Einige Wochen später sah Hans mit seinen Kameraden an der Speise- täfel im Klub, als Karel de Voogd die neuerschienene Nummer der Zeitschrift „Minerva" aus seiner Jackettasche nahm. In seinem sommersprossigen Faunsgesicht funkelten die kleinen Augen von kaum unter- drückter Spottlust.
„Meine Herren", begann er feierlich, das Blatt auffchlagend, „es spielt sich in unserer unmittelbaren Umgebung ein erschütterndes Liebesdrama ab. Eine junge Dame mit dichterischen Neigungen hat eine hosfnungslose Leidenschaft für die schöne Erscheinung unseres Freundes Bijleveld gefaßt. Sie hat... „ , .
„-Vorlesen! Vorwärts, Karel!" riesen die jungen Leute durchemander, und de Voogd, toll vor Vergnügen, kletterte auf einen Stuhl und deklm mierte laut zwei Gedichte von Ella Rooze mit der Aufschrift: „Für H. B." Das erste eine wehmütige Erinnerung an ein kurzes, starkempfundenes Glück das zweite eine Klage voll brennenden Schmerzes, die Klage einer Frau, die sich, nach kurzem Wahn, in ihren Illusionen betrogen sieht.
Es gab diesen Abend noch mancherlei Rumor in Klub. Ueberall, in allen -Zimmern, las man Suze Burgers Verse an H. B., und über seine sonderbare Verbindung mit dem „Skelett" machten die phantastischsten Erzählungen die Runde.
Verspottet und verhöhnt lief Hans schließlich nach Hause und verwünschte aus dem Tiefsten seines Herzens die närrischen Gedichte des „Skelettes" und seine eigene Dummheit, die. ihr Pseudonym einem gemeinsamen Bekannten von ihm und de Voogd verraten hatte.
Australische Goldstädte.
Eintagsskädte entstehen und vergehen.
Von Professor Dr. Walter Geisler, Breslau.
In Westaustralien liegen die Goldfelder, in der viele Tausende von Menschen nach dem Edelmetall suchten, aus der aber auch viele enttäuscht und an Leib und Seele gebrochen ohne den erhofften Reichtum 8urua= kehrten, froh, das nackte Leben gerettet zu haben, während ungezahm Goldsuchcr ungenannt und unbekannt den furchtbaren Tod des Verschmachtens gefunden haben. Im letzten Jahrzehnt des 19. Iahrhundertk und im ersten des 20. Jahrhunderts find die größten Fund« in Wettaustralien gemacht worden; seitdem ist die Ausbeute immer geri"^^ geworden. Wenn man aber bedenkt, daß im ganzen für über 153 Mnlw- nen Pfund Sterling Gold gefunden worden ist, so kann man ermessen, welch unschätzbare Bedeutung die Goldfelder für den großen und dabei so dünn bevölkerten Staat gehabt haben.
Vor den Goldfunden war Westaustralien eine mit den größten Schwierigkeiten kämpfende Kolonie, die man am liebsten wieder aup gegeben hätte, jetzt gilt Westaustralien als das Land der Zukunft. Wo die Prospektoren einst in Mißachtung aller Gefahren die felsige, sonnen- druchglühte Erde durchwühlten, da findet sich jetzt blühendes Kolomau land. Der Unternehmungsgeist des Goldsuchers hat das Land erschloßen-
Als die Kunde von den Goldfunden in weitere Kreise drang, fanden sich Abenteurer, Geldgierige, gestrandete Existenzen, aber auch ernstyai Strebende, um in der glühenden Steinwüste nach dem ersehnten Meta zu suchen. Die Ausrüstung dieser Leute, die sich zu „parties“ zusamme - schlossen, war dürftig genug. Außer dem Mundvorrat, zu dem als wmb tigster Teil das Wasser gehörte, wurden Hacken und Schaufeln und o „Dryblower“ mitgenommen, d. h. eine Vorrichtung, um durch Schüttet von Sieben das leichte Muttergestein von den goldhaltigen, Wto<ixe, Stücken zu trennen. Denn bei dem furchtbaren Wassermangel kam sehr darauf an, mit diesem Element so sparsam wie möglich umzugeye ,
merkungen; das reizte ihn zu überlegtem Abwehr, und bevor er sich's versah, befand er sich mitten in einer Debatte.
Den geschmeidigen Rücken gebogen, die Arme um die herangezogenen Knie geschlungen, starrte er in die sonnige Ferne, und er merkte nicht, wie ihre Augen, mit fast andächtigem Interesse, ununterbrochen auf sein ebenmäßig schönes und gesundes Gesicht gerichtet waren. Er streckte die Hand nach dem Buch aus, das vergessen zwischen ihnen lag.
„So, so, Verse", sagte er gutmütig. ....
„Die lese ich am liebsten", sagte sie, scheu errötend, und dann nach langem Zögern: „Ich schreibe auch selbst ab und zu Verse."
„Ach wirklich?" entgegnete der junge Mann interessiert und betrachtete zum erstenmal ihr blasses, starkknochiges Gesicht, ein unschönes, alltägliches Mädchengesicht, in dem nur die Augen, dunkel umrandet, mit einer seltsamen Leidenschaftlichkeit glühten. Sein Blick glitt an ihrer kindlich schmächtigen Gestalt in dem anspruchslosen Sommerkleid herab.
„Ich schreibe schon seit ein paar Jahren Gedichte", erzählte sie nervos- hastig, „und habe sie in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht." Sie nannte die Namen bekannter Wochenschriften. Hans Bijleveld sah das unansehnliche Geschöpf neben sich mit unverhohlenem Erstaunen an.
„Unter Ihrem eigenen Namen?" fragte er.
„Nein. Unter dem Pseudonym Ella Rooze."
„Darf ich mal etwas davon le,en?"
Suze Burger unterdrückte stürmische Freude unter einem starren Nicken... ...
„Ich werde Ihnen einiges geben", versprach sie, so gleichgültig wie sie konnte.
Da sah sie, daß seine Augen auf ihre Hände mit den gelben Fingerspitzen und den schwarzgeränderten Nägeln sahen, und hastig, mit einer scheuen Bewegung, schloß sie die dünnen Finger zusammen.
„Von den Versuchen im Laboratorium werden meine Finger so schrecklich schwarz", entschuldigte sie sich mit peinlichem Erröten. es Ihnen nicht auch so?"
Er streckte die seinen, braungebrannt und weih von innen, mit gut- gepflegten weih und rosa Nägeln vor sich aus.
„Nein, eigentlich nicht", lachte er fröhlich, „aber ich bin auch lange nicht so fleißig wie Sie!"
Das Mädchen stand auf. Sie empfand plötzlich den peinlichen Unterschied zwischen der tadellosen Kleidung des Studenten und ihrem schäbigen Aenheren. Es vertrieb das frohe Glücksgefühl, das sie fortwährend, in immer stärkerem Maße, in feiner Nähe empfunden hatte.
„Wissen Sie was?", schlug er vor, als sie etwas unschlüssig einander gegenüberstanden, in einer edlen Aufwallung, dem armen Mädchen eine Freude zu machen. „Ich werde Sie auf meinem Motorrad schieben, dann sind Sie in zehn Minuten zu Hans."
Er schob sie kräftig, mit dem Druck seiner großen Hand gegen ihre Schulter, so daß sie die Wärme durch ihr dünnes Kleid spürte. Die Füße unbeweglich auf den Pedalen, die Hände steif an der Lenkstange, fühlte sie sich fortgleiten wie auf Flügeln. Der Wind pfiff ihr um die Ohren, blies ihr die Haare ins Gesicht. Sie fühlte sich willenlos, wie gebunden von ihm fortgeschleppt...
Als sie sich der Stadt näherten, verlangsamte er an einem Kreuzweg die Fahrt und stoppte.
„So", sagte er mit hübschem Lachen, „war das nun nicht herrlich?"
Sie fand keine Morte, nickte nur beglückt. Dann reichte er ihr die Hand: „Auf Wiedersehen, Fräulein Burger", und plötzlich hatte seine Stimme den Klang steifer Höflichkeit angenommen.
„Ich danke Ihnen sehr ...", erwiderte sie verwirrt, aber bevor sie weitersprechen konnte, war er mit einem kurzen Gruß förtgefahren.
Da wurde es ihr mit einem Gefühl der Bitterkeit klar: er wollte nicht mit ihr zusammen durch die Stadt fahren. Doch nichts war imstande, ihr das herrliche, sie warm durchströmende Glücksgefühl zu nehmen, und in selige Träum« versunken, radelte sie langsam nach Hause.
Am nächsten Morgen gab Suze Burger in dem Zigarrengeschäft, über dem Hans Bijleveld wohnte, ein kleines Paket ab, und am Nachmittag lehnte sich ihr junger Freund tief in feinen Klubsessel und las Suzes Sonette. Die Gedichte gaben das tiefempfundene, leidenschaftliche Verlangen eines einsamen Mädchens wieder, das vergeblich auf ihren Geliebten wartet. Es wurde Hans sonderbar zumute beim Lesen, es lag ein eigentümlicher, sinnlicher Reiz in den Versen, dem er sich nicht entziehen konnte, und es schien ihm fast unmöglich, sich das blasse, reizlose Geschöpf, das „Skelett", wie sie unter den Studenten genannt wurde, als die Verfasserin der Gedichte vorzuftellen.
Als er die Zeitschrift durchblätterte, um sich spöttisch Rechenschaft von feiner Rührung zu geben, fiel ein doppeltgefalteter Bogen heraus. Es war ein mit feiner und eckiger Handschrift geschriebenes Sonett mit der Aufschrift: Für H. B.
Die erste Zeile, die von einer starken, stützenden Hand sprach, begriff er nicht sofort, aber als er weiterlas, wurde ihm deutlich, daß Suze in dem Gedicht eine feine Schilderung ihres Genusses auf der schnellen Fahrt mit ihm gab.
Hans sprang auf. Von den vielen wunderlichen Empfindungen, die ihn durchströmten, war die stärkste eine angenehme Befriedigung seiner Eitelkeit, daneben ein tiefes Bedauern, daß grabe dieses und nicht ein anderes, reizvolleres Mädchen die Verfasserin des schönen Gedichtes sein mußte.
Tags darauf gab Hans im Laboratorium Suze die Zeitschrift zurück. Er sagte ihr ein zuvor überlegtes und herzlich gemeintes Kompliment, wobei er sich bemühte, möglichst viel Wärme in feine Stimme zu legen. Sein Lob machte sie froher, als es die günstigste Kritik hätte tun können.
Auf einer Ecke ihres Arbeitstisches sitzend, sprach er noch mit der ihm eigenen Ungezwungenheit ein paar Worte mit ihr über ihre Begegnung und die Radtour, aber das ihm gewidmete Gedicht erwähnte er mit keinem Wort.
Als er aufftanb, um fortzugehen, faßte sie sich ein Herz. „Wie fanben Sie bas geschriebene Sonett?" fragte sie unb versuchte vergeblich Festigkeit in ihre Stimme zu legen.
Hans Bijleveld wurde dunkelrot.
„Das sand ich am schönsten von allem", sagte er hastig und mit jungen. Hafter Verlegenheit, und machte bann, daß er wegkam.
lieber Suzes häßliches Gesicht glitt ein Schimmer ber Sreube, der es saft schön machte. Unb den ganzen Nachmittag gab sie sich grenzenlosen Illusionen hin, wie sie, bie Häßliche, Unansehnliche für die im täglichen Leben kein Mann Augen hatte, ihn, ben Stattlichen, durch die Macht ihres Talentes fesseln könnte.
Aber als sie des Abends auf ihrem Zimmer die Zeitschrift aus ihrer Tasche nahm, fiel das Papier mit bem geschriebenen Gedicht heraus. Mit zusammengepreßten Lippen hob sie es auf, während ein Gefühl bitterer Enttäuschung ihr Glück verdrängte, unb aus ihren großen, buntelumrän- betten Augen tropften Tränen auf bie fein«, eckige Handschrift.
Suze Burger hatte sich keine Hoffnungen gemacht, daß Hans ihr etwas über das in der „Minerva" erfchienene Gedicht sagen würde. Er ging ihr in der letzten Zeit aus dem Wege, kaum bekam sie, bei einer zufälligen Begegnung, einen kurzen, kühlen Gruß. Aber als sie ihn, am Tage nach dem Erscheinen des Heftes, auf sich zukommen sah, begann ihr Herz stürmisch zu klopfen: sollte es doch geschehen, was sie sich als unmöglich vorgestellt und dennoch in ihrem tiefsten Innern sehnlichst gehasst hatte: hatte sie ihn, durch die Macht ihrer Verse, von neuem gefesselt?
Dicht vor ihr blieb er stehen, seine Augen sahen über ihre durstige Gestalt hinweg, nach draußen.
Ich wollte Sie bitten", begann er, und feine Stimm«, durch we gewollte Ruhe, klang hart und scharf, „wenn Sie künftig wieder Gedichte veröffentlichen, meinen Namen sortzulassen."
Ein Zittern befiel ihre Knie.
Es weiß doch niemand ..." begann sie tonlos.
„Jeder weiß es", fiel er ihr heftig ins Wort, und die tiefe Furche zwischen seinen Augenbrauen verlieh seinem hübschen Gesicht einen harten Zug, „unb natürlich ist bas für mich sehr unangenehm."
„Ja ...", sagte das „Skelett" nach einer Pause, unb ein seltsames Lächeln verzog ihr blasses Gesicht, „natürlich ist *bas für 6ie ... sehr unangenehm..." t .
(Autorisierte Uebersetzung aus dem Hollanbischen.)


