GiehenerKnnilieMätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1931

greitag. den 27. März

Nummer 25

klingendes.Plätschern: zehn fadendünne gedrehte Wasserstrahlen springen im Kreis aus dem Kapitell einer Säule, fallen in schlanken Bogen in die Schale und enden in ewig zitternden hellglitzernden Talern auf dem grünen Wasser. Feinste silberne Musik, einschläfernd und doch wach machend in seiner besonderen Art.

Nachtfahrt durch Kalabrien.

Das Meer wie perlgraue Seide im Abend, breit gestreift. Drüben auf Sizilien winzige golden glitzernde Lichterketten von Messina.

Scilla wie ein Märchen: Großes, ganz dunkles Kastell auf dem steilen Felsenklotz im Meer, unten im Halbrund angelehnt lichte weiße Häuser mit vielen Lampen. .

Tunnels durch die Felsen viele viele Tunnels, eine ganz Nacht Inn2ie kalabrischen Bergschluchten, in die Lichter sich nach oben ver« Heren. Hier soll es Räuber geben.

Zum letztenmal die schöne Insel Sicilia, schwarz, bergig, unter Gewitterwolken. Das Meer davor, schon fast nächtlich, einmal noch auf­leuchtend vergißmeinnichtblau.

Dann im Nachtgewitter Tunnels, schwarzes Meer, bläuliche Blitze» Donner, Donner, Regen an die Scheiben durch Kalabrien,

*

Im Wagen nur Bauern.

Alte schwarze Frauen, krause Haare, eingefallene Wangen, faltige, fast indianische Gesichter mit edlem, oft leidendem Ausdruck.

Eine junge Frau, wie eine Madonna. Psirsichfarbenes Kopftuch, goldene Ohrringe, hellblaue Augen, glattes dunkles Haar in Zöpfen um den Kopf gelegt, klare runde Stirn, bräunlich, jungfräulich. Sie hat eine blaue Samtbluse an, läßt sie von dem jungen Bauern neben sich befühlen, lächelt glücklich, voll Charme und wissender Reinheit.

Fahle Blitze die halbe Nacht.

Die Frauen steigen aus; nur Männer bleiben. Sie liegen grotesk und graziös herum und schnarchen. Trübe Lampen. Furchtbarer Schmutz. Manchmal ein schleichendes lauerndes Subjekt.

Jede Stunde der schwarze Faschist im Radmantel. Er sucht jemanben, seit der Fähre schon, sieht jedem ins Gesicht. Jetzt kiekst er nicht unfreundlich jeden der Tiefschlafenden, der die Fuße auf der Bank hat. Mich sieht er nur an, es genügt auch.

Draußen die Mondnacht von Kalabrien. Immer ganz dicht am dunklen Meer viele Stunden die zarte, voll Mondlicht gesogene Brandungswelle. Eine 'Palmen-Silhouette bewegt sich sacht. Alte Wachtturme gegen die Seeräuber. Auf dem Streischen Wiese zwischen uns und dem Meer liegen massige dunkle Tiere: schlafende Büffel. Eine runde Zisterne im ^Einmal Hochküste, hundert Meter tief, unten das Meer dunkel leuchtend. Ganz schmale kreidige Schluchten stürzen zu ihm ab. Ziegen wachen auf. Ihre langen blauschwarzen Haare glänzen im Mondjcheln. Sie fliehen hinab, und hinter ihnen rieseln die Steine

Bei Salerno opalisierender seidiger Fruhmargen. Rote Kahne aus dem schwerflüssigen, wie noch nicht aufgewachten Meer; weit draußen schwebende Segelboote. Hellblau und gold.

Assisi.

Es liegt klein und zusammengedrängt mit vielen großen Kirchen auf einem Hügel, eigentlich einem Vorsprung des hohen kahlen Monte Suoasio. Steinern, in heller Sonne, ganz ohne Grün und Baume. Aber vor der Stadtmauer glitzern graugrüne Oliven auf grasigem Hang.

Ein kleiner Junge holt uns ab. Ganz kleines altes Albergo (Hotel), Malerquartier. Eine Alte verneigt sich.

Wir wohnen unterm Dach, ganz hoch, ungesehen von unten. Vor uns höckrige qraurote Dächer auf einem ein Glockenstuhl mit nltersgruner Bronoeglocke viele nahe flitzende Schwalben, tief unten eine Ebene voll Licht; mitten darin eine Kuppelkirche wie vergessenes Spielzeug. Fern und schwebend über dem Dunst die blaugrune Gebirgskette.

Unter uns und den Schwalben eine winzige winklige Piazza (|>tag), Taq und Nacht sehr heiter und dicht belebt. Das halbrunde Mauerchen vor einem obskuren Laden ist immer besetzt. Ein S°"'8er gelber Hund liegt davor und macht mit dem Kopfe alle Erregungen des ^ages mit. Frauen mit gelben Kopftüchern,bimbi (Saug mge) an der Brust S e kommen wach, lebhaft, lachend die beiden Straßen herauf ober bte anbcrn beiben herunter, mit großen gebauchten hellrotglodenen Kupfer trügen am Brünnchen Wasser zu holen. Em .alter Lei rkasteiiniann kommt die steile Straße herauf um ihn em Truppchen Kinber und [vielt Liebliche, lustige, ganz berückende Melodien, daß wir gar nichts mehr denken. Aus allen Türen kommen noch kleine Jungen gerannt. Manchmal ein schreiendes Eselchen mit seinem Karren. Immer Radau.

Aber Assisi ist so still, bah dieser Lärm als Stille wirkt.

Oie Palmen.

Von Werner Bock.

Tagüber, wenn die Sonne spitze Strahlen schießt, Sind unsre Blätter stählern hart wie Pfeile.

Wir starren felsengleich in nackter Steile

Und warten atemlos, daß Nacht uns übergießt.

Das erste Mondlicht rinnt wie Tau zum Wurzelgrund

Und perlt als Silberblut durch unsre Stämme.

Wir rauschen plötzlich auf wie Wogenkämme, Wenn Wind vom nahen Meer uns streift mit lauem Mund.

Wie Harfen hört ihr unsre Fächer schlagen: O, daß wir Bäume sind und Früchte tragen!

Aus einem Reiselagebuch.

Bon Wera W a g e n s ch e i n.

M o n r e a l e.

Wir fahren mit einem Bähnchen ins Freie, und, eine halbe Stunde steigend, nach Monreale hinaus. An der Strecke brusthohe wilde Geranien, rosa glühend und reglos im Nachmittag. Der junge Schaffner lächelt mich immer an. Er ist braun und ernst. Ich lächele auch und M. bekommt finstere Blicke. Rechts der Berghang ist karg und grün; bis zum Grat hinauf Kakteen-Jnseln, die in der Sonne glänzen und blenden wie Wasser. Links in der Tiefe das Meer, und, wie ein weißer Teppich, die ^^Monreale"ist eine kleine alte Stadt auf der ersten Hügelterrasse des Gebirges.

Schon die kleine wunderbare Bronzetüre halt uns fest. Begebenheiten aus dem Alten Testament, gebeugte Baumindividuen, priuutw unö lebendig. Im Innern der Kathedrale werden wir von einer klaren Stille unb ergriffen: [unter 2Jto|niten von (5olb unb einem rupeuoil leuchtenden dunklen Blau, auch der alles fast magisch beherrschende riefiae Christus mit übergroßen dunklen orientalischen Augen. Durch bte farblosen Bogenfenster fallen Sonnenscheinbüschel und unterbrechen all dies herrliche Blau. Es sind Mosaikbilder aus dem Alten und Neuen Testament; hohe und helle Gestalten, alle in großer Bewegtheit und Änmut, mit hochgezogenen Knien, wie getrieben, schrelteno.

Die Schöpfungsgeschichte. Zuerst nur Meer und zwei Baume: der offene Feigenbaum und der geschloffene runde Fruchtebaum der Erkenntnw. Gott sitzt auf dem Erdball und madjt nut ©efcfjtoHenf)e11 unb1^acP,t an der fiebenringigen Sternfcheibe Sonne und Mond. Er fetzt ms Waße Fische die alle ihn anschauen, sich ihm entgegenheben, in die Luft Bogel außer der Taube noch starr - unb ein Rudel lebenslustiger Vier­füßer/auch das Einhorn ist dabei. Der Mensch empfangt feinen 2Item. Dann ruht Gott, zwisck)en feinen beiden Baumen auf der Kugel sitzend, mit gelösten Armen unb Füßen, geneigtem Koxst unb ernsten unbegreif­lichen Augen; wie in übernatürlicher Trauer unb Einsamkeit.

^Zwei ärmliche Kinber sinb durch die Bronzetur gekommen blaß braune Lumpen. Das elfjährige Mädchen hebt den kleinen Bruder vo ein Heiligenbild, beiden legen wilde Blumen hm. Ihre Gesichter, voll lichter Heiterkeit, bleiben sie lange stehen, gehen wieder, Hand m Hand, W SS*, MW. d-. Ich hmafa f.e.t.uf.n» unb eine Nacht. Um den heißen Rosengarten mehr als hunder sch anke Säulenpaare aus weißem Marmor unb buntem Mosaik, gold, bunfelblau unb bunteirot. Nur ganz selten unb dadurch besonders bezaubernd eine mit Hellem Türkisblau. Die eingelegten Zacken Streifen, Sterne sind doU Vbantasie und schöner Schlichtheit. Keine gleicht der anderen, do ) aleiäit jede im Ganzen. Jedes zweite Säulenpaar ist aus schneeweißem Marmorn vielleicht kommt daher die überraschend einheitliche, ,a ruhige qmrkana' bes Sen bei aller bunten Vielfältigkeit. An den Ecken sind MMZWWM