Ausgabe 
27.3.1931
 
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Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot.

-Srud und Verlag: Drühl'sche AniversitSts-Buch. und Steinbruckerei. R. Lange, Gießen.

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Auf einer schönen grasichten, von hohen Bäumen beschatteten Anhöhe lag em iMger Gesell von stattsjchem Ansehen, Friedrich geheißen. Die Sonne war schon herabgesunken, und rosige Flammen leuchteten auf aus dem tiefen chimmelsgrunde. Ganz deutlich konnte man in der Ferne die berühmte Reichsstadt Nürnberg sehen, die sich im Tale ausbreitete und ihre stolzen Turme kühn in das Abendrot hinaufstreckte, das sein Gold ausstromte auf ihre Spitzen. Der junge Gesell hatte den Arm ge- ' "Ä das Reisebundel, das neben ihm lag, und schaute mit sehnsuchts­vollen Blicken herab in das Tal. Dann pflückte er einige Blumen, die um 11)11 her in dem Grafe standen, und warf sie in die Lüfte dem Abendrot .u dann sah er wieder traurig vor sich hin, und heiße Tränen perlten in einen Augen. Endlich erhob er den Kopf, breitete beide Arme aus als wolle er eine geliebte Gestalt umfangen, und sang mit Heller, gar 'lieb­licher Stimme folgendes Lied:

Schau' ich dich wieder, O Heimat süß, Nicht von dir ließ Mein Herz getreu und bieder. O rosiges Rot, geh mir auf! Mag nur schauen Rosen, Blüh'nde Liebesblüt' Neig' dem Gemüt

Dich zu mit wonnigem Kosen.

Willst du springen, o schwellende Brust? Halt' dich fest in Schmerz und süßer Lust. O goldnes Abendrot!

Schöner Strahl, sei mein frommer Bot', Seufzer Tränen mußt Treulich zu ihr tragen.

Und stürb' ich nun, Mochten Röslein dich fragen. Sprich: ,Jn Lieb' verging" sein Herz.'"

. Nachdem Friedrich das Lied gesungen, zog er aus seinem Reisebündel em stucklem Wachs hervor, erwärmte es an seiner Brust und begann eine schone Rose mit hundert seinen Blättern sauber und kunstvoll aus- zutneten. Wahrend der Arbeit summte er einzelne Strophen aus dem t_ieüe vor sich hm das er gesungen, und so ganz in sich vertieft, bemerkte er nicht den hübschen ^imglmg, der schon lange hinter ihm stand und emsig seiner Arbeit zuschaute.Ei, mein Freund", sing nun der Jüng- ling an, et mein Freund, das ist ein sauberes Stück, was Ihr da

Friedrich schaute ganz erschrocken um sich, als er aber dem frem- I ten xwnghng in die dunklen freundlichen Augen sah, war es ihm als kenne er ihn schon lange; lächelnd erwiderte er:Ach, lieber Herr'wie möget Ihr nur eine Spielerei beachten, die mir zum Zeitvertreibe 'dient auf der Reise?Nun", fuhr der fremde Jüngling fort,nun, wenn x'hr so getreulich nach der Natur zart geformte Blume eine Spielerei nennt, so mußt Ihr ein gar wackrer geübter Bildner sein. Ihr ergötzt mich 'wlLftUn Nrt. Erst drang mir Euer Lied, das Ihr nach der zarten Buchstabenweis Martin Haschers so lieblich absanget, recht durch die Brust, un® M-Miltz ich Eure Kunstfertigkeit im Formen hoch bewundern. Wo ff,denn noch heute hinzuwandern?"Das Ziel", erwiderte riedrich,das Ziel meiner Reise liegt dort uns vor Augen. Ich will hin nach meiner Heimat, nach der berühmten Reichsstadt Nürnberg. Doch d « Sonne ist schon tief hmabgesunken, deshalb will ich unten im Dorfe I übernachten; morgen in aller Frühe geht's dann fort, und zu Mittag kann >ch m Nürnberg feimEi , rief der Jüngling freudig,ei, wie sich .bus l° lHon trifft! Wir haben denselben Weg, auch ich will nach Nürn­berg. Mit Euch übernachte ich auch hier im Dorfe, und dann ziehen wir "'fflicn weiter. Nun lacht uns noch eins plaudern." Der Jüngling, Rein- hold. geheißen, warf sich neben Friedrich ins Gras und fuhr dann fort- Rügt wahr, ich irre mich nicht, Ihr seid ein tüchtiger Gießkllnstler das

S c?n Art zu modellieren, ober Ihr arbeitet in Gold'und Sllvei.- Dnedrich sah ganz traurig vor sich nieder und fing dann klein- I mutig an:Ach, lieber Herr, Ihr haltet mich für etwas viel Besseres und I beres, als ich wirklich bin. Ich will es Euch nur geradehin sagen daß *

itf) die Küperprofession erlernt habe und nach Nürnberg zu einem be« kff'uten SNeister in die Arbeit gehen will. Ihr werdet mich nun woh! verachten da ich nicht herrliche Bilder zu modellieren und zu gießen Der« mag, fonbeni nur Steife um Fässer unb Kufen schlage."Ich soll Euch verachten weil Ihr em Kuper feib, unb ich - ich bin ja selbst gar nichts I "fferes ols das. Friedrich blickte ihn starr an, er wußte nicht, was er glauben sollte, denn Reinholds Aufzug paßte freilich zu nichts weniger J5JU ffoffn reifenben Kupergesellen. Das Wams von feinem schwarzen Tuch mit Samt besetzt, die zierliche Halskrause, das kurze, breite Schwert, ffffffn ffffff mit einer langen, herabhängenden Feder ließen eher auf einen iuob(beguterten Handefsmann schließen, und doch lag wieder in dem m der ganzen Gestalt des Jünglings ein wunderbares Etwas, das ff'? .hoffen an den Handelsmann nicht Raum gab. Reinhold merkte w'V ?TLe[;." r,6 sff" Reisebündel auf, holte das Küperschurzsell, sein Messerbesteck hervor und rief:Schau doch her, mein Freund, schau bod) nur ffr!-Zweifelst du noch daran, daß ich dein Kamerad bin? "3$ weiß, dir ist mein Anzug befremdlich, aber ich komme von Straß« bürg, da gehen die Küper stattlich einher wie Edelleute. Freilich hatte ich sonst, gleich dir, wohl auch Lust zu etwas anderem, aber nun geht mir das Kiiperhandwerk über alles, und ich habe manch schöne Lebenshoffnung darauf gestellt. Gehts dir nicht auch so, Kamerad? Aber beinahe scheint es mir als habe sich unversehens ein düsterer Wolkenschatten in bem heiteres Jugendleben Hineingehängt, vor dem du nicht fröhlich um dich ZU bücken vermagst. Das Lied, das du vorhin sangst, war voll Lie« bessehnsucht und Schmerz, aber es kamen Klänge darin vor, die wie aus meiner eigenen Brust hervorleuchteten, unb es ist mir, als wisse ich schon alles, was m dir verschlossen. Um so mehr magst du mir alles vertrauen, "'/sffn wir denn nicht ohnedies in Nürnberg wackere Kumpane fein unb bicben? Reinhold schlang einen Arm um den Friebrich unb sah ihm freundlich ins Auge. Darauf sprach Friedrich:Je mehr ich dich anschaue, frommer Geselle, desto starker zieht es mich zu dir hin, ich vernehme deutlich die wunderbare Stimme in meinem Innern, die wie ein treues Echo widerklingt vom Ruf des befreundeten Geistes. Ich muß dir alles sagen! Nicht, als ob ich armer Mensch dir wichtige Geheimnisse zu vertrauen hatte, aber weil nur die Brust des treuesten Freundes Raum gibt dem fremden Schmerz unb ich in den ersten Augenblicken unserer jungen Bekanntschaft dich eben für meinen treuesten Freund halte. __

Ach bin nun ein Küper worden und darf mich rühmen, mein Handwerk Zu verstehen, aber einer andern, wohl schönem Kunst war mein ganzer Sinn zugewandt von Kindheit auf. Ich wollte ein großer Meister im Budergießen unb in ber Silberarbeit werden, wie Peter Bischer ober der italienische Benvenuto Cellini. Mit glühendem Eifer arbeitete ich beim ^errn Johannes Holzschuer, dem berühmten Silberarbeiter in meiner £>etrnat, der, ohne gerade selbst Bilder zu gießen, mir doch alle Anleitung dazu zu geben wußte. In Herrn Holzschuers Haus kam nicht selten Herr Tobias Martm, der Küpermeister, mit seiner Tochter, der holdseligen Rosa. Ohne daß ich es selbst ahnte, kam ich in Siebe. Ich verließ die Heimat unb ging nach Augsburg, um die Bilbgießerei recht zu erlernen, "ber nun schlugen erst recht die hellen Liebesflammen in meinem Innern auf 3d) sah unb hörte nur Rosa; alles Streben, alles Mühen, das mich nicht zu ihrem Besitz führte, ekelte mich an. Den einzigen Weg dazu schlug ich em. Meister Martin gibt seine Tochter nur dem Küper, ber in feinem Hause das tüchtigste Meisterstück macht und übrigens der Tochter wohl ansteht. Ich warf meine Kunst beiseite und erlernte das Küperhand- werk. Ick) will hin nach Nürnberg und bei Meister Martin in Arbeit gehen Aber nun die Heimat vor mir liegt und Rosas Bild recht in lebendigem Glühen mir vor Augen steht, nun möcht' ick) vergehen in Z?geu- und Not Nun seh' id) klar das Törichte meines Beginnens, -weiß ich s beim, ob Rosa mich liebt, ob sie mich jemals lieben wird?" Neinho d hatte Friedrichs Geschichte mit steigender Aufmerksamkeit an« gehört. Jetzt stützte er den Kopf auf den Arm, und indem er die flache Hand vor die Augen hielt, fragte er dumpf und düster:Hat Rosa Euck) denn niemals Zeichen der Liebe gegeben?"Ach", erwiderte Friedrich, all), Rosa war, als ich Nürnberg verließ, mehr Kind als Jungfrau. Sie mochte nitd) zwar gern leiden, sie lächelte mid) gar holdselig an wenn 'dj in S)errn Holzschuers Garten unermüdlich mit ihr Blumen pflückte und Kranze wand, aber ..."Nun, so ist ja noch gar keine Hoffnung verloren , rief auf einmal Reinhold so heftig und mit "solch widrig gellen­der Stimme, daß Friedrich sich fast entsetzte. Dabei raffte er fick) "auf, das ^ffwert klirrte an seiner Seite, unb als er nun hock) aufgerichtet da stand fielen die tiefen Nachtschatten auf fein verblaßtes Antlitz unb verzerrten bie Milben Zuge bes Jünglings auf recht häßliche Weise, so daß Friedrick) ganz ängstlich rief:Was ist dir denn nun auf einmal geschehen?" Dabei trat er em paar Schritte zurück und stieß mit dem Fuß an Reinholds Reisebundel. Da rauschte aber ein Saitenklang auf, und Reinhold rief Zornig:Du böser Geselle, zerbrich mir nicht meine Laute!" Das In­strument war an dem Reisebündel befestigt, Reinhold schnallte cs los und griff stürmisch hinein, als wolle er alle Saiten zersprengen. Bald wurde aber das Spiel sanft und melodisch.Laß uns", sprach er ganz in bem milden Ton wie zuvor,laß uns, lieber Bruder, nun hinabgehen m das Dorf! Hier trage ich ein gutes Mittel in den Händen, die bösen Ueifter zu bannen, die uns etwa in den Weg treten und vorzüglich mir was anhaben könnten."Ei, lieber Bruder", erwiderte Friedrich,was sollten uns beim auf unferni Wege böse Geister anhaben? Aber dein Spiel ist gar lieblich, fahr' nur damit fort." Die goldenen Sterne waren hinaufgezogen an des Himmels dunklem Azur. Der Nachtwind strich im dumpfen Gesäusel über die duftenden Wiesen. Lauter murmelten die Back)e, ringsumher rauschten die büftern Bäume bes fernen Waldes. Da Zogen ijrieörid) unb Reinhold hinab, spielenb unb singend, und hell und rs.ar,.wie auf leuchtenden Schipingen wogten die süßen Töne ihrer sehn- suchtigen Lieder durch die Lüfte. Im Nachtlager angekommen, warf Rein- hold Laute und Reisebündel schnell ab unb drückte Friedrick) stürmisch an |cme -öruft, ber auf seinen Wangen bie brennenden Tränen fühlte die Reinhold vergossen. (Fortsetzung folgt.)

dem Bau eines großen Fasses gefährlich mit dem Lenkbeil, bie Wunde mürbe schlimmer und schlimmer, er verfiel in ein hitziges Fieber und gar sterben müssen in seinen blühendsten "Jahren." Darauf sd)ritt Meister Martin zu auf das trostlose Weid, die, in Tränen gebadet Hegte, daß sie nun wohl verderben werde in Not unb Elend.Was"' iprad) Martin,was denkt Ihr denn von mir? In meiner Arbeit brachte' sich Euer Mann die gefährliche Wunde bei, und id) sollte Euch verlassen in Eurer Not? Nein, ihr alle gehört fortan zu meinem Hause! Morgen, offr wenn Ihr wollt, begraben wir Euern armen Mann, unb bann Z'eht Ihr mit Euern Knaben auf meinen Meierhof vor dem Frauentor wo ich meine schöne offene Werkstatt habe unb täglich mit meinen Gesellen arbeite. Da könnt Ihr dann meiner Hauswirtschaft vorstehen, unb Eure tüchtigen Knaben will ich erziehen, als wären es meine eigenen joobne. Unb daß Jhr's nur wißt, Euern alten Baler nehme ich auch m mein Haus Das war sonst ein tüchtiger Küpergeselle, als er noch Straft in den Armen halte. Nun! wenn er auch nicht mehr Schlegel, Kimmkeule ober Banbhake regieren ober auf der Fugbank arbeiten fnnn, fo ist er doch noch wohl des Degsels mächtig oder schabt mir mit bem Krummesser die Bände aus. Genug, er soll mit Euch zusammen in meinem Hause aufgenommen sein." Hätte Meister Marlin bas Weib nicht erfaßt fie wäre ihm vor Schmerz und tiefer Rührung beinahe entseelt zu Fußen gesunken. Die ältesten Jungen hingen sich an sein Wams, unb bie betben jungften, die Rosa auf den Arm genommen, streckten bie Hünd- eßen nad) itjm aus, als hätten sie alles verstanden. Der alte Paumgartner lPr"?) lächelnd, indem ihm die hellen Tränen in den Augen standen: Meister Martin, man kann Euch nicht gram werden", und begab sich bann nach seiner Behausung.