Goldschwanz, in der Rinne des Gefäßes sammelt. Das Geschäft ist nicht sehr einträglich, die Leute, die unter den denkbar primitivsten Umständen in der Einsamkeit leben, verdienen damit so gerade ihren Lebensunterhalt. Die Lust am sreien und ungebundenen Leben, wohl auch die Hoffnung, doch einmal einen guten Fund zu machen, hält sie am Platze zurück.
Oer Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer.
Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.
(Fortsetzung.)
Obwohl es nun überhaupt gar keine landschaftliche Verbindung zwischen den Dörsern da drüben, Oberteusen, Niederteufen und der Scholz, mit dem ganzen übrigen Bezirk gibt, so wurde die Sperre natürlich über den ganzen Bezirk verhängt, denn es kommt ja nicht auf Logik, sondern nur auf Verwaltungseinteilungen an.
Mit der Hundesperre ist es folgendermaßen: Maulkorb und Leine. Schön.
Wie ist es aber mit der Katzensperre? Für Katzen gibt es keine Maulkörbe und Leinen. Katzen kann man nicht in den Häusern festhalten, besonders nicht im Mai und im Juni. Katzen streunen herum. Wir haben genug tollwütige Katzen gestern in der Nacht in Maineweh gesehen. Die Tollwut hatte sie derart ersaht, daß sie sich auf den Dächern herumbalgten und mit Menjchenstimmen schrien. Die tollwütigen Kater machten Jagd auf tollwütige Katzen, und sie kämpften tapfer mit andern tollwütigen Katern um den Besitz der weiblichen tollwütigen Katzen. Natürlich stecken sie die Menschen in Maineweh und Umgegend an, es ist höchste Gesahr im Anzug! Was tut man da? Das ist doch ganz einfach, nicht wahr, Knötzinger? Man läßt sie alle insgesamt, wie sie da im Bezirk vorhanden lind, totschlagen.
Und wie schlägt man Katzen tot, da man keine Mittel dafür auf- wenden will, einen Gaskasten anzuschaffen?
Das will ich dir jetzt erzählen, Kirchholtes, und dir, lieber Knötzinger.
Die Tertianer schlichen sich vor das Bett ihres Häuptlings. Wie kluge, ausmerkende Tiere kauerten sie sich dort nieder. Sie schmiegten sich in den Schatten feiner menschlichen Vernunft.
„Das Bezirksamt hat angeordnet, daß jeder, der eine Katze zum Totschlägen zur Stelle schafft, zehn Pfennige erhält. Man hat es erst einmal für Niederteufen und Umgebung angeordnet. Wißt ihr, was sich zugetragen hat? Di« liebe Schuljugend da oben hat eine herrliche Treibjagd auf Katzen veranstaltet. Wer eine Katze gefangen hat, schleift sie zur Stelle. Man nimmt sie an den Hinterläufen und schlägt sie mit dem Kopf gegen die Mauern, jo daß das Gehirn herausspritzt. Dafür bekommt man zehn Pfennige. Das ist noch beinahe menschlich. Aber zwanzigmal zehn Pfennige find zwei Mark. Und zwei Mark, dafür kann man sich in Niederteufen und Oberteufen und in der Schölz an den Sonntagen Bier und Branntwein kaufen. Also sammelt man die Katzen in Säcken ein. Dann greift man zu einem Knüppel und schlägt zur allgemeinen Belustigung auf diese Säcke ein, wie die Dienstmägde an dem Samstag bei uns, wenn sie die Treppenläufer und Matten klopfen. Aber zuweilen gelingt es den Katzen in ihrer Verzweiflung, sich durch den Rupfen der Kartoffelsäcke, zumal wenn dies« schon etwas schadhaft vom vorigen Herbst sind, einen Weg zu bahnen und zu entfliehen. Manche schleifen ihre blutigen Augen, manche ihre Eingeweide oder ihre zerbrochenen Gliedmaßen hinter sich her. Bald war das Land dort oben voll von solchen Katzen-Deserteuren, die sich nicht in den Säcken totschlagen lassen wollten, sondern es vorzogen, auf entfernten Baumkronen in menschenfernen Wäldern elend zu verrecken. Kam ein frisch-sröhlicher Zehn-Pfennig-Waidmann in ihre Nähe so schrien und bissen und fauchten sie, — natürlich! Sie waren ja tollwütig genug, die Menschen nicht mehr so zärtlich wie früher anzuschnurren, 'wenn sie zu ihnen hintraten.
Trotz der feigen Drückeberger aus den Kartoffelsäcken waren der Herr Oberamtmann Knötzinger und fein Adjutant, der Herr Bierfack, der die Angelegenheit da oben persönlich überwachte, mit dem Resultat zufrieden, besonders der Herr Biersack. Dieser nämlich hat all« Katzen im Sack gekauft, das heißt, er hatte eine Vereinbarung mit der hohen Behörde getroffen, die ihn berechtigt, das Fell der Katzen zu einem bestimmten Preise zu erwerben. Er zahlt nämlich der Behörde zwei Pfennige pro Katze. Die Unkosten der Behörde betrugen also nur acht Pfennige pro Leichnam. Da die Ergebnisse zufriedenstellend waren und es da oben bis auf die paar Deserteure, die ja auch früher ober später in ihren Waldern eingehen müssen, keine Tollwut mehr gibt, so werden diese Maßnahmen in der nächsten Woche auch in Maineweh und Umgegend, das heißt also womöglich auch bei uns, wiederholt werden. Hunde, die frei herumlaufen, auch wenn sie einen Maulkorb haben, werden von den Schießübung veranstaltenden Gendarmen erschossen. Katzen jedoch werden in Sacken in der Kiesgrube abgeliefert und dort, wie oben gezeigt, unter der Oberaufsicht des Herrn Biersack ins Jenseits befördert. Vielleicht aber läßt der Herr Oberamtmann es sich nicht nehmen, in Maineweh und hier im Schulstaat persönlich zu erscheinen, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, wie zweckmäßig seine Maßnahmen zum Schutze der Bevölkerung waren. , , ... v. ,
Nun frage ich dich, Kirchholtes, war es verbrecherisch, an die Hauswände der Stadt Maineweh, in der sich in dieser Woche der große bethlehemitische Tiermord zutragen soll, mit roter Farbe in allen Sprachen Europas anzuschreiben: ,Seid gut zu den Tieren!'"
Alle sahen Kirchholtes an, die Tertianer und ihre Tiere. In diesem Augenblick aber hatten alle Tertianer Tieraugen, und Karlemann und die Hunde Mensechnaugen. Und mit solchen Augen sahen sie aufmerksam zu dem Präsekten hin. r-jr
Der aber starrte durch das geöffnete Fenster, wo sich die Tannen des leicht ansteigenden Waldes in einem fünften Nachmittagswinde bewegten. Und auf seinen Knien ruhte wie zuvor das Haupt des Bruders, der, ganz wie die andern, mit ernsten Tieraugen zu ihm aufsah.
und so war eine Goldwäsche mit Hilfe des Wassers nur in Ausnahme- jallen anwendbar. Etwas Dynamit zum Sprengen von Quarzstücken vervollständigte die bescheidene Ausrüstung. Als unentbehrliche Kameraden aber wurden di« treuen Kamele und Dromedare mitgenommen, die oft tue Halbverschmachteten im letzten Augenblick durch ihre Ausdauer und Bedürfnislosigkeit retteten.
Hatte eine solche party, die meist aus nur zwei Leuten bestand, einen guten Fund gemacht, so suchte sie den so lange wie möglich geheim- zuhalten, damit man fich erst die „Claims“ von der Regierung sicherte. Handelte es sich um sehr wertvolle Funde, die sich über ein großes Gebiet verteilten, so war die Geheimhaltung nicht möglich. In Scharen kamen dann die Prospektoren und belegten das in der Nähe liegende Gebiet mit Beschlag.
Sofort änderte sich das Bild.
Wo bisher ein einsames Zelt neben einem Quarzgang«, an dem durch Verwitterung sich alluviales Gold angereichert hatte, die Einsamkeit unterbrach, da entstand mit erstaunlicher Schnelligkeit eine Zeltstadt, und das ganze Gebiet wurde von fleißigen, fieberhaft arbeitenden Menschen nach Gold durchwühlt. War Aussicht vorhanden, daß die Ausbeute die Menschen eine längere Zeit am Orte fesseln würde, so erschienen nicht weniger geldgierige Leute, die eine Bretterbude errichteten, einen Laden und eine Bar eröffneten und dafür sorgten, daß den Diggern, die nach dem Golde suchten, das oft leicht Erworbene auf schnellstem Wege wieder abgenom- men wurde; denn die Preise für alle Gebrauchs- und Nahrungsmittel einschließlich Wasser waren ungemein hoch.
Es dauerte nicht lange, so war eine Wellblech- und Holzbarackenstadt entstanden, in der die Regierung durch Einsetzung von Polizei und Verwaltungsbeamten so schnell wie möglich Ordnung zu schaffen suchte. Je nach der Art und Menge des Vorkommens wurde die Stadt nach einigen Monaten ober Jahren wieder verlassen, ober sie erhielt durch massive Bauten ein solideres Aussehen.
So ist eine Reihe von Städten entstanden, die teilweise noch heute bestehen, andere sind wieder verschwunden. Allenthalben kann man auf solche Wüstungen stoßen. Verlassene Häuser, halbverfallen und aus« plündert oft, nur die massigen niedrigen Pfosten, sind alles, was von dem einst wild pulsierenden Leben übrig geblieben ist. Hier und da steht auch nur noch ein steinerner Kamin einsam im Strub, und an anderen Stellen verraten nur noch die Hausen von leeren Flaschen und verrotteten Konservenbüchsen, daß einst eine voll Hoffnung aufgebaute Stadt die Einsamkeit der Wildnis unterbrochen hat.
Weit und breit ist der Boden aufgewühlt.
Die Vorkommen um die Stadt Coolgardie schienen besonders vielversprechend zu sein. Man glaubte auch, daß durch bergmännischen Betrieb eine dauernde Quelle des Wohlstandes erschlossen werden könnte. So wurde von der Regierung die Stadt besonders bevorzugt. Man machte sie zum Sitz der Verwaltung und der Bergbehörden.
Die Entwicklung des Bergbaus ging aber ander« Wege, als der Mensch gehofft hatte. Nur 40 Kilometer weiter nordöstlich wurde die Goldene Meile entdeckt, die einen ganz ungeahnten Reichtum an Gold birgt. Schnell verbreitete sich die Kunde, daß man hier in Kalgoorlie mühelos das Gold nur so aufzulesen brauche. Da gab es kein Halten mehr; in fieberhafter Hast wurde Coolgardie aufgegeben. Alles wollte so viel wie möglich von dem reichen Segen von Kargoorlie abhaben. Die Regierung versuchte alles mögliche, um Coolgardie zu halten, man wollte in die Unruhe der nach dem Glück« jagenden Bevölkerung «in stabiles Element hineinbringen. Man bevorzugte Coolgardie weiterhin, baute die Stadt aus, ließ die Regierung dort. Nichts hat geholfen. Wenn man heute nach Coolgardie kommt, kann man sich eines bedrückenden Gefühles nicht erwehren; «s ist eine Trümmerftadt. Verlassene massive Häuser, von denen nur noch die Wände stehen, findet man unweit des Bahnhofs in bester Verkehrslage. Mißmutig sieht man ab und zu einen Menschen durch die öden Straßen des sehr weitläufig gebauten Ortes gehen. Die Einwohnerschaft hat die Stadt verlassen, und di« Beamten sind fast allein übrig« geblieben. .
Dagegen blühte Kalgoorlie mächtig empor. Ja, der Andrang war so stark, daß eine zweite Stadt, Bouider, in unmittelbarer Nahe entstand. Gegenwärtig hat die Doppelstadt rund 11 000 Einwohner.
War die Umgebung von Coolgardie schon troftios zu nennen, so glaubt man in Kalgoordie geradezu in einer Wüste zu sein. Es war früher auch hier fruchtbarer Boden vorhanden, sogar ein ganz guter Beftanb von Eukalyptusbäumen. Der Bergbau hat in seinem Bedarf nach Gruben- unb Feuerholz alles vernichtet. In unbegreiflicher Kurzsichtigkeit hak man es zugelassen, daß man den Bedarf an Holz aus nächster Umgebung nahm. Eine Aufforstung des an sich ungemein durstigen Bestandes wird kaum möglich fein. . . . . „
Aber was kümmerte die Menschen die Zukunft des Landes.
Die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und die Jahre um die Jahrhundertwende bedeuten die Glanzzeit Kalgoorlies. Alles, was f r Gold zu haben war, hatte man im Ueberfkuß. Prunkvolle Feste mit Umzügen durch die Stadt wurden gefeiert, die Leute tranken den Sekt in Strömen, die Bars konnten zu keiner Stunde des Tages geschloffen werden, das leicht verdiente Geld wurde mit vollen Händen ausgegeben.
Für die dauernd wachsende Stadt wurde schließlich die Wasseroersor- gung unmöglich. Man mußte auf Abhilfe sinnen, und so kam es denn zum Ausbau der berühmten, 520 Kilometer langen Wasserleitung, die von der Darling-Kette bei Perth das Wasser nach Kalgoorlie fuhH, wo sich eine Verteilungsstation für das Gebiet des ganzen Goldfewes befindet. Freilich ist auch heute noch das Wasser etwas sehr Wertvolles aber man erhält es doch wenigstens. 1903 war dies Werk vollbracht. Die Watzernot ist behoben, aber der Goldreichtum hat nachgelasien.
Das Antlitz der Stadt trägt heute die Züge stiUer Resignation. Weiter nördlich in Peak Hill findet man nur noch wenige Digger die d,e Schutt Halden der verlassenen Bergwerke noch einmal durcharbeiten Sie zerkleinern das Gestein in einem Mörser und schwemmen dann das zer «ebene Material in einer flachen Schüssel aus, so daß sich der „taie , oer


