Wenn «in Fremder durch geht, wird es etwas ruhiger und alle gucken. Einmal ein geputzter junger Herr mit verlegen wippenden Tritten; er bleibt vor einem Anschlag stehen, und ein kleiner Junge kommt aus dem „salotto di barbiere“ (Barbierstube) gestürzt, hockt sich vor ihn hin, befühlt schnell die hellen Wildlederschuhe und rennt wieder in sein Loch
Es fällt mir auf, daß die Burschen und kleinen Buben sich im Gehen oft so freundlich umarmen.
Eins zieht uns immer wieder an: ein spitzes Haus, das schmäler wird nach unten, wo ein vom Alter fast verschwundenes Heiligenfresko gemalt ist; man sieht nur noch ein bißchen Blau, aber es liegen frische Blumen davor und abends wird ihm für die Nacht ein gelbes Lämpchen angezündet. Drüber ist ein Zimmer mit kleinem Balkon, da wohnt ein alter Mann mit seinem großen weihen Bett und seinem kleinen weißen Seidenhund. Man sieht den alten Mann langsam in seinem Zimmer hin und her gehen und manchmal das schöne breite Bett noch glatter streichen. Der kleine Hund aber springt wie ein Teufelchen und leicht wie eine Feder auf den Balkon und wieder ins Zimmer, hier und dort angelockt; er interessiert sich für alles. Selten kommt auch der alte Mann heraus, aber er sieht nicht nach unten und streichelt nur den kleinen weißen Hund, der dann den Kopf zurücklegt und ganz stillhält.^
Heute am Palmsonntag ist alles noch gesteigert und von Festlichkeit überglänzt. Die Frauen tragen buntere Kopftücher und lächeln bereitwilliger. Und alle tragen Oelbaumzweige im Ann.
Wir gehen unsere Straße hinauf. Sie ist eng, dunkel beschattet. Kleine lockende Läden, auf deren Fliesenfußböden ganze Herden von Porzellanlind Steinguttöpfchen sich drängen; manche mit bunten Vögeln und Blumen darauf, andere mit dem rotgoldigen und dunkelblauen Grund einer tiefschillernden Kupferglasur. Groteske und liebliche Formen. Dazwischen der heilige Franziskus auf Kacheln, Decken, Tellern.
Aus diesem bunten Dunkel, das wie ein Plaudern ist, durch ein Tor plöglick in flimmerndes Mittagssonnenlicht auf den geschlossenen Platz der Klosterkirche. Der weite heiße Hof, ein paar Einspänner klein und müde darauf in das bißchen Schatten gerückt, an beiden Seiten niedrige Säulengänge, die fern aufeinander zulaufen, einer im Licht, einer im Dunkel. Ein Maultier darin angebunden. Als Abschluß das Kloster des heiligen Franziskus. Ein ganz kleiner Junge mit einem Gesichtsausdruck, der abwesend ist vor weißer Mittagshelligkeit, bietet mir ein Sträußchen blasser Cyclamen an. Es ist ihm gleich, ob ich sie nehme.
Wir steigen höher. Die heißen steinernen Straßen sind fast menschenleer, doch von vergangenem Erlebnis erfüllt. Manchmal Scharen von jungen Mönchen, wie Nabenschwärme. Lange Schritte, flatternde schwarze Gewänder. Ihre Nagelstiefel zwitschern auf dem Pflaster. Dann wieder Leere. In kühlen dunklen Gewölben arbeiten Kupferschmiede. Wenn die Augen sich vom Mittagslicht abgewendet und an das Dunkel gewöhnt haben, sehen sie rötlich-goldenes Gesunkel in allen Winkeln, große schöne Krüge und Becken, zwischen denen die still Arbeitenden fast verschwinden. Bor den runden Eingängen riesige schmiedeeiserne Greifen mit vielen Krallen, die oft seltsame Glockenspiele halten.
Wir klettern weiter, gehen durch Torbögen — lastende schwere und leichte doppelte, schmal und hoch, über denen Tauben und Schwalben bürgen und durch die man unten das Land sieht. fRenaiffancebrunnen, on die Häuser gelehnt, plätschern in di« Stille. Die Stadt, die zuerst uns grau erschien, gewinnt langsam eine feine Farbigkeit.
Hinter verschlossenen Fensterläden hallen Klaviere; altmodisches Spiel.
Hoch im Ort die Piazza. Da ist buntes Leben. Ein Brunnen mit spuckenden Steinlöwen unb vielen trinkenden Tauben. Bauern mitzOliven- zweigen. Die Glocken läuten den ganzen Tag; sie machen eine richtige Musik in Assisi, sind auseinander abgestimmt; Melodien in wechselndem Rhythmus. Eine lange. Schar ganz kleiner Priesterchen wird von Mönchen über den Platz geleitet, und noch kleinere folgen, zu zwei und zwei. Waisenkinder, Knaben in schwarzen Capes, Mädchen in grauen; sie werden in Kolonnen geführt, wie Taubenschwärme.
Vor den Stabtmauern glitzernde Oliven. Stechend heiße Sonne. Am kahlen graugrünen Hang des Monte Subasio Disteln, Buchsbaum, Geröll. Wir klettern ein Stück bergan, so weit es geht in der Glut. Legen uns ins Gras. Unten hinter Mauern die Stadt, zwischen zwei Bergtürmen. Ueber ihr hängt das Glockenkonzert wie eine unsichtbare Wolke, ganz tief unten die verschwimmende Ebene.
Der runde Hang des Monte Subasio, an dem wir liegen, ist steil und kahl, ohne einen Busch, ohne Halt. In düsterer Nähe lagern sich breit die massigen umbrischen Berge, braun, unter hitzeflimmerndem Himmel.
Ein Hirt zieht mit seiner Herde hinter uns bergan. Wir hörten sie nicht, aber der Hund steht plötzlich da und sieht uns mit feurigen Augen an. Es ist ein wunderbarer Hund, wie aus Andersens Märchen: „Augen wie Teetassen", herrliche weihe und braune Haare, die in der Sonne schimmern, groß und von einer Urtümlichkeit, wie ich noch keinen sah. Wir verhalten uns ganz still und rühren uns nicht, denn fein Blick ist flackernd vor Wildheit. Aber er beschließt, uns nicht zu fressen. Plötzlich kommt er ganz nah, stößt seinen Kopf an meine Schulter, wedelt kurz auf und läuft voll Würde seiner Herde nach.
Fern auf dem Berg drüben singt ein umbrischer Hirt. Seine Schafe sind klein wie Krümel.
Plötzlich wird der Himmel flockig und geht zu. Es kommt Wind.
Vollmondnacht. Das kalte grünliche Mondlicht und das warme der gelben Laternen bekämpfen sich an den Häusern. Drüber der samtblaue Nachthimmel. Brunnen plätschern aus dem Schatten, riefeln in bläulichem Silber. In den verlassenen Kupfergewölben funkelt es schwach in den Winkeln; die Krüge haben Mondstrahlen von irgendeiner Fensterscheibe gefangen.
Es wetterleuchtet.
Die Leute sieben vor ihren Häusern, still jetzt, und sehen nach den Blitzen über der Ebene. Die ferne Kuppelkirche leuchtet auf.
In der Nacht schwingt auf dem Nachbardach der Sturm die Glocke.
(Wird fortgesetzt.)
Geschichte und Gegenwart.
Von Uniöerfitätsprofeffor Hans Sieger.
Der vierte Band der Propyläen-Weltgeschichte trägt den Titel „Das Erwachen der Menschheit" und enthält unter den bisher vorliegenden vielleicht das meiste Neue und Unbekannte. Bis auf 20 000 Jahre v. Chr. kann man jetzt zurückschauen, während bisher die Geschichtsbetrachtung meist erst 5000 v. Chr. einzusetzen pflegte. Mit Erlaubnis des Propyläen-Verlags veröffentlichen wir aus dem neuen Bande diesen Aufsatz:
Die gesamte Geschichte des geschichtlichen Denkens bestätigt den innigen Zusammenhang von Geschichte und Gegenwart. Sie lehrt, daß die geschichtliche Betrachtung ihrem tiefsten Sinne nach immer Selbstverstän- bigung der Gegenwart gewesen ist, und daß nur Zeitalter, die in sich selber einen neuen Gehalt verspüren, die Geschichte neu zu sehen, neu zu deuten imstande waren. Die pragmatischen Historiker haben aus dieser sinnhaften Beziehung von Geschichte und Gegenwart oft ein grobes Prinzip der Stoffauswahl gemacht. Sie haben als Gegenstände der historischen Erkenntnis nur diejenigen gelten lassen wollen, die einen unmittelbaren Bezug auf die gegenwärtige Welt und einen offensichtlichen Nutzen für die Orientierung in ihr haben; alles übrige sollte als gelehrter Plunder in die Ecke geworfen werden. So denkt etwa Solingbrote in feinen Leiters on the study and use of history. Die wahre und lebendige Geschichte geht für ihn im Grunde nicht hinter das 16. Jahrhundert zurück. Denn hier habe das politische und soziale System, das noch jetzt Europa beherrschte, seinen Ursprung genommen; nur diese Jahrhunderte seien also für den, der lebendig in seinem Zeitalter stehe, wahrhast Geschichte. Das ist sehr kurz geschossen und heißt sowohl den Gehalt der Gegenwart wie seine wirksamen Ursprünge unterschätzen. Nur weil er das Studium der Geschichte ausschließlich in den Dienst des praktisch-politischen Handelns stellt, kommt Bolingbroke zu einer so radikalen Begrenzung des Stoffes. Aber in einem erweiterten und vertieften Sinne wirkt der Gegenwartsbezug der Geschichte in der Tat als Prinzip der Stvffauswahl — auch in denjenigen Systemen weltgeschichtlicher Vetrachtung, die willens find, die Kette der Ereignisse und ihrer Voraussetzungen wirklich bis zum Anfang zurückzuverfolgen und alles Menschliche in den Sinnzusammenhang der Geschichte aufzunehmen. Jede Analyse des Polybios, des Augustiiiiis, Herders oder Hegels zeigt, daß der Anspruch auf Universität, den sie alle erheben und in ihrer Weise erfüllen, keineswegs identisch ist mit stofflicher Vollständigkeit, sondern im Gegenteil die bestimmtesten Normen der Auswahl in sich schließt. Nur was für das Werden des Römischen Reiches, für das Werden der civitas Dei, für das Werden der Humanität und des Freiheitsbewußtseins eine wesentliche Stufe gebildet hat, nur was in einem sinnvollen Zusammenhang mit dem lebendigen Gehalt der Gegenwart steht und durch diese hindurch in die Zukunft wirksam ist, wird in die „universale" Geschichte ausgenommen. Bereits ihrem Umfang und ihrer Fülle nach steht also die Geschichte unter dem formenden Einfluß der Gegenwartsproblematik.
Allein dieser Einfluß reicht nun viel tiefer. Nicht nur was an Vergangenheit dem Sinnzusammenhang der Geschichte eingegliedert, was als unwesentlich ausgeschlossen wird, sondern auch wie dieser Sinnzusammenhang selbst gestaltet wird, ergibt sich erst vom eigenen Standort und seinen Wertentscheidungen aus. Erst dadurch, daß die eigene Gegenwart und Zukunft (sei es positiv, sei es negativ, sei es als Vollendung ober als Verfall) in ben Entwicklungsgang der Menschheitsgeschichte eingeordnet wird, gliedert und stuft sich die Vergangenheit, bekommt sie ihre Akzente und Perioden, wird sie ein einheitlicher Sinnverlauf, wird sie „Weltgeschichte". Weil für den christlichen Geschichtsphilosophen die Erlösung der Menschheit oder der Sieg der Kirche in der Welt den schlechthin gültigen Sinn seiner eigenen Existenz ausmacht, spaltet sich ihm die Vergangenheit in die Geschichte vor und nach der Erlösung; und innerhalb dieses absoluten Schemas formt sie sich zu einem dramatischen Verlauf mit klar bestimmten Einschnitten, Ruhelagen und Höhepunkten. Und erst als sich die europäische Aufklärung als Beginn einer neuen allgemeinverbindlichen Kulturidee, als Trägerin eigener Gegenwartsaufgaben und Zukunftsziele bewußt geworden war, wurde sie fähig, dem christlichen Geschichtsmythus eine eigene Geschichtsauffassung entgegenzusetzen. Auch diese Geschichtsauf- faffung mit ihren charakteristischen Antithesen von Varbarei und Zivili- sationj von Wildheit und Humanität, von dunklen und hellen Zeitaltern, mit ihrem guten Blick sür die entscheidenden Errungenschaften und Fortschritte, mit ihrem ausgeprägten Sinn für die hohen Zeitalter der Kultur bietet eine Konstruktion des universalgeschichtlichen Prozesses von denjenigen Normen aus, durch die fick) die Gegenwart gebunden fühlt. So alle Systeme der weltgeschichtlichen Betrachtung, die es überhaupt unternehmen, die Vergangenheit als Sinneinheit zu begreifen. Der Spruch der Vergangenheit ist in der Tat „immer ein Orakelspruch"; nur vom Selbstbewußtsein einer bestimmten Gegenwart aus kann er gedeutet werden. Wenn an die geschichtliche Erkenntnis, wie es um der Objektivität willen oft geschieht, die Forderung gestellt wird, sie solle auf jede Gliederung nach Wertgesichtspunkten verzichten und jede Beziehung der Vergangenheit auf gegenwärtige Entscheidungen vermeiden, so ergibt sich, falls die geschichtliche Erkenntnis sich nicht in sammelnde Materialarbeit auflöft, sondern an einem Gesamtbegriff der Weltgeschichte festhält, notwendig das Bild eines ungeheuren Schauspiels, dem der gegenwärtige Mensch als reiner Zuschauer gegenübersteht. Und an Stelle des echten historischen Bewußtseins, dem die Beschäftigung mit der Geschichte innere Notwendigkeit ist, pflegt sich dann irgendein Surrogat einzuftellen: der ästhetische Genuß am bunten Spiel des Geschehens, der bloße Poly- Historismus, die Skepsis, die aus der Mannigfaltigkeit der Bewertungen auf die Ungültigkeit der Werte schließt, ober ber resignierte Spott über die Menschheit, die zwar immer in andern, ober immer in neuen Illusionen lebt.
Ernst T r oe11sch und andere moderne Theoretiker der historischen Erkenntnis haben diesen Sachverhalt, den die Geschichte der Geschichtswissenschaft allerorten zeigt, zu einer grundsätzlichen Erkenntnistheorie der


