelmann sehr gedehnt,eigentlich verdienst du's ja, daß ich dir was zeige, weil du bis jetzt noch nie reingeguckt hast, aber" und damit war der Satz zu Ende.Ja, aber woher weißt du das so genau, daß ich nicht hineingeschaut hab'", wagte ich einzuwenden. Doch Heinzelmann wurde keineswegs aus der Haltung gebracht. Er lächelte sein kleines Geheimnis so allerliebst vor sich hin, daß ich den kürzeren zog ...

Als Heinzelmann schlief, öffnete ich den ominösen Schubkasten zum zweiten Male und blätterte ganz vorsichtig und jeden Moment ge- markig, von Heinzelmanns Unterbewußtsein geklappt zu werden, eine Heflseite nach der anderen um, ohne das Büchlein dabei zu verschieben. Und was sah ich? Nichts! Gar nichts! Blank waren die Seiten, wie Adams Gewissen am ersten Schöpfungstage!

Am anderen Morgen rief ich den Heinzelmann zu mir, gerade als er mit seinem Flitzbogen in den Hühnerhof ziehen wollte. Ich schlug einen gedampften zärtlichen Ton an:Heinzelmännchen! Wirst du mir vor der Heimreise dein Büchel zeigen? Ich denke, es werden nimmer gar so schlimme Sachen hereinkommen wie in der vorigen Woche!"

Da kriegte Heinzelmann Mut.

In der Nacht vor seiner Heimreise es war zunehmender Mond, und das Einschlafen wurde mir schwer hörte ich ... oder täuschte ich mich? Nein, es war wirklich ... denn es erschien ein kleiner Hemden- zipfel, der sich zaghaft immer weiter ins Zimmer schob; ich sah's im Spiegel! Bisweilen blieb er horchend stehen; erst, als ich hörbar atmete, huschte eine kleine Gestalt ganz dicht an mein Bett, ein Aermchen langte in weitem Vogen über mich hin, streifte für eine atemlose Sekunde um Haaresbreite meine Stirn und ließ, dicht neben mir auf dem Kopfkissen, einen kleinen, schmalen, rechtwinkligen Gegenstand zurück. Dann hörte ich schon die nackten Füßchen, weil sie eilig zur Tür strebten und jenseits erleichtert weiterpatschten ...

Ms die letzten Schritte verklungen waren, machte ich Licht. Herz­klopfend, als müßte ich selber beichten, ergriff ich das Büchlein und las:

Eim Arbeiter ne Murmel durch die Beine gekullert und dann weggelaufen.

Auf ein Spatz, der aber schon tot war, extra raufgetreten.

Ausm Oertchenfenster ein Mann auf die Mütze gespuckt, der aber nix gemerkt hat.

In ein silbernen Becher zwei Aprikosenkerne versteckt, weil ich die Firsiche doch nicht ab pflücken darf.

Auf eine Eidexe ein Backstein geschmissen und dann weggelaufen.

Abend, wie ich schon gebetet hatte, in der Nase gebohrt.

Abend vor Einschlafen alle häßlichen Wörter gezählt. Es waren aber nur 29, weil ich die andern schon wieder vergessen hab.

Zum Dachdecker, der grab auf der Leiter war, raufgerufen:

Paule Paule Poll hast die Hosen voll!

Da hat er was nach mir geschmissen, hat aber nich getroffen.

Wie der Truthahn gerade Rad schlug, ihm eines mitn Flitzbogen hinten aufgebrannt."

Am Morgen, ganz früh, schlich ich nun meinerseits in Heinzelmanns Zimmer, setzte mich behutsam auf den Bettrand und strich leise über das feine, sprühende Haar. Heinzelmann blinzelte. Reckte sich, richtete sich hoch und schlang, als ihm langsam die Erinnerung kam, beide Arme noch halb verschlafen um meinen Hals:Bist du ganz wirklich nicht böse?"Heinzelmann", sagte ich.nun geh heim und werde ein ganzer Kerl und lern mir vor allem tüchtig arbeiten und nie feige sein. Wenn du groß bist, wird dir der liebe Gott auch deine vielen, vielen Wünsche erfüllen."

Auch die bösen?"Es gibt keine bösen, mein Kind!"

An diesem Tage ist dem Heinzelmann ein Stern aufgegangen.

Den hat er mitgenommen in seine Heimat.

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Das Gimdenbirchleirr.

Von Gerda von Below.

Mein kleiner Schutzbefohlener ein Ferienkind war siebenjährig linb hörte, wenn Überhaupt, auf den NamenHeinz". Weil er so fein« knochig und beweglich war, nannte ich ihnHeinzelmann". Ueberdies ein iharmanter Lausbub!

Da ich bei den Herren der Schöpfung in dieser Ausgabe auf ein« Ivandfreies Betragen schon lange keinen Wert mehr lege man ist ja mittlerweile so etwas wie eineerfahrene Frau" geworden schloß mich her Heinzelmann rasch in sein Herz und versprach mir sogar, mich nicht lnzuflunkern. Dieses Versprechen gab er mir freiwillig. Er merkte sehr vohl, daß mein nachsichtiges Schweigen einen für das feine Gewissen nicht sehr behaglichen Hintergrund hatte; und das peinliche Gefühl, ebenso Ichors beobachtet wie nachsichtig übersetzen zu werden, verpflichtete ihn guasi, mir gegenüber den Gentleman herauszukehren.

Allein wie das so geht mit Versprechen, die man freiwillig gibt: |te werden nicht länger gehalten, als alle anderen.

Das war sogar eine schlimme Geschichte.

Mein Lausbub hatte einem der Goldfische heimlich des Nachts eine Flosse abgezogen.

Am anderen Morgen kam er zu mir gelaufen, sehr erregt, und be­lichtete von einemKriegsgreuel" aus der Fischwelt, das ich sofort in Augenschein nehmen mußte.

An der außergewöhnlich prüfenden Art, mit der ich dabei von der Seite, angeschielt wurde, merkte ich gleich, daß etwas faul war an der Geschichte.Hast du gesehen, wie das vor sich ging?" fragte ich scharf. Auf liefe Frage war Heinzelmann nicht ganz vorbereitet.Ja eigentlich das heißt... nein, gesehen hab ich's nicht; es war ja noch ein bißchen iuntel, und ich lag noch im Bett, aber ich horte so ein Eeplumpse und ein Gekluckse, weißt du, so ein komisches Geschiebe am Glas hin und her - und da dachte ich, du mußt doch mal nachsehn, was da los ist na, inb da sah ich die Bescherung!"So hm! weißt du auch, daß lische so etwas nur aus Hunger tun, wenn überhaupt? Da hast du io ganz einfach vergessen zu füttern!" Heinz schwor, er habe ge« irttert, aber das Futter müsse aus den und den Gründen den armen fischen nicht geschmeckt haben!

Das war mir denn doch zu arg! Ich machte kehrt und ließ den Bengel een mit seiner Bescherung. Zwei lange Tage wechselten wir kaum ein rt. Als er genuggezappelt" hatte, beschloß ich, ihn aus seinem mora« li'chen Dilemma zu befreien. Aus eine Art freilich, die ihn zunächst in flrachloses Staunen versetzte. Ich hatte ihm nämlich ein kleines Register -ngerichtet, ein blaues Oktavheftchen mit vprgezeichneten Linien und laten, das ihm bei Gelegenheit feierlich übergeben wurde:Das Alte füllen wir vergangen fein lassen, mein Heinzelmann! Aber siehst du, hier in dieses Büchlein wirst du von morgen ab all deine Missetaten ein- lagen; weißt du, die heimlichen, von denen man nicht spricht, die man ul' er doch gern irgendwo loswerden möchte! Du brauchst es nicht ein- ^schließen, kannst es ruhig in deinem kleinen Schreibtisch liegenlassen; ich wrspreche dir sogar, nicht hineinzugucken." Heinzelmann nahm mit ehern Seufzer das Büchlein in Empfang, schob es bedächtig von einer f'inb in die andere und meinte noch ein wenig beklommen, boa) fajon lieber mit einem leisen Anflug von Spitzbubenlaune:Hm noa) ift s g-nz leicht ... aber wenn das Ding erst mal wirklich ganz voll ist on Backe!"

Am übernächsten Tage, gegen Abend, als Heinzelmann in der Bade- ftonnc steckte, öffnete ich behutsam das Schreibfach, um herauszuschnuf-

ob das Sündenbüchlein etwa schon in Gebrauch genommen worben lC|- Und ich fand genau was ich vermutete (benn man ist doch

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