SietzenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |931

Montag, -en 27. April

Nummer 35

Mondstimmung.

Von Christian Morgen st er n. lieber den weiten schweigenden Wäldern der Welt möcht' ich gleich dir, o Mond, großen Auges dahinziehn ... wenn die dämmerigen Wiesen den Geist ihrer Nebel zu dir emporwölken, und breite Gewässer, schwärzliche Eilande silbern umrinnen ...

wenn die Dörfer sich tiefer dem erdigen Boden schmiegen und die steinernen Städte mit weißeren Giebeln und Türmen lautlos

vor deinem Angesicht schlafen.

Auf die träumende Menschheit dann möchte ich gleich dir großen Auges hinabschauen und der leisen Musik ihres flutenden Blutes lauschen.

Oie Versuchung -es Pescara.

Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.

Er st es Kapitel.

In einem Saale des mailändischen Kastelles saß der junge Herzog Sforza über den Staatsrechnungen. Neben ihm hatte sich sein Kanzler gestellt und erklärte die Zahlen mit gleitendem Finger.

Eine furchtbare Ziffer!" seufzte der Herzog und entsetzte sich vor der Summe, welche die mit Eil« betriebenen Festungsarbeiten verschlungen hatten.Wie viele Schweißtropfen meiner armen, hungernden Lom­barden!" Und um den Anblick der verhängnisvollen Zahl zu entrinnen, ließ er die melancholischen Augen über die Wände laufen, die mit hell­farbigen Fresken bedeckt waren.

Links von der Tür hielt Bacchus ein Gelag mit feinem mythologischen Gesinde, und rechts war als Gegenstück die Speisung in der Wüste behan­delt von einer flotten, aber gedankenlosen, den heiligen Gegenstand bis an die Grenzen der Ausgelassenheit verweltlichenden Hand. Oben auf der Höhe, klein und kaum sichtbar, saß der göttliche Wirt, während sich im Vordergründe eine lustige Gesellschaft ausbreitete, die an Tracht und Miene nicht übel einer Mittag haltenden lombardischen Schnitterbande glich und zum Lachen all« Gebärden eines gesunden Appetites versinnlichte.

Der Blick des Herzogs und der demselben ausmerlsam folgende seines Kanzlers fielen auf ein schäkerndes Mädchen, das, einen großen Korb am Arme, wohl um die überbleibenden Brocken zu sammeln, sich von dem neben ihr gelagerten Jüngling umfangen und einen gerösteten Fisch zwischen das blendend blanke Gebiß schieben ließ.Die da wenigstens verhungert noch nicht", scherzte der Kanzler mit mutwilligen Augen.

Ein trübes Lächeln bildete und verflüchtigte sich auf dem feinen Munde des Herzogs.Warum Festungen bauen?" kam er auf den Gegenstand feiner Sorge zurück.Das ist ein schlechtes Geschäft! Pescara, der große Belagerer wird sie schnell wegnehmen und mir dann noch bie &ne95° kosten aufhalsen. Höre, Girolamo", und er richtete seinen binsensästanken Körper in die Höhe,laß mich weg aus deinen geheimen Bündnissen und Artikeln, du unermüdlicher Zeltler! Ich will nichts davon rot gen. -Du richtest mich und meine Lombarden zugrunde, du Strafe Gottes. Ich will mich nicht an dem Kaiser versündigen: er ist mein Lehensherr. Und lieber will ich mich von seinen höllischen Spaniern schinden lassen, als daß mich meine neuen Bundesgenossen voranschieben und verraten. Wie ein sich Aufgebcnder ließ er sich, die spitzen Knie vorgestreckt, in ftinen Sessel niedergleiten und rief voller Berzweislung:Ich will eine Muhme oder eine Schwester des Kaisers heiraten! Das sollst du veranstalten, wenn du der große Staatsmann bist, der zu sein du dir einbildest.

Der Kanzler brach in ein zügelloses Gelachter aus

Du hast gut lachen, Girolamo. Bon den fteilften Dächern herab­rollend, kommst du wie eine Katze immer wieder auf die Fuße zu stehen! Ich aber gehe in Stücke! Ich und mein Herzogtum verflüchtigen uns in dem Hexenkessel, der in deinem Kopfe brodelt. Miserere: eine ^cha dem Heiligen Vater, mit San Marco, mit den Lilien. 0 die böse Klimax. 0 die unheilige Dreieinigkeit! Dem Papste traut man nicht über den Weg, weder ich noch irgendeiner. Er ist ein Medici! Marcus aber me n natürlicher Feind und Nachbar, ist der ruchloseste aller Heiligem Und nun gar Frankreich, das mir den Vater in einem Kerkerloche verwesen ß

und den armen Bruder Max, den du verkauft hast, du Schlimmer, in Paris versorgt!" Die beweglichen Züge des fürstlichen Knaben entstellten sich, als sehe er den Genius seines Hauses die Fackel langsam senken und auslöschen. Eine Träne rann über seine magere Wange.

Der Kanzler streichelte sie ihm väterlich.Sei nicht unklug, Fränz- chen", tröstete er.Ich hätte den Max verraten? Keineswegs. Es war die Logik der Dinge, daß er sich gab nach der Zermalmung der Schweizer. Ich habe seine Rente mit König Franz Vereinbart und noch um ein gutes hinaufgemarktet. Er selbst sah ein, daß ich es redlich mit ihm meine, und dankte mir. Er ist ein Philosoph, sage ich dir, der die Welt von oben herunter betrachtet, und da er zu Rosse stieg, um von hinnen zu ziehen, bat er, schon im Bügel, noch Weisheit geredet. ,Jch segne den Himmel', sprach er, ,daß ich in Zukunft nichts mehr zu schassen habe mit den groben Fäusten der Schweizer, den langen Fingern des Kaisers' er meinte die hochselige Majestät, Fränzchen ,und den spanischen Meuchler­händen.' Auch hatte der Max gar nicht das Zeug, einen italienischen Fürsten darzustellen, plump und unreinlich wie er ist. Da bist du denn doch eine andere Erscheinung, Fränzchen. Du hast etwas Fürstliches, wenn du dich aufrecht hältst, und dazu die Kunst der Rede, die du von deinem unvergleichlichen Vater, dem Mohren, geerbt. Ich sage dir, du wirst mit den Jahren noch der klügste und glücklichste Fürst in Italien werden."

Der Herzog betrachtete seinen Kanzler zweifelnd.Wenn du mich nicht vorher verkaufst und mein Seibgebing in die Höhe marktest", lächelte er.

Morone, der jetzt in feinem langen schwarzen Juristenrocke vor ihm stand, entgegnete zärtlich:Mein holdseliges Fränzchen! Dir tue ich nichts zuleide. Du weißt ja, daß du mir ins Herz gewachsen bist. Du bleibst der Herzog von Mailand, jo wahr ich der Morone bin. Aber du mußt dich hübsch belehren und überzeugen lassen, was zu deinem Besten dient."

Nicht einen einzigen guten Grund hast du mir gegeben für deine neugebackene Liga! Und ich will mich einmal nicht empören gegen meinen Lehnsherrn! Das ist sündhaft und gefährlich!"

Schnellen Geistes wählte der Kanzler unter den Truggestalten und Blendwerken, über welche seine Einbildungskraft gebot, eine hinreichend wahrscheinliche und wirksame Larve, um sie seinem beweglichen Gebieter entgegenzuhalten und ihn damit heilsam zu erschrecken.

Fränzchen", sagte er,der Kaiser ist für dich eine verschlossene Pforte. Hast du ihm nicht die rührendsten Briefe geschrieben, und er hat niemals geantwortet! Es ist ein in der Ferne verschwindender Jüngling und, wie man behauptet, die geduldige Wachspuppe in den formenden Händen seiner burgundischen Höflinge. Da bist du ihm überlegen, du beurteilst die Dinge selbständig. Das Wetter aber in Madrid macht der Bourbone, der verschwenderische Konnetabel, der das Gold mit vollen Händen aus- mirft und dessen Treue außer allem Verdachte steht, da er seinen König Franz verraten hat und jetzt in Ewigkeit zum Dienste des Kaisers ver­dammt ist. Der Bourbone aber will Mailand. Dein Lehen ist ihm zugesagt. Er ist ein Gonzaga von der Mutter her und strebt nach einem italienischen Throne. Warum kann sich der Kaiser nicht entschließen, dich zu belehnen, nachdem du ihm Hunderttaufende bezahlt hast? Weil er dein Mailand dem Bourbonen zudenkt, darauf nehme ich Gift. Dieser ist seiner Sache gewiß. Unlängst, da du mich in bas kaiserliche Lager sendetest, hat er mich mit Liebkosungen fast erdrückt und mir sogar einen Beutel zugesteckt, um mich auf die günstige Stunde vorzubereiten. Denn freilich sind wir alte Bekannte von der französischen Herrschaft her."

Das war Lüge und Wahrheit: der Konnetabel hatte in einer tolle» Weinlaune einen witzigen Einfall feines Gastes fürstlich belohnt.

Und du nahmst. Ungeheuer?" entsetzte sich der Herzog.

Mit dem besten Gewissen von der Welt", erwiderte Morone leicht­fertig.Weißt du nicht, Fränzchen, was die Kasuisten lehren, daß ein Weib so viel nehmen darf, als man ihr gibt, wenn sie nur ihre Tugend behauptet? Das gilt auch für Minister und erlaubt mir, in dieser kargen Zeit unter Umständen auf mein Gehalt zu verzichten. Dafür kannst du dir zuweilen ein gutes Bild kaufen, Fränzchen. Du mußt auch deine ehrbare Ergötzung haben."

Sforza war erbleicht. Das Schreckbild des Bourbonen in feiner Burg und in feinem Reiche, welche beide dieser schon einmal vor feinem berühmten Verrat jahrelang als französischer Statthalter besessen hatte, brachte ihn um alle Besinnung.Ich habe immer geglaubt, und es verfolgt mich auf Schritt und Tritt", jammerte der Aermfte,daß der Bourbone mein Mailand haben will. Rette mich, Girolamo! Schließe die Liga! ohne Verzug! Sonst bin ich verloren." Er sprang auf und ergriff den Kanzler am Arm.

Dieser erwiderte gelassen:Ja, das geht nicht so geschwind, Fränzchen. Doch wird sich vielleicht heute noch etwas dafür tun lassen. Es trifft sich. Gestern ist die Exzellenz Nasi nicht der Horatius, sondern der schöne Lälius bei unfern Wechsler Lolli abgestiegen, und durch einen gluck- lichen Zufall auch Guicciardin hier angekommen, der trotz seiner Borsten