Ausgabe 
27.2.1931
 
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und so salbungsvoll, wie eine gelehrte Blinde, die nichts von der Welt sieht und deren einziger Genuß ist, sich selbst reden zu hören. Bon der Stadtschule her und aus dem Konfirmationsunterrichte hatte sie die Uebung ununterbrochen beibehalten, Aufsätze und geistliche Memorie­rungen und allerhand spruchweise Schemata zu schreiben, und so ver­fertigte sie zuweilen an stillen Sonntagen die wunderbarsten Aufsätze, indem sie an irgendeinen wohlklingenden Titel, den sie gehört oder ge­lesen, die sonderbarsten und unsinnigsten Sätze anreihte, ganze Bogen voll, wie sie ihrem seltsamen Gehirn entsprangen, wie z. B. über das Nutzbringende eines Krankenbettes, über den Tod, über die Heilsamkeit des Entsagens, über die Größe der sichtbaren Welt und das Geheim­nisvolle der unsichtbaren, über das Landleben und dessen Freuden, über die Natur, über die Träume, über die Liebe, einiges über das Er­lösungswerk Christi, drei Punkte über die Selbstgerechtigkeit, Gedanken über die Unsterblichkeit. Sie las ihren Freunden und Anbetern diese Arbeiten laut vor, und wem sie recht wohlwollte, dem schenkte sie einen oder zwei solcher Aufsätze, und der mußte sie in die Bibel legen, wenn er eine hatte. Diese ihre geistige Seite hatte ihr einst die tiefe und auf­richtige Neigung eines jungen Buchbindergesellen zugezogen, welcher alle Bücher las, die er einband, und ein strebsamer, gefühlvoller und un­erfahrener Mensch war. Wenn er sein Waschbündel zu Züsis Mutter brachte, dünkte er im Himmel zu sein, so wohl gefiel es ihm, solche herrliche Reden zu hören, die er sich selbst schon so oft idealistisch gedacht, abe rnicht auszustoßen getraut hatte. Schüchtern und ehrerbietig näherte er sich der abwechselnd strengen und beredten Jungfrau, und sie ge­währte ihm ihren Umgang und band ihn an sich während eines Jahres, aber nicht auszustoßen getraut hatte. Schüchtern und ehrerbietig näherte' halten, die sie mit sanfter, aber unerbittlicher Hand vorzeichnete. Denn da er neun Jahre jünger war als sie, arm wie eine Maus und unge­schickt zum Erwerb, der für einen Buchbinder in Seldwyla ohnehin nicht erheblich war, weil die Leute da nicht lasen und wenig Bücher binden ließen, so verbarg sie sich keinen Augenblick die Unmöglichkeit einer Vereinigung und suchte nur seinen Geist auf alle Weise an ihrer eigenen Entsagungsfähigkeit heranzubilden und in einer Wolke von bunt­scheckigen Phrasen einzubalsamieren. Er hörte ihr andächtig zu und wagte zuweilen selbst einen schönen Ausspruch, den sie ihm aber, kaum ge­boren, totmachte mit einem noch schöneren; dies war das geistigste und edelste ihrer Jahre, durch keinen gröberen Hauch getrübt, und der junge Mensch band ihr während desselben alle ihre Bücher neu ein, und bnuete überdies während vieler Nächte und vieler Feiertage ein kunstreiches und kostbares Denkmal feiner Verehrung. Es war ein großer chinesischer Tempel aus Papparbeit mit unzähligen Behältern und geheimen Fächern, den man in vielen Stücken auseinandernehmen konnte. Mit den feinsten farbigen und gepreßten Papieren war er beklebt und überall mit Gold- dÖrtchen geziert. Spiegelwände und Säulen wechselten ab, und hob man ein Stück ab oder öffnete ein Gelaß, so erblickte man neue Spiegel und verborgene Bilderchen, Blumenbuketts und liebende Pärchen; an den ausgeschweiften Spitzen der Dächer hingen allwärts kleine Glocklein. Auch ein Uhrgehäuse für eine Damenuhr war angebracht mit schönen Häkchen an den Säulen, um die goldene Kette daran zu hängen und an dem Gebäude hin und her zu schlängeln; aber bis jetzt hatte sich noch kein Uhrenmacher genähert, welcher eine Uhr, und kein Goldschmied, wel­cher eine Kette auf diesen Altar gelegt hätte. Eine unendliche Mühe und Kunstfertigkeit war an diesem sinnreichen Tempel verschwendet und der geometrische Plan nicht minder mühevoll, als die saubere genaue Arbeit. Als das Denkmal eines schon verlebten Jahrs fertig war, ermunterte Züs Bünzlin den guten Buchbinder, mit Bezwingung ihrer selbst, sich nun loszureißen und feinen Stab weiter zu fetzen, da ihm die Welt offen- stehe und ihm, nachdem er in ihrem Umgänge, in ihrer Schule so sehr sein Herz veredelt habe, gewiß noch das schönste Glück lachen werde, während sie ihn nie vergessen und sich der Einsamkeit ergeben wolle. Er weinte wahrhaftige Tränen, als er sich fo schicken ließ und aus dem Slädtlein zog. Sein Werk dagegen thronte seitdem auf Züsis altväterischer Kommode, von einem meergrünen Gazeschleier bedeckt, dem Staub und allen unwürdigen Blicken entzogen. Sie hielt es so heilig, daß sie es ungebraucht und neu erhielt und gar nichts in die Behältnisse steckte, auch nannte sie den Urheber desselben in der Erinnerung Emanuel, während er Veit geheißen, und sagte jedermann, nur Emanuel habe sie verstanden und ihr Wesen ersaßt. Nur ihm selber hatte sie das selten zugestanden, sondern ihn in ihrem strengen Sinne kurz gehalten und zur höheren Anspornung ihm häufig gezeigt, daß er sie am wenigsten verstehe, wenn er sich am meisten einbilde es zu tun. Dagegen spielte er ihr auch einen Streich und legte in einen doppelten Boden, auf dem innersten Grunde des Tempels, den allerschänsten Vries, von Tränen benetzt, worin er eine unsägliche Betrübnis, Liebe, Verehrung und ewige Treue aussprach, und in so hübschen und unbefangenen Worten, wie sie nur das wahre Gefühl findet, welches sich in eine Vexiergaffe verrannt hat. So schöne Dinge hatte er gar nie ausgesprochen, weit sie ihn mit trefflichen Gesprächen stundenlang bei sich fest, und Dietrich von dem verborgenen Schatze, so geschah es hier, daß das Schicksal ge­recht war und eine falsche Schone das nicht zu Gesicht bekam, was sie nicht zu sehen verdiente. Auch mar es ein Symbol, daß sie es war, welche das törichte, aber innige und aufrichtig gemeinte Wesen des Buchbinders nicht verstanden.

Schon lange hatte sie das Leben der drei Kammacher gelobt und die­selben drei gerechte und verständige Männer genannt; denn sie hatte sie wohl beobachtet. Als daher Dietrich der Schwabe begann, sich länger bei ihr aufzuhalten, wenn er fein Hemde brachte ober holte, und ihr den Hof zu machen, benahm sie sich sreundfchaftlich gegen ihn und hielt ihn mit refslichen Gesprächen stundenlang bei sich fest, und Dietrich redete ihr voll Bewunderung nach dem Munde, fo stark er konnte; und sie vermochte ein tüchtiges Lob zu ertragen, ja sie liebte den Pfeffer des­selben um so mehr, je stärker er war, und wenn man ihre Weisheit pries, hielt sie sich möglichst still, bis man das Herz geleert, worauf sie

mft erhöhter Salbung den Faden aufnahm und das Gemälde da und dort ergänzte, das man von ihr entworfen. Nicht lange war Dietrich bei Züs aus- und eingegangen, fo hatte sie ihm auch schon den Gült, brief gezeigt, und er war voll guter Dinge und tat gegen seine Ge­fährten fo heimlich, wie einer, der das Perpetuum mobile erfunden hat. Jobst und Fridolin tarnen ihm jedoch bald auf die Spur und erstaunten über feinen tiefen Geist und über feine Gewandtheit. Jobst besonders schlug sich förmlich vor den Kopf; denn schon seit Jahren ging er ja auch in das Haus und noch nie war ihm eingefallen, etwas anderes da zu suchen, als feine Wäsche; er haßte vielmehr die Leute beinahe, weil sie die einzigen waren, bei welchen er einige bare Pfennige herausklauben muhte allwöchentlich. An eine eheliche Verbindung pflegte er nie zu denken, weit er unter einer Frau nichts anderes denken konnte, als ein Wesen, das etwas vön ihm wollte, was er nicht schuldig fei, und etwas von einer selbst zu wollen, was.ihm nützlich fein konnte, fiel ihm auch nicht ein, da er nur sich selbst vertraute und seine kurzen Gedanken nicht über den nächsten und allerengften Kreis seines Geheimnisses hin­ausgingen. Aber jetzt galt es, dem Schwäbchen den Rang abzulaufen, denn dieses konnte mit den siebenhundert Gulden der Jungfer Züs schlimme Geschichten aufstellen, wenn es sie erhielt, und die siebenhundert Gulden selbst bekamen auf einmal einen verklärten Glanz und Schimmer in den Augen des Sachsen wie des Bayers. So hatte Dietrich, der er­findungsreiche, nun ein Land entdeckt, welches alfobalb Gemeingut würbe, und teilte bas herbe Schicksal aller Entbecker; denn die zwei anbern folgten sogleich seiner Fährte unb stellten sich ebenfalls bei Züs Bünzlin auf, unb diese sah sich von einem ganzen Hof verständiger unb ehrbarer Kammacher umgeben. Das gefiel ihr ausnehmend wohl; noch nie hatte sie mehrere Verehrer auf einmal besessen, weshalb es eine neue Geistes- Übung für sie ward, diese drei mit der größten Klugheit unb Unparteilich­keit zu behandeln unb im Zaume zu halten und sie fo lange mit wunder­baren Reden zur Entsagung unb Uneigennützigkeit aufzumuntern, bis ber Himmel über bas Unabänderliche etwas entschiebe. Denn da jeber von ihnen ihr insbefonbere fein Geheimnis und feinen Plan vertraut hatte, fo entschloß sie sich auf der Stelle, benjenigen zu beglücken, welcher fein Ziel erreiche und Inhaber des Geschäftes würbe. Den Schwaben, welcher es nur durch sie werben konnte, schloß sie aber baoon aus und nahm sich vor, diesen jedenfalls nicht zu heiraten; weil er aber der jüngste, klügste unb liebenswürdigste ber Gesellen war, so gab sie ihm burch manch« stille Zeichen noch am ehesten einige Hoffnung unb spornte durch die Freundlichkeit, mit welcher sie ihn besonders zu beaufsichtigen und zu regieren schien, die anderen zu größerem Eifer an, so daß dieser arme Kolumbus, der das schone Land erfunden hatte, vollständig der Narr im Spiel ward. Alle drei wetteiferten miteinander in der Ergebenheit, Bescheidenheit und Verständigkeit und in der anmutigen Kunst, sich von der gestrengen Jungfrau im Zaune halten zu lassen und sie ohne Eigen- nutz zu bewundern, und wenn die ganze Gesellschaft beieinander mar, glich sie einem seltsamen Konventikel, in welchem die sonderbarsten Reden geführt wurden. Trotz aller Frömmigkeit und Demut geschah es doch alle Augenblicke, daß einer ober der andere, vom Lobpreisen der gemein­samen Herrin plötzlich abfpringenb, sich selbst zu loben unb heraus- zustreichen versuchte und sich, sanft von ihr zurechtgewiesen, beschämt unterbrochen sah ober anhören mußte, wie sie ihm bie Tugenben ber übrigen entgegenhielt, bie er eiligst anerkannte unb bestätigte.

Aber bies war ein strenges Leben für bie armen Kammacher; so kühl sie von Gemüt waren, gab es boch, feit einmal ein Weib im Spiele, ganz ungewohnte Erregungen ber Eifersucht, ber Besorgnis, der Furcht und der Hoffnung; sie rieben sich in Arbeit und Sparsamkeit beinahe auf unb magerten sichtlich ab; sie würben schwermütig, und während sie vor den Leuten unb befonbers bei Züs sich ber srieblichsten Berebsamkeit beflissen, sprachen sie, wenn sie zusammen bei der Arbeit ober in ihrer Schlafkammer saßen, kaum ein Wort miteinanber unb legten sich seufzend in ihr gemeinschaftliches Bett, noch immer fo still unb verträglich wie drei Bleistifte. Ein unb berfelbe Traum schwebte allnächtlich über bem Kleeblatt, bis er einst so lebenbig würbe, baß Jobst an der Wand sich herumwars und den Dietrich anstieß; Dietrich fuhr zurück und stieß den Fridolin, und nun brach in den schlummertrunkenen Gesellen ein wilder Groll aus und in dem Bette der schreckdarste Kampf, indem sie während drei Minuten sich so heftig mit den Füßen stießen, traten und ausschlugen, daß alle sechs Beine sich ineinander verwickelten und ber ganze Knäuel unter furchtbarem Geschrei aus bem Bette purzelte. Sie glaubten, völlig erwachend, der Teufel wolle sie holen, ober es seien Räuber in bie Kammer gebrochen; sie sprangen schreiend auf, Jobst stellte sich auf seinen Stein, Fridolin eiligst auf seinen unb Dietrich auf denjenigen, unter welchem sich bereits auch feine kleine Ersparnis an- gesetzt hatte, unb inbem sie so in einem Dreieck standen, zitterten und mit den Armen vor sich hin in die Luft schlugen, schrien sie Zeter Mordio und riefen:Geh fort! Geh fort!" bis der erschreckte Meister in die Kammer drang unb bie tollen Gesellen beruhigte. Zitternb vor Furcht, Groll und Scham zugleich krochen sie endlich wieder ins Bett unb lagen lautlos nebeneinander bis zum Morgen. Ader der nächtliche Spuk war nur ein Vorspiel gewesen eines größeren Schreckens, der sie jetzt erwartete, als der Meister ihnen beim Frühstück eröffnete, daß er nicht mehr drei Arbeiter brauchen könne und daher zwei von ihnen wandern mühten. Sie hatten nämlich des Guten zu viel getan unb fo viel Ware zuweg gebracht, baß ein Teil baoon liegen blieb, inbes ber Meister ben vermehrten Erwerb bazu verwenbet hatte, bas Geschäft, als es auf bem Gipfelpunkt stand, um fo rascher rückwärts zu bringen, und ein solch luftiges Leben führte, daß er bald doppelt fo viel Schulden hatte, als er einnahm. Daher waren ihm die Gesellen, so fleißig und enthaltsam sie auch waren, plötzlich eine überflüssige Last. Er sagte ihnen zum Trost, daß sie ihm alle drei gleich lieb und wert wären und es ihnen überließe, unter sich auszumachen, welcher dableiben und welche wandern sollten. (Fortsetzung folgt.)

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