Kirchholtes legte dieses Haupt mit fast zarten Händen auf die Kiffen zurück. Er stand auf. Er schien schwermütig zu sein und fast zerstreut, als denke er an etwas ganz anderes als an das, was er soeben gehört hatte.

Dann schien er sich zu. erinnern.

Er fragte: ^ .. .

Hast du noch etwas zu sagen, Knötzmger?

Knötzinger sah mit militärischer Geradheit vor sich hm.

Ich behalte mir meine Entschlüfse und die Entschlüsse der Sekunda vor. Kirchholtes wandte sich ganz schnell, noch bevor Knötzmger sem letztes Wort gesprochen hate, an die Tertianer. .

Ich muß um Entschuldigung bitten, es ist schon halb vier! Ich habe euch eine halbe Stunde Freiheit weggenommen. Die Leitung hat erlaubt, daß ihr um drei aufsteht."

Ein Jubelruf aus fünfundzwanzig KehlenI

Das macht gar nichts, lieber Kirchholtes! Wir danken dir taufend-

Kirchholtes winkte ihnen mit der Hand zu, und alle Tertianer, in Hemden, in Pyjamas oder nackt, gaben ihm durch den Waschraum und bis zum Korridor das Geleit, wie die römischen Senatoren den pater patriae aus dem Senat zu geleiten pflegten.

Um Knötzinger, der mit starr gelbem Gesicht stockbeinig Kirchholtes folgte, kümmerte sich niemand mehr.

In zwei Minuten waren die Tertianer angezogen.

Eine halbe Stunde lang trieben sie sich vor dem Haus herum, dann gongte es zum Tee. Lärmend und triumphierend zogen sie in den Speise­saal ein. Wie hungrige Wölfe warfen sie sich auf Fräulein Dachses Pflau­menkuchen, während die strengen, mißbilligenden und säst traurigen Blicke der Untersekunda ihnen folgten.

Nach einiger Zeit stand ein Sekundaner auf und ging an den Tisch der Tertia. Bor dem Stuhl des Präfekten der Tertia blieb er in gemesse­ner Haltung stehen, wie der Botschafter einer Großmacht.

Die Tertianer schielten über den Rand ihrer irdenen Teetopfe ver­wundert und neugierig zu ihm hin, was jetzt wohl wieder kommen werde.

Der Botschafter der Untersekunda sprach:

,Da ihr durch eure Unbotmäßigkeit und durch euren fortgesetzten Aufruhr bei Tage und in der Nacht dem Schulstaat Unehre macht und ihn in einen Konflikt mit den Behörden des Landes hitteinhetzen wollt, denen wir als gute Bürger zu gehorchen haben; da ihr ferner unfern Präfekten in eurem eigenen Schlaffaal beleidigt habt und in ihm die gesamte Untersekunda, so erklärt euch meine Klasse hiermit, daß sie nichts mehr mit euch zu tun haben will. Sie ist aber bereit, wenn ihr es wünscht, in jedem Sport, zum Beispiel im Fußball-Match, gegen euch anzutreten!" , .

Sprachs und drehte sich um, ganz undiplomatisch und ohne seine Pässe zu fordern. ... t

Die Tertia begann zu brüllen und zu iahten. Sie verkündeten es mt ganzen Speisesaal bis hoch hinauf zum Lehrertisch:

Die Untersekunda hat uns den Krieg erklärt! Sie schmeißt gleich Bomben auf unsery Pflaumenkuchen ab! Sie wird uns die Teetöpfe von der Schnauze wegschießen! Sie stürmt unsere Ziegenmilch mit Gasangriff! Sie fährt mit Tanks über unfern Zucker weg! Hurra für die Sekunda und ihren Präfekten!"

VII.

Borst hatte Bauchschmerzen vor Angst. Es war vier Uhr, um sechs sollte das Schülergericht tagen. .

Die Tertianer arbeiteten an ihrem Zwinger in der Waldeslichtung. Sogleich nach dem Tee hatten sie sich zu ihrem Werke aufgemacht. Es war ihnen gleichgültig, ob es Sonntag war oder nicht. Sie arbeiteten.

Nur Borst war ausgeschlossen. Borst mochte sich Herumtreiben, wo immer er wollte. An dem gemeinsamen großen Werk hatte er so lange keinen Anteil mehr, bis das Urteil des Schülergerichtes ergangen war. Man hatte die Sache mit Borst gründlich satt. Man legte keinen Wert darauf, daß er als rafender Ajax den ganzen Zwinger mit dem Beil zerhieb. .

Man arbeitete ziemlich lautlos. Ein jeder machte sich so seine Ge­danken. Der Häuptling hatte sie im Schlafsaal herrlich vor Kirchholtes herausgehauen. Aber er konnte nicht jeden Tag solch ein« eiceronianische Rede halten. Er wäre auch viel zu faul dazu gewesen, das wußte man.

Man mochte sich durch Arbeit und anderes noch so stark betäuben, dem Leibe der Tertia war ein Arm abgehauen worden. Fast konnte man sagen, daß es der rechte Arm war, der ihr fehlte: Daniela!

M^ tief gesenktem Gesicht, die schmierigen kleinen Hände fest auf den Leib gedrückt, so schlich Borst in der Haltung eines demütigen Bcttel- mönchs durch die Wälder. Er versuchte, sich in Gedanken eine Verteidi­gungsrede auszuarbeiten. Aber er konnte gar nicht reden. Ihm fiel kein einziges Wort ein. Er war nicht der Große Kurfürst. Wie in des Him­mels Namen sollte er es begründen, daß er während der nächtlichen Schlacht eigenmächtig von der Gruppe ausgerückt war, um dem Poli­zisten ein Bein zu stellen? Er hatte noch ein dunkles Gefühl davon, daß er es aus Großmannssucht getan hatte, um die Tertia zu retten. Viele Missetäter auf Erden können sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, aus welchen Gründen sie sich eigentlich gegen die Gesetze vergangen haben, und diese wissen sich daher auch nur sehr mäßig zu verteidigen.

Es war eine seltsame Tatsache in Borsts Leben, daß all seine Wan­derungen in Der Nähe der Hexenkuppe endigten. Der Bettelmönch schien die Bergtouren zu lieben. Gern ging er den einsamen, von niemand als von Daniela beschrittenen Waldweg hinauf, und Josua mit ihm.

Borst und Josua kannten den Weg gut, allzu gut. Da war ein Eng­paß, von mächtigen Tannen bestanden, und eine Stelle des gekrümmten Weges, die kaum jemals vom letzten Regen trocknete, denn sie war gegen Norden gelegen und weder Sonne noch Wind hatten Zutritt zu ihr.

Dann aber weitete sich der immer aufsteigende Weg, es kam Niederholz, Himbeer- und Brombeersträucher, ein ganzer, fast urweltlich wilder Raum, auf dem einstmals die riesigen Bäume der Vorzeiten niedergeholzt worden waren. Borst und Josua schnüffelten im süßen Duft des zersetzten, fonnen- warmen Holzes herum. Manchmal sahen sie an verdorrtem Gesträuch verschrumpfte Hagebutten des letzten Herbstes, die den Stürmen des No­vembers, dem Schnee und dem Frost des Winters und dem Aufftieg der Frühlingsfäfte widerstanden hatten.

Doch höher hinauf ging der Weg, und auch die Beschwerden bei Bettelmönches stiegen mit dem Wege empor, vom Bauch zum Herzen. Denn der Rauch aus Danielas Zelt wurde sichtbar. Und, obwohl Borst heute von einer andern Seite herangeschlichen kam als damals, so stand er auch hier vor einer mit Tierblut bemalten Tafel:

Halt! Wer weiter geht, wird erschossen! Ich, Daniela!

Borst starrte diese Tasel, die ihm doch nichts Neues sagte, mit einem etwas blödsinnigen Lächeln an. Er knabberte an den Nägeln. Er buch­stabierte die Schrift, als ob er ein Nonaner sei, dem man zum ersten Male die Fibel vorgelegt hat. Er machte beim Studium der Schrift di« Entdeckung, daß Daniela diese Tafel wohl in hastigem Zorn geschrieben haben mochte, denn es fehlt« das r im Worte .weiter', es stand da ,weite geht'. Borst fand das sehr interessant. Er grübelte barüber nach. Er sand es geradezu bedeutsam. Genau fo, wie er in den Unterrichtsstunden zu Daniela hinschielte und sich Gedanken über ihren Daumen machte, her ihm wichtiger war als Vater und Mutter, so schielte er jetzt auf das.weite geht' hin, und er stellte sich genau die Lage der Finger vor, während dies hier geschrieben worden war. Diese elegante und kriegerische Hand war mit einem Stück zerfaserten Holzes, das sie in Rinder- oder Schweineblut getaucht hatte, über die Pappe hingeglitten, und so stark war der ver­letzte Stolz und die Empörung des schönen Menschengeschöpfes gewesen, daß es vergessen hatte, das kleine r zu malen.

Borst kauerte sich nieder. Er zog Josua zu sich heran, und seufzend spielte er mit ihm das Ohrenspiel. Es galt, das eine Ohr mit der Spitze in die Muschel des andern Ohrs zu stecken. Es war etwas Aehnliches wie gewisse Geduldspiele mit Quecksilberkugeln, die man geschenkt bekam, wenn man krank war: es gelang nie. Denn Josuas Schnauzer-Pudel-Ohren waren viel zu kurz geraten, als daß man sie ineinander stecken konnte.

Josua aber machte sich nichts aus diesem Spiel. Er riß sich los. So­gleich geriet er in einen Zustand höchst alberner Raserei. Er schien sich nicht im geringsten um die Warnungstafel zu bekümmern. Er lief weil über die Grenze des von Daniela Erlaubten hinaus, kehrte sodann im Galopp zurück, wobei er den Kops zwischen die Vorderbeine warf, stellte sich vor Borst hin, bellte ihm auffordernd zu und im Galopp warf er fick wieder weit in Danielas Gebiet zurück. Er spielte wohl den Hund von St. Bernhard, der den Mönch auf die rechte Fährte zu locken wünscht.

Borst sah ihm mit Interesse zu.

.Warum wird er eigentlich nicht erschossen?' dachte er sich.

Daniela war oben auf der Hexenkuppe, das zeigte der Rauch.

Und es schien ihm auch, als höre er ein fernes und verächtliches Ge­wittergrollen der Doggen. Aber es schwirrte kein Pfeil aus Danielas Köcher.

Schon wieder wurde Borst von einer Großmannssucht ohnegleichen ergriffen. Ganz wie in der Nacht der Farbenschlacht, so träumte er jetzt von einer Tat, die ihm die begeisterten Umarmungen der Tertia und heute noch dazu ihre Verzeihung einbringen würde. Sagte man nicht, Thenn- stokles habe, nachdem er von den Athenern ausgestoßen worden war, aus Vaterlandsliebe den Versuch gemacht, den Großkönig für sie zu gewinnen?

Hatte Borst vielleicht noch etwas zu verlieren, anderthalb Stunden vor Beginn des Schülergerichts?

Er stand auf. Er überschritt die Grenze, wie Josua es ihm gewiesen hatte. Sein Mund lächelte schmerzlich. Jeden Augenblick konnte, abschwir rend von Danielas Bogen, der furchtbare Pfeil mit der scharf zubereiteten Holzfpitze ihn verletzen. Er kannte dieses bösartige Sausen gut aus frühe­ren Tagen, als Daniela noch bei der Bande gewesen war. Es klang, als durchschneide ein giftiges Infekt die Luft.

Borst sah die Sträucher, Bäume, das Moos, die lehmige Erde, er sah das zerklüftet oder in Würfeln, Dreiecken und Rhomben aufeinander getürmt, die Welt war ein geometrisches Feld geworden, auf dem die Figuren höhnische Fratzen schnitten. Sogleich würde ein Schmerz ihn ergreifen, er stellte es sm; vor. Eine Wespe hatte ihn einmal in die Zunge gestochen. In Gedanken erhob er diesen Schmerz in die dritte Potenz: Wespenstich hoch drei! E- hatte so weh getan, daß er sich am liebsten, wie es in der Bibel stand, die Zunge aus dem Munde gerissen hätte. So stark war ihm die Zunge angeschwollen, daß sein ganzer Leib nur noch ein« schmerzende Zunge gewesen war; sein Gesicht war Zunge gewesen, sein Eingeweide, seine Füße. Der Pfeil von Daniela würde schwirren, würde er nur den Schenkel treffen, wie ein Pfeil den Schenkel des gewaltig tapferen Lüders getroffen hatte? Borst neigte mehr zu dem Glauben, daß er feinen Hais durchschneiden würde. Er hatte davon so manches in der Ilias gelesen, Trojaner und Achäer sanken mit durchbohrter Kehl« danieder. Man hotte ganz gewiß ein dickes Gefühl in der Kehle, als fei ein Bissen dort stecken- gebüeben. Ach, die armen Trojaner, die armen Achäer! Sie empfingen den Tod nicht von geliebten Händen, von Händen nicht, die einem viele Stunden lang zu grübeln gaben, was denn ihr Ausdruck eigentlia) besagen wollte! Beklagenswerter Sohn des Priamus und der du stirbst nicht von Danielas Händen! Irgendein rauher Fürst der Schitze schickt dich in die Nacht des ungewissen Styx!

Borst durchschritt ben' Weg zu Danielas eZlt mit verschmitztem Lachem, mit gekrampften Händen über dem Bauch, dennoch leuchtete die Sonn eines heiteren Todes über seiner faltigen Heinen Affenstirn.

Und so strebte er denn mit Josua, seinem Schnauzer-Pudel, dem Jeu des zürnenden Peliden zu.

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: i. <23. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange in Gießen.